Nicole Krauss: The History of Love

Ich weiß nicht, ob Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer zu viel oder zu wenig über ihre jeweiligen Bücher gesprochen haben, aber 2005 haben sie den gleichen Roman veröffentlicht. Ein Kind, dessen Vater früh verstorben ist, fährt kreuz und quer durch New York auf der Suche nach Hinweisen, die ihm bei der Lösung eines Rätsels helfen können. Eine Schtetl-Geschichte kommt vor und natürlich geht es um die ganz große Liebe. Zwischendurch gibt es formale Extravaganzen wie Seiten, auf denen nur ein einziger Satz steht.

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Was bei Extremely Loud and Incredibly Close Oskar Schell war, ist in The History of Love Alma Singer. Almas Vater ist früh an einer Krankheit gestorben und sie lebt nun mit ihre Mutter und ihrem Bruder Bird in New York. Bird glaubt, einer der 36 Gerechten zu sein, baut eine Arche für die bevorstehende Flut und muss einmal wöchentlich mit einem Psychologen darüber sprechen. Alma hält die Erinnerung an ihren Vater aufrecht, indem sie alles über essbare Pflanzen in der Wildnis lernt und in einem Daunenschlafsack schläft, so wie ihr Vater es angeblich einst getan hat.

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Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe

Annie, eine junge Frau aus London, kauft für unvernünftige 75 £ ein Gemälde in einem Trödelladen. Es heißt, aber das weiß sie da noch nicht, „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ und wird die Kunstwelt und ihr Leben auf den Kopf stellen. Ein halbes Jahr später wird es Gegenstand einer Sensations-Auktion sein, die den Auftakt zum Roman bildet. Denn hinter diesem Bild sind sie alle her: reiche Russen, die investieren wollen, ein Scheich, der ein Museum gründen will und nicht zuletzt Memling Winkleman, der ganz besonders und aus existenziellen Gründen an diesem Gemälde hängt.

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Hannah Rothschild kennt sich aus in der Welt der Kunst, denn das ist ihr Beruf, wenn sie nicht gerade Romane schreibt. In ihrem Buch bringt sie viel unter über Altersbestimmung, der schwierigen Suche nach Fälschungen und dem Irrsinn des Kunstmarkts, auf dem Gemälde nicht mehr als erhebende Kunst betrachtet werden sondern als eine schlichte Investition, mit der er sich zu spekulieren lohnt. Ich glaube Frau Rothschild unbesehen, dass sie sich auskennt in dieser Welt und sie grundsätzlich auch darstellen kann. Hier aber werden Klischees so derart in Reihe bemüht, dass das Lesen manchmal mühsam wird. Es gibt zahlreiche Nebenfiguren, die sehr unterschiedlich große Rollen spielen, aber jede von ihnen ist ein wandelndes Klischee. Reiche Russen ohne Geschmack, exaltierte Homosexuelle, Rapstars in Begleitung halbnackter Frauen. Wer halt so alles ein Bild kaufen will.

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Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben

Das Erscheinen von Ein wenig Leben auf dem deutschen Markt wurde begleitet von einer umfangreichen Blogger-Aktion, weshalb gefühlt auch schon in jedem Blog was darüber stand. Jetzt also auch hier.

Der Roman kreist um die vier Freunde Willem, Jude, JB (Jean-Baptiste) und Malcolm, die alle in New York leben. Sie stammen fast alle aus anderen Städten, haben zusammen das College besucht, und nach und nach hat es sie alle in die Metropole verschlagen. Jeder von ihnen ist unter völlig unterschiedlichen Bedingungen gestartet, jeder steuert auf ein völlig anderes Ziel zu. Was sie gemeinsam haben, ist ihre unvergängliche Freundschaft.

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Recht schnell konzentriert die Aufmerksamkeit der Autorin sich aber vor allem auf einen Charakter, auf Jude St. Francis. Er ist der verschlossenste der vier, was auf seine äußerst brutale Kindheit zurückzuführen ist. Jude schämt sich für seinen von Narben gezeichneten Körper und noch mehr schämt er sich für das, was er als Junge tun musste. Mühsam gibt er vor, normal zu sein, eine normale Kindheit und Jugend gehabt zu haben, so ereignislos, dass es sich kaum lohnt, davon zu erzählen. Er fürchtet, dass sich seine Freunde voller Abscheu von ihm abwenden werden, wenn sie seine Geschichte kennen. Als Leser weiß man immer mehr als Judes Freunde und erlebt mit, wie schwer es für diesen Mann ist, jeden Tag aufs Neue eine Normalität vorzutäuschen, die maximal weit entfernt ist. So positiv die Erzählung der Freundschaft und Zuneigung ist, so bedrückend ist dann doch die Stimmung in diesem Roman.

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Teresa Präauer: Johnny und Jean

Jean und Johnny heißen eigentlich ganz anders und kommen nicht aus Paris und nicht aus New York sondern aus einem winzigen Kuhdorf. Nun leben sie in der zweitgrößten Stadt des Landes und studieren Kunst. Jean ist schon da, als Johnny anreist. Und nimmt von Johnny erstmal überhaupt keine Notiz, während der ein glühender Verehrer des lässigen Künstlers wird. Der wunderbare, strahlende Jean, der zu Hause schon der Star des Dorfes war und nun der Held der Kunsthochschule ist.

„Und wirklich, wie sag ich’s?: ich bin vom Glück erfasst. Mit Jean ist es einfach wunderbar.“

Johnny imaginiert Vertrautheit, eine Freundschaft, gemeinsame Abende in der Kneipe, Gespräche über Frauen und Kunst. Doch erstmal passiert nichts davon, Jean nimmt überhaupt keine Notiz von Johnny. Sehr langsam erst bahnt sich eine Freundschaft an, die außerhalb von Johnnys Fantasie existiert und offenbart, dass Jeans nach außen getragene Nonchalance noch lange nicht alles ist.

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Auch um Kunst geht es viel in diesem Roman. Jean inszeniert aufregende Happenings, Johnny malt Fische, immer nur Fische und traut sich beim Aktzeichnen nicht, die Genitalien der Modelle auch nur anzusehen. Dafür führt er lange Dialoge mit Mary Schoenblum, einer (fiktiven) New Yorker Kunsthistorikerin, die Dozentin an der Kunsthochschule der zweitgrößten Stadt ist und alles über Künstler, Symbole und Motive weiß.

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Jean-Paul Sartre: Der Ekel

Der Ekel, 1938 erschienen, ist Sartres erster Roman. Heute gilt er als eines der Standardwerke des Existenzialismus. Das klingt groß und kompliziert und sperrig – ist es aber nicht. Tatsächlich ist es ein sehr lesbarer, geradliniger und über lange Strecken sogar sehr unterhaltsamer Roman, den ich in nur wenigen Tagen gelesen habe.

„Ich fragte mich für einen Augenblick, ob ich die Menschen nicht lieben könnte.“

Der Roman handelt von Antoine Roquentin, der nach langen Reisen in die (fiktive) französische Stadt Bouville gekommen ist, um dort an seinem Buch über den Marquis de Rollebon zu arbeiten. Er lebt einsam und zurückgezogen, worunter er manchmal leidet. Allerdings ist es ihm auch fast nicht möglich, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen. Er fühlt sich nicht als Teil der Masse und empfindet oft sogar Ekel, wenn er in Gesellschaft ist. Allerdings weniger vor den Menschen selbst als vor der Existenz an sich und der Existenz die diese Menschen führen, so wie er selbst auch.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

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Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

„Lass uns“, sagte ich, „doch einfach betrunken werden, mein Freund!“

Ein Mann, den sie Phineas nennen und der in New York lebt, bekommt von einem Mann, den sie den Lotsen nennen, einen extrem ekelhaften und fragwürdigen Auftrag. Im ehemaligen Hotel Valencia soll er einen riesigen Berg Leichen von einem Zimmer im dritten Stock in den ersten bewegen. Die Leichen liegen dort schon länger, sie sind in unterschiedlichen aber größtenteils weit fortgeschrittenen Stadien der Verwesung, bevölkert von Fliegen und Maden. Warum die Leichen dort liegen und warum er sie bewegen soll, weiß er nicht, es scheint aber auch keine für ihn relevante Frage zu sein.

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Der Bahnhof von Plön anlässlich eines Aufenthalts im Bahnhof von Augustfehn, Novemer 2016.

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Jan Kuhlbrodt: Das Modell

Kuhlbrodt_DasModell„Beide waren wir Schwemmgut in dieser Stadt und als Diener der Oberfläche geendet.“

Die Herbstvorschauen dieses Jahr haben mich nicht sehr fröhlich gestimmt und die Ausbeute war zumindest mager. Dann aber las ich bei Edition Nautilus, dass es einen Mann gibt, der Jan Kuhlbrodt heißt und dessen neues Buch Das Modell sich liest wie eine Mischung aus Genazino, Witzel und Kurzeck. Außerdem stand dort, man dürfe sich gerne eine Leseexemplar anfordern, was mich in hektischen Aktionismus versetzt hat.

Das Modell ist ein recht kurzer Roman, der größtenteils in Frankfurt spielt. Er handelt von Schroth, einem Akademiker, der seine Promotion mangels eines Stipendiums aufgeben musste. Nun arbeitet er als Fensterputzer. Aufgewachsen ist er in Karl-Marx-Stadt und vor Jahren mit seinem Freund Thilo nach Frankfurt gekommen. Thilo ist Künstler, er formt Skulpturen aus Metall und glänzendem Chrom und zu Beginn des Romans fällt eines seiner Kunstwerke auf ihn. Ob es ihn erschlägt, erfährt der Leser nicht, denn Schroth weiß es selber nicht oder redet sich zumindest erfolgreich ein, es nicht zu wissen. Er hat die Ausstellung besucht, hat den Unfall aus nächster Nähe erlebt und ihn vielleicht sogar selbst herbeigeführt, aber er konnte bei Thilos Abtransport nicht erkennen, ob er noch lebt. Er hat nur gesehen, wie Thilo unter seiner Skulptur lag, in einer unnatürlichen Haltung.

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Heinrich Mann: Die kleine Stadt

H. MANN betritt von rechts kommend das nach der neuesten Mode eingerichtete Bureau seines VERLEGERS. VERLEGER an seinem Schreibtisch erhebt sich leicht.

H. MANN (überschwänglich): Sehen Sie, Herr Verleger, hier ist mein neues Werk!“
VERLEGER greift nach Manuskript und blättert darin. Legt Manuskript mit resigniertem Gesichtsausdruck auf Schreibtisch.
VERLEGER: Aber Herr Mann, das ist ja ein Drama! Das geht so nicht. Das Publikum wünscht keine Dramen zu lesen sondern Romane!
H. MANN (kleinlaut): Ja, aber nun hab ich..
VERLEGER (großspurig): Mein lieber Herr Mann, das ist doch gar kein Problem. Hier haben Sie einen Stift (gibt ihm einen Stift) und immer wenn da steht… zum Beispiel „DON TADDEO:“ machen sie daraus „Don Taddeo sagte“. Oder „alle ab“, da machen Sie einfach draus „Alle verlassen den Marktplatz“ oder so. Das kriegen sie schon hin. Ist ja nicht ihr erster Roman.

H. MANN und VERLEGER verharren im Hintergrund. BLOGGERIN betritt Bureau vom rechten Bühnenrand. Sie trägt ein Heißgetränk in der Hand.

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Donna Tartt: Der Distelfink

distelfink„Aber ich denke, vielleicht ist es mehr wie eine Spalte mit Zahlen: Wenn du am Anfang zwei falsche Zahlen einträgst, ist am Ende die Summe anders. Wenn du es zurückverfolgst, findest du den Fehler – die Stelle, an der sich das Ergebnis verändert.“

Theo Decker hat einen Menschen getötet. Das erfährt man gleich auf der ersten Seite. Er sitzt in einem Amsterdamer Hotelzimmer, es ist Winter, es ist kalt und er hat panische Angst, entdeckt zu werden, doch sein Niederländisch reicht nicht aus um zu erfahren, wie die Ermittlungen laufen. Man erfährt nicht, wen er getötet hat und warum, die nächsten 890 Seiten nicht.

Stattdessen erfährt man, dass Theo im Alter von dreizehn seine Mutter bei einem Terroranschlag auf ein Museum verloren hat. Sie wollte ihm ein besonderes Gemälde zeigen, den Distelfink. Doch Theo ist viel interessierter an einem Mädchen mit feuerroten Haaren, das mit einem älteren Verwandten die Ausstellung besucht. Als er den Mut findet, sich ihr zu nähern, explodiert eine Bombe und beendet sein bisheriges Leben. Impulsiv rettet er den Distelfink aus den Trümmern des Gebäudes und behält ihn. Schnell realisiert er, dass er ein bedeutendes Kunstwerk entwendet hat und weiß, dass er es zurückgeben muss. Doch er findet nicht den Mut, mit jemandem darüber zu sprechen und je länger er es behält, umso unmöglicher wird es. Langsam wird deutlich, dass dieses Gemälde sein ganzes Leben bestimmen wird, ebenso wie Pippa, das Mädchen, in das er sich Minuten vor der Explosion verliebt hat.

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