Der Wald hat Klauen – „Mama“ von Jessica Lind

Amira und Josef fahren raus aus Wien und rein in den Wald um einige Tage in einer abgelegenen Hütte zu verbringen, die schon lange Josefs Familie gehört. Er ist im nahen Dorf aufgewachsen und hat im Wald viele glückliche Tage mit seinem Vater verbracht. Amira ist angespannt. Sie versucht seit langem, schwanger zu werden und hofft, dass es bald endlich klappt. Der Zykluscomputer hat gute Chancen errechnet, doch ausgerechnet jetzt kommen Josef Zweifel, ob er wirklich Vater sein will.

Doch nicht nur das: Statt der erhofften Idylle erscheint der Wald Amira plötzlich gruselig und voller Geheimnisse. Eine herrenlose Hündin schleicht um die Hütte und am Waldrand taucht ein einsamer Wanderer auf, der zu ihr herüberstarrt. Wenn sie sich ihm nähert, verschwindet er spurlos. Und auch Josefs Tage in der Hütte waren offenbar nicht so schön, wie er immer erzählt hat. Bei einem der Ausflüge in den Wald ist sein Vater ums Leben gekommen. Oder stimmt die Geschichte gar nicht?

„Nach und nach hat dieses Wesen in ihrem Bauch ihr Leben verändert. Es breitet sich aus, lässt kaum noch Platz für Amira, die immer geglaubt hat, dass sie sich genau das wünscht.“

Jessica Lind verknüpft in ihrem Roman gekonnt verschiedene Zeit- und Bedeutungsebenen. Schon bald kann man nicht mehr darauf vertrauen, dass man Albtraum, Phantasie und Realität erkennen und unterscheiden kann. Auch Amira scheitert daran. Sie verzweifelt an ihren eigenen Zweifeln und ebenso an ihrer Rolle als Mutter, die sie sich immer erträumt hat, aber von der sie plötzlich nicht mehr weiß, ob sie sie wirklich noch will. Ob sie zu dieser Selbstaufgabe wirklich bereit ist und ob sie überhaupt notwendig ist. Hoffte sie eigentlich, im Wald zu sich und zu Klarheit, zu Ruhe zu kommen, merkt sie bald, das sie dafür am ganz falschen Ort ist. Aber wen der Wald erst einmal aufgenommen hat den lässt er so schnell nicht gehen.

Mama bewegt sich zwischen Märchen und Thriller, stellt die Realität auf den Kopf und die eigene Wahrnehmung in Frage. Zugleich befasst der Roman sich damit, was es bedeutet, unbedingt Mutter sein zu wollen und wie es ist, eine zu sein, was es mit dem Ich und dem Uns macht. Zwar sind diese Fragen in der Literatur zur Genüge behandelt worden, Lind findet dafür aber eine ganz neuen Rahmen und neuen Ausdruck. Ein vielschichtiges, mindestens doppeldeutiges, forderndes und gelungenes Debüt.


Jessica Lind: Mama. Kremayr & Scheriau 2021. 192 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 70/175 der eBook-Ausgabe.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, das mir im Rahmen von Das Debüt 2021 zur Verfügung gestellt wurde.

Ein seltener Fund – „The Mermaid and Mrs. Hancock“ von Imogen Hermes Gowar

Es ist ein ungeheurer Fund, den Kapitän Jones seinem Arbeitgeber Jonah Hancock präsentiert. Eine echte Meerjungfrau hat er von seiner letzten Reise mitgebracht! Leider war die so teuer, dass er dafür das Schiff versetzen musste, eines der besten in Hancocks Flotte. Jones ist sich allerdings sicher, dass eine echte Meerjungfrau besser ist als jedes Schiff der Welt. Doch die Kreatur, die er mit großem Gewese auspackt, ist nicht, was Hancock sich erwartet hätte. Statt einer betörenden Sirene liegt vor ihm auf dem Tisch eine groteske Kreatur, die aussieht, als hätte jemand einen Affen und einen Fisch zusammengenäht. Aber was soll er nun noch tun? Das Schiff ist nun mal weg und so entschließt er sich, mit der Meerjungfrau zumindest ein wenig Geld zu verdienen.

Zusammengebastelte „Meerjungfrauen“, die Reisende von exotischen Orten mitbrachten, waren eine Zeitlang der letzte Schrei und durften in keinem gutsortierten Kuriositätenkabinett fehlen. Das in diesem Video gezeigte Exemplar wurde auf einer Japanreise erworben und landete unter dem Namen „Fiji Mermaid“ in der berühmten Sammlung von P. T. Barnum.

Jonah Hancock ist ein gesetzter Mann. Nach dem frühen Tod seiner Frau leben nur noch seine Nicht Sukie und eine Angestellte mit ihm im Haushalt. Er betreibt Handel mit Übersee und vermietet einige bescheidene Quartiere – gerade genug für ein bequemes Leben ohne großen Trubel. Das ändert sich schlagartig, als er seine Meerjungfrau in einem Londoner Kaffeehaus ausstellt und die halbseidene Mrs. Chappell darauf aufmerksam wird. Sie ist Zuhälterin für die ganz noble Gesellschaft und immer auf der Suche nach einer Attraktion für ihre betuchte Kundschaft. Über sie lernt Hancock die Highclass-Kurtisane Angelica kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Und sie verspricht ihm sogar ihre Liebe. Unter einer kleinen Bedingung: Sie will ihre eigene Meerjungfrau haben. Ein unmögliches Unterfangen, das ist Hancock und auch Angelica klar. Dennoch startet Hancock einen neuen Versuch.

Weiterlesen