Ein gefährlicher Gast – „Carmilla, die Vampirin“ von Sheridan Le Fanu

Die junge und schöne Halbwaisin Laura lebt mit ihrem Vater und etlichen Bediensteten fürstlich aber abgelegen in der Steiermark. Als Kind hatte das junge Mädchen ein schreckliches Erlebnis: in einer Nacht kam eine Frau in ihr Zimmer, biss sie in die Brust und verschwand gleich darauf wieder. Ein Albtraum, so versucht ihre Amme sie zu beruhigen. Aber steckt da wirklich nicht mehr dahinter?

Zwölf Jahre nach diesem mysteriösen Erlebnis häufen sich seltsame Zwischenfälle in der Gegend. Ein Freund des Vaters verliert seine junge Tochter an eine nicht näher benannte Krankheit. In mehreren Familien werden junge Frauen krank und siechen binnen weniger Tage dahin. Und plötzlich verunfallt eine adlige Familie quasi direkt vor Lauras Haustür. Einer schönen Frau und ihrer schönen Tochter (die Menge der schönen Frauen in diesem Roman ist enorm) gehen die Pferde durch und die Tochter verliert das schöne Bewusstsein. Die Mutter ist ganz aufgelöst, sie ist auf lebenswichtiger Mission! Auch nur eine Stunde Verzögerung bringt alles in Gefahr! Lauras Vater lässt sich hinreißen, die Tochter bei sich aufzunehmen, bis ihre Mutter in wenigen Wochen ihre Mission beendet haben wird.

Ein fataler Fehler, denn Carmilla ist, das wissen wir schon aus dem Titel des Buchs, eine waschechte Vampirin. Laura erkennt in ihr sofort die mysteriöse Frau, die sie vor zwölf Jahren schon heimgesucht hat. Faszinierend, sagt Carmilla, auch sie erinnert sich, in dieser Zeit von Laura geträumt zu haben. Die beiden werden sofort engste Freundinnen, auch wenn Carmilla sich manchmal komisch verhält. Als sie religiöse Hymnen hört, fängt sie an zu schreien und läuft ganz blau an. Auch scheint sie nachts im Schlaf herumzuwandeln, denn anders lässt es sich kaum erklären, dass ihr Bett nachts oft leer ist und sie anderntags nicht mehr weiß, wo sie war.

Aber erst, als es Laura immer schlechter geht und sie von merkwüridgen Albträumen heimgesucht wird, wird der Vater misstrauisch. Erst fragt er einen Arzt, dann einen Pfarrer. Und das Ergebnis, zu dem beide kommen, lässt natürlich gar keine Zweifel übrig: Der niederträchtigen Blutsaugerin muss endlich das Handwerk gelegt werden!

„Sie fesselte und faszinierte mich, sie war so schön und von so einnehmendem Wesen.“

Carmilla ist eine der erste Vampir-Geschichten überhaupt und erschien noch lange vor dem weit berühmteren Dracula. Natürlich ist sie auch viel schöner und begehrenswerter als ihre männlichen Nachfolger. Die erotischen Schwingungen zwischen Laura und Carmilla kann man kaum überlesen, auch wenn es vor allem von Carmilla in Richtung Laura schwingt. Letztere ist mit ihren neuartigen Gefühlen gegenüber der rätselhaften Schönen noch etwas überfordert. Aber eine richtige Liebe ist es natürlich nicht, erklärt der Arzt am Ende: Vampirinnen verhalten sich gegenüber ihren Opfern nur so, dass man es für Liebe halten könnte. Eigentlich begehren sie aber nur das Blut der jungen Frauen. Aber das macht gar nichts, Carmilla oder Millarca oder Mircalla – unter all diesen Namen tritt die Schönheit auf – wurde zum Prototyp der manchmal lesbischen, immer aber erotischen Vampirin. Als echter Horror-Schocker geht die Novelle heute natürlich nicht mehr durch. Trotz meiner lächerlich geringe Grusel-Toleranz hat dieser Roman mir keine schlaflosen Nächte beschert. Für Vampir-Fans ist dieser Prototyp des Genres sicher ein Muss, für alle anderen zumindest eine kurzweilige und angenehm altmodische Lektüre.


Sheridan Le Fanu: Carmilla, die Vampirin. Übersetzt von Helmut Degner. Diogenes 2011, 128 Seiten. Die Novelle wurde 1872 verfasst und erschien erstmals in In a Glass Darkly, einer Erzählungssammlung des Autors.

Das Zitat stammt von S. 33.

Julia Blackburn: The Book of Colour

Julia Blackburn war bereits als Sachbuchautorin bekannt, als sie diesen Roman veröffentlichte. The Book of Colour bleibt allerdings mit 180 Seiten und Erstleser-Schriftbild eher am unteren Rand dessen, was man noch als Roman durchwinken kann, und vielleicht eher an der Novelle kratzt.

Sie erzählt darin die Geschichte einer Familie, die es vor Generationen auf die Seychellen-Insel Praslin verschlagen hat. Der Urgroßvater der Erzählerin/des Erzählers (deutlich wird das nicht) arbeitete dort als Missionar und hat es sich zum Ziel gemacht, die „Hurerei“ auszurotten. Er selbst verstößt gegen alle guten Sitten, indem er eine Frau heiratet, in deren Familie „schwarzes Blut“ fließt – nach den kruden Ideen von Rasse dieser Zeit also beinahe jede Familie. Nun leidet er unter der dunklen Haut des gemeinsamen Sohnes und betupft sein Gesicht jede Nacht mit Peroxid in der verzweifelten Hoffnung, ihn ein kleines wenig heller zu machen.

„Blackness cannot be turned into whiteness. The sinner cannot escape his sin.“

Weiterlesen