Helmut Zander: Rudolf Steiner: Die Biografie

Ob man Rudolf Steiner nun kennt und mag oder nicht – man begegnet ihm eben. Und dazu muss man nicht mal seinen Namen tanzen können, um mal den ältesten aller Waldorf-Witze zu bemühen. Neben der berühmten Pädagogik stehen auch Demeter, Weleda und Voelkel in anthroposophischer Tradition. Meine Weleda-Sanddorn-Handcreme war ja komisch klebrig –  Grund genug, sich diesen Mann mal genauer anzugucken*.

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Die Biografie ist kein ganz bescheidener Untertitel, schon gar nicht, wenn es um jemanden wie Rudolf Steiner geht. Denn wie auch der Autor an mehreren Stellen anmerkt, ist es an vielen Stellen Steiners Lebens kaum möglich, auch nur halbwegs sichere Fakten zu rekonstruieren. Schon beim Geburtsdatum widersprechen sich die Quellen, auch die aus Steiners eigener Hand. Sicher ist, dass er im Kaisertum Österreich geboren wurde, in einer Stadt, die heute zu Kroatien zählt. Im damaligen Vielvölkerstaat war Familie Steiner deutschnational eingestellt, was natürlich auch Rudolf Steiner beeinflusste. Bereits zu seinen Lebzeiten und bis heute werden ihm Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Wenn man sich einige seiner Schriften ansieht, auch zurecht.

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Joseph Roth: Radetzkymarsch

Wer will, kann sich hier erstmal die passende musikalische Untermalung anmachen:

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„Ich verstehe nicht! Wie sollte die Monarchie nicht mehr dasein?“

Diesen Sommer habe ich es endlich geschafft den lange geschmiedeten Reiseplan umzusetzen, wenigstens drei Städte des ehemaligen Österreich-Ungarns in einer Tour zu besuchen und war in Prag, Budapest und Wien. Bei so einer Reise muss natürlich Joseph Roth mit, der ewige k.u.k.-Nostalgiker  und nach langem Abwägen wurde es Radetzkymarsch. Zum Glück, denn es ist ein ganz großartiges Buch!

Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie, die als bäuerliche Sippe aus dem äußersten Osten des Kaiserreiches beginnt und in höchsten militärischen Kreisen endet. Den Grundstein dafür legt Joseph Trotta, der in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben rettet und zum Dank in den Adelsstand erhoben wird. Stolz dient er Franz Joseph, bis er zu seinem Entsetzen entdecken muss, dass er, der Held von Solferino, in einem Schullesebuch als Angehöriger der Kavallerie dargestellt wird. Als nicht einmal der Kaiser persönlich gegen diese historische Ungenauigkeit vorgehen will, verlässt er enttäuscht die Armee und verbietet seinem Sohn Franz, etwas anderes als die Verwaltungslaufbahn einzuschlagen. Erst der Enkel Carl Joseph geht wieder zum Militär, erst zu den Ulanen, später, nach einem unschönen Zwischenfall, lässt er sich an die östliche Grenze versetzen, zu den Ursprüngen seiner Urväter, träumt von einem bäuerlichen Leben hinter dem Pflug.

Das Schicksal der Familie Trotta hängt von Anfang an am Kaiser. Durch die Güte des Monarchen wurde aus den armen Bauern eine respektable Familie, die es sich im Bürgertum gemütlich gemacht hat und der es, wenn sie auch nicht zu großem Reichtum gelangt, doch an nichts mangelt. Nur an Zuneigungsbezeugungen fehlt es in dieser Familie, in der Ehre, Anstand und Ehrgeiz zu den obersten Maximen gehören. Als der Stern des Kaisers zu sinken beginnt, die gegnerischen Kräfte im Reich und die Feinde im Ausland stärker und drohender werden, verlässt auch die Familie Trotta das Glück. Carl Jospeh fühlt sich im Militär zunehmend unwohl und gerät durch seine Unsicherheit immer wieder in unglückliche Situationen, sei es in der Liebe oder im Casino, aus denen am Ende sogar der Kaiser selbst ihn retten muss.

franzjosephAn einem frühen Punkt des Romans schon wird klar: die Familie Trotta kann das Kaiserreich nicht überleben. Durch diese Abhängigkeit der Familie vom Monarchen und dem häufigen Hinweis darauf, wie sehr Bezirkshauptmann Joseph Trotta seiner Majestät ähnelt, erinnert der Roman an Heinrich Manns Untertan, wenn auch die Liebe und Aufopferung für den Herrscher weitaus weniger lächerlich dargestellt wird. Vielmehr ist es eine Selbstverständlichkeit. Denn wie sollte eine Welt existieren, in der es kein Österreich-Ungarn gibt? Was sollte denn die Alternative sein? Dieser Gedanke ist, speziell für den alten Trotta (und Joseph Roth), schlicht unfassbar. Eisern erfüllt er seine Pflicht als Untertan des Kaisers, folgt seiner Routine, bekämpft die Sokoln in seinem Bezirk und verstößt niemals gegen eine seiner selbst auferlegten Regeln. Natürlich weiß man als Leser, dass am Ende all dessen nur der Erste Weltkrieg kommen kann.

Radetzkymarsch ist ein erfreulich unsperriger Klassiker. Joseph Roth schreibt präzise und packend, ist witzig, traurig, dramatisch und melancholisch, weil man schon weiß, dass alles auf den Untergang zusteuert. Die Figuren sind scharf gezeichnet, halten den Leser aber auf Distanz. Dennoch gibt es einige Szenen, die einem angesichts der Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit aller Beteiligten das Herz zerreißen. Uneingeschränkte Leseempfehlung!


Joseph Roth: Radetzkymarsch. Gelesen in der Ausgabe Fischer 2015. 385 Seiten, € 9.-. Erstausgabe Kiepenheuer 1932.

Sounddatei: Der Radetzky-Marsch wird gespielt von der United States Marine Band, dirigiert von Col. John R. Bourgeois. http://www.marineband.marines.mil/AudioResources/EducationalSeries/SoundOff.aspx