Margaret Atwood: Payback

Seitdem ich vor ungefähr zwei Jahren Thomas Piketty gelesen habe, bilde ich mir ein, etwas von Wirtschaft zu verstehen. Das ist so nicht richtig. Ich verstehe nicht mehr nichts von Wirtschaft, aber nun ja… Ich dachte, wie so oft könnte Atwood helfen und habe mir Payback gekauft, in dem es, wie der Untertitel verspricht, um „Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“ gehen soll. Geht es auch, aber Wirtschaft kommt halt quasi nicht vor. Viel mehr betrachtet Atwood das ganze Dilemma aus einer kulturhistorischen Perspektive, was es nicht weniger interessant macht. Wie man es erwartet, ist ihr Text natürlich sowohl sehr fundiert und informativ, aber auch sehr unterhaltsam.

Atwood_Payback

Sie beginnt ganz vorne. Aufzeichnungen über Schulden sind so alt wie die Schrift, Schulden offenbar noch viel älter. Es scheint keine Gesellschaft gegeben zu haben, in der niemals jemand Schulden gemacht hat, der Umgang damit war und ist aber sehr unterschiedlich. Vor allem in der Frage, was eigentlich passiert, wenn man seine Schulden wirklich nicht mehr in Geld zurückzahlen kann. Kann man sich selbst als Lohnsklave anbieten? Seine Frau, seine Kinder? Kann man, etwa wenn man bei einem Gott in der Schuld steht, etwas anderes opfern, einen Stier oder einen Menschen? Konnte man und kann man. Nicht immer kann man Schulden mit materiellen Mitteln ausgleichen. Atwood führt den „Paten“ als Beispiel an – ein Gefallen kann nur mit einem Gefallen ausgeglichen werden, so unschön das auch werden mag.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Peter Weiss hat viel zu sagen über Die Ästhetik des Widerstands. Er beginnt im Pergamonmuseum in Berlin wo drei Männer den berühmten Altar betrachten. Es sind der für immer namenlos bleibende Erzähler und seine Freund Heilmann und Coppi. Sie alle stammen aus der Arbeiterschicht, sehen es aber als ihr Recht und auch ihre Pflicht, sich zu bilden, besonders in künstlerischen Fragen. Was sie stört an den meisten Kunstwerken ist die Perspektive, denn immer werden die Szenen aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden dargestellt, auch wenn es die kleinen und ungebildeten Bildhauer waren, die die kunstvollen Arbeiten schließlich ausführten.

weiss_aesthetikdeswiderstandsDer Erzähler bleibt nicht mehr lange in Berlin. Der Roman beginnt in den 1930er Jahren und seine Eltern, beide tschechischer Herkunft, ziehen es vor, wieder in ihre Heimat zu gehen. Der Erzähler selbst schließt sich den internationalen Brigaden an und zieht in den Spanischen Bürgerkrieg. Von den eigentlichen Kampfhandlungen bekommt er aber nur wenig zu sehen. Er wird dem Arzt Hodann zur Seite gestellt und hilft bei der Versorgung der Verwundeten. Als der Krieg verloren ist, flieht er ins schwedische Exil, wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt.

Das Buch ist zusammengesetzt aus einzelnen Blöcken, die in der Länge sehr stark variieren und jeweils ein anderes Thema behandeln. Manchen Themen ist nur ein Block gewidmet, andere kehren immer wieder und einige künstlerische Motive tauchen über den ganzen Roman verteilt auf. Es ist auch weit weniger ein unterhaltsamer Roman als eine Reihe von Essays, die durch die Handlung verknüpft werden.Den Erzähler verliert man über einige Passagen fast vollständig, vor allem wenn im dritten Band die Situation in Berlin geschildert wird, der Erzähler aber noch in Schweden ist. Ich war fast erleichtert, als auf einmal wieder ein „ich“ im Text auftauchte. Besonders die Vielzahl der Namen nebst Decknamen macht es einem auch nicht immer leicht, den Überblick über das gesamte Personal zu behalten.

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Bee Wilson: Swindled

wpid-20151003_122359-1.jpg„It was Germany that became the laboratory for what fake foods people could stomach.“

Wie der Untertitel des Buchs schon sagt, ist Bee Wilson in diesem Buch auf den Spuren von verfälschten, gefälschten und schlicht ungenießbaren bis gefährlichen Lebensmitteln.

Die Geschichte beginnt in den 1820ern mit dem jungen deutschen Chemiker Accum, der zu dieser Zeit in London lebte und sein Leben dem Aufdecken von gepanschten Lebensmitteln verschrieben hatte. Nicht, dass es vorher keine gegeben hätte. Es gab nur keine zuverlässigen Methoden, die Verdächtigungen auch tatsächlich zu beweisen. Das änderte sich mit einer Reihe von Tests, die Accum einführte. Nun gab es keine Zweifel mehr – kupfergrüne Gurken, bleirote Käserinde, Schlehdorn-Blätter im Tee. Der Erfindungs-Reichtum schien keine Grenzen zu haben.

In manchen Zeiten war den Menschen auch klar, dass sie nur schlechte Fälschungen zu sich nahmen und der Kaffee aus nichts als Zichorien bestand – man hatte nur eben keine Wahl. Auch dem zu Not- und Kriegszeiten verbreiteten „Ersatz“-Essen widmet Wilson einige Kapitel. Natürlich endeten die Essens-Fälschungen, gewollt oder nicht, nicht mit dem Zweiten Weltkrieg. Wo immer man bei Nahrungsmitteln noch ein kleines bisschen mehr Profit herausholen konnte, wurde und wird gefälscht, gemischt, gepanscht. Stammt das Bio-Ei am Ende doch aus der Legebatterie? Wieviel Kreuzkümmel ist eigentlich in meinem Safran? Ist das wirklich ein Périgord-Trüffel?

Während man sich in Industrieländern vor allem mit solchen Sorgen herumärgert, stehen die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländer oft vor handfesteren Problemen. In vielen Ländern Asiens sind Lebensmittel oft nicht ganz das, was sie zu sein vorgeben und häufig sogar gesundheitsschädigend bis lebensbedrohlich. In Bangladesh liegt die Quote der gefälschten Lebensmittel bei geschätzten 50% – Stichproben lassen sogar deutlich höhere Zahlen vermuten.

Der einzige Ausweg, glaubt Bee Wilson, ist, die Menschen über gutes Essen zu informieren. Sie zu mündigen Verbrauchern zu machen, die verstehen, was sie kaufen und essen. Denn so lange es menschliche Gier gibt, glaubt die Autorin, wird es skrupellose Versuche geben, auf dem gigantischen Lebensmittel-Markt noch ein kleines bisschen mehr zu verdienen, egal, wie viele Gesetze und Richtlinien es gibt.

Wie auch in Am Beispiel der Gabel merkt man, dass Wilson Essen und vor allem gutes Essen am Herzen liegt. Es ist ihr ein Anliegen, dass Menschen zwischen gutem und schlechtem Wein unterscheiden können, dass niemand zu viel für Lebensmittel ausgibt, die von minderer Qualität sind und vor allem, dass niemand an minderwertigem Essen gesundheitlichen Schaden nimmt. Aber sie zwingt dem Leser diese Meinung nicht auf.

Der Fokus ihrer Betrachtungen liegt deutlich auf den USA und Großbritannien. Mit ihren Quellen ist sie sehr exakt und sehr ausführlich in einigen Aspekten – manchmal sogar zu ausführlich. Die 40 Seiten über Accum sind sicher nicht für alle LeserInnen interessant und auch bei einigen anderen Themen geht sie (zu) sehr ins Detail. Der größte Teil des Buchs aber ist ein kurzweiliger Ausflug in die tiefsten Tiefen der Lebensmittelproduktion, der einen oft erstaunt zurücklässt angesichts der Skrupellosigkeit, die hinter einigen Fälschungen steckt.


Bee Wilson: Swindled. From Poison Sweets to Counterfeit Coffee – The Dark History of the Food Cheats. 370 Seiten, ca. € 13,50. John Murray 2008.

Florian Illies: 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

1913Wie der Titel verspricht, geht es in diesem Buch nur und ausschließlich um das Jahr 1913, dem Jahr vor der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, ein Jahr, in dem scheinbar alles passieren konnte. Der erste Aldi wurde eröffnet, Tito war Testfahrer für Benz, Franz Marc malte blaue Pferde.

Das Buch ist hauptsächlich ein Konvolut von Anekdoten. Ein who is who dieses Jahres, es ist aber auch ein wer mit wem. Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, Oskar Kokoschka und Alma Mahler, Rainer Maria Rilke und Sidonie Nádherný. Wer betrog wen mit wem, wer hatte Ärger mit wem und weshalb, wer schrieb ängstliche Liebesbriefe und zögerliche Heiratsanträge? In diesem Buch erfährt man es alles. Illies versteht es, ein großes, lebendiges und spannendes Panorama dieses Jahres aufzuziehen. Man erfährt von Hauptschauplätzen und Randnotizen der Geschichte, die oft wenig bekannt sind. Illies versteht es vor allem, das enge Netz darzustellen, das zwischen den Größen des 20. Jahrhunderts bestand und viele Beziehungen und Entwicklungen deutlich macht.

Allerdings verrennt Illies sich zum Teil auch in Spekulationen. Saßen Else Lasker-Schüler und Thomas Mann nicht vielleicht im gleichen Zug, als sie zu Beginn des Jahres 1913 von Berlin in Richtung München fuhren? Ja, wäre ein witziger Zufall, wahrscheinlich aber einfach nicht, es gab eine Menge Züge in diese Richtung. Stalin und Hitler lebten zeitgleich in Wien und gingen gerne im Park von Schloss Schönbrunn spazieren, haben sie sich da nicht vielleicht mal gegrüßt? Ja vielleicht, tatsächlich ist das aber ein riesiger Park mit hunderten Leuten darin, die sich nicht alle ständig grüßen, es ist nun mal unwahrscheinlich. Aber ich sehe, was Illies damit sagen will – das ist alles in diesem einen Jahr passiert, auf so engem Raum!

Außerdem, aber das ist nun dem Aufbau und Anspruch des Buchs geschuldet, kommt einiges zu kurz. Immer wieder werden spannende Geschichten angerissen, die dann nicht zu Ende erzählt werden. Das können sie auf dem bisschen Raum natürlich auch nicht, man kann sie auch woanders weiterlesen, ich weiß, aber manchmal habe ich das als etwas frustrierend empfunden, ich bin aber durchaus bereit, das als mein persönliches Problem zu akzeptieren.

1913 ist ein sehr unterhaltsam Sachbuch, das vieles nur anreißt, bei vielem aber auch Lust auf mehr macht. Hinter manchen großen Namen entdeckt man eine spannende Biographie oder ein spannendes Werk, mit dem man sich in Zukunft vielleicht mal näher befassen möchte. Das Hörbuch ist gut gelesen, durch die vielen Sprünge zwischen Personen und Orten manchmal aber etwas verwirrend, das lässt sich gedruckt vielleicht besser nachvollziehen. Beides ist aber auch einfach unterhaltsam, gut geschrieben und ein solides Sachbuch für zwischendurch.


Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. Originalausgabe S. Fischer 2012. 320 Seiten, € 19,99. Taschenbuch Fischer 2014. Hörbuch: Der Audio Verlag 2012. ca 6 Stunden, ca. € 10,90. Sprecher: Stephan Schad.

Bee Wilson: Am Beispiel der Gabel – eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge

wilsonersatzWarum isst man in Europa mit Messer, Gabel und Löffel? Wie verändern sich Küchen und Esskulturen, wenn sich die Werkzeuge verändern? Wie machen wir unser Essen halt- und genießbar?

Bee Wilson geht diesen Fragen in ihrer profunden Küchengeschichte auf den Grund und das sehr unterhaltsam. Sie vollzieht die Entwicklung vieler Küchenwerkzeuge nach und erzählt, welche Methoden und Utensilien es auf dem Weg dorthin gab – viele davon lassen heutige Leser staunen und schaudern.

Sie erzählt auch von den Menschen, deren Aufgabe die Essenszubereitung war und ist. Gerade an den großen Höfen war ein Heer von Köchinnen und Helfern nötig, um die Bewohner zu verköstigen und die Arbeit war härter, als es heute in irgendeiner Großküche vorstellbar ist. Erst als Arbeitskraft teurer wurde, das Personal reduziert wurde und im schlimmsten Fall gar die Dame des Hauses selbst kochen musste, machte man sich Gedanken darüber, mit welchen Gerätschaften man die Essenszubereitung möglicherweise ein kleines bisschen leichter und schneller machen konnte. Hunde, die über ein Laufrad den Braten drehten, waren nur eine der vielen Ideen, die im Laufe der Jahrhunderte in Küchen aufkamen, sich hielten oder wieder verworfen wurden.

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Marin Trenk: Döner Hawaii – unser globalisiertes Essen

doenerhawaiiMarin Trenk hat einen Lehrstuhl für Ethnologie in Frankfurt am Main inne und befasst sich mit Food-Ethnologie. Essens-Globalisierung teilt er in drei große Wellen. Erst kommen unverarbeitete, einzelne Lebensmittel in andere Kulturen, wie beispielsweise die Kartoffel einst nach Europa kam. Ihnen folgen, häufig im Zuge des Kolonialismus, einzelne Gerichte, wie zum Beispiel die in England immer noch so  beliebten Currys. Und schließlich werden, vor allem durch Migration, ganze Küchen exportiert. In aller Regel müssen die neuen Küchen sich den bereits vorhandenen Kulturen anpassen, weswegen, wie jedem klar sein dürfte, die H19 beim Asia-Imbiss Mekong mit originaler chinesischer Küche nicht mehr viel zu tun hat.

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