Heinz Strunk: Jürgen

Letztes Jahr hatte Heinz Strunk es mit Der goldene Handschuh in die Liga der als ernsthaft betrachteten Literatur geschafft. Sein Roman über Fritz Honka wurde als spannendes Psychogramm gefeiert.

Strunk_Juergen

Mit Jürgen geht es nun wieder in eine ganz andere Richtung. Der gleichnamige Protagonist hat es nicht so ganz leicht im Leben. Seine pflegebedürftige Mutter ist mit in seine bescheidene Mietwohnung gezogen, sein Job als Parkhausaufsicht ist auch nicht gerade erfüllend und sein einziger Freund ist der ewig schlecht gelaunte Bernd, der seit einer Nervenerkrankung vor 15 Jahren im Rollstuhl sitzt. Nicht die besten Voraussetzungen für die Liebe, und so scheitert Jürgen dann auch auf ganzer Linie. Und das, obwohl er jeden Flirtratgeber kennt und alles weiß über Anquatschtaktiken, Eisbrecher und Körpersprache. In der Praxis bringt das alles wenig und nach einem katastrophalen Speeddating beschließen er und Kumpel Bernd, es mit einer Agentur zu versuchen, die Kontakte zu einsamen, schönen Frauen in Polen vermittelt. Von der Reise nach Breslau versprechen die beiden sich die ganz große Liebe.

„Körbe sind zwar unsichtbar, aber sehr schmerzhaft.“

Der Roman ist ziemlich kurz und liest sich sehr schnell, es passiert aber auch nicht so richtig was. Jürgen dümpelt halt so vor sich hin, zitiert Kalendersprüche und isst abends mit Bernd im Stammlokal Kamin 21, in dessen Kamin nie ein Feuer brennt. Zwischendrin gibt es mindestens eine Episode, für die Strunk halt noch die Gags in der Schublade hatte. Auf der Fahrt nach Breslau wird Jürgen plötzlich von mysteriösen und sehr starken Schmerzen heimgesucht – die anschließende Diagnostik kennt man größtenteils schon aus Die Zunge Europas.

Jürgen und Bernd führen ein Leben knapp unter Durchschnitt und am Rande der Traurigkeit. Es reicht nicht für’s Eigenheim und die Karriere verläuft auch eher auf dem Standstreifen, das private Glück bleibt aus. Große Ambitionen haben beide nicht, und warum sollten sie auch. Dafür ist weder in ihren Leben noch auf den 250 Seiten Platz. Das führt aber eben auch dazu, dass die Geschichte ziemlich auf der Stelle tritt und auch die Reise nach Polen nichts neues mehr erzählt. Wer den Fehler gemacht hat, mal bei „Jungfrau sucht die große Liebe“ reinzugucken, kennt das alles schon (wer es noch nicht getan hat, lässt es bitte auch bleiben). Das Ende kommt plötzlich, aber ebenfalls ohne Überraschungen.

Und damit bleibt das hier meine kürzeste Besprechung bisher, denn mehr gibt es schlicht nicht zu sagen. Ich habe das Buch an einem Nachmittag gelesen, es hat mich nicht geärgert, es hat mich aber auch nur mäßig unterhalten. Weniger ernsthaft als Der goldene Handschuh, weniger witzig als Fleisch ist mein Gemüse. Vielleicht ist der Roman was für große Strunk-Fans, der Rest verpasst eher nichts.


Heinz Strunk: Jürgen. Rowohlt 2017. 256 Seiten, € 19,95. Gelesen als eBook, in meiner Version mit 200 Seiten.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Das Zitat stammt von S. 11.

Joanna Bator: Dunkel, fast Nacht

dunkelfastnacht„So eine Art Schauerroman. Schloss Fürstenstein, Fürstin Daisy und andere Wałbrzycher Geschichten. Ein Teil spielt in der Kriegszeit, aber das meiste heute. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart.“

Ich hatte es ja schon befürchtet – meine Erwatungshaltung gegenüber Bators neuem Roman war fast unerreichbar hoch, nachdem ich Sandberg und Wolkenfern so geliebt hatte. Wie auch ihre anderen Romane spielt Dunkel, fast Nacht im polnischen Wałbrzych, rund 60 Kilometer von Wrocław gelegen. Wałbrzych hieß mal Waldenburg und die bewegte deutsch-polnische Vergangenheit sitzt der Stadt und ihren Einwohnern noch immer in den Knochen.

Alicja Tabor ist dort aufgewachsen, lebt aber seit Jahren als Journalistin in Warschau. Nach Wałbrzych zieht sie nichts mehr, ihre Eltern und ihre Schwester sind schon vor Jahren gestorben und ihr bleibt dort nichts als ein verfallendes Haus. Dorthin kehrt sie nun aber im Auftrag ihrer Zeitung zurück, denn drei Kinder sind spurlos verschwunden und sie soll mit den Angehörigen sprechen. Sobald sie in das Haus zurückkehrt, finden die Geister ihrer Kindheit sie wieder. Ihr Vater war Historiker und davon besessen, in Schloss Fürstenstein mit seinem riesigen, unterirdischen Gängesystem einen sagenumwobenen Schatz zu finden. Ihre Schwester Ewa, jung verstorben, glaubte an den Geist der letzten Fürstin Daisy, die ihr Lichtsignale aus dem Schloss sendet. Und durch den Boden des Badezimmers hört man nachts die Geister der Juden klopfen, die in Groß-Rosen ermordert wurden. Aber auch die erwachsene Alicja sieht sich Bedrohungen ausgesetzt. Jemand versteckt sich nachts in ihrem Garten und erhängt wenig subtil eine Katze im Apfelbaum.

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