Essen aus Büchern: Groundnut Stew aus Teju Coles „Open City“

Ich fand Erdnuss in Essen immer wirklich keine gute Idee. Erdnüsse an sich sind super, aber nachdem vor 15 Jahren mein erstes Saté-Gericht leider furchtbar war, habe ich das nie wieder probiert. Zum Glück gibt es Essen aus Büchern, ich hätte echt was verpasst! Groundnut Stew ist nämlich der Hammer.

Groundnut Stew, ein Erdnusseintopf, ist ein in großen Teilen Westafrikas beliebtes Gericht. Ein „richtiges“ Rezept zu finden ist damit aussichtslos und das, was ich gemacht habe, ist ein Mashup aus den kleinsten gemeinsamen Nennern verschiedener Rezepte, die ich gefunden habe. Mit Hühnchen arbeiten eigentlich alle Rezepte, dazu können kommen Rindfleisch, Lammfleisch, (getrockneter) Fisch, Okra, Koriander und so weiter und so fort. Die Standardbeilage ist anscheinend Reis.

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Jami Attenberg: Saint Mazie

Attenberg_SaintMazie„Wenn ihr die Schönheit im Dreck nicht sehen könnt, dann tut ihr mir leid. Und wenn ihr nicht sehen könnt, warum die Straßen hier was Besonderes sind, dann geht doch nach Hause.“

Saint Mazie ist das Porträt von Mazie Phillips, der „Königin der Bowery“. In New York machte sie sich einen Namen, indem sie über Jahrzehnte den Obdachlosen der Lower East Side half, ihnen Geld gab, zu einem Schlafplatz verhalf oder, wenn nötig, den Krankenwagen rief.

Viel bekannt ist nicht über diese ungewöhnliche Heilige, die ihre Taten nicht als etwas sah, das außergewöhnlich gewesen wäre oder gar für die Nachwelt festgehalten werden müsste. Viel mehr als einen New Yorker-Artikel aus dem Jahr 1940 und einen Nachruf von 1964 findet man online nicht. Selbst ohne Kinder oder andere Familienmitglieder, die sie zu versorgen gehabt hätte, konnte sie das Geld ebenso gut denen geben, die es brauchten, so ihre Meinung.

Aus den wenigen bekannten und vielen fiktiven Fragmenten konstruiert Attenberg einen Roman, zusammengesetzt aus Tagebucheinträgen, die von 1907-1939 reichen, Bruchstücken einer Biographie und Gesprächen mit Menschen, die eine Erinnerung an Mazie oder die Familie Phillips haben.

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Teju Cole: Open City

tejucole_opencity„The walks met a need: they were a release from the tightly regulated mental environment of work, and once I discovered them as therapy, they became the normal thing, and I forgot what life had been like before I started walking.“

Julius lebt als Psychiater in New York. Es ist seine erste Berufserfahrung nach dem Studium und der durchgetaktete Klinikalltag, der Umgang mit den Patienten und ihre Probleme, die ihn manchmal auch nach Feierabend noch verfolgen, machen ihm zu schaffen, ebenso die Trennung von seiner Freundin. Die Therapie, die er für sich entdeckt, ist das Laufen. Kein sportliches Laufen sondern einfach Spaziergänge. Er lässt sich durch sein Viertel treiben, durch andere Teile New Yorks, den Central Park, an den Hudson. Gelegentlich besucht er seinen alten Professor Saito, der zurückgezogen in seiner Wohnung lebt und sich über den Austausch freut. Unterwegs beobachtet er die Menschen, die ihm begegnen und die Gebäude, an denen er vorbeikommt. Er berichtet über das, was er sieht und die Erinnerungen, die diese Begegnungen in ihm auslösen, an seine Studienjahre, an seine Kindheit in Nigeria. Letzteres verleitet ihn schließlich auch dazu, nach Brüssel zu reisen, die Stadt, in der seine Oma lebt oder lebte, seine deutschstämmige Großmutter mütterlicherseits. Es ist sehr lange her, dass er sie zuletzt gesehen hat, als sie seine Familie in Nigeria besuchte. Der diffuse Wunsch, ihr vielleicht zufällig zu begegnen, bringt ihn nach Belgien, wo er seinen gesamten Jahresurlaub verbringt. Auch hier schlendert er durch die Stadt, ohne jedoch seine Großmutter zu treffen, dafür aber einen Marokkaner, der ein Internetcafé betreibt und mit dem er über islamischen Extremismus spricht.

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Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten

wpid-20150920_105243-1.jpg„Am Ende ist jede Zelle unterwandert“

Rose Zimmer, geborene Angrush, ist stolze Herrscherin über die Sunnyside Gardens, ein kleines Viertel in New York, ein linkes Vorzeigeprojekt mit gemeinsam genutzten Gärten hinter den Häusern und gut organisierter Kinderbetreuung. Zumindest ist es das, als Rose und ihr Mann Albert ihre Wohnung 1939 beziehen. Nur wenige Jahre später wird der deutschstämmige Albert als Spion in die DDR beordert und Rose bleibt mit Tochter Miriam zurück. Mit zahlreichen Liebschaften tröstet sie sich über den Verlust hinweg und erzieht Miriam im Geiste ihrer kommunistischen Überzeugung. Politisch aktiv wird auch Miriam als Erwachsene, wendet sich allerdings eher der Hippie-  und New-Age-Bewegung zu.

Und so folgt man der Geschichte der Familie Angrush/Zimmer/Gogan über drei Generationen, von der engagierten, rekrutierenden, diskutierenden, starrköpfigen Rose über die protestierende, in Kommunen lebende, provozierende Miriam bis zu deren Sohn Sergius, der ein wenig verloren ist in dieser Welt, an der er gerne einiges ändern würde, wenn er denn wüsste, wie. Am Ende umfasst diese Familiensaga achtzig Jahre in denen viel passiert, in der Familie und außerhalb.

Man folgt dabei nicht nur den Biographien und Kämpfen der Familienmitglieder sondern auch der Entwicklung der linken Bewegungen Amerikas. Rose kämpft nicht nur für die Arbeiterbewegung, sondern auch für die Rechte von Schwarzen und Homosexuellen, eine Offenheit, die ihr eine Affäre und den Rausschmiss aus der kommunistischen Partei einbringt – „fick keine schwarzen Cops mehr“ ist der drastische Einstieg in den Roman. Tochter Miriam, ausgestattet mit allem Wissen über Geschichte und politische Theorie, das Rose ihr mitgeben konnte, findet ihre Bestimmung in den Studentenprotesten und der Frauenrechtsbewegung der 1970er. Sergius, Sohn aus der Ehe mit Protestsänger Tommy Gogan, strandet hingegen ein wenig zwischen Occupy, Tea Party und 99%.

Es erleichtert das Lesen ungemein, wenn man von all diesen Thematiken zumindest eine grobe Idee hat. Es hilft auch, wenn man sich ein Personendiagramm malt, diesen hilfreichen Hinweis hat mir eine Kollegin gegeben, die das Buch vor mir gelesen hat. Es kommen viele Personen vor, manche nur für kurze Zeit, manche 50 Seiten lang nicht. Das liegt auch an der Konstruktion des Romans – die Handlung springt zwischen allen Zeitebenen und allen Orten, von den 40ern in die 70er in die 00er-Jahre und wieder zurück, von der DDR nach New England, nach Manhattan. Es gibt Rückblenden und Vorausdeutungen, Briefe, Erzählungen und Protokolle und in alldem kann man leicht verloren gehen.

Aber es lohnt sich, einen Weg durch das Dickicht zu finden. Der Roman ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, wird trotz aller politischen Theorie nicht trocken und hat vor allem fantastische Charaktere, die keine Schablonen sind und glaubhafte Konflikte mit sich selbst, der übrigen Menschheit und nicht zuletzt ihren Idealen austragen. Trotz aller Komplexität der Thematik und Handlung ist der Roman extrem gut lesbar und zieht einen mühelos von Seite zu Seite und das auch noch mit ziemlich viel Humor.


Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Fischer 2015. 476 Seiten, € 11,99. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Deutsche Erstausgabe Tropen 2014. Originalausgabe: Dissident Garden. Doubleday 2013.