Das Abenteuer der relativen Freiheit – Esi Edugyans „Washington Black“

1818 wird auf einer Zuckerrohrplantage in Barbados der junge Sklave George Washington Black geboren. Er weiß, dass er von seinem Leben nicht viel zu erwarten hat. Doch überraschend wird er von Titch, dem Bruder seines Besitzers ausgeliehen, der an einem fantastischen „Wolkenkutter“ arbeitet, einem Luftschiff, für dessen Fertigstellung er Hilfe benötigt. In dem jungen Washington entdeckt er ungeahnte Talente und macht ihn schließlich zu seinem Assistenten. Für Washington bedeutet das einen ungeheuren Aufstieg. Er wohnt nicht mehr in den menschenunwürdigen Baracken bei den übrigen Sklaven, sondern schläft im eigenen Bett, trägt englische Kleidung und lernt Lesen und Schreiben. Aber er traut sich nie, sich auf seinen neugewonnenen Privilegien auszuruhen. Ihm ist völlig klar, dass der Absturz jede Sekunde kommen kann, denn so viele Freiheiten er in seiner neuen Position auch haben mag, wirklich frei kann er nie sein.

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So unwahrscheinlich der Erfolg auch scheinen mag, brechen Titch und Washington doch eines Tages im Wolkenkutter auf, landen an einer fremden Küste und Washington hält es das erste mal in seinem Leben für möglich, dass er nie wieder Zuckerrohr schneiden muss. Die Hoffnung auf eine Heimat allerdings ist damit für immer verloren. Sein ganzes Leben lang wird Washington nicht nur aufgrund seiner Hautfarbe und seines sozialen Status das Gefühl haben, nicht dazuzugehören.

Die Geschichte von Washington Black ist zu Beginn ein klassischer Abenteuerroman. Der junge Held wird in die Welt hinausgetragen und muss beweisen, dass er sich nicht nur alleine durchschlagen kann, sondern auch, dass er dabei stets seine Standards hält und seinem Herzen folgt. Dafür ist das Glück auf seiner Seite. Der glückliche Zufall trägt Washington immer genau dahin, wo er gerade sein muss: nach London, nach Amsterdam, nach Marrakesch. Zufällig trifft er auf die richtigen Menschen, findet Hilfe, stößt auf die entscheidenden Hinweise – an etlichen Stellen wird das doch arg überstrapaziert. Vor allem gegen Ende scheint das Glück ihm dann doch ein bisschen sehr hold zu sein.

„Er behandelte mich nie schlecht, tat mir mit alldem aber auch keinen Gefallen, denn ich würde eines Tages auf die Zuckerrohrfelder und zu all ihrer Grausamkeit zurückkehren müssen.“

Der interessante Unterbau der Geschichte ist natürlich Washingtons Status als Sklave bzw. als ausgegrenzter freier Mann in einer Gesellschaft, die ihn nicht teilhaben lassen will. Neben seiner Hautfarbe kommt erschwerend hinzu, dass sein Gesicht von einer Brandwunde stark vernarbt ist. Er selbst bezeichnet sich als entstellt, sieht sein Gesicht als entsetzliche Fratze. Sein Anblick erschreckt die Menschen, die nicht darauf vorbereitet sind und wo immer ihm unverhofft eine Tür geöffnet wird, schreckt sein Gegenüber erst einmal zurück. Für Washington bedeutet das natürlich enorme Einschränkungen. Begegnungen und Freundschaften auf Augenhöhe kennt er kaum. Selbst Titch, mit dem er lange Zeit lebt und durch die Welt zieht, kann niemals ein echter Freund sein, denn zu allererst ist er der Bruder des Masters und kann über ihn bestimmen. Für Titch ist das kaum verständlich. Er sieht einen Freund in Washington und ist blind für das enorme Machtgefälle, das der Sklave niemals vergessen darf.

Esi Edugyan hat bis zur Hälfte einen spannenden Abenteuerroman geschrieben, dann häufen sich leider die glücklichen Fügungen in einem manchmal nicht mehr glaubhaften Maß. Auch die bereits erwähnte Frage der Sklaverei ist mit Sicherheit eine interessante, vor allem die Frage, wie frei die Menschen wirklich wurden, als man ihnen die offensichtlichen Ketten endlich abnahm und die Sklaverei verbot. Allerdings gerät die Diskussion dieser Frage oft recht plakativ. Wo eine These auch nur im geringsten unklar sein könnte, schreitet nochmal jemand erklärend ein. In der deutschen Variante kommt hinzu, dass die Übersetzung den ein oder anderen Schnitzer hat, das allerdings in einem sehr überschaubaren Ausmaß. Washington Black ist ein unterhaltsamer Roman, der seinen Anfang in einer ausgefallenen und gut erzählten Geschichte findet. Leider wird er danach hin und wieder etwas seicht und verliert mitunter seine Glaubwürdigkeit. Dadurch baut der Roman in der zweiten Hälfte und besonders im letzten Drittel dann doch stark ab.


Esi Edugyan: Washington Black. Aus dem kanadischen Englisch übersetzt von Anabelle Assaf. Eichborn 2019. 508 Seiten. Originalausgabe unter gleichem Titel 2018 bei Harper Collins.

Das Zitat stammt von S. 61.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Besitzen und besessen werden – „Property“ von Valerie Martin

Manon Gaudet, Pflanzerstochter aus New Orleans, ist jung, schön und günstig verheiratet. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist die großzügig angelegte Plantage des Ehepaars Gaudet heillos überschuldet und das Verhältnis zwischen den beiden so kühl, dass Manon niemals den Namen ihres Mannes erwähnt, sondern ihn immer nur „my husband“ nennt. Dass der Sohn von Sklavin Sarah ihm wahnsinnig ähnlich sieht, ist auch nicht gerade hilfreich für das eheliche Verhältnis. So ist die Ausgangssituation, auf die Valerie Martin ihren Roman über Besitz und Abhängigkeit aufbaut.

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Das offensichtlich brutalste Besitzverhältnis in Property ist die Sklaverei. Für Manon, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist es völlig normal, von gekauften Dienstboten umgeben zu sein. Auch ihr Vater hatte selbstverständlich Sklav_innen und verstand sie nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als eine Art soziales Experiment. Immer wieder dachte er sich neue Methoden aus, wie er sie motivieren und disziplinieren konnte, um dann tief enttäuscht zu sein, wenn seine Untergebenen nicht so reagierten, wie er sich wünschte. Dennoch veröffentlichte er verschiedene Schriften über seine sehr ernsthaften Versuche. Manons Mann hingegen ergötzt sich an sadistischen Spielen mit den Sklaven und lässt kaum eine Nacht verstreichen, in der er nicht Sarah in sein Schlafzimmer zitiert. Manon stört das sehr, vor allem aber, weil Sarah eigentlich ihr gehört, immerhin war sie ein Hochzeitsgeschenk ihrer Tante.

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Lafcadio Hearn: Youma

youma„Die da gehört bereits der Vergangenheit an. Ihr besonderer Schlag war ein Produkt der Sklaverei, größtenteils durch Selektion erzeugt: die einzige Schöpfung der Sklaverei, deren Verlust man vielleicht bedauern könnte“

Irgendwann während meines Studiums habe ich ein Seminar zu Kolonialliteratur gemacht, ich glaube, es war Indien. Seitdem lese ich manisch alles, was irgendwas mit Kolonien zu tun. Ich kann nicht mal sagen warum, aber wenn ich einen Roman finde, der irgendwas mit Kolonien zu tun hat, werde ich ihn früher oder später lesen. Also auch Youma.

Der Roman spielt Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Karibikinsel Martinique. Youma, Tochter einer Sklavin, wächst als Ziehtochter einer weißen Kreolin auf. Ihr fehlt es an nichts, sie wird reich mit Kleidern und Schmuck beschenkt, und Aimée, die Tochter des Hauses, ist ihr wie eine Schwester. Allerdings wird Youma, trotz aller Privilegien, jede Bildung verweigert, da man fürchtet, das könne sie unzufrieden mit ihrer gesellschaftlichen Position machen. Als Aimée das elterliche Haus verlässt, heiratet und Tochter Mayotte auf die Welt bringt, bleiben die beiden unzertrennlich. Aimée erkrankt kurz darauf tödlich und Youma verspricht, immer an Mayottes Seite zu bleiben und wird, wie auch ihre eigene Mutter, eine da, eine Amme, zu der viele Kinder in der kreolischen Gesellschaft ein so enges Verhältnis haben, dass sie ihr näher sind als der eigenen Mutter.

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