Thomas Mann: Buddenbrooks

Ach ja, die Buddenbrooks. Sie waren vor guten zehn Jahren das erste Buch, das ich von Thomas Mann gelesen habe und damit der Grundstein einer großen Liebe. Ich hatte damals gehörigen Respekt vor diesem Großmeister der deuschen Literatur mit seinen legendären Bandwurmsätzen. Ich weiß nicht, warum das so oft das erste ist, was Menschen zu Thomas Mann einfällt, so lang sind seine Sätze nun wirklich nicht, da gibt es weitaus schlimmere (ich meine dich, Augusto Roa Bastos!).

Ich hatte das Buch dabei, als ich in einem Sommer mit drei Freundinnen nach Fehmarn gefahren bin, darunter zwei weitere Mann-Fans. Natürlich mussten wir nach Lübeck ins Thomas Mann-Haus und natürlich mussten wir in Travemünde die Vorderreihe entlang spazieren. In den Fotos dieses Urlaubs habe ich noch ein Bild von einem Haus gefunden, das wir als Residenz des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf auserkoren hatten. Ohne jede Grundlage, versteht sich. Mortons „auf den Steinen sitzen“ schaffte es sogar für einige Zeit in unseren aktiven Wortschatz.

mann_buddenbrooks

Eine Zusammenfassung der Handlung kann man sich ja eigentlich fast sparen. Die Geschichte beginnt, als der alte Johann Buddenbrook noch lebt und man gerade in das neue Haus mit Landschaftszimmer in der Mengstraße gezogen ist und sie endet, als der jüngste Johann Buddenbrook nicht mehr lebt und das repräsentable Haus schon lange verkauft ist. Und dazwischen? Dazwischen strotzt der Roman von Humor und Tragik, von Triumphen und Niederlagen und von jeder Menge Figuren, die einem über die knapp 760 Seiten ganz schön ans Herz wachsen.

Die Buddenbrooks halten noch etwas auf sich, allen voran Antonie. Man achtet peinlichst darauf, dass die Traditionen der Familie eingehalten werden, vor allem, dass man seinen Namen als Kaufmann nicht ruiniert. Denn auch wenn über der Haustür das Motto „Deus providebit“ prangt, ist der wahre Leitsatz der Familie doch „sey mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können“. Über die Jahrzehnte, denen man der Familie folgt, ändert sich die Welt um die Buddenbrooks herum rapide. Lange, bevor der junge Hanno Buddenbrook sich mit Pavor Nocturnus quält, ist es mit der erholsamen Nachtruhe für die meisten Familienmitglieder schon vorbei.

„Schließe die Haustür! Mach‘ Alles zu! Es ist das Volk…“

Emporkömmlinge sind auf einmal die erste Familie in der Stadt und skrupellosere Kaufleute als die Buddenbrooks es sind, machen die weitaus besseren Geschäfte. Zu allem Überfluss gibt es plötzlich Revolten und neumodische Ideen, nach denen das gemeine Volk mehr Rechte haben sollte. Niemand kann über diese Umstände so empört sein wie Antonie Buddenbrook/Grünlich/Permaneder. Nach einer ersten gescheiterten Ehe hat sie das Leben gesehen und ist keine dumme Gans mehr und weiß sehr genau, wer sie auf der Straße zuerst  zu grüßen hat.

Tony war für mich, als ich die Buddenbrooks das erste mal las, eine tragische, bemitleidenswerte Figur. Und zwar nur. Ihre Unerträglichkeiten sind mir erst beim zweiten Mal so richtig aufgefallen. Sie will so gerne etwas für die Familie tun, schießt aber ständig über das Ziel hinaus und trifft mehr als ein mal die falschen Entscheidungen, während sie sich selbst auch furchtbar wichtig nimmt. Aber so richtig vorwerfen kann man ihr das trotzdem fast nicht, Tony kann nun einmal nicht aus ihrer Haut. Mit inbrünstiger Verehrung muss sie ihre Familie lieben und verehren und ihr ganzes Dasein in den Dienst der Buddenbrooks stellen.

Christian hingegen fand ich beim ersten mal nur lächerlich und anstrengend, mit zehn Jahren Abstand sehe ich aber auch durchaus sein tragisches Potenzial. Es liegt nicht in seiner Natur, den Ansprüchen seiner Familie Genüge zu tun, er muss in ihren Augen scheitern. Verständnis kann er dafür nicht erwarten, zu sehr sind seine Geschwister und Eltern in der Tradition verhaftet, in der Ausreißer schlicht nicht vorgesehen sind. Wie tragisch es für ihn endet, hatte ich in der Zwischenzeit schon vergessen. Ich hätte es ihm anders gewünscht.

Ach und Hanno. Der arme Hanno. Er selbst zieht einen Strich unter seinen Namen in der in Ehren gehaltenen Familienchronik und schließt sie damit vorzeit ab. „Ich glaubte… es käme nichts mehr“ rechtfertig er sich unbeholfen seinem Vater Thomas gegenüber. Und es kommt auch nichts mehr. Hanno passt nicht in diese Familie in der Zahlen und Haltung über alles gehen. Zu sehr ähnelt er seiner ätherischen Mutter Gerda, zu zärtlich liebt er seinen einzigen Freund, den verwahrlosten Kai Graf Mölln. Hanno erkrankt an Typhus und gegen den, so lernt man, hat man nur eine Chance, wenn man noch leben will. Hanno wird nicht einmal volljährig.

Ich finde die Buddenbrooks ein wirklich brillantes Buch. Die Charaktere sind in sich schlüssig, manchmal ironisch überzeichnet. Während alle Mitglieder der Familie eifrig bemüht sind, eine Fassade aufrecht zu erhalten, die mindestens so würdevoll ist wie die in der Mengstraße, blickt man beim Lesen weit dahinter und wird Zeuge der inneren Kämpfe und erfährt wie sehr jeder einzelne darunter leidet, nicht wirklich das erträumte Leben zu haben. Aber ein Bruch mit den familiären Konventionen scheint undenkbar. Die wenigen Randfiguren, die dies wagen, werden mit ewiger Verachtung gestraft. Vielleicht liegt es auch an dieser Starrheit, an diesem Festhalten an antiquierten Traditionen, dass die Familie untergehen muss. Sie passen einfach nicht mehr in die neuen Zeiten, sie sind und werden überholt.

Bei all der Tragik kommt aber auch Humor nicht zu kurz. Wie witzig Thomas Mann ist, habe ich erst beim zweiten Lesen gemerkt. Vielleicht war meine Ehrfurcht vor dem großen Meister beim ersten mal so groß, dass ich nicht auf Humor zu hoffen gewagt habe. Es gibt, das sei euch ans Herz gelegt, eine CD, auf der Loriot Texte von Thomas Mann vorliest. Ich glaube, man kann die nur noch als Download bekommen, aber sie heißt „Das Eisenbahnunglück“ und hat mir beim Verstehen des Mannschen Humor sehr, sehr geholfen.

Ich behaupte nicht, dass man die Buddenbrooks gelesen haben muss, man kann auch ohne diesen Roman ein langes und erfülltes Leben haben. Mich aber haben sie seit dem ersten Lesen nicht mehr losgelassen und werden mich auch sicher noch viele Jahre begleiten und ich kann sicher nie wieder Scheibenhonig sehen, ohne an Morten Schwarzkopf zu denken. In meinen Augen gilt dieser Roman völlig zurecht als einer der ganz, ganz großen Klassiker.


Thomas Mann: Buddenbrooks. Fischer 2004. 758 Seiten, € 9,95. Neu durchgesehen anhand der Erstausgabe Fischer 1901.

Das Zitat stammt von S. 178

Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

Shylock Is My Name ist der zweite Teil der Hogarth Shakespeare-Reihe und zugleich ein Zitat Shylocks aus dem Stück „The Merchant of Venice“, auf deutsch „Der Kaufmann von Venedig“. Das Stück wird oft für seinen ziemlich unverhohlenen Antisemitismus kritisiert und sehr unterschiedlich interpretiert. Einige Interpreten unterstreichen, dass auch der Jude im Stück ein gleichberechtigter Mensch sei, andere sind der Ansicht, Shylock habe einfach die Rolle des Bösewichts, des „Vice“, seine Boshaftigkeit habe also gar nichts mit dem Judentum zu tun. Wieder andere finden, Shylock sei nicht grausamer Täter sondern vielmehr das Opfer in der ganzen Angelegenheit. Aber worum geht es denn eigentlich? Grob zusammengefasst ist das hier die Story:

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Émile Zola: Das Paradies der Damen

Zola_DasParadiesDerDamen„wenn das, was man heute Handel nennt, ein solches Herumgestoße ist, dann verstehe ich nichts mehr davon und will lieber meiner Wege gehen.“

Als Denise Baudu, Heldin des Romans, nach Paris kommt, ist ihre Lage verzweifelt. Vor mehr als einem Jahr sind die Eltern gestorben, sie muss als Verkäuferin für sich und ihre kleinen Brüder Jean und Pépé sorgen. Zum Glück hat ihr beim Tod des Vaters ein Onkel, der in Paris einen Stoffladen betreibt, Unterkunft und Arbeit angeboten. Jetzt endlich reisen die drei in die Hauptstadt, doch noch bevor sie den Laden erreichen, werden sie gefesselt von den protzigen Schaufenstern des „Paradies der Damen“, einem gigantischen Modehaus, das alle anderen Geschäfte in der Nachbarschaft überstrahlt. Onkel Baudu ist sehr überrascht vom unangekündigten Besuch und peinlich berührt – die Geschäfte laufen, vor allem wegen der übermächtigen Konkurrenz, ziemlich schlecht, er kann den Geschwistern weder Einkommen noch Unterkunft bieten. In der Nachbarschaft sieht es nicht besser aus, alle klagen über rückläufige Umsätze. Seit das Paradies mit seinen lichtdurchfluteten Hallen und den niedrigen Preisen lockt, verirren sich nur noch wenige treue Kundinnen in die stickigen Geschäftsräume der alteingesessenen Händler. Am Ende bleibt Denise nichts anderes übrig, als beim Paradies selbst vorstellig zu werden, wo sie auch tatsächlich für die Konfektionsabteilung engagiert wird.

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Arthur Schnitzler: Therese

ArthurSchnitzler_Therese„Sie fragte sich wohl, ob es anders wäre, wenn sie ihr Frauenleben in einer anderen, schöneren Weise hätte erleben dürfen, als es ihr nun beschieden war […].“

In seinem (zweiten und letzten) Roman Therese beschreibt Schnitzler das Leben einer jungen Frau und ihren schleichenden sozialen Abstieg.
Geboren wird Therese Fabiani als Tochter eines Leutnants, der sich nach Ende seiner militärischen Laufbahn samt Familie in Salzburg niederlässt. Er verkraftet das Ende seiner Karriere schlecht und wird nach einigen öffentlichen Ausfällen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Zu Hause wird das Geld knapp und nachdem der Bruder zum Studium nach Wien gegangen ist, versucht Thereses Mutter sie mit einem deutlich älteren Bekannten zu verkuppeln, auf dessen Geld und Titel sie hofft.

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Mark Twain: Meine geheime Autobiographie

„In dieser Autobiographie ist es meine Absicht, abzuschweifen, wann immer mir danach zumute ist, und wieder zurückzukehren, wenn ich so weit bin.“

Abschweifen kann Mark Twain tatsächlich wie fast kein Zweiter. Mehr als einmal musste ich beim Lesen seiner Biographie an Abe Simpson denken.

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Heinrich Mann: Die kleine Stadt

H. MANN betritt von rechts kommend das nach der neuesten Mode eingerichtete Bureau seines VERLEGERS. VERLEGER an seinem Schreibtisch erhebt sich leicht.

H. MANN (überschwänglich): Sehen Sie, Herr Verleger, hier ist mein neues Werk!“
VERLEGER greift nach Manuskript und blättert darin. Legt Manuskript mit resigniertem Gesichtsausdruck auf Schreibtisch.
VERLEGER: Aber Herr Mann, das ist ja ein Drama! Das geht so nicht. Das Publikum wünscht keine Dramen zu lesen sondern Romane!
H. MANN (kleinlaut): Ja, aber nun hab ich..
VERLEGER (großspurig): Mein lieber Herr Mann, das ist doch gar kein Problem. Hier haben Sie einen Stift (gibt ihm einen Stift) und immer wenn da steht… zum Beispiel „DON TADDEO:“ machen sie daraus „Don Taddeo sagte“. Oder „alle ab“, da machen Sie einfach draus „Alle verlassen den Marktplatz“ oder so. Das kriegen sie schon hin. Ist ja nicht ihr erster Roman.

H. MANN und VERLEGER verharren im Hintergrund. BLOGGERIN betritt Bureau vom rechten Bühnenrand. Sie trägt ein Heißgetränk in der Hand.

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Joseph Roth: Hiob

hiob„Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet werden?“

 Mendel Singer ist gläubiger Jude, zu Beginn der Erzählung in den 1910ern gerade dreißig Jahre alt und lebt in Russland. Seinen Lebensunterhalt verdient er mehr schlecht als recht als Lehrer. Von dem Gehalt müssen seine Frau Deborah leben sowie die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam und Menuchim.

Deborah ist ständig unzufrieden mit dem wenigen, was die Familie hat, doch eigentlich ist es ganz gut um sie bestellt. Bis zur Geburt Menuchims, der schwer krank ist. Seine Gliedmaßen sind nicht vollständig entwickelt, er kann nicht laufen und lernt das sprechen fast gar nicht. Nur das Wort „Mama“ lernt er spät und wiederholt es von da an unablässig. Eine Strafe Gottes, vermuten die Eltern, auch wenn sie nicht wissen wofür. Der konsultierte Rabbi verspricht eine Genesung des Jungen, wenn die Eltern nur Geduld haben und ihn nicht verlassen. Die älteren Geschwistern ärgern und quälen Menuchim, weil sie seinetwegen Nachteile haben und gehänselt werden.

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Shakespeare: The Winter’s Tale – Jeanette Winterson: The Gap of Time

Bevor ich mit Wintersons A Gap of Time, dem ersten Teil des Hogarth-Projekts, angefangen habe, wollte ich erst nochmal die Vorlage, „The Winter’s Tale“ lesen. Es ist wirklich, wirklich lange her, dass ich zuletzt Shakespeare gelesen habe und gerade dieses Stück habe ich sogar nie zuvor gelesen. Es ist eines seiner unbekannteren und wird verhältnismäßig selten gespielt. Tatsächlich ist die Story auch etwas merkwürdig. Anscheinend war der Titel für ein zeitgenössisches Publikum Hinweis genug, dass es sich hier um eine etwas verschrobene Geschichte mit Happy End handelt. Das also passiert:

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Shakespeare neu erzählt – Hogarth Shakespeare

William Shakespeares Werk zählt zweifelsohne zu den Klassikern der Weltliteratur und irgendwas von ihm kennt jeder. Seit über 400 Jahren werden seine Stücke gespielt, übersetzt, gemalt, verfilmt, als Comic adaptiert und neu erzählt. Seit 2015 erscheinen nun die ersten Bände aus der Reihe „Hogarth Shakespeare“, die ich sehr spannend finde. In diesem Projekt werden Shakespares Dramen von bekannten AutorInnen neu erzählt. Die englischsprachigen Titel erscheinen bei Penguin, die deutschen Übersetzungen bei KNAUS. Bisher veröffentlicht oder in konkreter Planung sind folgende Titel (Daten der englischen Titel nach Crown Publishing):

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Noch mehr Bücher für den Sommer

Mitte Mai habe ich über meine letzten Lesevorhaben berichtet und jetzt bin ich fertig. Sogar Unendlicher Spaß habe ich mittlerweile durch, obwohl ich zwischenzeitlich Zweifel hatte, dass es jemals enden wird. Spaß hat es aber trotzdem gemacht, auch wenn ich oft nur 30 Seiten am Tag geschafft habe. Über meinem Bett hing in den letzten Wochen ein riesiges Poster aus 16 A4-Seiten, dass ein Personen-Diagramm des Romans darstellt und das ich jedem empfehlen kann, der das Buch auch lesen will. Die kleine Stadt musste ich leider, nachdem ich Heinrich Mann so gelobt hatte, abbrechen. Eine ausführlichere Rezension folgt – kurz gesagt ist es mehr Drama als Roman und keine der Figuren hat mich auch nur im Ansatz interessiert. Zusätzlich zu meinen „geplanten“ Büchern habe ich noch Bennetts Lady in the Van gelesen was ja kaum mehr als eine Mittagspause ist und dann kam früher als versprochen das Leseexemplar von Kuhlbrodts Das Modell bei mir an und duldete keinen Aufschub. Nun also folgen diese Bücher:

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