Essen aus Büchern: Waldorf salad aus Margaret Atwoods „The Blind Assassin“

Waldorf Salad, ein Klassiker aus dem gleichnamigen Hotel, war über viele Jahre ein wahnsinnig schickes Essen – kein Wunder bei der Herkunft. Im Waldorf Astoria wird er noch immer serviert, heute mit Trüffel. Sellerie und Apfel sind nämlich nicht sehr schick.

In The Blind Assassin heiratet die Protagonistin Iris einen bedeutend älteren Mann und lernt zuvor ihre zukünftige Schwägerin kennen, stilecht beim Lunch im noblen Arcadian Court. Winifred, die baldige Schwägerin, segelt gerne, möchte Freddie genannt werden und trägt Lippenstift in der Farbe shrimp. Iris ist überfordert und unsicher und dankbar, dass Winifred ihr die Entscheidung abnimmt, was sie essen soll:

„She called me „dear“, and said that the Waldorf salad was marvellous. I said that would be fine.“

Marvellous! Das finde ich wirklich ein großes Wort für Waldorf Salad. Lecker ist er trotzdem, so unspektakulär er sein mag.

Ausgesucht habe ich dieses Essen aus Büchern offensichtlich weil das Zitat so schön ist und nicht, weil Waldorf Salad ein so komplexes Rezept wäre. Hier kommt trotzdem eins:

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Waldorf Salad:

  • 300 g Knollensellerie
  • 300 g feste Äpfel
  • 3 EL Mayonnaise
  • 70 g geschälte Walnüsse
  • Salz
  • Pfeffer
  • 1 TL Zitronensaft

Die Walnüsse in einer Pfanne ohne Fett leicht anrösten. Anschließend grob hacken.

Den Sellerie schälen und erst in dünne Scheiben, dann in feine Streifen schneiden. Mit den Äpfeln ebenso verfahren.

Sellerie, Äpfel, Mayonnaise und Zitronensaft in einer Schüssel vermischen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und die Walnüsse darüber streuen.

Und das wars. Im Originalrezept wird mehr und ausschließlich Mayonnaise verwendet, mittlerweile wird oft zumindest ein Teil davon durch Joghurt ersetzt. Ich finde nicht, dass Joghurt Mayonnaise ersetzen kann und sollte, aber ein wenig leichter wird es so natürlich. So oder so ist Waldorf Salad vielleicht nicht mehr nobel, aber immer noch lecker.


Quelle des Zitats: Margaret Atwood: The Blind Assassin. Virago Press 2009. S. 283.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Essen aus Büchern: Peach Cobbler aus Attica Lockes „Black Water Rising“

In Black Water Rising rettet Jay eine Frau aus einem Bayou in Texas. Dass er damit eine Menge Leute gegen sich aufbringt, kann er da noch nicht ahnen. Aber schon bald wird ihm klar, dass er sich mit den falschen Leuten angelegt hat und sein eigenes Leben und das seiner Familie auf dem Spiel steht. Hilfe hofft er in der Gemeinde von Reverend Boykins zu finden. Bei einem gemeinsamen Abendessen gibt es nicht nur wichtige Hinweise auf mögliche Hintermänner, sondern auch noch Dessert und Kaffee von Mrs. Boykins:

„Mrs. Boykins stands to collect their plates, carrying them into the kitchen. A few minutes later, she returns with a peach cobbler and a fresh pot of coffee.“

Cobblers sind vor allem im Süden der USA verbreitet, wo es sie seit der britischen Kolonialzeit gibt. Sie bestehen in der Regel aus einer Sorte Obst, die mit Teig überbacken wird. Gegessen werden sie lauwarm, gerne mit Vanilleeis oder -sauce. Und gemacht wird Peach Cobbler so:

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Essen aus Büchern: Bridge Rolls aus Naomi Aldermans „The Power“

In The Power erzählt Naomi Alderman von einer Gruppe Mädchen, die eine neue, elektrische Kraft in sich entdecken, die das Machtverhältnis auf dieser Welt von heute auf morgen umkehrt. Eine von ihnen ist Roxy. Sie stammt aus klein- bis groß-kriminellen Verhältnissen und schreckt auch selbst nicht vor Gewalttaten zurück. Ihre Mutter wurde umgebracht, als sie noch klein war. Es war eine Rache am Vater, der sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Jahre später erwischt es auch ihren Halbbruder Terry. Da ist es schon lange beschlossene Sache, dass Roxy die Familie verlassen soll, weil es für sie zu gefährlich wird. Terrys Beerdigung ist für sie der letzte Anlass, nochmal die ganze Familie zu sehen.

„They let her come to Terry’s funeral; it was a bit like Christmas. There was aunties and uncles, and booze and bridge rolls and hard-boiled eggs.“

Bridge Rolls sind kleine, längliche Brötchen und es scheint ein völlig absurder Gedanke zu sein, sie selbst zu machen. Ich habe exakt ein Rezept dafür gefunden, das auf verschiedenen Blogs wiederholt wird. Woher sie ihren Namen haben, ist nicht ganz klar. Sie tauchen das erste mal in den 1920ern auf und waren möglicherweise für hungrige Bridge-Runden gedacht. Vielleicht haben sie ihren Namen aber auch daher, dass sie beim Backen „Brücken“ bilden sollen, die man später wieder auseinander reißen muss. Gegessen werden sie offenbar bevorzugt mit Eiersalat. Aber erstmal muss man sie backen. Und zwar so:

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Essen aus Büchern: Mandel-Orangenkuchen aus Charlotte Mendelsons „When We Were Bad“

Heute gibt es einen Kuchen aus der Küche von Rabbi Claudia Rubin aus Charlotte Mendelsons Roman When We Were Bad. Dieser Kuchen ist Teil der Pessach-Tradition des sephardischen Judentums und im Roman Teil eines grandiosen Seder-Essens, was ein komplizierter Vorgang ist, dessen Erklärung zu viel Raum einnehmen würde, weshalb ich Interessierte an die Weiten des Internets verweise. Claudia will sich bei dieser Einladung selber übertreffen und halst sich eine Menge Arbeit auf. Ihre Liste noch zu erledigender Dinge hat einen Tag vor dem Essen noch mehr als zwei Seiten im Buch. Und da ist sie schon am sechsten Tag der Vorbereitungen.

„On Thursday, thankfully her day off from shul, Claudia:

[….] boils eight oranges for two hours and, when they are cool and soft as death, mixes them with ground almonds, cocoa, sugar and eggs, pours the speckled goo into cake tins and bakes them until the house smells as it should. Blessed art thou, O Lord our God, King of the Universe, who has kept us in life and preserved us and enabled us to reach this season, she thinks, and then she stops, and then she carries on.“

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Essen aus Büchern: Kassavakuchen aus Jean Rhys „Die weite Sargassosee“

Direkt nach dem Rezept für Seed Cake aus Jane Eyre kommt hier eines aus dem postkolonialen Antwortschreiben Die weite Sargassosee. Ein nicht benannter Mann, der sich recht einfach als Rochester erkennen lässt, trifft und heiratet darin eine Frau, die sich recht einfach als Bertha erkennen lässt. Schon in den Flitterwochen beginnt die Ehe zu kriseln. Der frisch gebackene Ehemann kann mit dem Leben seiner Frau auf den karibischen Inseln nichts anfangen, die Menschen dort stoßen ihn ab, er verträgt weder Wetter noch Essen. Bertha endet als „mad woman in the attic“. Am ersten Morgen aber ist noch alles in Ordnung, als die ihm schon kurz darauf verhasste Bedienstete Christophine das Frühstück serviert:

„Sie wünschte uns lächelnd einen guten Morgen und stellte das Tablett mit Kaffee, Kassavakuchen und Guavengelee auf den runden Tisch.“

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es auch bei diesem Rezept ungezählte Varianten gibt, die auch im gesamten karibischen Raum variieren. Bei diesem Rezept musste ich zudem leider Abstriche bei der Authentizität machen. Es war mir nicht möglich, ein Rezept zu finden, das ohne Vanille- und Mandelaroma bzw. -extrakt arbeitet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das im Roman gegessene Gericht das nicht beinhaltet. Da das hier aber meine erste Maniok-Erfahrung überhaupt ist, wollte ich auch keine großen Experimente starten. So also geht’s:

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Essen aus Büchern: Kümmelkuchen aus Charlotte Brontës „Jane Eyre“

Der englische Name dieses Kuchens, „seed-cake“, weckte in mir die Hoffnung, es könnte sich um einen Kuchen mit verschiedenen Saaten darin handeln, sagen wir Mohn oder Sesam. Aber nein, die Samen sind ausschließlich die des Kümmels. Und ich hasse Kümmel. Ich finde, es passt ganz gut zum Bild von Jane, dass sie vom Leben so wenig erwartet und erhofft, dass sie sich selbst über Kümmelkuchen freut.

„Having invited Helen and me to approach the table, and placed before each of us a cup of tea with one delicious but thin morsel of toast, she got up, unlocked a drawer, and taking from it a parcel wrapped in paper, disclosed presently to our eyes a good-sized seed-cake.“

Die Szene ist übrigens relativ früh im Buch, als Jane noch in Lowood lebt. Die freigiebige Dame in dieser Szene ist die Schulleiterin Miss Temple, zu der Jane vertrauen gefasst hat. Spät am Abend sucht Jane sie mit ihrer Freundin Helen auf und bekommt noch eine Kleinigkeit serviert, die im Vergleich zu dem, was man sonst auf Lowood bekommt, beinahe eine Festmahl ist. Und damit wir alle was anzubieten haben, wenn mal zwei verarmte Waisenmädchen vor der Tür steht, kommt hier das Rezept für Kümmelkuchen:

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Essen aus Büchern: Lancashire Hotpot aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party handelt von einem recht durchschnittlichen Mann mit einem außergewöhnlichen Beruf: Larry Weller ist Irrgartenplaner. Der Weg dorthin war selbst ein Labyrinth und hat ihn über etliche Umwege, andere Berufe und eine verkorkste Ehe ans Ziel gebracht.

Solange er keine Partnerin hat – und das sind etliche Jahre – feiert Larry seine Geburtstage feiert mit seiner Mutter Dot, einer ruhigen, angepassten, nervösen Frau, die den Umzug von England nach Kanada nie gänzlich verkraftet hat. Selbstverständlich hängt sie auch noch an den Rezepten, die sie aus ihrer Kindheit kennt. Eines davon ist Lancashire hotpot, glücklicherweise auch ein Lieblingsgericht ihres Sohnes:

„Larry’s crazy about Lancashire hotpot, or at least he pretends he is, for the sake of his sad and perpetually grieving and remembering mother.“

Das Rezept, das im Roman beschrieben wird, klingt wenig attraktiv. Dot schichtet Lammfleisch, Karotten und Kartoffeln abwechselnd in eine Auflaufform, gießt eine ordentliche Menge Brühe darüber und lässt das ganze im Ofen schmoren. Die Rezepte, die ich gefunden habe, verlangen zumindest, dass das Fleisch angebraten wird und dass die Kartoffeln obenauf gebräunt werden. Aus offensichtlichen Gründen habe ich mich für die zweite Variante entschieden, ohne Dot, die ein wirklich herzzerreißender Charakter ist, zu nahe treten zu wollen.

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Essen aus Büchern: Mandel-Crème aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Mit Essensbeschreibungen wird bei Thomas Mann sowieso nicht und bei den Buddenbrooks erst recht nicht gespart. Über ihre großzügigen Tafelrunden demonstrieren sie eben auch Geschmack und Status. Und das gilt natürlich ganz besonders an Weihnachten, auch wenn das nur im Kreise der Familie gefeiert wird und Christian sowieso schon wieder im Klub ist. Lange bevor der Puter als krönender Abschluss des Abends auf den Tisch kommt, wird schon diverses aufgetragen, darunter auch eine Mandel-Crème:

„Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit Tee und Biscuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als große Krystallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß herumgereicht wurden. Es war Mandel-Crème, ein Gemisch aus Eiern, geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das aber, nahm man ein Löffelchen zu viel, die furchtbarsten Magenbeschwerden verursachte.“

Es ist überhaupt nicht so leicht eine Mandel-Crème zu finden, die nicht mit Gelatine oder Speisestärke verfestigt wird. Aber Herr Mann schreibt eben eindeutig über einen körnigen Brei. Und wenn die Konsulin Buddenbrook es so wünscht gibt es jetzt eben eine Mandel-Crème mit Eiern und Rosenwasser, die man eigentlich zum Backen benutzt, aber auch hervorragend so essen kann.

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Essen aus Büchern: Bubble and Squeak aus Zadie Smiths „White Teeth“

Zwei der Hauptfiguren in White Teeth, Archie und Samad, gehen zusammen in den gleichen Pub beinahe seitdem sie in London leben. Dieser wird von Abdul-Mickey betrieben, dessen Vater jeden seiner fünf Söhne Abdul genannt hat, ihnen aber noch einen englischen Namen gegeben hat, um ihnen das Leben leichter zu machen. In Abdul-Mickeys Pub gibt es auch Essen, das Archie und Samad sehr schätzen und das immer aus Pommes, Bohnen, Eiern, Pilzen, Tomaten und Toast in unterschiedlichen Kombinationen besteht. Doch eines Tages taucht ein neues Gericht auf der Karte auf:

„The Bubble and Squeak had been a revelation of sorts.“

Nicht weniger als eine Offenbarung ist es also für die Stammgäste im Pub, das man von den üblichen Grundzutaten abweicht. Aber man muss, das betont Abdul-Mickey immer wieder, auch mal offen für Neues sein. Man muss den Dingen eine Chance geben.

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Essen aus Büchern: Olele aus Aminatta Fornas „The Memory of Love“

Dass Olele gerade aus einem Aminatta Fornas The Memory of Love seinen Weg in diese Reihe findet, ist reiner Zufall. Unter dem Namen Moin Moin wird es geneigten Lesenden auch schon bei Adichie begegnet sein und es hat seinen Platz in großen Teilen der westafrikanischen Literatur. Ich bin also das erste mal schon vor Jahren darüber gestolpert und seitdem immer wieder, dachte aber immer, dass das irgendwie komisch klingt. Das Gericht besteht aus Bohnen, die zusammen mit Fisch, Zwiebeln und Tomatenmark püriert werden und anschließend in einer Folie oder einem Bananenblatt gedämpft werden. Zumindest ist das eine von sehr, sehr vielen Möglichkeiten der Zubereitung. Gegart werden kann auch im Ofen, man kann den Fisch weglassen, man kann ihn durch Fleisch ersetzen… Basis ist und bleibt das Bohnenpüree. Nun also habe ich mich durchgerungen, dem ganzen eine Chance zu geben.

In The Memory of Love wird Olele bei einer Feier serviert, die der Ausgangspunkt diverser und anhaltender Konflikte sein wird. Das weiß da natürlich noch keiner, aber zumindest der Erzähler ist angespannt genug, dass er keinen Bissen anrührt und nur zu viel trinkt:

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