Essen aus Büchern: Moussaka aus Lionel Shrivers „We Need To Talk About Kevin“

Eine ganz wichtige Funktion, die Essen erfüllt, ist die der Urlaubserinnerung. Essen macht nicht nur satt, es erinnert einen auch an einen Sommerabend am Mittelmeer, an dem man in einer Taverne direkt am Strand bei Sonnenuntergang… und so weiter. Auch Eva in Lionel Shrivers We Need To Talk About Kevin geht es da nicht anders. Als Herausgeberin einer überaus erfolgreichen Reiseführer-Reihe ist sie weit gereist und weltgewandt. Erst kürzlich ist sie von einer einmonatigen Recherche-Reise aus Griechenland zurückgekehrt. Jetzt sitzt sie in ihrem stylischen Appartement in Tribeca und wartet auf ihren Mann, der seinerseits von einer Dienstreise zurückkehren soll. Um ihn vielleicht doch noch von Auberginen überzeugen zu können, will sie ihn mit einer Moussaka beglücken:

„On an ethnic roll, I’d made a pan of moussaka, with which I planned to convince you that, nestled against ground lamb with loads of cinnamon, you did like eggplant after all.“

Doch er kommt und kommt und kommt nicht. Der Gedanke an einen verpassten Flug kann sie nicht beruhigen, sie rechnet erst mit dem Schlimmsten und dann mit dem Allerschlimmsten. Als die Moussaka schon ganz dunkel und vertrocknet ist, fasst sie einen Entschluss, der ihr Leben ruinieren wird: Wenn sie oder ihr Mann sterben, soll nicht nur gesammelter Reise-Kitsch und dreckige Wäsche von ihnen bleiben. Sie will ein Kind und zwar sofort.

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Essen aus Büchern: Chicken à la King aus Richard Yates „Easter Parade“

Sarah und Emily Grimes, die jungen Protagonistinnen in Easter Parade, sind stolz auf ihren Vater. Er lebt in New York und schreibt für die New York Sun, die wichtigste Zeitung der Stadt, die Überschriften, was die wichtigste Stelle in der ganzen Redaktion ist. Da sind sich Sarah und Emily sicher und es ist das, was sie den anderen Kindern sagen, wenn sie fragen, warum er nicht mehr nach Hause nach New Jersey kommt. Weil er eben in New York unabkömmlich ist.

Der Besuch beim Vater gerät dann allerdings zur Enttäuschung. Die New York Sun ist, das findet sogar der Vater selbst, keine besonders gute Zeitung und er hat nicht mal einen eigenen Schreibtisch. Am Rande eines großen Tisches sitzt er und korrigiert Artikel. „Wenn ich sehr talentiert wäre, würde ich vermutlich woanders hingehen, aber ich bin nur – ihr wißt schon – ich bin nur ein Mann am Redaktionstisch, ein Korrektor“, gesteht er seinen Töchtern beim Mittagessen, zu dem er sich einen großzügigen Aperitif gönnt:

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Essen aus Büchern: Potage sicilienne aus Gabriele Tergits „Effingers“

In den Effingers schildert Tergit das Schicksal gleich mehrerer Familien, besonders aber natürlich das der titelgebenden Effingers. Bevor es mit denen aber so richtig losgeht, müssen sie erst bei Oppners einheiraten, so wie es einst Bankiers-Tochter Selma Goldschmidt getan hat. Damit das geschieht, müssen aber erstmal Karl Effinger und Annette Oppner beim Essen nebeneinander sitzen. Und wo ginge das besser, als bei der großen Einweihungsfeier von Oppners neuem Haus in der noblen Tiergartenstraße? Nun fällt leider „Selma das Besorgen großer Gesellschaften so schwer“ und Schwägerin Eugenie, Gesellschaftsdame von Welt, schaltet sich hilfreich ein. Sie hat quasi immer Gäste und versteht sich bestens mit Trottke, den man heute wohl als Caterer bezeichnen würde.

Das Gespräch von Eugenie Goldschmidt und dem treuen Trottke ist ein Musterbeispiel an Standesdünkel, der sich in der Wahl der Speisen manifestiert. Während Eugenie noch ganz dem Kaviar verhaftet ist, gelingt es Trottke mit viel Überredungskunst und hohen Referenzen doch, sie von einer Suppe zu überzeugen:

„Nehmen Sie Suppe, gnädige Frau, Suppe regt an. Potage sicilienne, vorzüglich, wir haben Potage sicilienne erst gestern zum Grafen Schwerin geliefert, wo sie viel Anklang fand.“
„Nein“, sagte Eugenie, „Ich kenne meinen Schwager, er wird doch Kaviar im Eisblock wollen. Potage ist ein bisschen plebejisch.“
„Plebejisch?“ sagte Trottke empört. „Gnädige Frau, bei der Gräfin Zetwitz wurde mit Potage angefangen.“

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Essen aus Büchern: Rogan Josh aus Arundathi Roys „The Ministry of Utmost Happiness“

Arundathi Roys zweiter Roman The Ministry of Utmost Happiness wurde fast 20 Jahre lang sehnsüchtig erwartet. Als er endlich erschien, merkte man ihm deutlich an, womit die Autorin sich in den beiden Jahrzehnten beschäftigt hatte: Der Roman ist sehr politisch geworden und besonders der Kampf um Kaschmir spielt eine ganz zentrale Rolle. Dieser Kampf ist eines der großen Themen im Roman, an ihm zerbrechen Freundschaften und Menschen opfern ihm ihre Leben, sowohl metaphorisch, als auch ganz real. Bei so viel Kaschmir darf natürlich Rogan Josh nicht fehlen, eines der klassischen Gerichte Kaschmirs, das einigen sogar als Nationalgericht gilt.

Im Roman ist es sowohl Teil eines großen Festessens, das die legendäre Anjum ausrichtet, als auch eine Art Versöhnung zwischen zwei ehemaligen Freunden, die sich über den Kaschmir-Konflikt zerstritten haben. Es sind Biplab und Musa, die an der Universität gute Freunde waren. Doch als Biplab eine Laufbahn in der Regierung einschlägt und Musa sich dem bewaffneten Untergrund anschließt, ist das Geschichte. Als bindendes Glied bleibt Tilo, Mieterin einer von Biplabs Wohnungen und Freundin Musas. Für Musa versteckt sie Papiere und Waffen im Tiefkühler, die er eines Tages dort abholen will. Zu seiner Überraschung trifft er aber nicht auf Mieterin Tilo, sondern auf Vermieter Biplab. Um irgendwie an den Tiefkühler zu kommen, schlägt er großmütig vor, ein Abendessen zu kochen. Zu seiner Enttäuschung findet er aber nur ein Kilo Hammel und keinen der ersehnten Gegenstände. Aber immerhin lässt sich daraus Rogan Josh machen. Doch selbst beim Kochen können die beiden den Konflikt nicht ruhen lassen:

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Essen aus Büchern: Shepherd’s Pie aus Sarah Waters „The Night Watch“

Die Beziehung von Julia und Helen in Sarah Waters The Night Watch steht unter ständiger Spannung. Das liegt nicht nur daran, dass die beiden in den 1940er-Jahren leben und ihre homosexuelle Beziehung unter allen Umständen geheim halten müssen, sondern auch ganz maßgeblich an Helens Eifersucht. Sie ist die häuslichere, zurückhaltendere der beiden und lebt in ständiger Sorge, dass die leuchtende, schöne, talentierte Julia einfach geht. Dass sie eine bessere Partnerin findet und ihre Sachen packt.

So ist es auch an diesem Abend, an dem Helen in eine leere Wohnung zurückkommt. Panisch öffnet sie die Schränke, um zu sehen, ob Julias Kleidung, ihre Koffer, ihr Schmuck noch da sind. Alle ist an seinem Platz, aber wo ist Julia? Warum hat sie keine Notiz hinterlassen, und mit wem ist sie überhaupt unterwegs? Um ihre Sorgen in den Griff zu kriegen, beschließt Helen, schonmal das Abendessen vorzubereiten:

„She gathered together the ingredients for a shepherd’s pie. She said to herself that by the time the pie had gone into the oven, Julia would be home.“

S. 142
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Kulinarisches zwischen den Seiten – was das Essen in Büchern macht

Im Mai 2016, vor fünf Jahren, habe ich das erste Mal einen Beitrag über Essen in Büchern verfasst. Seitdem lese ich kein Buch, ohne darauf zu achten, wer wann was isst. Längst nicht alles davon findet Eingang in die Reihe. Auch einige Freund*innen schicken mir mittlerweile Beobachtungen aus ihrer Lektüre zu. Viele sagen mir, dass sie vorher nie darauf geachtet hätten. Dabei ist es eigentlich fast nicht zu übersehen.

Kaum ein Roman kommt ohne eine Szene aus, in der gegessen wird. Das kann opulent ausgestaltet oder beiläufig erwähnt sein. Aber das Essen an sich ist ein so fundamentaler Bestandteil des menschlichen Seins, dass man es nicht unterschlagen kann. Und es schreibt sich netter darüber als über Toilettengänge, die ähnlich fundamental sind und eine unvermeidbare Folge des Essens. Zudem hat die Nahrungsaufnahme einen sozialen Aspekt, der Toilettengängen oft fehlt. Eine Ausnahme ist vielleicht Milkman von Anna Burns, da finden zentrale Szenen in Clubtoiletten statt und gegessen wird kaum.

Die große Tischgesellschaft

Die Binsenweisheit „Du bist, was du isst“ hat auch in der Literatur ihre Gültigkeit. Über Mahlzeiten, besonders solche mit Gästen, wird repräsentiert und identifiziert. Eines der prominentesten Beispiele sind sicher die Festmahle, die von der Familie Buddenbrook aufgetischt werden. Also Familie Buddenbrook zahlt und ihre Dienstboten tischen auf. Kräutersuppe, Fischgang, Schinken mit Schalottensauce, Plettenpudding, Käse nebst begleitenden Weinen – für diese Speisenfolge braucht es im Haus in der Mengstraße keinen besonderen Anlass. Fürstlich sind natürlich nicht nur die Speisen, sondern auch das Geschirr. Man isst vom guten Meißener mit Goldrand und trinkt aus schweren Gläsern. Wer da nicht mithalten kann, ist kein echter Buddenbrook. Mit seinen ständigen Magenverstimmungen outet sich Christian schon früh als das schwächste Glied der Familie. Er kann nicht Teil der Tafelrunde sein, nicht Teil der bürgerlich-dekadenten Gesellschaft, in der seine Familie sich bewegt. Später, als er noch versucht, Teil des Geschäfts zu werden, wird seine Unfähigkeit noch größer. Nicht nur seine Verdauung leidet, er klagt über generelle Schluckbeschwerden, was seine Familie ungeheuer albern findet: „Du wagst nicht, schlucken zu wollen… Nein, du machst dich ja lächerlich!“ wirft Schwester Antonie ihm vor.

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Essen aus Büchern: Hühnerbuletten de Volaille aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“

Es ist ein merkwürdiger Mann, dem die Schriftsteller Berlioz und Besdomny in Bulgakows Klassiker Meister und Margarita begegnen. Er ist seltsam gekleidet und spricht zwar fließend Russisch, das aber mit deutlichem Akzent. Ein Ausländer muss er sein, beschließen die beiden bald. Er redet allerlei Merkwürdiges und Verschrobenes und prophezeit dem ungläubigen Berlioz, er würde bald von der Tram überfahren werden. Der glaubt natürlich kein Wort, verliert aber wirklich nur wenige Minuten später den Kopf, als eine Straßenbahn über ihn fährt.

Da ist er gerade auf dem Weg zur Sitzung der Schriftstellervereinigung MASSOLIT, deren Vorsitzender er ist. Die mehr oder weniger illustren Damen und Herren treffen sich um zehn Uhr abends im Gribojedowhaus, dessen obere Räume als Clubraum dienen und das im unteren Bereich über ein Restaurant verfügt, das sich nicht nur bei den MASSOLIT-Mitgliedern größter Beliebtheit erfreut. Verstimmt wartet man auf den inzwischen kopflosen Berlioz, über dessen Ableben seine Kollegen noch nicht informiert wurden. Um zwölf schließlich beschließt man, dass er wohl nicht mehr kommt und geht hinunter zum Essen, wo man aufgrund der vorgerückten Stunde keinen Platz mehr auf der Terrasse bekommt. Das sorgt zunächst für weitere Verstimmung, die aber bald vergessen ist, als der Abend sich zu einem rauschenden Fest entwickelt. Der Stimmung tut dann auch die Nachricht von Berlioz Tod keinen Abbruch mehr. Zwar überlegt man kurz, ein Telegramm zu verfassen, aber was sollte das denn Berlioz nun noch nützen? Tot ist eben tot.

„‚Ja, er ist tot, er ist tot… Aber wir leben noch!‘
Ja, eine Weile schlug die Trauer hoch, doch sie hielt sich nur kurz und sank wieder in sich zusammen, schon kehrten die ersten an ihren Tisch zurück, kippten, zunächst verstohlen, dann ganz offen einen Schnaps und aßen nach. Wirklich, wozu sollen die Hühnerbuletten de Volaille umkommen? Wie können wir Michail Alexandrowitsch helfen? Dadurch, daß wir hungrig bleiben? Wir leben doch!“

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Essen aus Büchern: Pasta Puttanesca aus Ellen Feldmans „Scottsboro“

In ihrem Roman Scottsboro beschreibt Feldman einen realen Fall, der sich in den 1930ern in Alabama zugetragen hat. Zwei Frauen hatten in „unmoralischer Absicht“ die Staatsgrenze nach Teneessee passiert, um dort der Prostitution nachzugehen. Auf der Rückfahrt wurden sie entdeckt und behaupteten zu ihrem eigenen Schutz, sie seien von einer Gruppe Schwarzer Mitreisender vergewaltigt worden. Obwohl eine der beiden Frauen ihr Geständnis bald widerrief, wurden neun Jungen und Männer im Alter von 13 bis 19 zum Tode verurteilt. Das Verfahren zog sich über Jahre und ging als Fall der „Scottsboro Boys“ in die Geschichte ein.

In Scottsboro arbeitet die New Yorker Journalistin Alice an diesem Fall und wird bald zur Vertrauten von Ruby, einer der beiden Frauen, die das Ganze ins Rollen gebracht haben. Schnell glaubt sie, dass Ruby lügt und die Anklage haltlos ist, findet damit im rassistischen Alabama aber kein Gehör. Ihre Kollegen im liberalen New York finden es derweil schwer, zwei Prostituierten Glauben zu schenken. Dabei ist ihre Einstellung vorgeblich eine ganz andere, viel solidarischere:

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Essen aus Büchern: Specksuppe aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Bei den Buddenbrooks wird fürstlich getafelt, erst recht, wenn man Gäste hat. Die Familie ist wohlhabend und zeigt es, das Tafeln dient nicht zuletzt der Repräsentation. Das spricht sich herum und so hat die im Alter immer mehr frömmelnde Konsulin ständig Besuch von Pastoren aus dem ganzen Land, die vorgeblich zur geistlichen Unterstützung anreisen, über Tage bleiben und sogar mehr verschlingen als die ewig hungrige Klothilde. Zu Ehren der Gäste lässt die Konsulin unbeirrt auffahren, was Küche und Speisekammer zu bieten haben. Tochter Tony, da noch Mme Grünlich, geht das gehörig auf die Nerven, vor allem da es nun auch noch Usus geworden ist, mit den Predigern auf Durchreise morgendliche Bibelstunden mit Anwesenheitspflicht durchzuführen. Als die Konsulin sich eines Tages mit Migräne von den Pflichten als Gastgeberin entschuldigen muss, sieht Tony ihre Stunde gekommen und weist die Köchin an, Specksuppe zu servieren,

„das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken, Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Rüben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die niemand auf der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran gewöhnt war.“

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Essen aus Büchern: Saziwi aus Lewan Berdsenischwili „Heiliges Dunkel“

In Heiliges Dunkel berichtet der georgische Autor Lewan Berdsenischwili aus seiner Zeit im Gulag. Wie er bereitwillig eingesteht, war sein Leben dort verhältnismäßig gut. Inhaftiert war er als Gründer einer verbotenen Partei, zusammen mit vielen anderen Intellektuellen. Die Arbeit war monoton aber verhältnismäßig leicht, das Essen war gerade so ausreichend, aber keine Freude.

Um die Sehnsucht nach der Außenwelt zu befriedigen und die Langeweile zu bekämpfen, sprachen die Inhaftierten viel über das Essen, das sie vermissten und auf das sie sich am meisten freuten, sollten sie jemals freigelassen werden. An einen sokratischen Dialog erinnert der Autor sich noch besonders gut. Er bringt den Mithäftling Wadim Jankow, ausgewiesener Experte der internationalen Küche, dazu zuzugeben, dass es auf der ganzen Welt kein besseres Gericht geben könne als Saziwi. Dabei handelt es sich um ein Gericht der georgischen Küche, in dem ein Truthahn in einer Walnuss-Sauce zubereitet wird. Nachdem die beiden im Dialog schon eine Menge weltbester Kandidaten für den Titel ausgeschlossen haben, bleiben nur noch Curry und Saziwi übrig:

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