Essen aus Büchern: Mandel-Crème aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Mit Essensbeschreibungen wird bei Thomas Mann sowieso nicht und bei den Buddenbrooks erst recht nicht gespart. Über ihre großzügigen Tafelrunden demonstrieren sie eben auch Geschmack und Status. Und das gilt natürlich ganz besonders an Weihnachten, auch wenn das nur im Kreise der Familie gefeiert wird und Christian sowieso schon wieder im Klub ist. Lange bevor der Puter als krönender Abschluss des Abends auf den Tisch kommt, wird schon diverses aufgetragen, darunter auch eine Mandel-Crème:

„Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit Tee und Biscuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als große Krystallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß herumgereicht wurden. Es war Mandel-Crème, ein Gemisch aus Eiern, geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das aber, nahm man ein Löffelchen zu viel, die furchtbarsten Magenbeschwerden verursachte.“

Es ist überhaupt nicht so leicht eine Mandel-Crème zu finden, die nicht mit Gelatine oder Speisestärke verfestigt wird. Aber Herr Mann schreibt eben eindeutig über einen körnigen Brei. Und wenn die Konsulin Buddenbrook es so wünscht gibt es jetzt eben eine Mandel-Crème mit Eiern und Rosenwasser, die man eigentlich zum Backen benutzt, aber auch hervorragend so essen kann.

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Mandel-Crème

(für zwei Portionen mit Bauchweh oder vier ohne)

  • 100 g Butter
  • 2 Eier
  • 100 g Zucker
  • 100 g fein gemahlene Mandeln
  • 1,5 TL Rosenwasser

Butter und Eier etwa 2 Stunden vor Beginn der Zubereitung aus dem Kühlschrank nehmen. Die Butter muss weich sein und die Eier müssen bei der Verarbeitung Zimmertemperatur haben.

In einer Schüssel die Butter cremig aufschlagen. Wenn sie aussieht wie Mayonnaise ist sie fertig. Anschließend Zucker und Mandeln unterrühren. Das erste Ei in die Schüssel schlagen und weiterrühren, bis es in die Masse eingearbeitet ist. Dann das zweite Ei dazu geben, weiterrühren und auch das Rosenwasser zugeben. Rühren bis die Masse so fest wird, dass sie reißend vom Löffel fällt.

Vor dem Servieren etwa 30 Minuten kaltstellen, damit der Zucker noch eine Chance hat, sich aufzulösen. Sonst ist die Crème nicht nur körnig, sondern knirscht auch noch.

Thomas Mann hat recht: ein Löffelchen zu viel und die Masse aus Fett und Zucker schlägt einem schwer auf den Magen. Aber lecker ist sie trotzdem, obwohl ich sonst eine aktive Rosenwasser-Verächterin bin. Christians Pech, dass er zu früh in den Klub gegangen ist.

(Wer es nicht schafft, die ganze Schüssel Crème zu essen: sie ist auch eine sehr schöne Basis für Obst-Tartes oder ähnliches)


Quelle der Zitate: Thomas Mann: Buddenbrooks. Fischer 2004. Sowohl das Zitat im Text als auch das im Bild stammen von S. 540.

Mehr Essen aus Büchern gibt es auf schiefgegessen.

Essen aus Büchern: Tamale Pie aus E. Annie Proulx‘ „Accordion Crimes“

Autor*innen setzen Essen in Büchern höchst unterschiedlich ein. Bei vielen spielt es überhaupt keine Rolle, andere zählen ins Detail alles auf, was sie ihren Romanfiguren vorsetzen. Häufig wird es eingesetzt, um eine Klassen- oder Gruppenzugehörigkeit zu verdeutlichen. E. Annie Proulx geht damit in Accordion Crimes in die Vollen. Der Roman folgt einem Akkordeon, das durch die Hände vieler Menschen, vor allem Menschen mit Einwanderungsgeschichte in den USA geht. Neben der Musik ist vor allem ihre traditionelle Küche ein heimatlicher Anker und jede Gruppe, die Proulx beschreibt hängt an ihren Küchenklassikern, die wieder und wieder aufgelistet werden, für die Polen, die Italiener, die Deutschen, die Mexikaner. Ob es ein Essen aus diesem Buch geben wird, war also gar nicht die Frage. Ich musste mich nur entscheiden. Meine Wahl ist auf Tamale Pie gefallen, zum einen, weil es ein sehr schönes Beispiel für eine Küche ist, die der neuen Heimat angepasst wird, zum anderen weil es eines der wenigen Gerichte ist, die nicht nur in einer Liste auftauchen. Der Tamale Pie hat einen ganzen eigenen Satz!

„Down the street stood a wreck of an old tamale stand, the remnant of a failed franchise from the 1920s in the shape of a giant tamale, the stucco sloughing off, faded signs drooping: HAMBURGERS AS YOU LIKE’EM. TAMALE PIE.“

Kurz nachdem er erwähnt wird, ist der Tamale-Imbiss auch schon Geschichte, ersetzt durch einen Friseur-Salon, der bald Teil einer ganzen Siedlung mexikanischer Migrant*innen wird. Darunter natürlich auch ein Akkordeonist. Auch wenn der Pie dem Imbiss am Straßenrand kein Glück gebracht hat, hab ich ihn mal ausprobiert. Und so geht’s:

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Essen aus Büchern: Bubble and Squeak aus Zadie Smiths „White Teeth“

Zwei der Hauptfiguren in White Teeth, Archie und Samad, gehen zusammen in den gleichen Pub beinahe seitdem sie in London leben. Dieser wird von Abdul-Mickey betrieben, dessen Vater jeden seiner fünf Söhne Abdul genannt hat, ihnen aber noch einen englischen Namen gegeben hat, um ihnen das Leben leichter zu machen. In Abdul-Mickeys Pub gibt es auch Essen, das Archie und Samad sehr schätzen und das immer aus Pommes, Bohnen, Eiern, Pilzen, Tomaten und Toast in unterschiedlichen Kombinationen besteht. Doch eines Tages taucht ein neues Gericht auf der Karte auf:

„The Bubble and Squeak had been a revelation of sorts.“

Nicht weniger als eine Offenbarung ist es also für die Stammgäste im Pub, das man von den üblichen Grundzutaten abweicht. Aber man muss, das betont Abdul-Mickey immer wieder, auch mal offen für Neues sein. Man muss den Dingen eine Chance geben.

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Essen aus Büchern: Chicken Pot Pie aus Anne Tylers „Vinegar Girl“

Tyler scheint ein große Fan von Chicken Pot Pie zu sein. Er taucht auf in Ladder of Years (S. 106, als eines der Gerichte, das sich die Protagonistin im Diner leisten kann), in Vinegar Girl (dazu gleich mehr) und, soweit ich mich erinnere, auch in A Spool of Blue Thread, aber da kann ich die Seite nicht mehr finden. Ich bin auf Anne Tyler seit Ladder of Years nicht mehr sehr gut zu sprechen, weil das ein so unverzeihlich blödes Buch war, und das Ideal der immer zurücksteckenden und verzeihenden Mutter und Hausfrau so ekelhaft hochgehalten hat. In Vinegar Girl gibt es keine Mutter mehr und stattdessen muss die Haushältern Mrs Larkin das mütterliche Ideal vertreten und in der Küche für Begeisterung sorgen. 

Mrs Larkin used to make a wonderful chicken pot pie.“

Was genau so wonderful an Mrs Larkins Pie war, wird nicht ausgeführt. Grundsätzlich sei gesagt, dass es unzählige Varianten von Chicken Pot Pie gibt – mit Mürbeteig und Blätterteig, einfach als gedeckter Auflauf oder als „richtiger“ Pie. Letzteres scheint eher in Großbritannien verbreitet zu sein und da dieser Roman in den USA spielt, habe ich mich für die einfache gedeckte Variante entschieden. Dann habe ich mir ausgedacht, dass Mrs Larkin sicher gerne die Sendung von Julia Child gesehen hat und habe deshalb einen Chicken Pot Pie nach ihrem Rezept gemacht. Haltlose Mutmaßung. Mrs Larkins Pie könnte ein völlig anderer sein. Dieses Rezept hier reicht auf jeden Fall für eine mittelgroße Auflaufform und macht 4-6 Personen satt:

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Essen aus Büchern: Bohnenmus-Brötchen aus Haruki Murakamis „Kafka am Strand“

Das japanische Bohnemus-Brötchen Anpan erfreut sich landesweit großer Beliebtheit und ist vor allem als Zwischenmahlzeit beliebt. Das Wort setzt sich zusammen aus dem Wort Anko für Bohnenpaste und Pan, was über das portugiesische pão seinen Weg ins Land gefunden hat. Es soll das erste Brot sein, das jemals in Japan gebacken worden ist. Inzwischen haben sich sowohl bei Teig als auch Füllung zahlreiche Varianten entwickelt. Die traditionelle Füllung ist eine glatte oder pürierte Masse aus Adzuki-Bohnen, inzwischen gibt es aber auch sehr viele innovativere Füllungen.

Auch Nakata aus Murakamis Kafka am Strand gehört zu den Fans des süßen Brötchens. Als er Nakano das erste mal verlassen muss, landet er, völlig überfordert von den Zugverbindungen und nicht in der Lage, Schilder zu lesen, am Bahnhof Shinjuku. Ratlos setzt er sich vor dem Gebäude auf eine Bank. Bald füllt sich der Platz mit Menschen, die dort ihre Mittagspause verbringen.

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Essen aus Büchern: Cornish Pasties aus Hilary Mantels „Beyond Black“

Cornish Pasties gab man, als Bergbau in Cornwall noch ein großes Thema war, den Bergbauarbeitern mit in den Stollen. Daher kommt auch der Witz, dass der Teig eines Cornish Pastys so stabil sein muss, dass er einen Sturz in den Minenschacht unbeschadet übersteht. Der Rand wird ziemlich breit geformt und soll als „Halterung“ dienen – wenn man sich vor dem Essen nicht die Hände waschen kann, kann man die Pasties daran festhalten und den Rand am Ende einfach wegwerfen. Außerhalb von Cornwall gefertigte Pasties dürfen heute gar nicht mehr Cornish heißen – meine Pasties sind also auch eher kornischer Art. Unabhängig vom Namen aber erfreut sich dieses gefüllte Gebäck in ganz Großbritannien großer Beliebtheit als praktisches Take Away. So auch in Hilary Mantels Beyond Black:

„In lay-bys they ate leaking seafood sandwiches, and when spring came, in the pedestrial zones of small Thameside towns they sat on benches with warm Cornish pasties, nibbling deintily around the frills.“

„They“ sind Alison, landesweit tätig als spiritistisches Medium, und ihre Assistentin Colette. Beide futtern sich auf ein paar Seiten quer durchs Land, als müsse man Reserven für den Winter anlegen. Schuld daran ist, wie an so vielem, Morris, der persönliche Geist von Alison, der sie überallhin verfolgt und ihr sagt, was und wann sie essen muss. Viel und oft nämlich.

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Essen aus Büchern: Pear Belle Hélène aus Ali Smiths „The Accidental“

„Ich esse es ja! Aber nicht unter falschem Namen.“ Birne Helene ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das berüchtigste Dessert deutscher Popkultur. Und da Pappa ante Portas nun wirklich einer meiner ganz großen Lieblinge ist, ist es mir eine besondere Freude, euch heute Birne Helene zeigen zu können. Das Gericht stammt dieses mal aus The Accidental, einem Roman von Ali Smith. In diesem Roman verlebt die Familie Smart einen grauenhaften Urlaub, der von der Ankunft Ambers durcheinander gebracht wird. Amber, die niemand kennt, die aber trotzdem bleibt.

„Unsere Birne Helene ist mit Vanillesoße und wird immer gerne genommen.“ Birne Helene wurde um 1870 von niemand geringerem als Auguste Escoffier entwickelt, anlässlich der Aufführung von „Die schöne Helena“, einer Oper von Offenbach. Damals wurden die Birnen in Läuterzucker pochiert, mit kandierten Veilchen bestreut und mit Vanilleeis und Schokoladensauce serviert. Heute nimmt man, zumindest zu Hause, wahrscheinlich eher Birnen aus der Dose und Schokoladensauce aus der Flasche, vermutlich auch im Haushalt der Familie Smart:

„I thought Pears Belle Hélène, he told Eve. I just need to heat it. I’ll do it in a minute.“

Vater Michael schlägt diesen ungeplanten Impro-Nachtisch vor. Ich glaube nicht, dass er zufällig gerade Birnen pochiert hat, aber wir machen das jetzt mal richtig. Und zwar so:

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Essen aus Büchern: Bratwurst mit Pfeffernußsauce aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Dieses Gericht war wirklich nicht ganz leicht. Denn Bratwurst mit Pfeffernußsauce bzw. Lebkuchensauce konnte ich nur als schlesisches Weihnachtsessen finden, inkl. der entsprechenden Gewürze. Schwer vorzustellen, dass Demoiselle Buddenbrook, bei allen fixen Ideen, die sie sonst so hat, in der Sommerfrische ausgerechnet nach einem Weihnachtsessen verlangt. Die Sommerfrische verbringt sie in Travemünde, es ist eine schöne und unbeschwerte Zeit und ihr letzter glücklicher Sommer. Das weiß sie da aber noch nicht.

„Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und machte weite Spaziergänge mit Morten“

Ich habe auch mehrere Menschen gefragt, die aus der Gegend um Lübeck/Travemünde kommen und keiner von denen kannte Pfeffernußsauce zu Bratwurst und die meisten machten auch nicht den Eindruck, daran etwas ändern zu wollen. Rettung kam von Seiten eines Biofleischproduzenten, der auf seiner Seite ein Rezept für eine Biersauce vorstellt und darauf hinweist, dass in Norddeutschland oft auch Lebkuchen dafür verwendet wird. Auf der Grundlage habe ich weiter gemacht und am Ende ein Rezept zusammengebastelt.

Die Sauce klingt ja reichlich absurd, das liegt allerdings wohl daran, dass man Pfeffernüsse oder Lebkuchen ja in der Regel als süßes Gebäck kennt. Für diese Sauce allerdings braucht man Speisepfeffernüsse bzw. Soßenlebkuchen, die keine Glasur haben und mit nur wenig Zucker gebacken werden. Vom Geschmack her ähneln die holländischem Frühstückskuchen (Ontbijtkoek), falls jemand das zweifelhafte Vergnügen mal hatte.

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Essen aus Büchern: Lamb Dawn Sock aus Zadie Smiths „White Teeth“

Das Personal von Zadie Smiths Roman White Teeth hat einen recht multi-ethnischen Hintergrund. Nun aber sind sie alle in London gestrandet und einer der Charaktere, Samad, verdient sein Geld im Restaurant eines entfernten Verwandten. Er hasst diesen Job mit Hingabe. In seiner Heimat Bangladesh hat er einen Studienabschluss erworben, der ihm in London nichts bringt. Die Gäste interessieren sich nicht einen Hauch für das Essen und die Kultur seiner Heimat, wollen zu allem immer nur Pommes und dann muss er auch noch ergeben dankbar sein für 15 Pence Trinkgeld.

„Lamb Dawn Sock and rice. With Chips. Thank you.
And fifteen pence clinked on China. Thank you, sir. Thank you so very much.“

Die Gerichte, die in diesem Restaurant serviert werden, sind maximal anglisiert und haben mit den Originalen nicht mehr viel zu tun. Lamb Dawn Sock ist natürlich nicht der richtige Name, sondern eine ebenfalls anglisierte Aussprache von Lamb Dhansak, einem Gericht der Parsi-Küche. Es handelt sich um geschmortes Lamm mit Linsen, in der Regel kommt auch noch Gemüse rein und eine ganze Menge Gewürze.

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Essen aus Büchern: Kugel aus Ann Patchetts „The Magician’s Assistant“

Kugel ist ein Auflauf aus der jüdisch-aschkenasischen Küche und teilt seine etymologischen Wurzeln wahrscheinlich mit dem Gugelhupf. Es gibt eine süße Variante, die vor allem aus Eiernudeln und verschiedenen Milchprodukten besteht und eine herzhafte, die vor allem aus Kartoffeln besteht. In The Magician’s Assistant allerdings ist recht eindeutig die süße Variante gemeint, ausgestellt in der Süßwarenvitrine des traditionellen jüdischen Restaurants Canter’s Deli, in dem Protagonistin Sabine der Versuchung kaum widerstehen kann:

„She couldn’t remember the last time she had eaten, and she put her hand on the overflowing pastry case and leaned towards the glass, suddenly mesmerized by kugel.“

Die süße Variante ist auch bekannt als Lokshen Kugel, wobei ‚Lokshen‘ die Nudeln bezeichnet, oder als Noodle Kugel, was mühelos den phonetischen Sieg davon trägt. Über die Jahrhunderte haben sich natürlich sehr viele Varianten entwickelt. Fast in allen süßen Kugel-Rezepten findet man Rosinen, manchmal auch andere (Trocken)früchte, Zitronenzesten oder Apfelmus. Oft werden nur Zucker und Zimt über die Masse gestreut, manchmal aber auch Toppings wie zerbröselte Kekse, Streusel oder Cornflakes. Es war mir nicht möglich, herauszufinden, was Canter’s Deli sein Kugel nun genau macht, deswegen habe ich mich einfach für eine möglichst traditionelle Variante entschieden. Es ist einfach, es ist sehr lecker, es ist super variabel, aber ich warne euch – es ist auch eine riesige Milchprodukte-Schlacht.

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