T. C. Boyle: Tortilla Curtain

Delaney Mossbacher macht in seinem Leben alles richtig. Er ist naturverbunden, liberal, kümmert sich um seinen Stiefsohn Jordan, unterstützt seine Frau, fährt ein vernünftiges Auto und achtet auf ausgewogene Ernährung. Als Journalist berichtet er in schwülstigen Texten von seinen Wanderungen in Kalifornien. Doch dann läuft ihm auf dem Weg zur korrekten Müllentsorgung ein Mann vors Auto und wird in die Böschung geschleudert. Delaney will wieder alles richtig machen, Polizei und Krankenwagen rufen, doch der Mann wehrt ab: als Mexikaner ohne gültigen Aufenthaltsstatus in den USA würde ihm das nur Ärger einbringen. Delaney drückt dem Verletzten 20$ in die Hand und verschwindet. Und ab da läuft gar nichts mehr – bei keinem der beiden Männer.

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Cándido schleppt sich verletzt zurück in das ärmliche Lager, das er mit seiner Frau América am Ufer eines nahe gelegenen Flusses bewohnt. Der amerikanische Traum ist für die beiden seit ihrer Einreise über die grüne Grenze, durch den „Tortilla Curtain“, noch nicht in Erfüllung gegangen und Cándido ernährt die beiden nur mühsam mit Gelegenheitsjobs. An eine richtige Wohnung ist nicht zu denken, doch das muss sich bald ändern, denn América ist schwanger.

Delaney und seine Familie in der schicken Wohnsiedlung Arroyo Blanco plagen ganz andere Sorgen. Die Nachbarn berichten von Einbrüchen und Vandalismus, ein Tor soll die Siedlung nun vor Unbefugten schützen, dann gleich eine ganze Mauer. Delaney ist dagegen. Er will nicht hinter einer Mauer leben und findet auch nicht, dass die Bedrohung „von außen“ so groß ist. Doch dann tötet ein Kojote seinen Hund, an einem Haus tauchen beleidigende Schmierereien auf und im Canyon hinterlassen die illegal Campierenden unschönen Müll. Nach und nach wachsen Zweifel in ihm: sind die Mexikaner doch nicht so harmlos, wie er immer dachte?

„No offense, but it’s beginning to look like fucking Guadalajara or something down there.“

Boyle gelingt es hervorragend, die in der Siedlung vorherrschende vorgebliche Toleranz einzufangen. Man hat ja im Grunde gar nichts gegen Mexikaner. Aber dass sie auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt herumlungern und auf Arbeit warten, geht dann doch zu weit. Dennoch haben die wenigsten ein Problem damit, eben diese Mexikaner für ein paar Dollar die Stunde im Garten arbeiten zu lassen. Schließlich arbeiten sie hart und klagen nicht. Zahlen aber auch keine Steuern! Während am Anfang die meisten Bewohner noch strikt gegen ein Tor oder gar eine Mauer um die Siedlung sind, braucht es nur ein paar kleine Vorfälle, von den Befürwortern geschickt aufgebauscht, um die Stimmung zum Kippen zu bringen. Am Ende traut sich kaum noch jemand, gegen die Mauer zu sein, denn ihre Verfechter haben sich schnell auf die moralisch sichere Seite gebracht. Wer die Mauer nicht will, wünscht seinen Nachbarn Einbruch, Mord und stetige Angst. Diesen Stimmungsumschwung in der Siedlung stellt Boyle sehr treffend und mit schöner Ironie dar.

So gut getroffen und packend diese Entwicklung ist, so schleppend fand ich den Einstieg in den Roman. In der ersten Hälfte entwickelt sich der Konflikt in Arroyo Blanco nur schleppend und der Fokus der Erzählung ist bei Cándido und América. Und bei den beiden passiert in dieser Zeit nicht sehr viel. Der Alltag ist vom immer gleichen verzweifelten Kampf um ein paar Dollars, ein bisschen Essen im Topf geprägt. Das kann in dieser Geschichte auch anders gar nicht sein, dennoch habe ich das Lesen in diesen Abschnitten ein wenig mühsam gefunden, weil einfach so gar nichts neues passiert. Aber in der zweiten Hälfte nimmt der Roman dann Fahrt auf – sehr zu Cándidos Nachteil, der dadurch nur in noch schnellerer Folge von noch schwereren Unglücken getroffen wird.

Insgesamt ist Boyle mit Tortilla Curtain ein smarter, bissiger, ironischer und größtenteils sehr unterhaltsamer Roman gelungen, der exakt so statt 1997 auch 2017 hätte erscheinen können. Sicher mit ein Grund dafür, dass dieser Roman auch eine beliebte Schullektüre ist.


T. C. Boyle: Tortilla Curtain. Bloomsbury 1997. 355 Seiten. Erstausgabe Viking Press 1995. 1998 in deutscher Übersetzung von Werner Richter unter dem Titel América erschienen, derzeit lieferbar bei dtv.

Das Zitat stammt von S. 192

Matt Ruff: Lovecraft Country

H.P. Lovecraft ist heute vor allem als genreprägender Autor von Horroliteratur bekannt. Besonders sein Cthulhu-Mythos hat Kultstatus erlangt, aber auch die Erforschung geheimen Wissens ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Ebenso wie Rassismus – wenn Lovecrafts Verteidiger auch betonen, dass dieser eher kulturell als hardline biologisch determiniert gewesen sei, sind einige seiner Äußerungen halt schon hart. Der Begriff „Lovecraft Country“ bezeichnet ein Gebiet in Massachusetts, bestehend aus realen und fiktiven Orten, in denen Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos ansiedelte und in dem auch die meisten darauf aufbauenden Werke anderer AutorInnen spielen.

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In dieses Gebiet verschlägt es nun Atticus, seinen Onkel George und seine Freundin Letitia. Die drei sind auf wichtiger Mission, denn sie suchen Atticus Vater Montrose, der auf der Suche nach familiären Verbindungen einem geheimnisvollen Fremden in diese Gegend gefolgt sein soll. Die Reise ist für die drei besonders gefährlich, denn sie sind schwarz und die Geschichte spielt in den 1950ern, als die Jim Crow Laws noch in voller Blüte standen. Schwarze dürfen nicht in allen Hotels übernachten, werden in kaum einem Restaurant bedient und eine simple Reifenpanne kann ein großes Problem werden, wenn weit und breit keine Werkstatt bereit ist zu helfen. Immerhin ist mit George eine gewisse Expertise an Bord. Er ist der Herausgeber eines Reiseführers mit sicheren Adressen für Schwarze, dem Safe Negro Travel Guide – erschreckenderweise musste es dieses Buch tatsächlich bis in 1960er geben, allerdings unter dem Titel The Negro Motorist Green Book. Doch trotz seines Wissens gerät die Reise zu einem höchst gefährlichen Roadtrip und nur mit Müh und Not schaffen sie es in das abgelegene Dorf, in dem sie Montrose vermuten. Doch das ist erst der Anfang. Denn kaum ausgestiegen finden sie sich in den Fängen eines rassistischen Geheimordens, der in Atticus den Hüter magischer Fähigkeiten vermutet. Plötzlich ist die ganze Familie verwickelt in eine uralte, hochkomplexe und noch dazu sehr riskante Logen-Fehde.

„Egal, was sie dir antun, hinterher ist es, als wäre nichts geschehen. Du sollst einfach bloß dankbar sein, dass du überhaupt noch am Leben bist.“

Die Idee, Lovecrafts Mythen mit dem Rassismus in den USA zur Zeit der Jim Crow Laws zu verbinden, fand ich großartig. Gerade zu Beginn des Romans wird auch oft thematisiert, wie sehr besonders Science Fiction, Horror und angrenzende Genres von rassistischen Stereotypen geprägt sind und wie sehr das Atticus als gerne lesenden schwarzen Jungen betroffen hat. Auch die Auswirkungen der Jim Crow Laws auf sehr alltägliche Situationen im Leben der schwarzen Bevölkerung ist enorm und erschreckend. Immer wieder erzählen Charaktere im Buch wahre Horrorstorys über Gewalt im Alltag bis hin zu organisierten Angriffen und Mord. Es steht zu befürchten, dass Ruff sich nichts davon ausdenken musste. Leider schafft er es nicht, dieses packende und solide Grundgerüst adäquat zu füllen. Möglicherweise ist alles in bester Lovecraft-Manier und ich kenne Lovecraft einfach nicht genug, um das zu würdigen. In jedem Fall auf Lovecrafts Konto aber gehen die Geheimlogen, die Spukgeschichten und die Tore in fremde Welten. Einige dieser Handlungsstränge fand ich aber insgesamt recht verworren, voll abrupter Brüche und nicht immer schlüssig.

Hinzu kommt, aber das kann man Ruff nicht anlasten, eine Übersetzung, die in weiten Teilen sperrig, oft unelegant und manchmal auch wirklich unpräzise ist. Wenn eine Schachtel Nudeln scheppernd zu Boden fällt, passt das Bild halt nicht. Was soll denn da scheppern, bitte? Und wenn jemand mit einem Rupfensack auf dem Kopf in ein Haus einsteigt, wird die Spannung dadurch ruiniert, dass ich erst 15 Minuten recherchieren muss, was ein Rupfensack ist und dann bei twitter fragen muss, wer das Wort kennt um auszuschließen, dass ich der einzige Depp bin, der nicht weiß, was ein Rupfensack ist. Für alle, die es auch nicht wussten: Rupfen bezeichnet ein leinwandbindiges Gewebe aus Jute oder Flachs und spielt im weiteren Verlauf der Handlung keine Rolle mehr. Der englische Begriff „burlap sack“ für diese Art Sack ist hingegen sehr verbreitet und bekannt und die Übersetzung ist also fachlich völlig korrekt, aber eben auch nicht sehr elegant. Das waren jetzt zwei Beispiele, die mir in Erinnerung geblieben sind, aber bis auf einige Szenen ist die Übersetzung den ganzen Text über schwerfällig, stolpert und holpert sich so hindurch. Das ist schade, weil ich glaube, dass der Roman dadurch einiges verliert. Ob die Action-Szenen ihre unfassbare Steifheit nun aber der Originalfassung oder der Übersetzung zu verdanken haben, weiß ich nicht, allerdings hab ich selten so wenig mitreißende Prügeleien gelesen.

Mein Gesamteindruck des Romans ist dann auch ein durchwachsener. Die Idee hatte viel Potenzial, die Handlung kommt aber nicht so richtig hoch. Auch Ruffs Darstellung rassistischer Diskriminierungen ist durchaus ambitioniert, wirkt manchmal aber auch etwas unstimmig. Das dürfte zumindest mit daran liegen, dass er diese Erfahrungen selbst nicht machen musste. Der Roman ist voll von guten Ansätzen und Ideen, die meisten davon schaffen es aber einfach nicht, dem dunklen Schatten zu entkommen, der sich bedrohlich durch die Wälder von Lovecraft Country wälzt. Was schade ist, sie haben am Ende sehr gefehlt.


Matt Ruff: Lovecraft Country. Hanser 2018. Derzeit lieferbar als Hardcover (432 S.) und eBook. Übersetzt von Anna und Wolf Heinrich Leube. Originalausgabe unter dem Titel Lovecraft Country erschienen 2016 bei Harper Collins.

Das Zitat stammt von S. 96/331 der eBook-Fassung.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Ellen Feldman: Scottsboro

1931 befinden sich Victoria Price und Ruby Bates auf dem Heimweg von Chattanooga. Sie reisen mit einem Frachtzug, in dem sie gar nicht sein dürften, denn sie haben die Staatsgrenze in „unmoralischer Absicht“ passiert – beide verdienen ihr Geld gelegentlich mit Prostitution. Mit an Bord sind etliche Jugendliche und junge Erwachsene, Weiße und Schwarze. Zwischen den beiden Gruppen bricht über eine Kleinigkeit ein Kampf aus, der schnell eskaliert. Der Zug hält mitten im Nirgendwo in der Nähe von Paint Rock und ein wütender Mob, bewaffnet mit Gewehren und Stöcken, will den Schwarzen zeigen, wer hier das Sagen hat. Schnell entdecken die selbsternannten Ordnungshüter die beiden Mädchen und werden misstrauisch.

ScottsboroBoys
Die Scottsboro-Boys mit ihrem Verteidiger im Wiederaufnahmeverfahren, Samuel Leibowitz. Urheber unbekannt.

Um von ihren eigenen Vergehen abzulenken, behauptet Victoria, die Schwarzen hätten sie vergewaltigt. Eine medizinische Untersuchung kann diese Behauptung nicht stützen. Im Gefängnis identifizieren die Mädchen dennoch Clarence Norris, Charlie Weems, Roy Wright, Andy Wright, Ozie Powell, Willie Roberson, Eugene Williams und Olen Montgomery als Täter. Der jüngste unter ihnen ist 13 Jahre alt, die anderen zwischen 16 und 19. Alle werden zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Ruby sagt später aus, dass die Vergewaltigungen erfunden waren, Victoria bleibt bei ihrer Anschuldigung. Es schließt sich ein Rechtsstreit an, der sich über Jahre hinzieht. Zeugen werden gehört und wieder gehört, widersprechen sich selbst und anderen. Es wird festgelegt, dass der Staat Alabama auch Schwarze in der Jury zulassen muss und alle Fälle unter diesen Bedingungen neu verhandelt werden müssen. Die Medien reißen sich um den Fall, zwischen dem Norden und dem Süden der USA läuft ein tiefer Graben des Rassismus.

Für eine New Yorker Zeitung berichtet Alice Whittier über den Fall. Tatsächlich existiert hat sie nicht, im Gegensatz zu einem Großteil des übrigen Roman-Personals. In Feldmans Roman wird sie zur Vertrauten von Ruby Bates. Sie besucht sie in ihrem ärmlichen Haus, sucht das Gespräch mit ihr und kann das eingeschüchterte Mädchen dazu bringen, Vertrauen zu ihr zu fassen. Sie ist es auch, die zuerst erfährt, dass Ruby nicht vergewaltigt worden ist, sondern nur aus Angst ausgesagt hat. Für Alice steht fest, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun muss, um die zu Unrecht angeklagten Jungen vor der Todesstrafe zu bewahren. Im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten, die über den Fall berichten und sich dabei vor allem für die harten Fakten interessieren, macht Alice es sich zum Ziel, die Hintergründe der Mädchen zu erforschen. Sie will wissen, ob die beiden wirklich leichtfertig, nur um einer Strafe zu entgehen, das Leben von neun Jungen aufs Spiel setzen. Es wird eine Gratwanderung zwischen moralischer Überzeugung und der Aussicht auf ein einmalige Chance in ihrer noch jungen Karriere.

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Attica Locke: Black Water Rising

Jay Porter arbeitet recht erfolglos als Anwalt in Houston. Die Fälle, die er bearbeitet, sind wenig aufregend und nur leidlich lukrativ. Die Tatsache, dass seine Frau Bernie sehr bald ein Kind erwartet, erleichtert seine finanzielle Situation nun nicht. Eine Fahrt auf dem Buffalo Bayou, dem bescheidenen Fluss, der sich durch Houston schlängelt, soll ein ganz besonderes und romantisches Geschenk von Jay zum Geburtstag seiner Frau sein. Doch plötzlich hören sie Schreie am Ufer. Es fallen Schüsse, ein Körper stürzt in den Fluss. Trotz großer Bedenken fasst Jay sich schließlich ein Herz und rettet eine verstörte Frau aus dem Wasser, mehr tot als lebendig. Seine Erfahrung lehrt ihn, dass es ihm als schwarzen Mann in Houston nichts als Ärger einbringt, wenn er mitten in der Nacht mit einer völlig durchnässten weißen Frau angetroffen wird. Also lädt er die Unbekannte vor der nächsten Polizeistation ab und hakt die ganze Geschichte ab. Bis er ein paar Tage später aus der Zeitung erfährt, dass die Sache vielleicht anders steht, als er glaubt. Plötzlich geht es um nicht weniger als sein Leben und das seiner Frau.

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Monique Roffey: The White Woman on the Green Bicycle

1956 kommen Sabine und George Harwood als jungvermähltes Ehepaar aus England nach Trinidad. Drei Jahre soll George in der dortigen Zweigstelle seines Unternehmens arbeiten, danach wollen sie wieder zurück nach England gehen. George ist begeistert von der neuen Heimat auf Zeit, liest alles über die Insel, liebt ihre Geräusche und Gerüche. Sabine ist verzweifelt. Als sie Trinidad das erste Mal sieht, noch bevor das Schiff überhaupt anlegt, hasst sie die Hitze und die wuselige Geschäftigkeit im Hafen. Während die Leinen festgemacht werden, versteckt sie sich in der Kabine und fleht die Jungfrau Maria um Hilfe an. Doch sie will sich tapferer zeigen als die anderen verhätschelten Expat-Gattinnen und nicht nur jammern. Die drei Jahre werden wohl auszuhalten sein. Dass sie weit länger bleiben wird, ahnt sie da noch nicht.

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Die Zeit, in der die Harwoods nach Trinidad kommen, ist denkbar ungünstig. Große Teile der Inselbevölkerung haben nun nicht gerade auf noch mehr Briten gewartet. Eric Williams ist der neue Stern am politischen Himmel, seinen Reden auf dem zentralen Woodford Square lauschen tausende begeisterte Anhänger. Mit den Worten „Massa day done“ fordert er den Abzug der weißen Ausländer, die erst mit Sklavenhaltung und nun mit einseitigen Machtstrukturen schon viel zu lange die Bevölkerung Trinidads unterdrücken. Sabine sieht sich mehr und mehr offenen Anfeindungen ausgesetzt, sie traut sich kaum noch in die Öffentlichkeit und erlebt ihr Dasein auf Trinidad als Zustand permanenter Bedrohung. Ihre wiederholte Bitte, die Insel endlich zu verlassen, nimmt George nicht ernst. Alleine traut Sabine sich aber auch nicht zurück nach England.

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Annie Proulx: Accordion Crimes

Im späten 19. Jahrhundert baut ein Akkordeonbauer, einer der besten im Land, auf Sizilien ein grünes Akkordeon. Er lebt mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen und die schwärmerischen Briefe eines ausgewanderten Cousins lassen ihn in immer mehr von einem besseren Leben in „La Merica“ träumen. Schließlich wagt er den Versuch, mit Sohn und grünem Akkordeon die große Reise anzutreten. Seine Frau soll später nachreisen, doch dazu kommt es nicht mehr. Nach nur wenigen Monaten in New Orleans wird er von einem (historisch verbrieften) Lynch-Mob ermordet.

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Sein Akkordeon, das die Grundlage seines neues Lebens werden sollte, macht sich ohne ihn auf die Reise und durchquert diverse Trödelläden, ein ganzes Jahrhundert und fast die kompletten USA. Dabei gerät es immer in die Hände von Einwanderern oder deren Nachkommen. Deutsche, Iren, Kanadier, Polen, Mexikaner – sie alle können mit diesem Instrument etwas anfangen. Dass die Besitzer oft ein schweres bis tödliches Schicksal ereilt, kann man dem Akkordeon kaum anlasten. Denn die meisten der porträtierten Einwanderer haben auch vor der Begegnung mit dem Instrument alles andere als ein leichtes Leben und schlagen sich geradeso durch. Es sind die „huddled masses yearning to breathe free“, die tatsächlich ihren Weg ins Land gefunden haben und den amerikanischen Traum längst ad acta gelegt haben.

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Shakespeare: The Tempest – Margaret Atwood: Hag-Seed

1611 fertiggestellt und uraufgeführt ist „Der Sturm“ das letzte Stück, das Shakespeare vor seinem Tod fertigstellte. Es wird im allgemeinen zu seinen Romanzen gezählt. Was passiert, ist das:

The Tempest

In der ersten Szene erleidet Alonso, der König von Neapel, Schiffbruch durch einen plötzlich aufziehenden Sturm. Schuld daran ist Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand, der vor 12 Jahren seinerseits durch eine Intrige seines Bruders auf einem entlegenen Eiland strandete, wo er seitdem mit seiner Tochter Miranda lebt. Prospero hat den Luftgeist Ariel dazu gebracht, einen Sturm aufziehen zu lassen. Und warum? Rache. König Alonso hat nämlich Prosperos fiesen Bruder Antonio dabei unterstützt, Prospero auszuschalten und seinerseits Herzog von Mailand zu werden. Zusammen mit Miranda und Prospero lebt noch Caliban auf der Insel, der missgestaltete Sohn einer Hexe, den Prospero zu seinem Sklaven gemacht hat. Prospero verfügt über magische Kräfte und kann Geister beschwören, vor allem eben den bereits erwähnten Ariel.

Mit an Bord des Schiffes war neben einer Menge Gefolge auch Alonsos Sohn Ferdinand. Der wird beim Schiffbruch vom Rest getrennt, stolpert orientierungslos über die Insel, trifft auf die schöne Miranda und macht ihr keine zehn Zeilen später einen Heiratsantrag. Auch Miranda ist hin und weg; nachdem sie ihre ersten 16 Jahre mit Vater und deformiertem Sklaven verbracht hat, erscheint Ferdinand ihr schön wie ein Engel. Allerdings wird es noch zwei Szenen dauern, bis die Verlobung wirklich stattfindet, man will ja nichts überstürzen. In dieser Szene aber, kurz vor dem Eintreffen Ferdinands, bezeichnet Prospero Caliban als „hag-seed“, falls sich jemand fragt, woher Atwood den Titel hat.

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