Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Das Erscheinen von Ein wenig Leben auf dem deutschen Markt wurde begleitet von einer umfangreichen Blogger-Aktion, weshalb gefühlt auch schon in jedem Blog was darüber stand. Jetzt also auch hier.

Der Roman kreist um die vier Freunde Willem, Jude, JB (Jean-Baptiste) und Malcolm, die alle in New York leben. Sie stammen fast alle aus anderen Städten, haben zusammen das College besucht, und nach und nach hat es sie alle in die Metropole verschlagen. Jeder von ihnen ist unter völlig unterschiedlichen Bedingungen gestartet, jeder steuert auf ein völlig anderes Ziel zu. Was sie gemeinsam haben, ist ihre unvergängliche Freundschaft.

yanagihara_ein_wenig_leben

Recht schnell konzentriert die Aufmerksamkeit der Autorin sich aber vor allem auf einen Charakter, auf Jude St. Francis. Er ist der verschlossenste der vier, was auf seine äußerst brutale Kindheit zurückzuführen ist. Jude schämt sich für seinen von Narben gezeichneten Körper und noch mehr schämt er sich für das, was er als Junge tun musste. Mühsam gibt er vor, normal zu sein, eine normale Kindheit und Jugend gehabt zu haben, so ereignislos, dass es sich kaum lohnt, davon zu erzählen. Er fürchtet, dass sich seine Freunde voller Abscheu von ihm abwenden werden, wenn sie seine Geschichte kennen. Als Leser weiß man immer mehr als Judes Freunde und erlebt mit, wie schwer es für diesen Mann ist, jeden Tag aufs Neue eine Normalität vorzutäuschen, die maximal weit entfernt ist. So positiv die Erzählung der Freundschaft und Zuneigung ist, so bedrückend ist dann doch die Stimmung in diesem Roman.

Bis etwa zur Mitte hat dieses Buch mich restlos begeistert. Die Charaktere, die Emotionen, die gelegentlichen Cliffhanger. Doch dann wurde es irgendwann einfach zu viel. Zuviel des Guten, zuviel des Schlechten. Die vier Freunde können kein ansatzweise normales Leben führen, alles was sie anfassen, wird zu Gold. Sie werden zu hypererfolgreichen Anwälten, Schauspielern, Künstlern, Architekten. Sie gründen die angesehensten Architekturbüros, hängen ihre Bilder ins MoMa, arbeiten in den größten Kanzleien, spielen nur noch in Blockbustern. Wohnen in Penthäusern und modernistischen Klötzen aus Glas, an deren Wände sie die Bilder ihrer erfolgreichen Künstlerfreunde nageln. Bierchen in der Kneipe? Quatsch, wir unterbrechen den Jetset mal alle für ein Wochenende in Paris.

„Es waren Menschen, die sich durch nichts und niemanden vom Leben abhalten ließen, davon, es für sich in Beschlag zu nehmen.“

Aber wenn es schlecht läuft, dann richtig. Selbstverletzendes Verhalten, übermäßiger und fast tödlicher Drogenkonsum, gewalttätige Beziehungen, sexueller Missbrauch, Vergewaltigungen, Knochenbrüche und Krankenhausaufenthalte. Und das nicht nur bei Jude, wobei der das Unglück gepachtet zu haben scheint. Die Katastrophen häufen sich einem derartigen Ausmaß, dass mich ab der Hälfte fast nichts mehr geschockt hat, obwohl da noch einiges kommt. Vielleicht hatte ich auch einfach schon jede Hoffnung für Jude aufgegeben, nachdem immer und immer wieder angedeutet wird, dass es für ihn kein gutes Ende nehmen wird. Kann es auch gar nicht, so wie seine Figur angelegt ist. Nicht nur hat er eine desaströse Kindheit hinter sich, er ist auch nicht in der Lage, Menschen zu vertrauen und sich darauf zu verlassen, dass sie ihn nicht eines Tages furchtbar verletzen werden. Man kann es ihm nicht vorwerfen, aber der Grundstein einer erfolgreichen Beziehung kann das nun auch nicht sein.

Ein schlechtes Buch ist Ein wenig Leben aber auf gar keinen Fall. Lange Passagen sind sehr beeindruckend und eindringlich erzählt und die Autorin bedient sich einiger sehr smarter Erzählweisen. Ihre Cliffhänger und schicksalsschweren Vorausdeutungen machen das Buch tatsächlich spannend. Auch Judes Schicksal geht in seiner Brutalität und Unabwendbarkeit sehr an die Nieren. Der Roman ist nur einfach zu lang. Irgendwann ist es zu viel, alles wird egal, es ist nur noch eine weitere Katastrophe. Es ist, als hätte die Autorin sich eine lange Liste furchtbarer Dinge geschrieben, die Menschen widerfahren können, und hätte sich dann nicht durchringen können, mehr als drei Dinge zu streichen (Krebserkrankung, nekrotisierende Fasziitis,  Haiattacke. Ach, scheiß drauf, nekrotisierende Fasziitis lassen wir drin.)

Die Charaktere sind, bis auf Jude, ziemlich schwarz-weiß gezeichnet. Sie sind gut, nur gut. Sie flippen niemals aus, sie werden niemals gewalttätig, sie sind verständnisvoll und geduldig. Oder sie sind eine soziopathische, höchst aggressive, abscheuliche Ausgeburt der Hölle. Zwischendrin kommt nicht viel, außer eben bei Jude, dessen Entwicklung, Ängste und Hoffnungen man den Roman über teilen kann. Ich glaube nicht, dass Yanagihara nicht gemerkt hat, wie gnadenlos sie übertreibt. Sie muss es eigentlich gemerkt haben. Ich verstehe aber nicht, warum und was sie damit zum Ausdruck bringen wollte.

Trotz alledem finde ich den Roman wichtig, klug und lesenswert. Die Übersetzung ist toll (mein Dank gilt dem Übersetzer, der ‚Sandwich‘ manchmal mit ‚Brot‘ übersetzt, wenn sich jemand halt nur eben ein Brot macht) und man hat wirklich viel von diesem Buch, wenn man sich denn darauf einlässt. Aber man darf es sich auch echt erlauben, mal ein paar Seiten nur querzulesen, weil manchmal so gar nichts Neues mehr passiert. 200 Seiten weniger hätten diesem Roman sehr gut gestanden.


Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Übersetzt von Stephan Kleiner. Hanser 2017. 960 Seiten, € 28,-. Originalausgabe: A Little Life. Doubleday 2015.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Das Zitat stammt von S. 766 der eBook-Version mit 779 Seiten.

Hanya Yanagihara war mit diesem Roman 2016 auf der Shortlist des Baileys Prize for Women’s Fiction. Diese Besprechung ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Wenn ihr erwartet, dass Menschen verantwortlich sind für ihre Kinder, dann müsst ihr ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht.“

Homer Wells bekommt seinen Namen von Schwester Angela, als er im Waisenhaus St. Cloud’s geboren wird. Seine Mutter ist eine von vielen Frauen, die das Haus aufsuchen, um Kinder zu bekommen, die sie nie wollten. Andere kommen früher und bitten um eine Abtreibung, die ihnen gewährt wird, auch wenn es, der Roman spielt in den 1930ern – 50ern, illegal ist. Das Waisenhaus liegt irgendwo in Maine, in einer Kleinstadt in der es außer dem Bahnhof und einem verlassenen Sägewerk fast nichts gibt.

JohnIrving_GottesWerkundTeufelsBeitrag_Hoerbuch

Weiterlesen

Jonathan Franzen: The Corrections

thecorrections„Your parents are not supposed to be your best friends. There’s supposed to be some element of rebellion. That’s how you define yourself as a person.“

Ich habe sehr lange überlegt, was ich über The Corrections noch sagen soll. Denn ich habe das Gefühl, dass in den 15 Jahren seit Erscheinen alles schon gesagt wurde und zwar mehrfach.

Aber nochmal ganz knapp für alle, die das Buch noch nicht kennen: Enid Lambert wünscht sich, dass noch ein letztes mal alle ihre Kinder und Enkelkinder nach St. Jude im Mittleren Westen der USA kommen, wo sie mit ihrem an Parkinson erkrankten Mann Alfred lebt. Die Kinder Chip, Denise und Gary leben mittlerweile an der Ostküste, Gary ist verheiratet und hat drei Söhne, die beiden anderen Kinder sind derzeit partner- und kinderlos. Nach diesem letzten Weihnachtsfest, so hat Enid es Gary versprochen, verkaufen sie das verwahrlosende Haus und suchen eine Wohnung, die besser für Alfred geeignet ist. Garys Frau Caroline ist aber unter gar keinen Umständen bereit, mitsamt Kindern nach St. Jude zu reisen, weil sie die ganze Familie Lambert für eine Zumutung hält.

Weiterlesen

Douglas Coupland: All Families are Psychotic

psychotic„You should see my family. Every single one of us is psychotic.“

Alle Familien sind psychotisch – diese These stellt Douglas Coupland in seinem Roman am Beispiel der kanadischen Familie Drummond auf. Die Drummonds bestehen aus Mutter Janet, Ex-Ehemann Ted, der sich inzwischen mit Trophy Wife Nickie tröstet, und den drei erwachsenen Kindern Wade, Bryan und Sarah.

Sohn Wade ist früh von zu Hause ausgezogen und hat seitdem eine kleinkriminelle Karriere hingelegt, Bryan glänzt vor allem durch Durchschnittlichkeit und seinen unterirdischen Frauengeschmack. Als Mutter seines ersten Kindes hat er die esoterische Shw erwählt – ihren vokalfreien Namen durfte sie als Vierzehnjährige selbst wählen. Einzig Sarah scheint es zu etwas gebracht zu haben. Weil Janet während der Schwangerschaft Contergan genommen hat, fehlt ihr eine Hand, dennoch hat sie es als Humangenetikerin ins Team der nächsten NASA-Raummission geschafft. Um den Start der Raumfähre mitzuerleben, reisen nun alle Drummonds nach Florida und erwartbar nimmt das Chaos seinen Lauf.

Weiterlesen

Oliver Sacks: Der Tag, an dem mein Bein fortging

sacksbeinBeim Wandern in den norwegischen Bergen stürzt Oliver Sacks sehr unglücklich und sein Quadrizeps reißt ab. Unter großen Schmerzen und mit immer größer werdender Angst, nicht vor Einbruch der Dunkelheit gefunden zu werden, quält er sich in Richtung Tal und wird glücklicherweise von zwei Männern entdeckt und ins Krankenhaus gebracht. Von dort geht es weiter in eine Londoner Klinik, in der seine Verletzung operiert wird. Die Operation verläuft ohne Komplikationen, noch ein paar Wochen Krankengymnastik und ein bisschen Reha, dann ist alles wieder gut. Oder sollte es zumindest sein – doch mit großem Schrecken stellt Sacks fest, dass er sein Bein nicht im geringsten spürt. Weder kann er es bewegen, noch spürt er es, wenn andere Menschen die Position seines Beines verändern oder es berühren.

Der agile Neurologe findet sich schlagartig in der Rolle des Patienten wieder und muss lernen, Geduld zu haben. Denn erstmal nimmt ihn keiner so richtig ernst. Mit seinem Bein sei alles in bester Ordnung, wird ihm unablässig versichert, er müsse eben auch wirklich versuchen, es zu bewegen. Bis Sacks nach dem Unfall aus der Reha entlassen wird, vergehen insgesamt rund sechs Wochen.

Und in dieser Zeit passiert, wenn man mal ganz ehrlich ist, nicht besonders viel. Er hat schlechte Laune, hat Angst, ist frustriert, fürchtet, nie wieder richtig laufen zu können, hat Erfolgserlebnisse und erleidet Rückschläge. Dazwischen hat er viel Zeit, nachzudenken über Nietzsche, die Bibel und Hannah Arendt, über Musik und die Welt an sich. Und das ist leider nicht so besonders spannend. Auch sein Heilungsprozess zieht sich manchmal sehr in die Länge und mir ist klar, dass Sacks darunter sicher mehr gelitten hat als ich und ich verstehe, warum er diese Zeit seines Lebens so minutiös aufgeschrieben hat. Es waren elementare Erlebnisse für ihn, sein Umgang mit seinem Körper und seine fachliche Sicht auf neurologische Prozesse haben sich grundlegend gewandelt, es ist sein Tagebuch einer einmaligen Erfahrung, die ihn sehr viel weitergebracht hat.

Die Essenz aus all dem ist auch tatsächlich spannend, vor allem im letzten Teil, in dem er seine Erlebnisse einordnet in die Gesamtheit vieler anderer Fälle, die seinem ähnlich sind und anreißt, welche Formen der Störungen in diesem Bereich beobachtet wurden und welche Relevanz das für die Neurologie hat. Aber der Rest des Textes hat leider lange, lange Längen, in denen einfach nichts passiert, außer dass Sacks so vor sich hin denkt. Pluspunkte gibt es dabei allerdings für anhaltende Sympathie – so ein netter, reflektierter, kluger Mann!


Oliver Sacks: Der Tag, an dem mein Bein fortging. Gelesen in der Ausgabe Rowohlt 1989. Aktuelle Ausgabe: Rowohlt 1991. 288 Seiten, € 8,99. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Originalausgabe: A Leg to Stand on. Gerald Duckworth & Co 1984.

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag

guenassiapragJosef Kaplan wird 1910 in Prag als Mitglied einer jüdischen Familie geboren. Seine geliebte Mutter stirbt früh an einer Lungenentzündung, das Leben mit dem hilflosen Vater Eduard, einem Arzt, der aber auch den Tod seiner Frau nicht verhindern konnte, gestaltet sich recht kühl und schwierig. Wie es von ihm erwartet wird, schreibt Josef sich an der medizinischen Fakultät ein. Seine wahre Liebe gilt aber nicht der Wissenschaft sondern dem Sozialismus. Schnell gerät er durch seine Forderungen nach einer besseren, gerechteren Gesellschaft in Konflikt mit seinen Professoren und der Vater fürchtet Ärger in der jüdischen Gemeinde. Unter dem Vorwand, dass dort eine bessere Ausbildung möglich sei, schickt er seinen Sohn nach Paris.

Dort geht sein Leben erst richtig los. Er entdeckt den Tango für sich, besonders Gardel hat es ihm angetan. Josef entpuppt sich als begnadeter Tänzer und die Mädchen in den Tanzlokalen liegen ihm zu Füßen. Dauerhaft interessiert ist er nicht an ihnen und noch dazu kann er sich Gesichter furchtbar schlecht merken, so dass er eine Spur gebrochener Herzen durchs Pariser Nachtleben zieht. Als der Zweite Weltkrieg drohend seine Schatten vorauswirft, erhält er das Angebot, in Algier am Institut Pasteur zu forschen. Er will lieber zurück zu seinem Vater reisen, um den er sich in diesen gefährlichen Zeiten sorgt. Doch Eduard rät ihm zur Reise nach Nordafrika, die Situation in Europa sei letzlich halb so wild und werde sich schnell wieder beruhigen.

Dort lernt er Maurice kennen und seine es-ist-kompliziert-Freundin Christine, eine Schauspielerin, sowie deren Kollegin Nelly, mit der er bald ebenfalls eine Beziehung eingeht. Anfang der 40er wird es für ihn als Juden auch in Algerien gefährlich und sein Vorgesetzter schickt ihn in die tiefste Provinz, wo er gegen die Ausbreitung der Malaria kämpfen soll. Zeit zum Abschied nehmen ist nicht mehr, von jetzt auf gleich muss er die Stadt verlassen.

Als er Jahre später nach Algier zurückkehrt, erfährt er ohne jeden Groll, dass Nelly nicht auf ihn gewartet hat. Er ist nun ohnehin viel mehr an Christine interessiert, mit der nach Kriegsende nach Europa zurückkehren will. Die beiden gehen nach Prag, wo das Glück perfekt scheint, leider aber nur von kurzer Dauer ist.

Nach etlichen turbulenten Jahren wird Josef leitender Arzt in einer abgelegenen Klinik, in der eines Tages ein mysteriöser Patient auftaucht, für den größte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Es ist Ernesto Guevara, der nicht nur Josef als Arzt auf Trab hält sondern auch seine mittlerweile erwachsene Tochter.

Und ab da wird das ganze echt merkwürdig. Bis zum Auftauchen des mysteriösen Fremden ist das eine sehr gute, sich schlüssig entwickelnde Geschichte, wenn auch ohne ganz große Höhepunkte, aber eine gute Geschichte von Freundschaft und Liebe vor dem Panorama eines halben Jahrhunderts. Doch dann kam Che und ich war raus – was macht der da? Braucht diese Geschichte ihn? Kann er nicht wieder gehen und wir machen weiter wo wir waren? Leider geht er nicht, nicht die letzten 160 Seiten. Und diese Che-Geschichte ist nicht mal per se schlecht, wenn auch ein bisschen konstruiert. Aber sie passt halt so gar nicht zum Rest, was leider den Gesamteindruck des Romans massiv stört.


Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag. Insel 2015. 509 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe Insel 2014. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Originalausgabe: La vie revee D’Ernesto G. Albin Michel 2012.