Tom Disch: Endzone – Letzte Gedichte

Der US-amerikanische Autor Tom Disch dürfte, obwohl in seinem Genre sehr bekannt, hierzulande fast nur ernsthaften SciFi-Fans ein Begriff sein. Für seine Romane, die er unter seinem vollen Namen Thomas M. Disch veröffentlichte, erhielt er unter anderem mehrfach den renommierten Nebula Award. Als er 2008 Suizid beging, hinterließ er aber auch eine beachtliche Gedichtsammlung. Einige davon veröffentlichte er in seinen letzten Lebensjahren auf seinem Blog endzone, der noch immer online ist.

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Seinem Selbstmord voraus gingen drei Jahre, in denen ein Schicksalsschlag auf den nächsten folgte. Nachdem sein Lebensgefährte Charles Naylor an einer Krebserkrankung gestorben war, drohte ihm der Verlust der ehemals gemeinsamen Wohnung, die auf Naylors Namen lief und auch das Landhaus des Paares wurde durch einen Wasserschaden unbewohnbar. Zudem litt Disch selbst mit Ende 60 an verschiedenen Erkrankungen, die eine gesellschaftliche Teilhabe immer schwieriger machten. Sein literarisches Schaffen war fast völlig zum Erliegen gekommen, außer ein paar eher unbedeutenden Veröffentlichungen in Kleinverlagen konnte er keine Erfolge mehr verzeichnen.

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Evan Osnos: Große Ambitionen. Chinas grenzenloser Traum

grosse_Ambitionen„Das China in dem ich mittlerweile lebte, konnte zugleich inspirieren und wahnsinnig machen, diese Heimat der mit bloßen Händen erarbeiteten Vermögen und der schwarzen Gefängnisse, der ungebremsten Neugier auf die Welt und des defensiven Stolzes hinsichtlich Chinas neuem Platz in ebendieser.“

China ist in den letzten Jahren zum Symbol für rasanten Aufstieg geworden. Die Wirtschaft des Landes explodiert, eine stetig wachsende Mittelschicht häuft Reichtum an und chinesische Investoren sind aus internationalen Großprojekten fast nicht mehr wegzudenken. Zugleich steht China aber auch für minderwertige Qualität, Fälschungen und im schlimmsten Fall gesundheitsgefährdende Produkte. Skandale wie giftige Babynahrung, Menschenrechtsverletzungen bei der Ausrichtung der Olympiade oder die völlig unzureichende Reaktion auf das Erdbeben in Sichuan gingen um die ganze Welt.

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Internationaler Literaturpreis für „Erschlagt die Armen“

Der diesjährige 8. Internationale Literaturpreis geht an Shumona Sinha und die Übersetzerin Lena Müller für Erschlagt die Armen. In der Jurybegründung heißt es, „Müller hat die raue Prosa Sinhas mit ihren ungebärdigen, die Wirkmacht der Sprache auslotenden poetischen Widerhaken kraftvoll ins Deutsche gebracht.“

Der Roman handelt von der Mitarbeiterin einer Asylbehörde in Paris. Sie ist dort als Dolmetscherin tätig und hilft bei der Vernehmung der Geflüchteten. Eines Tages verliert sie die Nerven und verletzt in der Metro einen Migranten – recht rabiat mit einer Weinflasche. Auf einmal ist sie diejenige, die verhört wird, der Roman ist ihr Monolog, in dem sie die Unerträglichkeiten der Flüchtlingspolitik darlegt.

Das französische Original ist 2011 unter dem Titel Assomons les pauvres! bei Editions de l’Olivier erschienen, die deutsche Ausgabe im letzten Jahr bei der fantastischen Edition Nautilus. Im gleichen Verlag erscheint dieses Jahr im August ein weiteres Buch von Sinha, Kalkutta, in dem sie von ihrer Geburtsstadt erzählt. Die Übersetzung stammt auch in diesem Fall von Lena Müller.

Bei Edition Nautilus gibt es für alle Interessierten eine Leseprobe und Sinha selbst kann man unter anderem beim Fest der Shortlist sehen.

Internationaler Literaturpreis – Die Shortlist 2016

Nachdem gerade erst der Man Booker International Prize verliehen wurde, gab die Jury gestern nun auch die Shortlist des Internationalen Literaturpreises bekannt. Mit diesem Preis werden seit 2009 Werke ausgezeichnet, die in deutscher Erstübersetzung  erschienen sind. Verliehen wird der Preis vom Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen. Der Jury gehören unter anderem Iris Radisch und Michael Krüger an.

Nominiert sind in diesem Jahr der Schwede Johannes Anyuru/Paul Berf mit Ein Sturm wehte vom Paradiese her, das mexikanische Buch Die Geschichte meiner Zähne von Valeria Luiselli/Dagmar Ploetz, das in Südafrika erschienene Double Negativ von Ivan Vladislavić und Thomas Brückner sowie Der Perser von Alexander Ilitschewski und Andreas Tretner. Außerdem steht Shumona Sinha mit ihrer Übersetzerin Lena Müller auf der Liste, die im letzten Jahr mit Erschlagt die Armen eigentlich schon jeden Preis mitgenommen hat. Und auch Joanna Bator/Lisa Palmes sind mit Dunkel, fast Nacht auf der Shortlist, nachdem ich letztens erst so darauf herumgetrampelt habe. Die Jury fand, dass Bator „souverän und sinnfällig viele Erzählschichten, Sprach- und Realitätsebenen“ verwebt. Ich nicht, trotzdem freue ich mich natürlich, wenn Frau Bator auf diesem Weg neue Leser findet.

Der Preis wird am 14.06. verliehen und wer am 24.06. gerade in der Gegend (also Berlin) ist, kann zum Fest der Shortlist gehen, bei dem alle AutorInnen und ÜbersetzerInnen zu Lesungen und Gesprächen eingeladen sind.

Darüber hinaus gibt es einen sehr interessanten Blog des ILP den man sich auf jeden Fall mal angucken sollte.

Man Booker International Prize für „The Vegetarian“ von Han Kang

thevegetarianHeute ist der Man Booker International Prize verliehen worden, mit dem seit diesem Jahr jährlich ein Werk ausgezeichnet wird, das in englischer Übersetzung erschienen ist. Dieses Jahr hat den Preis die Koreanerin Han Kang für ihren Roman The Vegetarian bekommen. Sie teilt sich den Preis mit Deborah Smith, die den Roman übersetzt hat. Smith hat erst vor sieben Jahren begonnen, Koreanisch zu lernen, dann aber auch gleich in Südkorea.

Der Roman handelt von der Koreanerin Yeong-hye, einer Frau, die ein friedliches Leben mit ihrem Ehemann führt, bis sie plötzlich beschließt, fortan Vegetarierin zu sein. Ihr Umfeld nimmt dies als Akt der Rebellion wahr. Yeong-hye wird immer radikaler, entfernt alles tierische aus dem Haushalt und träumt vom Leben als Pflanze. Ihre Familie steht dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber und wendet sich schließlich gegen sie.

In deutscher Übersetzung erscheint das Buch unter dem Titel Die Vegetarierin im August bei aufbau.

 

Man Booker International Prize 2016 – die Shortlist

Seit heute gibt es die Shortlist für den Man Booker Intertnational Prize, der für internationale Literatur in englischer Übersetzung verliehen wird. Preisverleihung ist am 16. Mai und diese Titel haben es aus 155 Einreichungen bis hier geschafft:

José Eduardo Agualusa (Angola)/Daniel Hahn: A General Theory of Oblivion

Elena Ferrante (Italien)/Ann Goldstein: The Story of the Lost Child

Han Kang (Südkorea)/Deborah Smith: The Vegetarian

Orhan Pamuk (Türkei)/Ekin Oklap: A Strangeness in My Mind (dt.: Diese Fremdheit in mir)

Roberth Seethaler (Österreich)/Charlotte Collins: A Whole Life (dt.: Ein ganzes Leben)

Yan Lianke (China)/Carlos Rojas: The Four Books

Man Booker International Prize – Longlist 2016

Letztes Jahr hatte ich endlich und abschließend die Regeln des Man Booker International Prize verstanden, da wurden sie geändert.

Seit diesem Jahr gilt: Der Preis wird jedes Jahr verliehen, außerdem nicht mehr für das Gesamtwerk eines Autors oder einer Autorin, sondern für einen einzelnen Roman oder eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das Werk muss in einer anderen Sprache als Englisch verfasst worden sein, aber in englischer Übersetzung in Großbritannien verlegt worden sein. Erstmal gibt es eine Longlist, die das klassische Man Booker Dozen von 13 Büchern umfasst und im April auf eine Shortlist von sechs Titeln verkürzt werden wird.

Alles klar? Hier ist die Liste inkl. ÜbersetzerInnen (Links führen zu den Autoren- bzw. Buchvorstellungen auf der Seite des Man Booker Prize):

José Eduardo Agualusa (Angola) Daniel Hahn, A General Theory of Oblivion (Harvill Secker)

Elena Ferrante (Italien) Ann Goldstein, The Story of the Lost Child (Europa Editions)

Han Kang (Südkorea) Deborah Smith, The Vegetarian (Portobello Books)

Maylis de Kerangal (Frankreich) Jessica Moore, Mend the Living (Maclehose Press); dt.: Die Lebenden reparieren, Suhrkamp

Eka Kurniawan (Indonesien) Labodalih Sembiring, Man Tiger (Verso Books); dt.: Tigermann, Ostasien Verlag

Yan Lianke (China) Carlos Rojas, The Four Books (Chatto & Windus)

Fiston Mwanza Mujila (Demokratische Republik Kongo/Österreich) Roland Glasser, Tram 83 (Jacaranda)

Raduan Nassar (Brasilien) Stefan Tobler, A Cup of Rage (Penguin Modern Classics); dt.: Ein Glas Wut, Suhrkamp

Marie NDiaye (Frankreich) Jordan Stump, Ladivine (Maclehose Press); dt.: Ladivine, Suhrkamp

Kenzaburō Ōe (Japan) Deborah Boliner Boem, Death by Water (Atlantic Books)

Aki Ollikainen (Finnland) Emily & Fleur Jeremiah, White Hunger (Peirene Press); dt.: Das Hungerjahr, Transit Verlag

Orhan Pamuk (Türkei) Ekin Oklap, A Strangeness in My Mind (Faber & Faber); dt.: Diese Fremdheit in mir, Hanser

Robert Seethaler (Österreich) Charlotte Collins, A Whole Life (Picador); dt.: Ein ganzes Leben, Hanser

Soweit mir bekannt, habe ich den Titel der deutschen Übersetzungen angegeben.

Mehr Infos wie immer auf der Seite des Man Booker International Prize 2016.