Die Jungfrau aus den Bergen – „Herida Duro“ von Michael Roes

Herida Duro wird im frühen 20. Jahrhundert in einem winzigen Dorf in den albanischen Bergen geboren. Ihre Mutter stirbt jung und ohne einen Sohn auf die Welt gebracht zu haben. Für ihre Familie gibt es nur eine Lösung: Herida muss ein Junge werden, denn als Frau darf sie nichts. Nichts erben, kein Land kaufen, nicht im Dorfrat sprechen. So will es der Kanun, das überlieferte Gewohnheitsrecht. Und so legt sie den Eid ab, als „Schwurjungfrau“ zu leben, als vergjinesha. Von da an heißt Herida Marijan, trägt Männerbekleidung, geht auf die Jagd, und erlangt eine Freiheit, die als Frau nie möglich gewesen wäre. Sexuellen Kontakten allerdings entsagt sie damit für immer. Als Marijan doch schwanger wird, der Eid gebrochen ist, ist ein Weiterleben im Dorf unmöglich.

„Die Frau, so heißt es im Kanun, ist nur ein Schlauch, in dem Besitz gelagert wird. Sie ist dazu bestimmt, die Kinder ihres Mannes zu tragen. Dem Blut nach aber gehört sie ihrem Vater und ihren Brüdern an.“

Zusammen mit dem besten Jugendfreund Gijon verschlägt es Marijan in die Hauptstadt Tirana, wo beide einen wenig erbaulichen Job im Schlachthaus finden und sich eine winzige, schäbige Wohnung teilen. Für Marijan ergibt sich nach einiger Zeit aber immerhin die Möglichkeit, einen lange gehegten Traum zu verwirklichen. Er kann als Beleuchter in den nach der Revolution neu gegründeten Kinostudios arbeiten. Schon bald macht er sich einen Namen als begnadeter Lichtkünstler und Kameramann, was ihm internationale Anerkennung verschafft und schließlich sogar die Möglichkeit zur Flucht aus dem verhassten Vaterland bietet.

Herida/Marijan wechselt den kompletten Roman hindurch Name, Titel und Pronomen. Menschen sprechen sie oder ihn als Signora oder Marijan an, glauben es mit einer Frau oder einem Mann zu tun zu haben und werden niemals korrigiert. Für Herida spielt es keine Rolle, denn der eigentliche Status der „geschworenen Jungfrau“ ist mit der Revolution ohnehin untergegangen. Und nachdem weder „Mann“ noch „Frau“ zutreffend zu sein scheinen, spielt es einfach keine große Rolle mehr. Geehrt und gewürdigt wird Herida allerdings immer als Frau, auch wenn sie als Kameramann arbeitet.

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Henning Ahres: Lauf Jäger lauf

Zorrow reist mit dem Zug nach Nillberg, als er beim Blick aus dem Fenster einen Fuchs sieht. Einem Impuls folgend, stoppt er den Zug per Notbremse und rennt, sein Gepäck zurücklassend, dem Tier hinterher. Schnell verliert er sich in der eintönigen Landschaft und sein Plan, die Reise nur kurz zu unterbrechen, wird von einer Gruppe Widergänger vereitelt, die ihn gefangen nehmen und in das von ihnen bewohnte Gutshaus schleppen. Die Widergänger, von Zorrow einmal auch Wiedergänger genannt, verstecken sich hier vor ihrem Erzfeind Erk, der Flügel hat und mit Feuer schießen kann. Sie sind sich sicher, dass dieses Wesen sie töten will und vermuten in Zorrow einen Spitzel.

„Ein Trottel. Den Zug zu stoppen, um einem Fuchs hinterherzulaufen. Was führt er im Schilde?“

Gerettet wird er durch die Intervention des Malers, der Anführer der Gruppe ist. Er ist auch der einzige, der den mysteriösen Nebel in der Nähe des Hauses betreten kann und darf. Dafür, dass der Maler auf seiner Seite steht, muss Zorrow ihm in geborgten Frauenkleidern sexuell zu Diensten sein, was ihm sehr unangenehm ist, vor allem da häufig ein Revolver Anwendung findet und er schließlich einen Schneidezahn verliert. Die Existenz von Nillberg bestreiten die Widergänger vehement und das Ticket, das mal ein Beweis für Zorrows Vorhaben war, ist verbrannt. Vermutlich wäre es aber ohnehin nicht von Nutzen, denn Schriftstücke haben in diesem Roman die unangenehme Angewohnheit, sich unerklärlich zu verändern. Und nicht nur Schriftstücke können das. Sein Ziel, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, hat Zorrow aber jedenfalls umsetzen können.

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Ali Smith: The Accidental

Die Familie Smart macht Urlaub in Norfolk. Die Gegend ist langweilig, das Haus abgewohnt, aber es wurde mit einem Gartenhaus beworben, in dem Mutter Eve in Ruhe an einem ihrer historischen Bücher schreiben will. Leider ist das Gartenhaus nur ein Schuppen mit Fenstern, und das ist nur die erste Enttäuschung. Tochter Astrid steckt tief in der Pubertät und ihr Bruder Magnus in einer Depression, weil er sich als verantwortlich für den Selbstmord einer Mitschülerin sieht. Vater Michael langweilt sich zu Tode und sehnt sich nach seiner aktuellen Affäre, die er nur manchmal in London besuchen kann.

Auf einmal steht Amber vor der Tür. Sie entschuldigt sich für die Verspätung, ihr Wagen habe eine Panne gehabt. Michael nimmt an, Amber wolle Eve besuchen, möglicherweise ein Interview über ihre Bücher führen. Eve nimmt an, Amber sei eine der Studentinnen, mit denen ihr Mann permanent schläft. Dreist, sie ins familiäre Feriendomizil einzuladen, aber auch nicht sehr überraschend. Niemand spricht darüber, niemand weiß, wer Amber ist. Sie bleibt.

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