Vom Suchen und Finden der Bücher

Wie finden Leserinnen und Leser eigentlich ihr nächstes Buch? Für Verlage ist das natürlich eine wesentliche Frage, die buchreport jetzt zusammen mit Codex genauer untersucht hat. Das Stöbern im Geschäft ist  mit 19% (noch) der Spitzenreiter beim Finden der nächsten Lektüre, aber Online-Shops liegen mit 15% nicht mehr weit dahinter. Immerhin 12% vertrauen vor allem auf Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis und bleiben damit ebenfalls analog.

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Quelle: buchreport/codex http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2016/04/04/erster-entdeckungsreisefuehrer.htm

Rezensenten fallen übrigens unter „Profis“. Ob dazu auch Blogger zählen, war aus dem Artikel nicht ersichtlich und das Geld für die gesamte Untersuchung (€ 1.790 netto) wollte ich trotz Interesse dann doch nicht ausgeben. Als wichtigsten Multiplikator am Markt nennt die Studie übrigens Autoren. Deren Empfehlungen werden nicht nur oft befolgt sondern führen offenbar auch zu einer überdurchschnittlich hohen Zufriedenheit mit den empfohlenen Büchern.

Tatsächlich finde ich das auch eine ganz gute Quelle. Menschen, die Bücher schreiben, die ich gerne lese, lesen oft auch Bücher, die ich gerne lese. Und umgekehrt. Wenn eine Autorin auf dem Klappentext wirbt, die ich ganz furchtbar finde, kann ich das Buch erfahrungsgemäß getrost im Regal stehen lassen. Stöbern in Online-Shops finde ich allerdings ziemlich mühsam. Es mag an meiner Herangehensweise liegen, aber Hinweise wie „andere Kunden interessierten sich auch für“ finde ich nur selten hilfreich und so richtige Stöber-Stimmung kommt vor dem PC bei mir gar nicht erst auf. Empfehlungen von Bekannten können total super sein, wenn die Leute mich und meinen Lesegeschmack kennen. Manchmal funktioniert es auch umgekehrt – ich habe Freundinnen, deren Lesegeschmack so von meinem abweicht, dass ich ihre Lieblingsbücher gar nicht erst aufschlagen muss. Empfehlungen in Blogs führen bei mir auch nur sehr selten zu einer unmittelbaren Kaufentscheidung. Aber es gibt natürlich Bloggerinnen und Blogger, von denen ich weiß, dass unser Buchgeschmack eine große Schnittmenge hat und deren Meinungen bleiben auf jeden Fall in meinem Hinterkopf gespeichert und tragen sicher auch zu meiner Buchsuche bei, wenn vielleicht auch erst Wochen und Monate nach der Rezension. Es gibt eben auch einen gewissen Wiedererkennungseffekt, wenn man über das Buch schonmal was gelesen hat und vielleicht sogar was Positives.

Wie gehts es euch denn? Also offensichtlich lest ihr Blogs mit Buchempfehlungen, aber führt das tatsächlich dazu, dass ihr diese Bücher auch kauft? Oder finden die Bücher auf ganz anderen Wegen zu euch?

Einen kurzen Abriss der Studie findet ihr übrigens bei buchreport.

Frühjahrs-Leseliste

Die ersten Bücher des Jahres sind, bis auf ein paar Takte Wassermusik, ausgelesen, die Rezensionen sind geschrieben und werden in den nächsten Wochen, so noch nicht geschehen, erscheinen. Die letzten Wochen habe ich auch, möglicherweise ist es euch aufgefallen, genutzt, um mal ein paar Artikel ins Licht der Öffentlichkeit zu schubsen, die zum Teil schon seit Monaten unter „Entwürfe“ ein Schattendasein fristeten. Jetzt ist langsam wieder Platz für Neues und auch wenn es noch ein paar Tage dauert bis zum offiziellen Frühlingsstart, stapeln sich schon die Neuerscheinungen und wollen gelesen werden.

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Die Sachbuch-Sparte fällt für meine Verhältnisse mit zwei ganzen Titeln selten umfangreich aus – Diana Marossek hat schon am 01. Februar ein Buch über einen  Soziolekt veröffentlicht, den sie als „Kurzdeutsch“ bezeichnet und als Linguistin im Herzen musste ich das natürlich sofort haben. Kommst Du Bahnhnof oder hast du Auto? ist bei Hanser erschienen. Josef Reichholf berichtet in Ornis – Das Leben der Vögel von gefiederten Tieren und ihren Beobachtern. Erschienen ist das Buch erstmals 2014 bei C.H. Beck und vor einigen Tagen im Taschenbuch bei Ullstein.

Dem Hinweis eines Kollegen folgend werde ich außerdem Couplands 2001 erschienen Roman All Families Are Psychotic lesen und, um dem Familien-Genre treu zu bleiben, Attenbergs The Middlesteins, dessen deutsche Übersetzung im Januar 2015 bei Schöffling erschienen ist. Beide fallen aber beim besten Willen nicht mehr unter Neuerscheinungen.

Den Rest der (hoffentlich frühlingshaften) Zeit werde ich den Frauen widmen. In Was wir nicht wussten (DuMont) erzählt TaraShea Nesbit von den Ehefrauen, die ihren Männern nach Los Alamos folgten, wo Tests zum Bau von Atombomben durchgeführt werden. Wissen dürfen sie davon offiziell natürlich nichts.

Um eine weitere Ehe geht es in Gardams Eine treue Frau (Hanser), dem zweiten Teil der Trilogie um Edward und Betty Feathers, der von Mai auf März vorgezogen wurde. Wer allerdings den ersten Teil kennt, muss sich beim Titel fragen, wie „treu“ hier definiert wird.

Von einer nicht verheirateten Frau auf einer komplikationsreichen Reise handelt Vidas Des Tauchers leere Kleider (aufbau), das in den letzten Tagen schon in verschiedenen Blogs sehr unterschiedlich besprochen wurde. Nicht auf dem Gruppenfoto da nur als eLex vorhanden ist Youma von Hearn, ein vergessener Klassiker der französisch-karibischen Literatur, der jetzt meines Wissens erstmals in deutscher Übersetzung bei Jung und Jung erscheint.

Selbstverständlich lasse ich euch dann auch wissen, wie ich die Bücher fand. Auf welches Buch freut ihr euch denn dieses Frühjahr am meisten?

Liebeserklärung

Ich steh ja nicht auf Valentinstag, ich mach da eigentlich auch nichts. Trotzdem kommt heute ein Video von dem Mann, den ich eigentlich heiraten müsste. Mit einem Gedicht, das er für mich geschrieben hat. Oder für eine von euch. Für alle von euch, für alle girls who read, der wunderbare Mark Grist:

Habt einen schönen Tag, macht was tolles, bleibt im Bett und lest, ich verbringe den Tag derweil höchst unromantisch auf der Autobahn.

Deutschlands schwierigstes Buch

„Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies“. So harmlos beginnt das umstrittenste Buch Deutschlands. Seit 08.01. ist Mein Kampf in einer kommentierten Ausgabe wieder im Handel. Theoretisch zumindest. Von der 4.000 Exemplare großen Startauflage wurden 15.000 vorbestellt – wer jetzt noch keins hat, muss auf einen Nachdruck warten.

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Die Reaktionen darauf sind erwartbar kontrovers. Die großen Filialisten Thalia und Hugendubel meldeten, sie wollten das Buch nicht in ihren Läden vorrätig haben, auf Nachfrage aber bestellen. So verfahren wohl die meisten Buchhandlungen. Währenddessen ist (ebenso erwartbar) eine Debatte darum entbrannt, ob man das Buch überhaupt verlegen darf und ob man es dann auch lesen darf. Die Stimmen, die eindeutig dagegen sind, sind allerdings rar. Charlotte Knobloch hält für unabsehbar, was der Text bewirken wird und sieht die neue Edition eher kritisch. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, hält die Entscheidung dagegen für richtig – er verspricht sich davon, dass der Mythos um das Buch endlich aufgelöst wird. Und dieser Ansicht scheinen auch viele andere zu sein. „Wer hat Angst vor einem Buch?“ fragt Nils Makward in der Zeit und auch Timur Vermes, Autor von Er ist wieder da spricht sich dafür aus, dass das Buch wieder verlegt und auch gelesen werden sollte.

Tatsächlich ist um das Buch in den letzten Jahrzehnten ein gewaltiger Mythos gewachsen. Ich besitze, wie viele wahrscheinlich, die früher mal gängige Ausgabe in blau mit Reichsadler vorne drauf aus Omas Haushaltsauflösung. Ich wollte die auch eigentlich lesen, bevor genau diese Debatte losgeht, von der ich hier gerade schreibe. Aber ich bin nach nicht ganz einem Viertel grandios gescheitert. Ich fand es mühsam zu lesen und wirr geschrieben und erschwerend hinzu kam, dass ich Personen nicht kannte und Bezüge nicht verstand und irgendwann keine Lust mehr hatte, mehr wikipedia als eigentlichen Text zu lesen. In der Zeit aber, in der ich versuchte, das Buch zu lesen, lag es auf meinem Küchentisch. An diesen setzte sich ein Gast in der Absicht, an eben dieser Stelle seinen Kaffee abzustellen. Und weigerte sich, das Buch anzufassen. Ein stinknormales Buch, ein bisschen Papier, ziemlich angegilbt, Bindung nicht mehr ganz frisch, Stockflecken. Als könnte alles Böse, das darin steht, durch Berührung auf ihn übergehen. Ich musste es für ihn wegräumen. Das ist halt großer Quatsch.

Auch die Kundschaft war in den letzten beiden Tagen ziemlich unentspannt mit diesem Buch. „Es gibt da ja jetzt diese kommentierte Ausgabe… Sie wissen schon….“ Gute Frau, da müssen sie schon etwas deutlicher werden. Brauchen Sie den Palandt? Hab ich natürlich nicht gesagt. Hätte ich aber gerne nach dem 30. Mal. „Das war ja jetzt 70 Jahre verboten!“ war der andere Satz, den ich gestern wahrscheinlich noch häufiger gehört habe als „Wie lange haben Sie denn heute auf?“. 16 Uhr und nein, war es nicht. Der Freistaat Bayern hatte das Urheberrecht und sich entschieden, Mein Kampf nicht zu drucken. Das dürfen nämlich die Inhaber von Urheberrechten und sonst keiner. Deswegen darf ich auch nicht einfach Lindgren, Mann oder Tolkien drucken und verkaufen. Also ja, es war mir und vielen anderen Personen nicht erlaubt, das Buch zu drucken, aber so ist das eben mit diesem ärgerlichen Urheberrecht.

Jetzt allerdings darf man es tatsächlich auch nicht einfach unkommentiert nachdrucken, der Freistaat Bayern sieht das Werk als volksverhetzend an, räumt aber auch ein, dass das Buch eine historisch relevante Quelle ist und dementsprechend Interessierten zugänglich gemacht werden sollte. Und seien wir mal realistisch – wer Mein Kampf haben wollte, hat es doch sowieso schon. Entweder gebraucht oder als Nachdruck aus einem Land mit weniger langen Urheberrechtslaufzeiten. Oder aus einem illegalen Nachdruck. Überraschenderweise halten sich nämlich gar nicht alle an alle Gesetze. Wer nicht im Ausland bestellen will oder nahe genug an der Grenze wohnt, kann es sich auch einfach runterladen. Und dann steht es auch in einigen Bibliotheken. Ich glaube nicht, dass eine Horde Hitler-Fans sehnlichst auf diese Veröffentlichung gewartet hat um endlich lesen zu können, was drin steht. Die kommentierte Ausgabe ist interessant für alle mit historischem Interesse – ob sie gut ist, weiß ich nicht und werde ich auch nicht beurteilen können. Lesen konnte man Mein Kampf auch schon in den letzten siebzig Jahren und wer an Hitlers unkommentierten Ansichten interessiert ist, kann sich wahrscheinlich jede relevante Rede und einiges mehr bei youtube angucken.

Bleibt die Frage: Darf man mit Mein Kampf Geld verdienen? Das IfZ wird damit sowieso erstmal nicht so irre viel verdienen. Ein nicht ganz kleines Team hat über Jahre an dieser Ausgabe gearbeitet – billig war das sicher nicht. Und eine Förderung durch das Land Bayern wurde schon vor einiger Zeit eingestellt. Irgendwo habe ich gelesen, dass amazon die Einnahmen aus dem Verkauf spenden will. Leider habe ich vergessen wo und finde bei amazon selbst keinen Hinweis darauf. Die Frage, ob man mit historischer Quellenarbeit Geld verdienen darf ist ja eigentlich hinfällig. Aber darf man mit Hitler Geld verdienen? Profitiert man damit nicht irgendwie von ihm, wenn auch sehr indirekt? Die Frage gebe ich ab an Guido Knopp.

Frohes Neues!

Ich wünsche euch alles Gute für das neue Jahr und hoffe, ihr seid gut reingekommen und habt mit fantastischen Leuten gefeiert!

Statt eines Jahresrückblicks gibt es hier jetzt einen Jahresausblick, zumindest auf die ersten Wochen. Ganz besonders freue ich mich über und auf Irmgard Keuns Kind aller Länder, das seit Jahren nicht mehr verlegt wurde, ab Februar aber bei KiWi wieder lieferbar sein wird. Sehr gespannt bin ich auch auf Khiders Ohrfeige (auch im Februar), in dem er die Geschichte eines irakischen Flüchtlings erzählt und auf Happy Families, das ich vor Jahren im British Bookshop in Frankfurt gekauft habe, weil ich das Cover mochte und niemals einen Blick reingeworfen habe. Ich weiß nicht mal so richtig, worum es geht.

So also sehen die ersten Wochen meines Lesejahrs aus:

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Wie immer habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen 1. jede Woche mindestens ein Buch zu lesen und 2. meinen goodreads-Account weniger verwahrlosen zu lassen. Erfahrungsgemäß klappt der erste Vorsatz ganz gut und der zweite gar nicht.

Ich freue mich auf ein interessantes Jahr mit vielen tollen Büchern und vielen tollen Blogbeiträgen von euch!