Émile Zola: Das Paradies der Damen

Zola_DasParadiesDerDamen„wenn das, was man heute Handel nennt, ein solches Herumgestoße ist, dann verstehe ich nichts mehr davon und will lieber meiner Wege gehen.“

Als Denise Baudu, Heldin des Romans, nach Paris kommt, ist ihre Lage verzweifelt. Vor mehr als einem Jahr sind die Eltern gestorben, sie muss als Verkäuferin für sich und ihre kleinen Brüder Jean und Pépé sorgen. Zum Glück hat ihr beim Tod des Vaters ein Onkel, der in Paris einen Stoffladen betreibt, Unterkunft und Arbeit angeboten. Jetzt endlich reisen die drei in die Hauptstadt, doch noch bevor sie den Laden erreichen, werden sie gefesselt von den protzigen Schaufenstern des „Paradies der Damen“, einem gigantischen Modehaus, das alle anderen Geschäfte in der Nachbarschaft überstrahlt. Onkel Baudu ist sehr überrascht vom unangekündigten Besuch und peinlich berührt – die Geschäfte laufen, vor allem wegen der übermächtigen Konkurrenz, ziemlich schlecht, er kann den Geschwistern weder Einkommen noch Unterkunft bieten. In der Nachbarschaft sieht es nicht besser aus, alle klagen über rückläufige Umsätze. Seit das Paradies mit seinen lichtdurchfluteten Hallen und den niedrigen Preisen lockt, verirren sich nur noch wenige treue Kundinnen in die stickigen Geschäftsräume der alteingesessenen Händler. Am Ende bleibt Denise nichts anderes übrig, als beim Paradies selbst vorstellig zu werden, wo sie auch tatsächlich für die Konfektionsabteilung engagiert wird.

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Arthur Schnitzler: Therese

ArthurSchnitzler_Therese„Sie fragte sich wohl, ob es anders wäre, wenn sie ihr Frauenleben in einer anderen, schöneren Weise hätte erleben dürfen, als es ihr nun beschieden war […].“

In seinem (zweiten und letzten) Roman Therese beschreibt Schnitzler das Leben einer jungen Frau und ihren schleichenden sozialen Abstieg.
Geboren wird Therese Fabiani als Tochter eines Leutnants, der sich nach Ende seiner militärischen Laufbahn samt Familie in Salzburg niederlässt. Er verkraftet das Ende seiner Karriere schlecht und wird nach einigen öffentlichen Ausfällen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Zu Hause wird das Geld knapp und nachdem der Bruder zum Studium nach Wien gegangen ist, versucht Thereses Mutter sie mit einem deutlich älteren Bekannten zu verkuppeln, auf dessen Geld und Titel sie hofft.

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Mark Twain: Meine geheime Autobiographie

„In dieser Autobiographie ist es meine Absicht, abzuschweifen, wann immer mir danach zumute ist, und wieder zurückzukehren, wenn ich so weit bin.“

Abschweifen kann Mark Twain tatsächlich wie fast kein Zweiter. Mehr als einmal musste ich beim Lesen seiner Biographie an Abe Simpson denken.

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Heinrich Mann: Die kleine Stadt

H. MANN betritt von rechts kommend das nach der neuesten Mode eingerichtete Bureau seines VERLEGERS. VERLEGER an seinem Schreibtisch erhebt sich leicht.

H. MANN (überschwänglich): Sehen Sie, Herr Verleger, hier ist mein neues Werk!“
VERLEGER greift nach Manuskript und blättert darin. Legt Manuskript mit resigniertem Gesichtsausdruck auf Schreibtisch.
VERLEGER: Aber Herr Mann, das ist ja ein Drama! Das geht so nicht. Das Publikum wünscht keine Dramen zu lesen sondern Romane!
H. MANN (kleinlaut): Ja, aber nun hab ich..
VERLEGER (großspurig): Mein lieber Herr Mann, das ist doch gar kein Problem. Hier haben Sie einen Stift (gibt ihm einen Stift) und immer wenn da steht… zum Beispiel „DON TADDEO:“ machen sie daraus „Don Taddeo sagte“. Oder „alle ab“, da machen Sie einfach draus „Alle verlassen den Marktplatz“ oder so. Das kriegen sie schon hin. Ist ja nicht ihr erster Roman.

H. MANN und VERLEGER verharren im Hintergrund. BLOGGERIN betritt Bureau vom rechten Bühnenrand. Sie trägt ein Heißgetränk in der Hand.

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Joseph Roth: Hiob

hiob„Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet werden?“

 Mendel Singer ist gläubiger Jude, zu Beginn der Erzählung in den 1910ern gerade dreißig Jahre alt und lebt in Russland. Seinen Lebensunterhalt verdient er mehr schlecht als recht als Lehrer. Von dem Gehalt müssen seine Frau Deborah leben sowie die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam und Menuchim.

Deborah ist ständig unzufrieden mit dem wenigen, was die Familie hat, doch eigentlich ist es ganz gut um sie bestellt. Bis zur Geburt Menuchims, der schwer krank ist. Seine Gliedmaßen sind nicht vollständig entwickelt, er kann nicht laufen und lernt das sprechen fast gar nicht. Nur das Wort „Mama“ lernt er spät und wiederholt es von da an unablässig. Eine Strafe Gottes, vermuten die Eltern, auch wenn sie nicht wissen wofür. Der konsultierte Rabbi verspricht eine Genesung des Jungen, wenn die Eltern nur Geduld haben und ihn nicht verlassen. Die älteren Geschwistern ärgern und quälen Menuchim, weil sie seinetwegen Nachteile haben und gehänselt werden.

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Shakespeare: The Winter’s Tale – Jeanette Winterson: The Gap of Time

Bevor ich mit Wintersons A Gap of Time, dem ersten Teil des Hogarth-Projekts, angefangen habe, wollte ich erst nochmal die Vorlage, „The Winter’s Tale“ lesen. Es ist wirklich, wirklich lange her, dass ich zuletzt Shakespeare gelesen habe und gerade dieses Stück habe ich sogar nie zuvor gelesen. Es ist eines seiner unbekannteren und wird verhältnismäßig selten gespielt. Tatsächlich ist die Story auch etwas merkwürdig. Anscheinend war der Titel für ein zeitgenössisches Publikum Hinweis genug, dass es sich hier um eine etwas verschrobene Geschichte mit Happy End handelt. Das also passiert:

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Shakespeare neu erzählt – Hogarth Shakespeare

William Shakespeares Werk zählt zweifelsohne zu den Klassikern der Weltliteratur und irgendwas von ihm kennt jeder. Seit über 400 Jahren werden seine Stücke gespielt, übersetzt, gemalt, verfilmt, als Comic adaptiert und neu erzählt. Seit 2015 erscheinen nun die ersten Bände aus der Reihe „Hogarth Shakespeare“, die ich sehr spannend finde. In diesem Projekt werden Shakespares Dramen von bekannten AutorInnen neu erzählt. Die englischsprachigen Titel erscheinen bei Penguin, die deutschen Übersetzungen bei KNAUS. Bisher veröffentlicht oder in konkreter Planung sind folgende Titel (Daten der englischen Titel nach Crown Publishing):

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Noch mehr Bücher für den Sommer

Mitte Mai habe ich über meine letzten Lesevorhaben berichtet und jetzt bin ich fertig. Sogar Unendlicher Spaß habe ich mittlerweile durch, obwohl ich zwischenzeitlich Zweifel hatte, dass es jemals enden wird. Spaß hat es aber trotzdem gemacht, auch wenn ich oft nur 30 Seiten am Tag geschafft habe. Über meinem Bett hing in den letzten Wochen ein riesiges Poster aus 16 A4-Seiten, dass ein Personen-Diagramm des Romans darstellt und das ich jedem empfehlen kann, der das Buch auch lesen will. Die kleine Stadt musste ich leider, nachdem ich Heinrich Mann so gelobt hatte, abbrechen. Eine ausführlichere Rezension folgt – kurz gesagt ist es mehr Drama als Roman und keine der Figuren hat mich auch nur im Ansatz interessiert. Zusätzlich zu meinen „geplanten“ Büchern habe ich noch Bennetts Lady in the Van gelesen was ja kaum mehr als eine Mittagspause ist und dann kam früher als versprochen das Leseexemplar von Kuhlbrodts Das Modell bei mir an und duldete keinen Aufschub. Nun also folgen diese Bücher:

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Sommer-Leseliste – die nächsten acht

Schon wieder sind alle Bücher der letzten Leseliste  von Ostern ausgelesen und neue Bücher mussten her. Neuerscheinungen sind dieses mal fast gar keine dabei, irgendwie ist mir nichts über den Weg gelaufen, was sofort gelesen werden wollte, dafür habe ich ein paar Klassiker ausgegraben.

Und Herrndorfs Sand habe ich wieder aus dem Regal gezogen, wo es in den letzen Jahren furchtbar gelitten hat. Ich habe selten ein so zerstörtes Buch in meinem Besitz gefunden und der zwischen den Seiten klemmende Bierdeckel lässt auf eine unruhige Nacht schließen. Auf Seite 34 habe ich die Lektüre damals abgebrochen und ich weiß nicht mehr, warum. Ich erinnere mich eigentlich sehr postiv an die paar Seiten.

SommerLeseliste

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Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman – das Hörspiel

Leben und Ansichten von Tristram Shandy Gentleman von Laurence Sterne

„Schrifstellerei, so sie denn recht betrieben, ist nichts anderes als Konversation.“

Während der Weihnachtsfeiertage lief im Deutschlandfunk eine Hörspielbearbeitung von Tristram Shandy und ich hatte endlich, endlich mal wieder Zeit, ein Hörspiel mit mehreren Folgen im Radio zu hören. Das letzte mal ist mir das 2005 mit irgendwas von Pratchett gelungen. Und es hat sich mehr als gelohnt.

Tristram Shandy wird oft als einer der wichtigsten Werke der neueren englischen Literatur bezeichnet. Der Roman als Gattung steckte noch in den Kinderschuhen, als Laurence Sterne schon mutig voranschritt und jede Genre-Grenze ignorierte. Zeitgenossen wie Lessing fanden sehr viel Lob für dieses Werk und auch spätere AutorInnen wie James Joyce und Virginia Woolf zeigten sich beeindruckt vom Erfindungsreichtum Sternes. Trotzdem liest heute fast niemand Tristram Shandy, es sei denn, man muss. Und es müssen fast nur Anglistik-StudentInnen – daher auch mein (schmerzhafter) Erstkontakt mit dem Buch.

Veröffentlicht wurde der Roman erstmals von 1759 bis 1767 in neun Teilen, in heutigen Gesamtausgaben sind das ca. 850 Seiten. Die Handlung ist recht unspektakulär. Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman ist der volle Titel und eben darum geht es auch. Allerdings wird dieses Leben nicht in einer stringenten Folge erzählt sondern der Erzähler, Tristram selbst, springt vor und zurück, zu Nebenschauplätzen und wieder zur eigentlichen Handlung. Im ersten Teil erzählt er von seiner Zeugung und von da an dauert es noch drei volle Teile, bis er geboren wird. Zwischendrin erzählt er viel von seinem Onkel Toby, der im Krieg eine Verletzung des Schambeins erlitten hat, infolgedessen eine Leidenschaft für Festungsbau entwickelt hat und auf einem Stück Land hinterm Haus der Shandys an einer eigenen Festung arbeitet, in der er bedeutende Schlachten des siebenjährigen Krieges nachstellt. Walter Shandy, Tristrams Vater, ergeht sich vor allem in philosophischen Betrachtungen und bedauert nichts mehr als die Tatsache, dass Tristrams Nase bei der Geburt so platt gedrückt wurde, dass aus dem Sohn eigentlich nichts mehr werden kann. Sowohl die Leistenverletzung als auch das Nasen-Thema bieten Boden für reichlich Witze, die im 18. Jahrhunderts wahrscheinlich der gewagte Gipfel der Frivolität waren, fast 250 Jahre später aber… nun ja, ermüdend sind.

Was die Hörspielbearbeitung in diesem Fall leistet, ist tatsächlich großartig. Es wird rabiat gekürzt, und so schwierig ich das sonst finde, ist es in diesem Fall der Weg, diesen anstrengenden Koloss in einen großen Spaß zu verwandeln. Die Inszenierung lebt von den Sprecherinnen und Sprechern, aber auch von den externen Stimmen die eingespielt werden – der Übersetzer greift hin und wieder erklärend ein, ein Kinderarzt spricht über die mögliche Notwendigkeit einer Beschneidung und ein Theologe erklärt, warum und wie man exkommuniziert werden kann. Das Hörspiel geht auf eine gewisse Distanz zum Ausgangswerk, macht aber auch begreiflich, warum dieser Roman über Jahrhunderte so viele begeistern konnte. So deutlich auch gekürzt wird, bleibt doch die Essenz des Romans bestehen und arbeitet darüberhinaus den Witz und den Einfallsreichtum heraus, der sonst zwischen den ganzen Flachwitzen leicht verloren geht.

Wer die Eddie Dickens-Reihe kennt und mag, wird dieses Hörspiel lieben. Wer sie nicht kennt, sollte das ändern, aber auf jeden Fall auch Tristram Shandy hören. Uneingeschränkte Empfehlung!

Derzeit kann man das Hörspiel übrigens noch über untenstehenden Link zum BR downloaden.


Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Übersetzt von Michael Walter. Bearbeitung und Regie: Karl Bruckmaier. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunk. CD-Edition: der Hörverlag 2015. ca 7,5 Stunden, ca. € 39,99. Michael Walters Übersetzung ist in Buchform 2015 bei Galiani erschienen, 848 Seiten, € 24,99.

Das Zitat stammt aus Teil 2, Kapitel 11.