Olivia A. Cole: The Rooster’s Garden

When the roosters crows, the hive will burn, so das Motto dieses Romans, dem zweiten Teil der Tasha-Trilogy. Im ersten Teil der Reihe, Panther in the Hive, ging es um Fashion-Victim Tasha, die sich plötzlich mit einer Zombie-Apokalypse konfrontiert sah und Schuhsammlung, Glätteisen und Concealer aufgeben musste, um ihre Haut zu retten. Im zweiten Teil nun sind sie und einige ihrer neu gewonnen Freunde auf dem Weg nach Kalifornien, das von der Apokalypse verschont geblieben sein soll.

Auf ihrem Weg gilt es aber nicht mehr nur Minker zu bekämpfen, jene Mutanten, die durch einen implantierten Chip von Menschen in geifernde Bestien verwandelt wurden. Die fiese Organisation Cybranu die hinter all dem steckt, hat es ausgerechnet auf Tasha abgesehen, die ihnen als Terroristin gilt. Nun ist auf sie ein Kopfgeld ausgesetzt und auch die wenigen Überlebenden der Katastrophe machen nun Jagd auf sie. Richtig schwierig wird es für die junge Frau, als sie durch einen Unfall von ihrer Gruppe getrennt wird und nur noch ein albern frisierter Pudel an ihrer Seite bleibt.

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Shakespeare: Othello – Tracy Chevalier: New Boy

Othello, entstanden etwa 1603, wird zu Shakespeares Tragödien gezählt. Während das Stück sich vor allem im 17. Jahrhundert höchster Beliebtheit erfreute und sehr häufig aufgeführt wurde, wird es spätestens seit der postkolonialen Interpretation teilweise durchaus kritisch betrachtet. Die Aufführungspraxis hat sich auch entsprechend gewandelt um das Stereotyp des irrationalen und leidenschaftlichen Schwarzen zu durchbrechen. Ebenso werden die Frauenrollen neu interpretiert. Diese werden im Stück wenig differenziert im wesentlichen als Heilige oder Hure dargestellt. Doch genug der Vorrede, das ist was passiert:

Othello

In tiefster Nacht sind zwei Männer in Venedig unterwegs: Iago, der sich in den nächsten Akten als mieser Verräter entpuppen wird, und Roderigo. Beide sehen sich in ihrer Ehre verletzt. Roderigo, weil seine angebetete Desdemona einen anderen Mann, nämlich Othello, geheiratet hat, Iago weil er sich bei einer Beförderung durch seinen Vorgesetzten Othello übergangen sieht. Statt seiner wurde Cassio befördert – unverdient, wie Iago findet. Also holt er aus zum ersten Schlag gegen Othello und stiftet Roderigo an, vorm Haus von Brabantio Lärm zu schlagen und den Hausherrn mit einer unglaublichen Nachricht aus dem Bett holen: seine Tochter Desdemona hat sich aus dem Staub gemacht und klammheimlich Othello geheiratet, der zwar von gutem Ruf und ein sehr erfolgreicher Feldherr ist, aber eben auch schwarz. Othello muss Desdemona verzaubert oder gezwungen haben, ist Brabantio sich sicher und zerrt die beiden vor den Dogen. Doch seine Anschuldigungen sind haltlos, versichert Desdemona, das einzige, was sie verzaubert habe seien Othellos spannende Geschichten aus fremden Ländern, die er bei den zahlreichen Besuchen in Brabantios Haus erzählt habe. Der Doge gibt seinen Segen, aber Zeit für Flitterwochen bleibt trotzdem nicht, Othello wird auf wichtige Militärmission nach Zypern geschickt, das von den Türken überfallen wird.

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T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

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Matt Ruff: Lovecraft Country

H.P. Lovecraft ist heute vor allem als genreprägender Autor von Horroliteratur bekannt. Besonders sein Cthulhu-Mythos hat Kultstatus erlangt, aber auch die Erforschung geheimen Wissens ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Ebenso wie Rassismus – wenn Lovecrafts Verteidiger auch betonen, dass dieser eher kulturell als hardline biologisch determiniert gewesen sei, sind einige seiner Äußerungen halt schon hart. Der Begriff „Lovecraft Country“ bezeichnet ein Gebiet in Massachusetts, bestehend aus realen und fiktiven Orten, in denen Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos ansiedelte und in dem auch die meisten darauf aufbauenden Werke anderer AutorInnen spielen.

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In dieses Gebiet verschlägt es nun Atticus, seinen Onkel George und seine Freundin Letitia. Die drei sind auf wichtiger Mission, denn sie suchen Atticus Vater Montrose, der auf der Suche nach familiären Verbindungen einem geheimnisvollen Fremden in diese Gegend gefolgt sein soll. Die Reise ist für die drei besonders gefährlich, denn sie sind schwarz und die Geschichte spielt in den 1950ern, als die Jim Crow Laws noch in voller Blüte standen. Schwarze dürfen nicht in allen Hotels übernachten, werden in kaum einem Restaurant bedient und eine simple Reifenpanne kann ein großes Problem werden, wenn weit und breit keine Werkstatt bereit ist zu helfen. Immerhin ist mit George eine gewisse Expertise an Bord. Er ist der Herausgeber eines Reiseführers mit sicheren Adressen für Schwarze, dem Safe Negro Travel Guide – erschreckenderweise musste es dieses Buch tatsächlich bis in 1960er geben, allerdings unter dem Titel The Negro Motorist Green Book. Doch trotz seines Wissens gerät die Reise zu einem höchst gefährlichen Roadtrip und nur mit Müh und Not schaffen sie es in das abgelegene Dorf, in dem sie Montrose vermuten. Doch das ist erst der Anfang. Denn kaum ausgestiegen finden sie sich in den Fängen eines rassistischen Geheimordens, der in Atticus den Hüter magischer Fähigkeiten vermutet. Plötzlich ist die ganze Familie verwickelt in eine uralte, hochkomplexe und noch dazu sehr riskante Logen-Fehde.

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Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

ScottsboroBoys
Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

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Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle

1956 kommen Sabine und George Harwood als jungvermähltes Ehepaar aus England nach Trinidad. Drei Jahre soll George in der dortigen Zweigstelle seines Unternehmens arbeiten, danach wollen sie wieder zurück nach England gehen. George ist begeistert von der neuen Heimat auf Zeit, liest alles über die Insel, liebt ihre Geräusche und Gerüche. Sabine ist verzweifelt. Als sie Trinidad das erste Mal sieht, noch bevor das Schiff überhaupt anlegt, hasst sie die Hitze und die wuselige Geschäftigkeit im Hafen. Während die Leinen festgemacht werden, versteckt sie sich in der Kabine und fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an. Doch sie will sich tapferer zeigen als die anderen verhätschelten Expat-Gattinnen und nicht nur jammern. Die drei Jahre werden wohl auszuhalten sein. Dass sie weit länger bleiben wird, ahnt sie da noch nicht.

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Die Zeit, in der die Harwoods nach Trinidad kommen, ist denkbar ungünstig. Große Teile der Inselbevölkerung haben nun nicht gerade auf noch mehr Briten gewartet. Eric Williams ist der neue Stern am politischen Himmel, seinen Reden auf dem zentralen Woodford Square lauschen tausende begeisterte Anhänger. Mit den Worten „Massa day done“ fordert er den Abzug der weißen Ausländer, die erst mit Sklavenhaltung und nun mit einseitigen Machtstrukturen schon viel zu lange die Bevölkerung Trinidads unterdrücken. Sabine sieht sich mehr und mehr offenen Anfeindungen ausgesetzt, sie traut sich kaum noch in die Öffentlichkeit und erlebt ihr Dasein auf Trinidad als Zustand permanenter Bedrohung. Ihre wiederholte Bitte, die Insel endlich zu verlassen, nimmt George nicht ernst. Alleine traut Sabine sich aber auch nicht zurück nach England.

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Annie Proulx: Accordion Crimes

Im späten 19. Jahrhundert baut ein Akkordeonbauer, einer der besten im Land, auf Sizilien ein grünes Akkordeon. Er lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen und die schwärmerischen Briefe eines ausgewanderten Cousins lassen ihn in immer mehr von einem besseren Leben in „La Merica“ träumen. Schließlich wagt er den Versuch, mit Sohn und grünem Akkordeon die große Reise anzutreten. Seine Frau soll später nachreisen, doch dazu kommt es nicht mehr. Nach nur wenigen Monaten in New Orleans wird er von einem (historisch verbrieften) Lynch-Mob ermordet.

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Sein Akkordeon, das die Grundlage seines neues Lebens werden sollte, macht sich ohne ihn auf die Reise und durchquert diverse Trödelläden, ein ganzes Jahrhundert und fast die kompletten USA. Dabei gerät es immer in die Hände von Einwanderern oder deren Nachkommen. Deutsche, Iren, Kanadier, Polen, Mexikaner – sie alle können mit diesem Instrument etwas anfangen. Dass die Besitzer oft ein schweres bis tödliches Schicksal ereilt, kann man dem Akkordeon kaum anlasten. Denn die meisten der porträtierten Einwanderer haben auch vor der Begegnung mit dem Instrument alles andere als ein leichtes Leben und schlagen sich geradeso durch. Es sind die „huddled masses yearning to breathe free“, die tatsächlich ihren Weg ins Land gefunden haben und den amerikanischen Traum längst ad acta gelegt haben.

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Shakespeare: The Tempest – Margaret Atwood: Hag-Seed

1611 fertiggestellt und uraufgeführt ist „Der Sturm“ das letzte Stück, das Shakespeare vor seinem Tod fertigstellte. Es wird im allgemeinen zu seinen Romanzen gezählt. Was passiert, ist das:

The Tempest

In der ersten Szene erleidet Alonso, der König von Neapel, Schiffbruch durch einen plötzlich aufziehenden Sturm. Schuld daran ist Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, der vor 12 Jahren seinerseits durch eine Intrige seines Bruders auf einem entlegenen Eiland strandete, wo er seitdem mit seiner Tochter Miranda lebt. Prospero hat den Luftgeist Ariel dazu gebracht, einen Sturm aufziehen zu lassen. Und warum? Rache. König Alonso hat nämlich Prosperos fiesen Bruder Antonio dabei unterstützt, Prospero auszuschalten und seinerseits Herzog von Mailand zu werden. Zusammen mit Miranda und Prospero lebt noch Caliban auf der Insel, der missgestaltete Sohn einer Hexe, den Prospero zu seinem Sklaven gemacht hat. Prospero verfügt über magische Kräfte und kann Geister beschwören, vor allem eben den bereits erwähnten Ariel.

Mit an Bord des Schiffes war neben einer Menge Gefolge auch Alonsos Sohn Ferdinand. Der wird beim Schiffbruch vom Rest getrennt, stolpert orientierungslos über die Insel, trifft auf die schöne Miranda und macht ihr keine zehn Zeilen später einen Heiratsantrag. Auch Miranda ist hin und weg; nachdem sie ihre ersten 16 Jahre mit Vater und deformiertem Sklaven verbracht hat, erscheint Ferdinand ihr schön wie ein Engel. Allerdings wird es noch zwei Szenen dauern, bis die Verlobung wirklich stattfindet, man will ja nichts überstürzen. In dieser Szene aber, kurz vor dem Eintreffen Ferdinands, bezeichnet Prospero Caliban als „hag-seed“, falls sich jemand fragt, woher Atwood den Titel hat.

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