National Book Award Longlists 2017

Ein ganzer Tag ist vergangen, ohne dass ich etwas über einen Literaturpreis gesagt hätte. Das liegt aber nur daran, dass ich lieber einen längeren als zwei kurze Posts schreiben wollte, außerdem war ich gestern spät zu Hause. In den letzten Tagen wurden die Longlists für den National Book Award veröffentlicht. Für diesen Preis gibt es immer vier Listen, von denen ich hier nur zwei vorstelle – die anderen beiden sind Poetry und Young People’s Literature, deren Bedeutung ich nicht kleinreden will, von denen ich aber auch einfach keine Ahnung habe.

Schon im letzten Jahr standen auf der Longlist sehr viele Titel, die sich mit Rassismus in den USA befassten. Wenig überraschend scheint das Problem seitdem nicht kleiner geworden zu sein:

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Jack Urwin: Boys Don’t Cry

Jack Urwins Karriere als Experte für „toxische Männlichkeit“ begann mit dem sehr persönlichen Artikel A Stiff Upper Lip Is Killing British Men, der 2014 im Vice-Magazine erschien. In diesem Artikel (und auch in seinem Buch) berichtet er von seinem Vater, der sehr jung an einem Herzinfarkt starb. Nach seinem Tod wurde festgestellt, dass er schon mindestens einen Infarkt gehabt haben musste und auch, dass er ein rezeptfreies Medikament gegen Herzbeschwerden gekauft hatte, seine Probleme ihm also durchaus bewusst waren. Urwin glaubt, dass sein Vater bedeutend älter hätte werden können, wenn er die berühmte „Stiff Upper Lip“ hätte ablegen können und sich mit seinen Sorgen und Beschwerden jemandem anvertraut hätte. Sein Vater, glaubt Urwin, sei dazu aber nicht in der Lage gewesen, weil ihm von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde, dass Männer keine Schmerzen und keine Schwäche kennen oder doch zumindest nicht zeigen. Dieses Bild von Männlichkeit ist ein sehr schädliches – für Urwin sen. aus sehr offensichtlichen Gründen, aber auch für seine Frau, seine Kinder und viele andere Menschen, die ihn gerne noch ein paar Jahre länger um sich gehabt hätten.

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Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

Zander_RudolfSteiner

Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

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Margaret Atwood: Payback

Seitdem ich vor ungefähr zwei Jahren Thomas Piketty gelesen habe, bilde ich mir ein, etwas von Wirtschaft zu verstehen. Das ist so nicht richtig. Ich verstehe nicht mehr nichts von Wirtschaft, aber nun ja… Ich dachte, wie so oft könnte Atwood helfen und habe mir Payback gekauft, in dem es, wie der Untertitel verspricht, um „Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“ gehen soll. Geht es auch, aber Wirtschaft kommt halt quasi nicht vor. Viel mehr betrachtet Atwood das ganze Dilemma aus einer kulturhistorischen Perspektive, was es nicht weniger interessant macht. Wie man es erwartet, ist ihr Text natürlich sowohl sehr fundiert und informativ, aber auch sehr unterhaltsam.

Atwood_Payback

Sie beginnt ganz vorne. Aufzeichnungen über Schulden sind so alt wie die Schrift, Schulden offenbar noch viel älter. Es scheint keine Gesellschaft gegeben zu haben, in der niemals jemand Schulden gemacht hat, der Umgang damit war und ist aber sehr unterschiedlich. Vor allem in der Frage, was eigentlich passiert, wenn man seine Schulden wirklich nicht mehr in Geld zurückzahlen kann. Kann man sich selbst als Lohnsklave anbieten? Seine Frau, seine Kinder? Kann man, etwa wenn man bei einem Gott in der Schuld steht, etwas anderes opfern, einen Stier oder einen Menschen? Konnte man und kann man. Nicht immer kann man Schulden mit materiellen Mitteln ausgleichen. Atwood führt den „Paten“ als Beispiel an – ein Gefallen kann nur mit einem Gefallen ausgeglichen werden, so unschön das auch werden mag.

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John Marzluff und Tony Angell: Gifts of the Crow

Manchmal, wenn man so nebeneinander sitzt und schweigt, sagt jemand ‚erzähl doch mal was‘. Ich erzähle dann oft folgende Geschichte: Eine Krähenpopulation in England weiß, dass in Kälberausscheidungen ein Enzym ist, das sie gut gebrauchen können. Kälbermägen können dieses Enzym nicht aufspalten und scheiden es einfach aus. Die Krähen haben gelernt, dass Kälber fast immer kacken müssen, wenn sie aufstehen. Das wusste ich zum Beispiel nicht. Deshalb fliegen die Krähen auf die Weide und nerven die Kälber bis sie aufstehen. Krähen sind sehr kluge Vögel.

Ich weiß überhaupt nicht, warum ich immer diese Sache erzähle, ich habe nun wirklich Spannenderes erlebt. Diese Krähengeschichte möchte ich aber gerne mit vielen Leuten teilen, weil sie so klug sind. Wenn meine Gesprächspartner nicht hinreichend beeindruckt sind, erzähle ich auch noch folgende Geschichte: An der Universität von Washington gibt es einen Mann namens Marzluff, der ist Krähenforscher. Der hat sich eine Maske aufgesetzt und hat die Krähen auf dem Campus geärgert. Die Kinder der Krähen hat er dann nicht mehr geärgert. Trotzdem hat auch die nächste Krähengeneration die Maske gehasst, weil die Eltern ihnen das beigebracht haben. Auch neu auf dem Campus zugezogene Krähen haben sehr schnell gelernt, die Maske zu hassen, obwohl sie nichts mehr gemacht hat. Krähen lernen über soziale Netzwerke, was für Tiere sehr selten ist. Wenn mein Gesprächspartner dann immer noch nicht beeindruckt ist, leere ich mein Glas und gehe. Manche Leute!

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Die Wiese ist zum Lesen da – die ersten Bücher für den Sommer

Wie befürchtet bin ich in den ersten Monaten des Jahres nur sehr wenig zu Lesen gekommen. Job- und Stadtwechsel verbunden mit den üblichen Ärgernissen haben mich zu sehr gefordert. Umso mehr freue ich mich, in der nun langsam einkehrenden Ruhe endlich einen neuen Bücherstapel bauen zu können.

Weitere fünf WPF-Titel stehen auf der Liste, dieses mal zusammengesucht unter der Überschrift „Live Life“.

Eines davon ist Kirsten Bakis Lives of the Monster Dogs von 1998. Hat das von euch schon jemand gelesen? Ich weiß so gar nicht, was ich davon halten soll. Im frühen 21. Jahrhundert tauchen in New York Hunde auf, die sprechen, auf ihren Hinterläufen gehen und sich kleiden wie im 19. Jahrhundert. Unter ihnen grassiert eine furchtbare Krankheit, die ihre gesamte Population bedroht. Eine junge Frau lebt mit ihnen und berichtet in diesem Buch von ihren Erlebnissen.

Der Roman Fortschrittlich leben für jedermann (2006, Originaltitel Everyman’s Rules for Scientific Living) spielt in Australien zwischen den Weltkriegen und handelt von Robert und Jean, die unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten versuchen, ödes Land in eine fruchtbare Farm zu verwandeln.

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Meine Bücher für die letzten Winter – und die ersten Frühlingstage

2017 hat damit angefangen, dass ich etwas gewonnen habe und sogar ein Buch! Beim Geburtstags-Gewinnspiel von Poesierausch gab es Johnny und Jean von Präauer zu gewinnen und ich hatte Glück, was mich natürlich sehr gefreut hat. Wird sofort gelesen!

Auch ein Sachbuch steht dieses mal auf der Liste, nämlich Gift of the Crow von Marzluff. Marzluff kenne ich aus einigen Dokus über Krähen, die gucke ich mir erstaunlich oft an. Ich finde das ja super Vögel, auch wenn sie sehr laut werden können. Ich bin gespannt, was es noch über sie zu sagen gibt.

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Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Als ich an meinem derzeitigen Arbeitsplatz anfing, kam ich als Ersatz für einen ca. 50jährigen Kollegen. Er erklärte mir alles. Alles alles. Wie die relevanten Computerprogramme funktionieren (nützlich, zugegeben), wie eine Rechnung aufgebaut ist, dass es nicht klug war, in eine Dachgschoss-Wohnung zu ziehen und wie der Wasserkocher funktioniert. Es war völlig egal, wie oft ich sagte, dass ich um die mitunter problematischen Isolierungen von Dachgeschossen weiß, dass ich Rechungen schreiben und zahlen kann und auch schon mal Tee gekocht habe. Er redete und redete und redete. Und hinterließ mir, als er ging, ein heilloses Durcheinander, weil er mir zum Beispiel nicht erklärt hatte, welche Bestellungen er für die nächsten Monate schon getätigt hatte oder wo in seinem Chaos ich diese Infos finden konnte. Aber hey, der Wasserkocher, danke nochmal. Mansplaining in Höchstform?

Der Begriff des Mansplaining wird oft Rebecca Solnit zugeschrieben. Sie selbst ist nicht dieser Ansicht, unbestreitbar aber war ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ausschlaggebend für die Diskussion um diese Thematik und führte letzlich mit zur Prägung des Begriffs. In diesem titelgebenden Essay berichtet sie von einer Party, bei der ihr Gastgeber ihr begeistert von einem neuen, ganz wichtigen Buch über den Fotografen Muybridge erzählte. Solnits Begleitung versuchte mehrfach, ihm zu sagen, dass Solnit selbst dieses Buch geschrieben hat. Vor lauter Selbstgefälligkeit hörte der Gastgeber diesen Hinweis aber erst beim dritten Mal und musste kleinlaut zugeben, dass er das Buch nicht mal gelesen hatte.

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Bob Holmes: Geschmack

Der Geschmack, so die These des Autors, ist ein völlig vernachlässigter Sinn. Natürlich nutzt man ihn täglich, aber man achtet oft nur wenig darauf. Viele Menschen essen nebenbei, im Gehen oder beim Fernsehen und konzentrieren sich nicht auf das, was sie essen. So kommt es, dass uns oft auch das Vokabular fehlt, einen Geschmack differenziert zu beschreiben. Forelle und Hering schmecken völlig unterschiedlich, Butternut und Hokkaido auch, aber es nicht leicht, diesen Unterschied präzise in Worte zu fassen. Noch schwieriger ist es beim Riechen, das den Geschmack immens beeinflusst. Für Gerüche haben die meisten Menschen kaum ein aussagekräftiges Vokabular und oft bleibt nur der Vergleich mit anderen, bereits bekannten Gerüchen.

„Wir analysieren unsere Geschmackserfahrungen nicht, und so kommt es, dass wir auch nicht darüber reden und nachdenken.“

Während wir selbst oft nicht gut ausdrücken können, was wir schmecken, lebt eine ganze Industrie bestens davon. Viele Firmen machen nichts anderes als Geschmack und Geruch in Lebensmittel zu bringen und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Im schlechtesten Fall dienen Aromen und Geschmacksverstärker dazu, billige Grundstoffe besser schmecken zu lassen und den Verbraucher über die eigentliche Minderwertigkeit hinweg zu täuschen. Im besten Fall dient der verbesserte Geschmack einer Reduktion von Fett, Salz oder Zucker und macht das Lebensmittel vielleicht sogar gesünder. Und in Sonderfällen soll der Geschmack einfach etwas Besonderes, Unbekanntes sein, das der Verbraucher noch nie geschmeckt hat –  deswegen schmecken Energy Drinks so grauenhaft.

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Steven Pinker: The Language Instinct

Jeder Mensch wird mit einem Sprachinstinkt geboren. Das ist die grundlegende These, die Pinker in diesem Buch ausarbeitet. Wie genau der Spracherwerb dann ausfällt, ist abhängig vom (sprachlichen) Umfeld und den individuellen Voraussetzungen, grundsätzlich ist aber alles möglich. Damit ist er sehr nahe an Chomskys Universalgrammatik, auf die er auch mehrfach Bezug nimmt.

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Für den Spracherwerb bei Kindern gibt es eine „kritische Phase“, in der sich diese Fähigkeit rasant entwickelt, ohne dass eine explizite Unterweisung nötig wäre. Wird diese Phase aber versäumt, ist es enorm schwierig bis unmöglich, noch eine Sprache zu erlernen, was mehrfach bei „Bärenkindern“ zu beobachten war, die angeblich ohne jeden menschlichen Kontakt in der Wildnis aufgewachsen sind. Auch wird es mit zunehmendem Alter immer schwerer, eine weitere Sprache zu erlernen. Pinker begründet dies damit, dass die komplexe und energieaufwändige Fähigkeit des Spracherwerbs an einem bestimmten Lebenspunkt (ca. frühe Pubertät) als überflüssig eingestuft und eingestellt wird. Deshalb ist es für Menschen, die nach diesem Zeitpunkt eine weitere Sprache erlernen, fast unmöglich, diese akzent- und fehlerfrei zu sprechen.

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