Essen aus Büchern: Lancashire Hotpot aus Carol Shields‘ „Larry’s Party“

Larry’s Party handelt von einem recht durchschnittlichen Mann mit einem außergewöhnlichen Beruf: Larry Weller ist Irrgartenplaner. Der Weg dorthin war selbst ein Labyrinth und hat ihn über etliche Umwege, andere Berufe und eine verkorkste Ehe ans Ziel gebracht.

Solange er keine Partnerin hat – und das sind etliche Jahre – feiert Larry seine Geburtstage feiert mit seiner Mutter Dot, einer ruhigen, angepassten, nervösen Frau, die den Umzug von England nach Kanada nie gänzlich verkraftet hat. Selbstverständlich hängt sie auch noch an den Rezepten, die sie aus ihrer Kindheit kennt. Eines davon ist Lancashire hotpot, glücklicherweise auch ein Lieblingsgericht ihres Sohnes:

„Larry’s crazy about Lancashire hotpot, or at least he pretends he is, for the sake of his sad and perpetually grieving and remembering mother.“

Das Rezept, das im Roman beschrieben wird, klingt wenig attraktiv. Dot schichtet Lammfleisch, Karotten und Kartoffeln abwechselnd in eine Auflaufform, gießt eine ordentliche Menge Brühe darüber und lässt das ganze im Ofen schmoren. Die Rezepte, die ich gefunden habe, verlangen zumindest, dass das Fleisch angebraten wird und dass die Kartoffeln obenauf gebräunt werden. Aus offensichtlichen Gründen habe ich mich für die zweite Variante entschieden, ohne Dot, die ein wirklich herzzerreißender Charakter ist, zu nahe treten zu wollen.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Mandel-Crème aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Mit Essensbeschreibungen wird bei Thomas Mann sowieso nicht und bei den Buddenbrooks erst recht nicht gespart. Über ihre großzügigen Tafelrunden demonstrieren sie eben auch Geschmack und Status. Und das gilt natürlich ganz besonders an Weihnachten, auch wenn das nur im Kreise der Familie gefeiert wird und Christian sowieso schon wieder im Klub ist. Lange bevor der Puter als krönender Abschluss des Abends auf den Tisch kommt, wird schon diverses aufgetragen, darunter auch eine Mandel-Crème:

„Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit Tee und Biscuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als große Krystallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß herumgereicht wurden. Es war Mandel-Crème, ein Gemisch aus Eiern, geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das aber, nahm man ein Löffelchen zu viel, die furchtbarsten Magenbeschwerden verursachte.“

Es ist überhaupt nicht so leicht eine Mandel-Crème zu finden, die nicht mit Gelatine oder Speisestärke verfestigt wird. Aber Herr Mann schreibt eben eindeutig über einen körnigen Brei. Und wenn die Konsulin Buddenbrook es so wünscht gibt es jetzt eben eine Mandel-Crème mit Eiern und Rosenwasser, die man eigentlich zum Backen benutzt, aber auch hervorragend so essen kann.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Tamale Pie aus E. Annie Proulx‘ „Accordion Crimes“

Autor*innen setzen Essen in Büchern höchst unterschiedlich ein. Bei vielen spielt es überhaupt keine Rolle, andere zählen ins Detail alles auf, was sie ihren Romanfiguren vorsetzen. Häufig wird es eingesetzt, um eine Klassen- oder Gruppenzugehörigkeit zu verdeutlichen. E. Annie Proulx geht damit in Accordion Crimes in die Vollen. Der Roman folgt einem Akkordeon, das durch die Hände vieler Menschen, vor allem Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den USA geht. Neben der Musik ist vor allem ihre traditionelle Küche ein heimatlicher Anker und jede Gruppe, die Proulx beschreibt hängt an ihren Küchenklassikern, die wieder und wieder aufgelistet werden, für die Polen, die Italiener, die Deutschen, die Mexikaner. Ob es ein Essen aus diesem Buch geben wird, war also gar nicht die Frage. Ich musste mich nur entscheiden. Meine Wahl ist auf Tamale Pie gefallen, zum einen, weil es ein sehr schönes Beispiel für eine Küche ist, die der neuen Heimat angepasst wird, zum anderen weil es eines der wenigen Gerichte ist, die nicht nur in einer Liste auftauchen. Der Tamale Pie hat einen ganzen eigenen Satz!

„Down the street stood a wreck of an old tamale stand, the remnant of a failed franchise from the 1920s in the shape of a giant tamale, the stucco sloughing off, faded signs drooping: HAMBURGERS AS YOU LIKE’EM. TAMALE PIE.“

Kurz nachdem er erwähnt wird, ist der Tamale-Imbiss auch schon Geschichte, ersetzt durch einen Friseur-Salon, der bald Teil einer ganzen Siedlung mexikanischer Migrant*innen wird. Darunter natürlich auch ein Akkordeonist. Auch wenn der Pie dem Imbiss am Straßenrand kein Glück gebracht hat, hab ich ihn mal ausprobiert. Und so geht’s:

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Bubble and Squeak aus Zadie Smiths „White Teeth“

Zwei der Hauptfiguren in White Teeth, Archie und Samad, gehen zusammen in den gleichen Pub beinahe seitdem sie in London leben. Dieser wird von Abdul-Mickey betrieben, dessen Vater jeden seiner fünf Söhne Abdul genannt hat, ihnen aber noch einen englischen Namen gegeben hat, um ihnen das Leben leichter zu machen. In Abdul-Mickeys Pub gibt es auch Essen, das Archie und Samad sehr schätzen und das immer aus Pommes, Bohnen, Eiern, Pilzen, Tomaten und Toast in unterschiedlichen Kombinationen besteht. Doch eines Tages taucht ein neues Gericht auf der Karte auf:

„The Bubble and Squeak had been a revelation of sorts.“

Nicht weniger als eine Offenbarung ist es also für die Stammgäste im Pub, das man von den üblichen Grundzutaten abweicht. Aber man muss, das betont Abdul-Mickey immer wieder, auch mal offen für Neues sein. Man muss den Dingen eine Chance geben.

Weiterlesen

Kate Young: The Little Library Cookbook

Wir alle wissen, dass Essen aus Büchern meine erklärte Lieblings-Kategorie ist. Einige wissen auch, dass ich die Idee nur geklaut habe und zwar von der großartigen Kate Young. Kate Young ist eine Australierin, die seit fast einem Jahrzehnt in London lebt und unter anderem für den Guardian schreibt. Dort bin ich vor einigen Jahren auf ihre Kolumne „The Little Library Café“ gestoßen. Etwa alle vierzehn Tage erscheinen in dieser Reihe Rezepte aus und zu Romanen. Unter gleichem Namen betreibt Young einen Blog mit umwerfenden Fotos. Und nun ist endlich auch das Kochbuch zu dieser ganzen großartigen Geschichte erschienen.

KateYoung_LibraryCookbook

Auf 300 Seiten stellt Kate Young hundert Rezepte aus verschiedensten Romanen vor. Der Schwerpunkt liegt, wenig verwunderlich, sehr deutlich auf der angelsächsischen bzw. anglophonen Literatur. Die Ausnahmen kann man beinahe an einer Hand abzählen. Unterteilt sind die Rezepte nicht nach literarischen Gesichtspunkten (wie bei Yummy Books) sondern praxisbezogen nach den Tageszeiten before, around und after noon, dinner table, midnight feasts und celebrations, wobei bei letzteren Weihnachten nochmal ein ganz eigenes Kapitel bekommt. Wie auch in ihrem Blog sind die Bilder in diesem Buch wirklich toll, wenn auch nicht jedes Rezept eines bekommen hat. Sehr nützlich sind die Step-by-Step-Fotoanleitungen, welche die komplizierteren Rezepte bebildern.

Weiterlesen

Cara Nicoletti: Yummy Books!

Schon seit einem halben Jahr liegt hier ein Leseexemplar von Suhrkamp – es ist ein Kochbuch und eigentlich schreibe ich hier nichts über Kochbücher, obwohl ich dazu dezidierte Ansichten habe. Für Yummy Books! mache ich eine Ausnahme, denn das Buch führt, passend zu meiner Reihe „Essen aus Büchern“, „in 50 Rezepten durch die Weltliteratur“.

YummyBooks.jpgCara Nicoletti ist Metzgerin, Konditorin und Bloggerin. Seit einigen Jahren schon betreibt sie den lesenswerten Blog Yummy Books, auf dem sie Rezepte aus Büchern vorstellt. Ich kannte diesen Blog tatsächlich noch nicht und freue mich, ihn dank dieses Buchs nun entdeckt zu haben.

Die Autorin versucht, eine emotionale Verbindung zwischen Büchern und Essen herzustellen und zu erklären. So lautet auch der erste Satz des Klappentexts „Soulfood für Lesehungrige“. Gegliedert ist das Buch in die Kapitel „Kindheit“, „Jugend und Studium“ und „Erwachsenenalter“. Jedem Rezept ist eine Geschichte vorangestellt, in der Nicoletti beschreibt, welche Bedeutung das jeweilige Gericht bzw. der entsprechende Roman für sie hat. Die Rezepte an sich sind sehr schlicht gehalten, wie auch das gesamte Buch nicht in der gewohnten Kochbuch-Form ist. Bilder gibt es nur zu sehr wenigen Rezepten und nicht immer zeigen diese das fertige Gericht. Kochen kann man das alles natürlich auch so, aber Nicoletti hat auf ihrem Blog ein paar wirklich schöne Bilder und mir ist nicht klar, warum man im Buch darauf verzichtet.

Weiterlesen

Bob Holmes: Geschmack

Der Geschmack, so die These des Autors, ist ein völlig vernachlässigter Sinn. Natürlich nutzt man ihn täglich, aber man achtet oft nur wenig darauf. Viele Menschen essen nebenbei, im Gehen oder beim Fernsehen und konzentrieren sich nicht auf das, was sie essen. So kommt es, dass uns oft auch das Vokabular fehlt, einen Geschmack differenziert zu beschreiben. Forelle und Hering schmecken völlig unterschiedlich, Butternut und Hokkaido auch, aber es nicht leicht, diesen Unterschied präzise in Worte zu fassen. Noch schwieriger ist es beim Riechen, das den Geschmack immens beeinflusst. Für Gerüche haben die meisten Menschen kaum ein aussagekräftiges Vokabular und oft bleibt nur der Vergleich mit anderen, bereits bekannten Gerüchen.

„Wir analysieren unsere Geschmackserfahrungen nicht, und so kommt es, dass wir auch nicht darüber reden und nachdenken.“

Während wir selbst oft nicht gut ausdrücken können, was wir schmecken, lebt eine ganze Industrie bestens davon. Viele Firmen machen nichts anderes als Geschmack und Geruch in Lebensmittel zu bringen und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Im schlechtesten Fall dienen Aromen und Geschmacksverstärker dazu, billige Grundstoffe besser schmecken zu lassen und den Verbraucher über die eigentliche Minderwertigkeit hinweg zu täuschen. Im besten Fall dient der verbesserte Geschmack einer Reduktion von Fett, Salz oder Zucker und macht das Lebensmittel vielleicht sogar gesünder. Und in Sonderfällen soll der Geschmack einfach etwas Besonderes, Unbekanntes sein, das der Verbraucher noch nie geschmeckt hat –  deswegen schmecken Energy Drinks so grauenhaft.

Weiterlesen

Jetzt neu auf schiefgelesen: Essen aus Büchern

Kochen ist die einzige Sache, auf die ich mindestens soviel Freizeit und Mühe verwende wie aufs Lesen. Essen macht Spaß, ich mach das gerne, aber tatsächlich geht es mir im wesentlichen ums Kochen. Es ist nahezu obsessiv.

Deswegen ist es eigentlich recht naheliegend, und ich frage mich, warum ich da noch nicht früher drauf gekommen bin, beides, Lesen und Kochen, zu verbinden. In vielen Büchern wird extrem viel übers Essen gesprochen. Manchmal hat es eine tiefere Bedeutung, manchmal nicht. Manchmal wird detailliert ausgeführt, was es gibt, manchmal gibt es eben „Frühstück“. Und oft gibt es Sachen, von denen man nicht weiß was es ist, wie man es macht und wie es schmeckt. Weil ich das aber wissen will, koch ich jetzt Essen nach, das in Büchern erwähnt wird und interessant klingt und das ich noch nie gemacht habe. Möglicherweise bekommt man dadurch tiefere Einsichten in den Text, zumindest aber Abendessen.

Die Idee ist brillant, ich weiß, aber leider nicht von mir sondern vom Little Library Cafe. Danke dafür.

Den Anfang macht heute ein Pfirsich-Trifle aus Was wir nicht wussten. Wer hätte gedacht, dass ich in meinem Leben nochmal Schichtdessert mache? Ich bin bemüht, diese Reihe regelmäßig, vielleicht sogar monatlich, fortzusetzen. Mal sehen, ob das klappt. Die FoodbloggerInnen unter euch mögen mir die Fotos verzeihen – meine Food-Photography-Skills sind mindestens unterentwickelt.

(edit 2020: hier auf schiefgelesen finden sich nur noch die neusten Posts aus der Reihe. Alles weitere könnt ihr auf schiefgegessen entdecken.)

Bee Wilson: Am Beispiel der Gabel – eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge

wilsonersatzWarum isst man in Europa mit Messer, Gabel und Löffel? Wie verändern sich Küchen und Esskulturen, wenn sich die Werkzeuge verändern? Wie machen wir unser Essen halt- und genießbar?

Bee Wilson geht diesen Fragen in ihrer profunden Küchengeschichte auf den Grund und das sehr unterhaltsam. Sie vollzieht die Entwicklung vieler Küchenwerkzeuge nach und erzählt, welche Methoden und Utensilien es auf dem Weg dorthin gab – viele davon lassen heutige Leser staunen und schaudern.

Sie erzählt auch von den Menschen, deren Aufgabe die Essenszubereitung war und ist. Gerade an den großen Höfen war ein Heer von Köchinnen und Helfern nötig, um die Bewohner zu verköstigen und die Arbeit war härter, als es heute in irgendeiner Großküche vorstellbar ist. Erst als Arbeitskraft teurer wurde, das Personal reduziert wurde und im schlimmsten Fall gar die Dame des Hauses selbst kochen musste, machte man sich Gedanken darüber, mit welchen Gerätschaften man die Essenszubereitung möglicherweise ein kleines bisschen leichter und schneller machen konnte. Hunde, die über ein Laufrad den Braten drehten, waren nur eine der vielen Ideen, die im Laufe der Jahrhunderte in Küchen aufkamen, sich hielten oder wieder verworfen wurden.

Weiterlesen