Sue Black: Alles, was bleibt

Sue Blacks Arbeit dürfte auf viele Menschen erstmal abschreckend und verstörend wirken: sie ist forensische Anthropologin. Wenn irgendwo eine nicht identifizierbare Leiche gefunden wird, ist es ihre Aufgabe, herauszufinden, wie dieser Mensch einmal hieß, wo er gelebt hat und ob es vielleicht noch eine Familie gibt, die in Ungewissheit lebt und der es helfen kann, die vermisste Person wenigstens ordentlich zu beerdigen.

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Black arbeitet dabei nicht nur in ihrer Heimat, dem schottischen Dundee, sondern gehört auch einem internationalen Team an, das gerufen wird, wenn es irgendwo auf der Welt eine Menge Leichen zu identifizieren gilt. So war sie beispielsweise nach dem Kosovokrieg damit betraut, Menschen zu identifizieren, die in Massengräbern verscharrt wurden. Als ein Tsunami die Asiens traf und mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen, tat ihr Team das möglichste, die Toten sicher zu identifizieren. Die Hinweise, welche die Toten dabei geben, sind sehr spannend und den meisten sicher unbekannt. Klar, Knochenlängen sagen etwas über die Größe des Menschen, Verknöcherungsgrade etwas über das Alter aus. Aber wer weiß denn schon, dass man irgendwo im Kopf eine winzige Höhle namens otische Kapsel hat, die sich beim ungeborenen Kind entwickelt, sich danach nie wieder verändert und für immer Rückschlüsse darauf zulässt, welcher Umgebung die schwangere Mutter zum Zeitpunkt des fraglichen Entwicklungsstadiums ausgesetzt war?

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T. C. Boyle: Die Terranauten

Die Biosphere 2 war ein gigantisches Experiment. Auf 1,5 Hektar sollte mitten in der Wüste von Arizona unter einer riesigen Kuppel ein Ökosystem entstehen, das für sich alleine funktionieren sollte. Das Projekt, das unter anderem von der NASA gefördert wurde, sollte ein erster Versuch sein, wie ein mögliches zukünftiges Leben abseits der Erde aussehen könnte. Der erste, 1991 gestartete Versuch, scheiterte kläglich. Die Sauerstoffkonzentration erwies sich als schwer kontrollierbar und eine der Terranautinnen verletzte sich so schwer, dass sie außerhalb behandelt werden musste. Diese Fehler sollen sich nicht wiederholen, als 1994 die zweite Gruppe die Luftschleuse durchschreitet.

Über diesen zweiten Einschluss hat T. C. Boyle nun einen Roman geschrieben. Vier Männer und vier Frauen sollen zwei Jahre hermetisch abgeriegelt in dieser kleinen Welt verbringen und von dem leben, was die Biosphäre ihnen bietet. Wenig Fisch, fast kein Fleisch, eine Menge Porridge. 1.500 Kalorien am Tag und viel harte Arbeit. Unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen scheinen Konflikte unausweichlich zu sein. Die Handlung orientiert sich allerdings nur sehr grob am tatsächlichen Verlauf des Experiments.

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Josef H. Reichholf: Ornis – Das Leben der Vögel

ornis„Die meisten Vögel können (viel) mehr, als wir wissen und ihnen zutrauen.“

Mein erstes Aufeinandertreffen mit ernsthaften Ornithologen war vor ungefähr fünf Jahren im niederländischen Fochtelooerveen, einem Moorgebiet, in dem es Kraniche gibt. Das war mir überhaupt nicht klar, als ich auf einem Aussichtsturm auf mindestens 20 Männer mit gigantischen Kameras und Fernrohren traf, die mit höchster Konzentration ins Moor starrten. Von nichts anderem auf der Welt nahmen sie Notiz. Allein der Aufwand, diese Ausrüstung eine sehr lange, steile, enge Treppe hochzuschleppen, erschien mir grundsätzlich unverhältnismäßig.

Josef H. Reichholf wäre da sicher anderer Ansicht. Er war Ornithologe bei der Zoologischen Sammlung München, lehrte an der dortigen Uni und war 20 Jahre lang Generalsekretär der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern. Mit anderen Worten – er ist besessen und das schätze ich. Ornis ist zum einen der Begriff für die Vogelwelt, aber auch ein Begriff für Ornithologen, den diese scheinbar auch ernsthaft verwenden. Ich finde das großartig. „Na, sind Sie etwa auch Orni?“ ist kein Satz, den ich den sehr gewissenhaften Männern mit Profi-Ausrüstung zugetraut hätte.

Nun aber zum Buch. In diesem geht es, wie der Titel vermuten lässt, um Vögel und deren Leben. Die verschiedenen Themenbereiche wie Federn, Nistverhalten, Vogelzug und Lebensraum werden generell abgehandelt und dann an einen wenigen Arten verdeutlicht. Positiv ist dabei, dass in der Regel heimische Vögel zur Illustration herangezogen werden, die man auch als ornithologisch völlig ungebildeter Mensch kennt, sicher schon mal gesehen hat und wahrscheinlich sogar erkennt – Amseln, Stockenten, Blaumeisen, Turmfalken. Nur bei ausgefalleneren Phänomenen müssen auch mal exotischere Vögel wie das Thermometerhuhn herhalten. Reichholf erklärt Dinge, die man noch nie richtig verstanden hat und beantwortet Fragen, von denen man noch nicht wusste, dass man sie stellen kann.

Bei all dem merkt man, dass der Autor sich auf seinem Fachgebiet wirklich gut auskennt und dass er für das Thema bedingungslos brennt, auch und gerade für den Vogelschutz. Seiner Ansicht nach ist dieser selbstverständlich zwingend nötig, er ist aber merklich der Ansicht, dass er nicht immer richtig umgesetzt wird. Es ärgert Reichholf, dass beispielsweise keine Vogelfedern oder verlassene Nester gesammelt werden dürfen, obwohl deren Untersuchung wichtige Anhaltspunkte für Populationsveränderungen und Belastungen der Vögel durch Umweltgifte geben könnte. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Wissenschaft und starre Gesetze nicht immer das beste Verhältnis zueinander haben und zweifelsohne ist das für wissenschaftlich Arbeitende oft frustrierend. Aber es gibt Passagen, in denen dieser Umstand ohne jede Übertreibung auf zwei Seiten fünf mal angesprochen wird. Damit wirkt das leidenschaftliche Plädoyer für einen neu gedachten Umweltschutz leider etwas ermüdend, obwohl eine Reform tatsächlich dringend nötig sein mag.

Sieht man darüber hinweg, ist Ornis ein sehr fundiertes und lesbares Sachbuch, dessen leicht behäbiger Stil mitunter an Grzimek erinnert, womit Reichholf ja aber in bester Tradition steht. Hin und wieder überrascht er dafür tatsächlich mit Witzen. Wer einen Einstieg in die Thematik will, ist mit diesem sehr nachvollziehbar gegliederten Buch gut beraten. Das umfangreiche kommentierte Literaturverzeichnis im Anhang hilft weiter, wenn man nach der Lektüre selber auch Orni sein will, was bei der transportierten Begeisterung für die Vogelwelt gar nicht unwahrscheinlich ist.

Ich habe übrigens keinen Kranich gesehen im Fochtelooerveen, dafür zwei Kreuzottern, was auch sehr spannend war.

Braucht jetzt noch jemand Orni-Humor?


Josef H. Reichholf: Ornis. Das Leben der Vögel. Ullstein 2016. 272 Seiten, € 12,99. Erstausgabe: C.H. Beck 2014.

Das Zitat stammt von S. 221 der Taschenbuch-Ausgabe.