Ernst Haffner: Blutsbrüder

In den frühen 1930ern, als die wirtschaftliche wie soziale Lage in Deutschland nicht sehr rosig war, berichtete Ernst Haffner erstmals von den Blutsbrüdern, einer Clique, wie es sie in Berlin zu dieser Zeit massenhaft gab. Die Gruppe besteht aus jungen Männern und Jungen, zum Teil nicht älter als 15 Jahre, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Eltern leben und sich, so gut es eben geht, auf der Straße durchschlagen. Sie betteln, prostituieren sich und stehlen, schlafen in billigen Herbergen und vertrödeln die Zeit in warmen Kneipen.

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Die Blutsbrüder bilden einen festen und solidarischen Verbund, teilen was sie haben und schützen die anderen. An die Zukunft denkt man nicht. Wenn einer mal dreißig, vierzig Mark hat, werden die noch am gleichen Abend versoffen, auch wenn man von dem Geld einen ganzen Monat lang eine billige Miete zahlen könnte. Sie alle wissen, dass ihre Zukunft ohnehin nicht viel zu bieten hat. Nach der verkorksten Jugend mit Strafanzeigen, Ausbrüchen aus Fürsorgeanstalten und Gefängnisaufenthalten glaubt keiner mehr, noch groß was erreichen zu können. Nach außen verhalten die Jungen sich gleichgültig bis skrupellos und können auch recht brutal werden.

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Michael Pollan: Kochen

„Die Prämisse dieses Buchs lautet, dass das Kochen eine der interessantesten und lohnendsten menschlichen Tätigkeiten überhaupt ist, wobei es allgemein so definiert wird, dass es das ganze Spektrum an Techniken umfasst, die Menschen entwickelten, um Rohstoffe der Natur in nahrhafte und wohlschmeckende Speisen und Getränke zu verwandeln.“pollan_kochen

Pollan, amerikanischer Journalist, geht in diesem Buch der Essenszubereitung in all seinen Facetten nach. Seine Erfahrungen gliedert er dabei in die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde. Einige von euch haben möglicherweise auf Netflix schon seine (sehr sehenswerte) Doku Cooked gesehen, dann dürfte euch einiges, aber bei weitem nicht alles in diesem Buch bekannt vorkommen.

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David Foster Wallace: Schrecklich amüsant aber in Zukunft ohne mich

schrecklichamuesantIm Auftrag des Harper’s Magazine machte David Foster Wallace 1995 eine Kreuzfahrt an Bord der Zenith. Umgeben von lauter amüsierwilligen Kreuzfahrt-Veteranen findet er dort genau die Hölle vor, die er erwartet hatte. Von der ersten Minute an sträubt er sich gegen die organisierte Fröhlichkeit, das bemühte „sich etwas gönnen“ und die steifen Abendessen.

Nein, das ist kein objektiver Blick auf die Kreuzfahrtindustrie. Wallace weiß, dass er Kreuzfahrten hassen wird und will Kreuzfahrten hassen und will eine bösartige Reportage darüber schreiben. Er will Klischees erfüllt sehen und findet sie natürlich auch an allen Ecken und Enden. Wer eine differenzierte oder fundiert kritische Reportage über die Tourismus-Industrie lesen will, ist hier leider falsch.

Wer Lust auf ein bisschen unterhaltsame und kluge Boshaftigkeit hat, wird sicher viel Spaß mit diesem Buch haben. Gewarnt sei vor der Unmenge an Fußnoten und Fußnoten zu Fußnoten, die den Lesefluss gelegentlich einschränken, aber trotzdem Spaß machen. Ein gutes Buch für alle, die schon immer (begründet oder unbegründet) wussten, dass sie Kreuzfahrten schrecklich finden.


David Foster Wallace: Schrecklich amüsant aber in Zukunft ohne mich. Goldmann 2005. € 7,99, 192 Seiten. Deutsche Erstausgabe mare 2002. Übersetzt von Marcus Ingendaay. Originaltitel: A Supposedly Fun Thing I’ll Never do Again. Little, Brown and Co. 1997.

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

irrenhausNellie Bly war eine spannende Frau. Im späten 19. Jahrhundert arbeitete sie für Pulitzers New York World als investigative Journalistin. Damit war sie keine Einzelerscheinung, mehrere Frauen arbeiteten als sogenannte „Stunt Girls“ für verschiedene Zeitungen und Magazine. Ihr Job war es, sich beispielsweise in Fabriken oder Armenhäuser einzuschleichen und über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen dort zu berichten – frühes wallraffing. Nellie Bly war eine der bekanntesten und eine der wenigen, die nicht unter Sammel-Pseudonym arbeiteten. Einer ihrer ersten Aufträge war die Reportage Zehn Tage im Irrenhaus.

Blys Plan war, erst zu Hause das Benehmen einer Irren zu üben, anschließend eine Nacht in einer Pension zu verbringen, dort völlig auszurasten und sich anschließend in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Hat funktioniert. Sie wird in die Irrenanstalt für Frauen auf Blackwell’s Island gebracht und stellt schnell fest, dass es recht einfach ist, dorthin zu gelangen, aber eigentlich unmöglich, von dort wieder wegzukommen. Viele der Frauen, die dort aus völlig nichtigen Gründen einsitzen, sehen keinerlei Chance mehr, diesen Ort lebend zu verlassen. Für viele ist es das Ende eines grausamen Weges, eingewiesen von Ehemännern, denen eine Scheidung zu kompliziert gewesen wäre oder Familien, die sich nicht mehr um die alte Tante kümmern wollen.

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Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Navid Kermani

Auch wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erst während der Buchmesse im Oktober verliehen wird, ist jetzt schon klar, dass Navid Kermani ihn bekommt. Der Stiftungsrat hat sich für Kermani entschieden, weil er „eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft [ist], die sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen muss, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen.“

Kermani ist in Siegen als Kind iranischer Elten geboren worden, hat Orientalistik studiert und lebt in Köln. Er schreibt Reportagen, Essays und Romane, die sich vor allem islamischen Themen und die arabischen Länder zum Thema haben und befasst sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen wie beispielsweise der europäischen Flüchtlingspolitik.

Seine Sachbücher erscheinen derzeit bei C.H. Beck, die belletristischen Titel bei Carl Hanser. Eine ausführliche Biographie und Bibliographie findet man auf der Seite des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und natürlich auch auf Kermanis eigener Website.