Sue Black: Alles, was bleibt

Sue Blacks Arbeit dürfte auf viele Menschen erstmal abschreckend und verstörend wirken: sie ist forensische Anthropologin. Wenn irgendwo eine nicht identifizierbare Leiche gefunden wird, ist es ihre Aufgabe, herauszufinden, wie dieser Mensch einmal hieß, wo er gelebt hat und ob es vielleicht noch eine Familie gibt, die in Ungewissheit lebt und der es helfen kann, die vermisste Person wenigstens ordentlich zu beerdigen.

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Black arbeitet dabei nicht nur in ihrer Heimat, dem schottischen Dundee, sondern gehört auch einem internationalen Team an, das gerufen wird, wenn es irgendwo auf der Welt eine Menge Leichen zu identifizieren gilt. So war sie beispielsweise nach dem Kosovokrieg damit betraut, Menschen zu identifizieren, die in Massengräbern verscharrt wurden. Als ein Tsunami die Asiens traf und mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen, tat ihr Team das möglichste, die Toten sicher zu identifizieren. Die Hinweise, welche die Toten dabei geben, sind sehr spannend und den meisten sicher unbekannt. Klar, Knochenlängen sagen etwas über die Größe des Menschen, Verknöcherungsgrade etwas über das Alter aus. Aber wer weiß denn schon, dass man irgendwo im Kopf eine winzige Höhle namens otische Kapsel hat, die sich beim ungeborenen Kind entwickelt, sich danach nie wieder verändert und für immer Rückschlüsse darauf zulässt, welcher Umgebung die schwangere Mutter zum Zeitpunkt des fraglichen Entwicklungsstadiums ausgesetzt war?

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Essen aus Büchern: Bannocks aus T.C. Boyles „Wassermusik“

Heute gibt es Brot aus einem Buch, nämlich Bannocks. Mir war diese Brotsorte bisher völlig unbekannt, unter Outdoor-Enthusiasten scheint sie aber extrem beliebt zu sein – ich finde es ja Outdoor, wenn ich draußen lese. Sofort bin ich in einen regelrechten Glaubenskrieg zwischen nur Mehl und Wasser, unbedingt Hefe und auf jeden Fall Backpulver geraten. Was alle Varianten gemeinsam haben: Bannocks sind fladenförmige Brote, die in einer Pfanne gebraten werden. Ob mit oder ohne Fett kann man diskutieren, wenn man sich über die Zutaten einig geworden ist.

Mit diesen Fragen hält T.C. Boyle sich nicht auf. Bannocks backen ist die Aufgabe von Ailie, der Verlobten des Entdeckers Mungo Park in Wassermusik. Sie macht sie jeden Morgen für das Frühstück ihres Vaters und seines Assistenten Georgie Gleg. Letzteren soll Ailie nach dem Willen ihres Vaters heiraten, denn an eine Rückkehr Mungos glaubt langsam keiner mehr und Ailies Freundinnen sind schon fast alle unter der Haube. Bei einer dieser Hochzeiten leistete ihr Vater sich folgenden denkwürdigen Auftrit:

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T. C. Boyle: Wassermusik

Wassermusik„Ich höre es in meinen Träumen. Ich höre es am Morgen, wenn ich erwache und die Vögel in den Bäumen singen. Es ist ein Wispern, ein Klingeln, es ist der Klang von Musik. Und weißt Du, was es ist? Es ist der Niger.“

Wassermusik war vor mehr als 30 Jahren Boyles erster Roman und begründete seinen bis heute andauernden Erfolg. Er erzählt darin in sich abwechselnden Episoden vom Leben zweier Männer, von Mungo Park, einem Afrikaforscher, der tatsächlich gelebt hat und von Ned Rise, der frei erfunden ist. Die beiden wachsen unter sehr verschiedenen Bedingungen auf.

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Ali Smith: Im Hotel

imhotel„& weil ich immer auswendig wissen & niemals vergessen werde wie es klang wenn du im dunkeln geatmet hast“

Ali Smith habe ich erst letztes Jahr mit How to be Both kennengelernt und fand sie großartig. Im Hotel spielt 1999 in einem Luxushotel in einer nicht näher benannten schottischen Stadt, in dem vor einiger Zeit ein junges Zimmermädchen tragisch verunglückt ist. Um einen Kollegen zu beeindrucken, wollte sie beweisen, dass sie sich in den Speiseaufzug quetschen kann, doch dessen Seile konnten ihr Gewicht nicht halten und sie stürzte in den Tod. Ihren Geist, der versucht, die letzten Tage im Leben der nicht mehr existenten Sara Wilby zu rekonstruieren, lernt man im ersten Kapitel kennen.

Weiter geht es mit der Obdachlosen Else, die vor dem Hotel bettelt. Sie ist schwer krank, wenn sie sich bewegen muss, um an das hingeworfene Kleingeld zu kommen, schmerzt ihr ganzer Körper. Mit ihrem mitleiderregenden Auftritt erregt sie das Interesse der Hotelangestellten Lise, die ihren Husten bis zur Rezeption hört. Der Rezeption, an der vor einigen Stunden die junge Journalistin Penny eingecheckt hat, die große Stücke auf sich und ihre Abenteuerlust hält. Nur um etwas zu erleben, wird sie am Ende Clare helfen, die ins Hotel gekommen ist, um den Ort zu sehen, an dem ihre Schwester gestorben ist.

Um diese fünf Frauen und ihre Berührungspunkte dreht sich das Buch. Wie auch bei How to be Both geht es dabei weniger um die unmittelbaren Ereignisse die, bis auf Saras Tod, recht unspektakulär sind. Das Besondere an diesem Buch ist die Art des Erzählens. Der Stil der Erzählung wechselt mit jeder Frau – das oben angegebene Zitat stammt aus Clares Kapitel, in dem sie in einer Art innerem Monolog über ihre Schwestern nachdenkt und sich teilweise direkt an sie wendet. Tod, Trauer und der Umgang damit sind ein wichtiges Thema in diesem Buch. Aber auch soziale Gefälle, die sich in einem Luxushotel zwangsläufig ergeben, werden thematisiert, sowie die Wahrnehmung von Menschen durch andere – Penny erkennt Else erst nicht als Obdachlose sondern glaubt, da sie sich in einem Hotel kennenlernen, einen alternden Rockstar mit ausgefallenem Stil vor sich zu haben.

Aufgrund des Klappentexts hatte ich eher eine Hotelgeschichte wie in Pension Grillparzer oder Hotel Alpha erwartet. Das liefert Ali Smith nicht, dafür aber einen sehr atmosphärischen Roman, der ohne große Worte und ohne jeden Pathos viel sagt. Vor allem der Umgang mit dem schwierigen Thema der Trauer und deren Bewältigung ist beeindruckend. Uneingeschränkte Empfehlung!


Ali Smith: Im Hotel. Übersetzt von Silvia Morawetz. btb 2015. 251 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe Luchterhand 2007. Originalausgabe: Hotel World. Hamish Hamilton 2001.

Das Zitat stammt von S. 236 der deutschen Taschenbuch-Ausgabe.

Brian Conaghan: Jetzt spricht Dylan Mint und Mr Dog hält die Klappe

mrdogbitesDylan ist sechzehn Jahre alt, lebt allein mit seiner Mutter und besucht die Drumhill-Förderschule. Sein Vater ist bei der Armee und nur über Briefe erreichbar, auf die er aber nie antwortet. Natürlich nicht, denkt Dylan, er muss ja kämpfen und hat keine Zeit für Briefe in die Heimat. Dylan hat Tourette. Wenn er angespannt ist, überfordert ist, sich in die Enge getrieben fühlt, flucht er, bellt und heult er. Für sein Tourette hat er einen eigenen Namen: Mr Dog. Und den muss er unter Kontrolle halten, soweit es eben geht. Am besten geht das mit Denksportaufgaben: Welche Fußballmannschaft hat den kürzesten Namen? Und welche den längsten? Welche Mannschaften haben die Buchstaben F-O-T-B-A-L nicht in ihrem Namen?  Bis dahin erinnert das alles ziemlich an Supergute Tage.

Bei einer Routinekontrolle im Krankenhaus schnappt Dylan auf, „dass sich im März alles ändern wird“ und seine Mutter ihn „behutsam darauf vorbereiten muss“. Er hat nur noch bis März zu leben, schließt Dylan aus den kryptischen Andeutungen der Erwachsenen und macht eine Liste der Dinge, die er unbedingt noch erledigen muss, bevor es soweit ist:

  1. mit einem Mädchen, am besten Michelle Malloy, schlafen
  2. einen neuen besten Freund für seinen besten Freund Amir finden
  3. seinen Vater aus dem Krieg nach Hause holen

Dafür hat er nur noch etwas mehr als ein halbes Jahr Zeit und muss in der Zeit auch noch Tony aus dem Haus ekeln, den Taxifahrer, der ständig bei seiner Mutter in der Küche sitzt, ungefragt hereinplatzt, wenn gerade „Wer wird Millionär“ läuft und zu allem Überfluss sein dämliches Taxi auf dem Stellplatz von Dylans Vater parkt.

Die Geschichte ist ganz charmant, eben ein bisschen wie Supergute Tage. Aber ich hatte ein ernsthaftes Problem mit der Sprache. Auf der englischen Ausgabe steht als lobendes Zitat „Made me laugh out loud“ von Stephen Kelman, Autor von Pigeon English, das ich aus sprachlichen Gründen nach fünf Seiten abbrechen musste – das hätte mich misstrauisch machen müssen. Die englische Fassung ist voll von Rhyming Slang (that’s Ronan Keating = that’s cheating, Richard Gere = beer etc.) und eigenen Wortkreationen (a-mayonnais-ing), was auf Dauer wirklich, wirklich nervt. Dem verzweifelten „speak English, Dylan!“ seiner Mutter konnte ich mich aus ganzem Herzen anschließen. Die deutsche Übersetzung hab ich nur kurz durchgeblättert, aber es sieht aus, als wäre es dort weniger gehäuft, einige Sachen haben es eben nicht durch die Übersetzung geschafft. Was beide Fassungen gemeinsam haben: Es wird geflucht und das nicht zu knapp. Oft gewinnt nämlich Mr Dog die Oberhand – UGLY PIG FILTH FUCK. Wer da zart besaitet ist, sollte einfach die Finger von dem Buch lassen.

Insgesamt ist das Buch ganz nett. Dadurch, dass man alles aus Dylans Perspektive sieht, hat man nur einen eingeschränkten Blick auf die skurrile und oft unverständliche Welt der Erwachsenen und muss vieles erraten, was mir gut gefallen hat. Dennoch ist die Geschichte an einigen Punkten vorhersehbar und wenig überraschend. Und wie schon gesagt – sprachlich ist der Roman eine Nervenprobe.


Brian Conaghan: When Mr Dog Bites. Bloomsbury 2014. 371 Seiten. Deutsche Übersetzung: Jetzt spricht Dylan Mint und Mr Dog hält die Klappe. Übersetzt von Michael Kellner. Arche 2014. 320 Seiten, € 19,99.