Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

Was diese beiden Geschichten außer dem Handlungsort verbindet, hat sich mir nicht erschlossen. Sie sind zwar gut und flüssig miteinander verknüpft, aber die eine braucht die andere nicht. Vor allem braucht der titelgebende Mammutkäse die Elflinge nicht – die Geschichte um Margaret und ihre Familie hätte schon alleine einen passablen Roman abgegeben. Keinen besonders aufregenden, zugegeben. Aber da rettet auch Manda mit ihren gelegentlichen Auftritten nicht mehr viel, auch wenn sie vielleicht die aufregendste Person in diesem Roman ist, was aber mit daran liegt, dass gerade ihr Innenleben nicht in aller Ausführlichkeit betrachtet wird. Manda ist die einzige größere Rolle, die nicht permanent über ihre Gefühle sprechen oder in Kontemplationen versunken spazieren gehen muss. Sie darf ihre Geheimnisse und ihre nicht hinterfragte Hillbilly-Biographie behalten. Manda darf in die Luft schießen und nicht darüber nachdenken.

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Für alle anderen Charaktere beherzigt Holman eisern die Regel „show, don’t tell“ und zeigt den Leserinnen alles und mehrfach. Augusts Mutter Evelyn beispielsweise ist nicht sehr angetan davon, dass August mit Anfang vierzig dann doch noch ausziehen will. Sie sagt das August, sie sagt das ihrem Mann, ihr Mann erzählt es Margaret und redet auch nochmal darüber mit August, bis wir uns alle ganz sicher sein können: Evelyn findet das nicht so gut. Tatsächlich hat der Roman so viele Redundanzen und nicht besonders relevante Szenen, dass man ihn schmerzlos um ein Viertel hätte kürzen können. Schmerzlos aber ist fast der gesamte Roman. Er ist ganz unterhaltsam, er liest sich leicht, es tut nicht weh. Außer dem Ende – das ist so kitschig-süß, dass einem die Plomben wehtun, aber das soll hier nicht verraten werden. The Mammoth Cheese ist eine nette Bauernhof-Dorf-Geschichte für zwischendrin, die, das muss man sagen, auch durchaus ihre Momente mit Tiefgang hat. Besonders Pollys Coming-of-Age-Geschichte ist gut und überzeugend geschildert, ihre Zerrissenheit zwischen der Loyalität zu ihrer Mutter und der Farm und dem Streben nach einem anderen, freieren Leben. Ebenso Mandas Krise, die ein großes emotionales Potenzial hat, aber an den entscheidenden Stellen gekappt wird. Der Roman ist auf gar keinen Fall blöd, aber Holman verliert sich im Gewirr ihrer Handlung und die Erzählung gerät dadurch häufiger aus dem Fokus. Das ist schade, denn an schriftstellerischem Können mangelt es ihr sicher nicht. Sie wagt keine großen Experimente, schreibt aber stilsicher und sehr lesbar. Durch die Vielfalt der Themen die in diesen Roman gestopft werden, wird der Mammutkäse allerdings am Ende eine ziemlich unrunde Angelegenheit.


Sheri Holman: The Mammoth Cheese. Virago Press 2004. Erstausgabe Atlantic Monthly Press 2003. 468 Seiten. Derzeit nicht lieferbar. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht.

Das Zitat stammt von S. 208.

The Mammoth Cheese war 2005 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

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