Shakespeare: The Tempest – Margaret Atwood: Hag-Seed

1611 fertiggestellt und uraufgeführt ist „Der Sturm“ das letzte Stück, das Shakespeare vor seinem Tod fertigstellte. Es wird im allgemeinen zu seinen Romanzen gezählt. Was passiert, ist das:

The Tempest

In der ersten Szene erleidet Alonso, der König von Neapel, Schiffbruch durch einen plötzlich aufziehenden Sturm. Schuld daran ist Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, der vor 12 Jahren seinerseits durch eine Intrige seines Bruders auf einem entlegenen Eiland strandete, wo er seitdem mit seiner Tochter Miranda lebt. Prospero hat den Luftgeist Ariel dazu gebracht, einen Sturm aufziehen zu lassen. Und warum? Rache. König Alonso hat nämlich Prosperos fiesen Bruder Antonio dabei unterstützt, Prospero auszuschalten und seinerseits Herzog von Mailand zu werden. Zusammen mit Miranda und Prospero lebt noch Caliban auf der Insel, der missgestaltete Sohn einer Hexe, den Prospero zu seinem Slaven gemacht hat. Prospero verfügt über magische Kräfte und kann Geister beschwören, vor allem eben den bereits erwähnten Ariel.

Mit an Bord des Schiffes war neben einer Menge Gefolge auch Alonsos Sohn Ferdinand. Der wird beim Schiffbruch vom Rest getrennt, stolpert orientierungslos über die Insel, trifft auf die schöne Miranda und macht ihr keine zehn Zeilen später einen Heiratsantrag. Auch Miranda ist hin und weg; nachdem sie ihre ersten 16 Jahre mit Vater und deformiertem Sklaven verbracht hat, erscheint Ferdinand ihr schön wie ein Engel. Allerdings wird es noch zwei Szenen dauern, bis die Verlobung wirklich stattfindet, man will ja nichts überstürzen. In dieser Szene aber, kurz vor dem Eintreffen Ferdinands, bezeichnet Prospero Caliban als „hag-seed“, falls sich jemand fragt, woher Atwood den Titel hat.

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Xiaolu Guo: Kleines Wörterbuch für Liebende

Als Zhuang in London den Flieger verlässt, könnte der Kulturschock größer kaum sein. Sie ist die Tochter chinesischer Bauern, die nach jahrelanger harter Arbeit eine Schuhfabrik eröffnen konnten. Ihre Tochter soll bessere Chancen haben als sie und so schicken sie Zhuang nach England, wo sie ein Jahr lang einen Sprachkurs besuchen soll. China hat sie bis dahin nie verlassen, englische Sprachkenntnisse hat sie fast gar nicht. Mühsam tastet sie sich heran, liest sich durch ihr Wörterbuch, schreibt Wort für Wort in ihr Notizbuch, das sie am Ende des Jahres gefüllt haben will.

„Ich bin erbärmliche Mensch, spreche erbärmliche Englisch und komme aus erbärmliche kleine Stadt in Südchina. Wir kennen dort nicht edel.“

Sie traut sich kaum, das Hostel zu verlassen, hadert mit dem ungemütlichen Wetter und findet das Essen, vor allem das Frühstück, im Grunde ungenießbar. Rettung findet sie in Kinos, wo sie die unterrichtsfreie Zeit in Doppelvorstellungen von Hollywood-Klassikern totschlägt. Dort lernt sie eines Tages einen Mann kennen, der ihr schön und interessant erscheint. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, sie missversteht und glaubt, es sei für immer.

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Steven Pinker: The Language Instinct

Jeder Mensch wird mit einem Sprachinstinkt geboren. Das ist die grundlegende These, die Pinker in diesem Buch ausarbeitet. Wie genau der Spracherwerb dann ausfällt, ist abhängig vom (sprachlichen) Umfeld und den individuellen Voraussetzungen, grundsätzlich ist aber alles möglich. Damit ist er sehr nahe an Chomskys Universalgrammatik, auf die er auch mehrfach Bezug nimmt.

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Für den Spracherwerb bei Kindern gibt es eine „kritische Phase“, in der sich diese Fähigkeit rasant entwickelt, ohne dass eine explizite Unterweisung nötig wäre. Wird diese Phase aber versäumt, ist es enorm schwierig bis unmöglich, noch eine Sprache zu erlernen, was mehrfach bei „Bärenkindern“ zu beobachten war, die angeblich ohne jeden menschlichen Kontakt in der Wildnis aufgewachsen sind. Auch wird es mit zunehmendem Alter immer schwerer, eine weitere Sprache zu erlernen. Pinker begründet dies damit, dass die komplexe und energieaufwändige Fähigkeit des Spracherwerbs an einem bestimmten Lebenspunkt (ca. frühe Pubertät) als überflüssig eingestuft und eingestellt wird. Deshalb ist es für Menschen, die nach diesem Zeitpunkt eine weitere Sprache erlernen, fast unmöglich, diese akzent- und fehlerfrei zu sprechen.

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#einwortgibt Möglichkeiten

Unter dem Hashtag #einwortgibt organisiert das Literaturfest München gerade eine Blogparade zur Sprache und ihren Möglichkeiten bzw. Grenzen. Dazu halte ich auf Anfrage (und auch ungefragt) einen bunten Strauß von Kurzreferaten bereit, möchte mich an dieser Stelle aber auf den literarischen Bezug konzentrieren.

Viele Menschen haben die ständige Sorge, dass die deutsche Sprache verfällt, verfälscht wird, missachtet wird, verfremdet. Das ist seit mindestens 300 Jahren so und die deutsche Sprache macht noch immer einen recht stabilen Eindruck. Sprache ist vielleicht das demokratischste, was die Welt zu bieten hat. Alle können sie nutzen und alle können sie verändern und theoretisch sind dem keine Grenzen gesetzt. Grundsätzlich kann jeder jederzeit Teil jeder Sprechergemeinschaft werden und dann auch Sachen verändern, zumindest für sich. Es ist mir absolut unverständlich wie man das nicht großartig finden kann. Sprache verfällt nicht, sie verändert sich. Sie wird verändert von denen, die sie sprechen, sie wird nicht gemacht, sie entsteht immer wieder neu. Wenn sie das nicht mehr kann, wenn die Welt eine Sprache überholt, dann ist sie hinüber und verloren. Überleben kann sie nur durch ständige Innovation.

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Diana Marossek: Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?

bahnhofauto„Lan, wie geht’s? Lass mal Späti treffen!“

Gemäß des Untertitels untersucht Diana Marossek in diesem Buch „Warum wir reden, wie wir neuerdings reden“. Über dieses Thema hat sie 2013 an der TU Berlin promoviert, damals noch mit dem Titel „Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto?“ Wie aus einem sozialen Stil Berliner Umgangssprache wird: Eine Studie zur Ist-Situation an Berliner Schulen 2009 – 2010.

Sie untersucht darin einen Soziolekt, den sie als „Kurzdeutsch“ bezeichnet, da eines der hervorstechenden Merkmale ist, dass die Sprechenden Kontraktionen wie ins, am, beim vermeiden. Aus Ich gehe ins Schwimmbad wird also Ich geh Schwimmbad. Diesen Soziolekt untersucht sie, da es sich vor allem um ein jugendsprachliches Phänomen handelt, an Schulen in verschiedenen Berliner Bezirken und stellt ihre Ergebnisse in diesem Buch vor. Kurzdeutsch zeichnet sich aber Marossek zufolge nicht nur durch das Auslassen von Kontraktionen aus, sondern auch durch das Auslassen von bestimmten Artikeln bzw. das Ersetzen dieser durch den „Kurzartikel“ d‘. Darüber hinaus findet sie in dieser Varietät aber auch rituelle Beschimpfungen, die keinesfalls der Beleidigung dienen, sondern vielmehr dem Ausdruck von Zugehörigkeit und Respekt, eine besondere, „harte“ Attitüde und eine Satzmelodie die vom Standarddeutschen abweichen kann. Und gerade weil das Kurzdeutsche all diese Aspekte umfasst, finde ich den Begriff auch schwierig, da er zu wenig greift – dieser Soziolekt umfasst eben eine Menge mehr Phänomene als nur eine Verkürzung an bestimmten Stellen. Aber immerhin nennt sie es Kurzdeutsch, am Beginn des Buchs erzählt sie, dass sie eigentlich über „Türkendeutsch“ schreiben wollte.

Überhaupt wird für ein Sachbuch ganz schön viel erzählt. Die Autorin berichtet von einem Dialog, den sie in einer Bibliothek gehört hat, nicht aber ohne vorher zu beschreiben, wie Raum (Spanplatte mit Birkenfurnier) und Bibliothekarin (Petra) aussehen. Wir lernen auch, dass sie in dieser Bibliothek war, weil sie nach dem Genuss von 1,5 Liter Apfelschorle eine Toilette brauchte. Auf ihrem Balkon pflanzt sie Kohlrabi und Geranien, Kaffee trinken geht sie mit Sarah. Diese Ausführlichkeit habe ich mir an anderen Stellen sehnlichst gewünscht – beispielsweise auf der leeren Seite, an deren Stelle ich ein Literaturverzeichnis erwartet hätte, das fällt nämlich gleich komplett weg. Einige Phänomene werden nur so knapp erläutert, dass sie für LeserInnen ohne Vorkenntnisse meiner Einschätzung nach verwirrend sein dürften. Auch wird nicht die Signifikanz aller angeführten Beispiele deutlich, da sie jeweils nur mit einigen Sätzen erklärt werden. Insgesamt wird das Konzept Kurzdeutsch nicht als schlüssiges Gesamtbild dargestellt, die einzelnen Aspekte bleiben zusammenhanglos und teils unklar, da oft definitive Angaben fehlen. Eine Angabe wie „eine überschaubare Zahl von Sprechern“ ist eben sehr schwammig und macht es unmöglich, sich ein detailliertes Bild des Untersuchungsgegenstands zu machen. Zumindest eine begründete Schätzung wäre da hilfreich, ideal wäre natürlich eine valide Zählung.

Das Thema Sprachwandel finde ich hochinteressant und ich freue mich über jedes Buch, das zwischen dem ganzen Sick’schen Kulturpessimismus positiv zu dem Thema steht. Leider ist dieses hier sehr oberflächlich und einige Erklärungen so vereinfacht, dass sie an falsch grenzen. Allen, die sich für das Thema interessieren, sei Heike Wieses Kiezdeutsch, erschienen 2012 bei C.H. Beck ans Herz gelegt, das eine ausführliche und nachvollziehbar erläuterte Studie zu einem etwas anders definierten Soziolekt vorlegt.

Zudem findet sich auf der Website der Autorin kurzdeutsch.de ein Link zu Marosseks Doktorarbeit sowie eine Leseprobe.


Diana Marossek: Kommst du Bahnhof oder hast du Auto? Warum wir reden, wie wir neuerdings reden. Hanser Berlin 2016. 157 Seiten, € 15,90.

Das Zitat stammt von S. 103

Victor Klemperer: LTI

ltiIn diesem Buch mit dem Untertitel „Notizbuch eines Philologen“ analysiert Victor Klemperer die Lingua Tertii Imperii, die Sprache des Dritten Reichs, kurz LTI. Es umfasst insbesondere die Aufzeichnungen, die er während der Zeit des Zweiten Weltkriegs fesgehalten hat, ergänzt durch spätere Betrachtungen und Recherchen, die während dieser Zeit nicht möglich waren.

Klemperer war ein Romanist jüdischer Abstammung, der bis 1935 schwerpunktmäßig französische Literatur an der TH Dresden lehrte. Nach Entzug seiner Lehrstelle forschte er privat weiter, bis ihm als Jude der Zugang zu Bibliotheken verboten wurde. Seine Zeit widmete er von nun an der Erforschung der besonderen Sprache des Dritten Reichs. Er nahm an, dass einzelne Reden oder Schriften die Menschen weit weniger beeinflussten als die ständige Wiederholung: „Verstärkung erzielt sie [die LTI] nur durch Wiederholen, durch Einhämmern des immer Gleichen“ (Klemperer 2007, 353). Belege fand er in Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Publikationen, Radiosendungen und alltäglichen Gesprächen.

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David Crystal: Das kleine Buch der Sprache

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David Crystal ist ein englischer Linguist, den ich sehr mag. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, als es dieses Jahr mal wieder eine deutsche Übersetzung gab, Das kleine Buch der Sprache. Wie alle Crystal-Texte ist auch dieses Buch sachlich sehr fundiert und noch dazu sehr unterhaltsam. Das Problem des Buchs ist, dass es eigentlich ein Jugendbuch ist – das sagt einem nur niemand. Auf der englischen Ausgabe findet man in der dritten Rezension hinten auf dem Klappentext den Nebensatz „may be for children“, in der deutschen Ausgabe fehlt dieser Hinweis komplett. Ich habe mich die erste Hälfte lang gefragt, ob mir die Infos alle so wahnsinnig banal vorkommen, weil ich das alles schon weiß oder ob der Stil wirklich sehr, sehr leicht gehalten ist. Soll das hier das Niveau sein, auf dem die interessierte Öffentlichkeit über Phoneme unterrichtet wird? Richtig stutzig wurde ich, als mir erklärt wurde, was ein Pseudonym ist und wie man es ausspricht (syoo-duh-nim; ich hab das Buch auf Englisch gelesen). Und der Groschen fiel endgültig, als mir gesagt wurde, ich solle mal auf dem Schulhof auf dieses oder jenes achten – ich lese hier gerade ein Jugendbuch!

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Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache

spiegeldersprache

Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht, so der Untertitel und die Fragestellung des Buchs. Diese Frage ist in der Linguistik durchgekaut worden ohne Ende – bis vor gar nicht sehr langer Zeit war die Antwort „weil diese primitiven Buschidioten weder richtig reden noch denken können. Aber auf Ziegen aufpassen – das können sie!“ Seitdem hat sich glücklicherweise einiges getan und die gängige Ansicht ist, dass in jeder beliebigen Sprache jeder beliebig komplexe Gedanke möglich ist. Ob und wie die Sprache trotzdem unser Denken und unsere Sicht auf die Welt beeinflusst, untersucht Deutscher und untermauert das ganze mit jeder Menge Fakten. Außer den reinen Daten, die eine Armada von Anthropologen mühsam zusammengekramt hat, gibt es aber auch eine Menge Fun Facts.

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