Charlotte Brontë: Jane Eyre

Der folgende Text enthält ausnahmsweise Spoiler und verrät entscheidende Elemente der Handlung. Da Jane Eyre unbestreitbar ein Klassiker ist, werden viele den Inhalt so oder so schon kennen, zumindest in groben Zügen. Wer noch keine Ahnung hat und sich zu einem späteren Zeitpunkt überraschen lassen möchte, muss jetzt leider aussteigen. Zum Trost könnt ihr vielleicht das Quiz Welche Bronte-Schwester bist du? machen, oder auf andere Art eure Zeit vertrödeln. Ich danke für euer Verständnis.

Jane Eyre ist sicher eines der bekanntesten Waisenkinder der Literatur. Früh allein auf der Welt wächst sie bei einer Verwandten auf, die sie ohne jede Liebe behandelt, kommt von dort in ein unsinnig strenges Internat und schließlich als Gouvernante in den Haushalt von Mr. Edmund Fairfax Rochester. Dem Mr. Rochester, der bis heute als einer der romantischsten Charaktere der Literatur gilt. Klar, man kann da den unverstandenen, ungeliebten Mann sehen, der nur auf die richtige Frau wartet, die ihn versteht und liebt, wie er ist. So wie das Biest. Oder Norman Bates. Dass die kleine Adèle, die Jane erziehen soll, in ihrer Liebe zu Kleidern und Selbstinszenierung Honey Boo Boo Konkurrenz macht, ist da eigentlich schon Nebensache. Ob sie nun wirklich Rochesters Tochter ist, sei mal dahingestellt, immerhin kümmert er sich aber um ihre Erziehung.

Rochester wird oft als „unloveable“ charakterisiert, meistens weil er hässlich und aufbrausend ist. Jane Eyre kann natürlich, herzensgut wie sie ist, über diese Äußerlichkeiten hinweg und direkt in Rochesters großes Herz sehen, und will ihn heiraten. Sekunden vor dem entscheidenden „Ja“ aber erfährt sie, dass ihr Zukünftiger bereits verheiratet ist. Tja, naja, passiert wohl mal. Aber er ist eben nicht nur verheiratet, er hat die Dame auch auf dem Dachboden seines Anwesens versteckt, wo sie tobt und zündelt. Bertha heißt die Unglückliche übrigens. Affären mit verheirateten Männern sind die eine Sache, Männer die Ehe verschweigen, eine andere. Aber Jane, ich bitte dich, der Mann hat seine Ex nicht nur verschwiegen, sondern auf dem Dachboden eingesperrt! Das ist der Punkt, an dem man eigentlich sagt „okay, cool, danke für den Kaffee“ und rennt. Rennt, rennt, rennt, und dann die Polizei ruft.

Bronte_JaneEyre

Damit ist es ja aber noch nicht zu Ende. Rochester sagt nicht „ja, sorry, das war jetzt sicher nicht meine beste Idee, ich lass mir da was einfallen“, sondern er findet die Schuld bei allen außer sich selbst. Beim Vater, der den inzwischen verstorbenen Bruder bevorzugt hat, beim Bruder, der wusste, dass auch Berthas Mutter schon irre war, aber nichts gesagt hat. Bei Bertha, weil sie halt irre ist. Bei allen, weil niemand wirklich ihn liebt, sondern alle nur sein Geld und bei – und das ist vielleicht das beste – Jane, weil sie nicht bereit ist, über diesen klitzeminikleinen Fehler in seinem Lebenslauf hinwegzusehen, und ihn jetzt verlassen will. Mr. Rochester sperrt nicht nur Menschen auf dem Dachboden ein, er fühlt sich dabei auch völlig im Recht. Zu seiner Verteidigung kann ich einzig vorbringen, dass zur Zeit des Romans natürlich anders mit psychischen Erkrankungen umgegangen wurde als heute. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Mr. Rochester sehr daran interessiert ist, Jane vor den Altar zu zerren, bevor jemand auftaucht, der „jetzt sprechen oder für immer schweigen möge“. Sein dunkles Geheimnis will er verraten, wenn sie ein Jahr und einen Tag verheiratet sind. Mit seinem Schweigen lässt er Jane nicht nur völlig im Unklaren über seine Vergangenheit, er bringt sie auch in ernste Gefahr. Denn Bertha gelingt es mehrmals, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien. Einmal legt sie Feuer in Mr. Rochesters Schlafzimmer, bei einem anderen Ausflug verschafft sie sich Zutritt zu Janes Zimmer und zerreißt den Schleier, der für die Hochzeit schon bereitliegt. Dass Jane dabei nichts passiert, ist reines Glück. Als sie Mr. Rochester davon angsterfüllt berichtet, behauptet er, sie habe sich die gruselige Erscheinung eingebildet. Die Nerven, meine liebe, liebste Janet.

Aber jetzt nicht zaudern, reader, der Kotzbrockenexpress ist abfahrbereit. Weiter geht die wilde Fahrt mit einer kopflosen Flucht durch das englische Hinterland in den Haushalt des gottesfürchtigen St John Rivers. Er ist ohne jede Leidenschaft, rigide und rechthaberisch. Er erträgt die Enge der Heimat nicht mehr und will Missionar sein. Auch wenn er nicht glaubt, dass man bei den Wilden in Indien noch was retten kann. Er fragt Jane, ob sie mitkommen will, aber natürlich nicht als Freundin (oder entfernte Verwandte, die sie ist) sondern als seine Frau oder gar nicht. St John ist der klassische Friendzone-Jammerlappen. Nein, als Freunde will ich das nicht, wenn du mich nicht heiraten willst, bleib halt hier. Nein, dein aufrichtiges Interesse an und Hingabe für das Projekt interessiert mich nicht, toll, dass du jetzt schon Hindustani kannst, aber so wird das nichts. In der Langfassung dieser Diskussion ist er manipulativ genug, um Pick-up-Ratgeber-Autor zu sein, und kriegt Jane fast rum. In letzter Sekunde hört sie Rochesters Stimme im Wind nach ihr rufen, sagt nein, und reist ohne große Verzögerung ab. St John packt kurz darauf ebenfalls seine Sachen und reist in Richtung Mission. Der Tochter des reichen Unternehmers Mr. Olivers, die sehr verliebt war in den jungen Pfarrer, wünscht man alles Glück der Welt mit jemandem, der weniger bescheuert ist. Bei dem männlichen Personal, das sich in diesem Roman tummelt, vielleicht auch ein friedliches Leben allein.

„I am no bird; and no net ensnares me; I am a free human being with an independent will“

Jane also eilt zurück nach Thornfield, wo sie Rochester antrifft, der bei einem Hausbrand schwer verwundet wurde und sein Augenlicht verloren hat. Gelegt hat das Feuer natürlich seine Frau Bertha, die dabei ums Leben gekommen ist. Rochester ist entzückt, seinen Engel wieder bei sich zu haben und endlich steht einer Heirat der beiden nichts mehr im Wege. „Reader, I married him“ ist das große Zitat, das alle aus Jane Eyre kennen und man will ihr zurufen „oh please, Jane, please tell me you didn’t“.

Das ändert aber nichts daran, dass Jane eigentlich sehr smart ist und progressiv für ihre Zeit. Vermögen und Ansehen ist für sie kein Grund, eine Ehe einzugehen. Unter ewiger Liebe macht sie es nicht. Ein kleines Gehalt als Lehrerin, ein einfaches Cottage, das aber als unabhängige Frau, scheint ihr erstrebenswerter zu sein als ein bequemes Leben als Gattin. Immer wieder insistiert sie, dass Mädchen die gleichen Fähigkeiten haben wie ihre männlichen Altersgenossen, dass man ihnen aber eben auch eine Möglichkeit geben muss, diese auszubauen und zu nutzen. Für eine Zeit, in der die Autorin es für klüger hielt, unter männlichem Pseudonym zu publizieren, ist das schon erstaunlich progressiv.


Gehört als Hörbuch von Dreamscape Media, gelesen von Anna Bentinck. ca. 23 Stunden. Zitiert nach der Ausgabe Bantam 1981.

Das Zitat stammt von S. 240

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Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht.

Als Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht schrieb und veröffentlichte, war die öffentliche Debatte noch nicht bei der „Zweiten Welle“ angekommen. Entsprechend aufsehenerregend waren ihre Thesen. Den Frauen, so Beauvoir läge kein „Frausein“ inne, es seien nicht Gene oder Hormone, welche die Frau zu dem machten, was sie in der Gesellschaft sei, sondern gesellschaftliche und hierarchische Strukturen. Die Frau würde bewusst als „das Andere“ definiert und konstruiert, als Objekt, das in der subjektiven Welt der Männer seinen Platz nur über letztere definieren kann.

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Joseph Conrad: Lord Jim

In Lord Jim erzählt der Kapitän Charles Marlow einem Kreis interessierter Zuhörer eine Geschichte, die er einst in Ostindien erlebt hat. Dort lernte er zufällig einen jungen Seefahrer namens Jim kennen, den er noch über lange Jahre begleiten würde. Jim war als Offizier an Bord der Patna. Dieses Schiff war auf der Reise von Indien nach Mekka und hatte weit über 800 Menschen an Bord, allesamt Pilger auf der Hadsch und ihre Familien. Aus nicht geklärter Ursache, möglicherweise durch das Wrack eines anderen Schiffes, wurde die Patna beschädigt und aufgrund der maroden Struktur schien der Untergang nur noch eine Frage von Minuten zu sein. Der Kapitän, die Maschinisten und die Offiziere taten das, was in der Seefahrt eigentlich undenkbar ist – sie verließen das Schiff. Jim war strikt dagegen und sah es als seine Pflicht, wenigstens mit den Passagieren zu sterben, wenn er sie schon nicht retten konnte. Doch auf einmal fand er sich an Bord des Rettungsbootes wieder. Zu seiner eigenen Verwunderung musste er im letzten Moment doch gesprungen sein. Obwohl ein Gericht ihn freispricht, wird Jim von seiner Schuld von einem Hafen zum nächsten gejagt und kann mit sich selbst nie ins Reine kommen.

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Thomas Mann: Buddenbrooks

Ach ja, die Buddenbrooks. Sie waren vor guten zehn Jahren das erste Buch, das ich von Thomas Mann gelesen habe und damit der Grundstein einer großen Liebe. Ich hatte damals gehörigen Respekt vor diesem Großmeister der deuschen Literatur mit seinen legendären Bandwurmsätzen. Ich weiß nicht, warum das so oft das erste ist, was Menschen zu Thomas Mann einfällt, so lang sind seine Sätze nun wirklich nicht, da gibt es weitaus schlimmere (ich meine dich, Augusto Roa Bastos!).

Ich hatte das Buch dabei, als ich in einem Sommer mit drei Freundinnen nach Fehmarn gefahren bin, darunter zwei weitere Mann-Fans. Natürlich mussten wir nach Lübeck ins Thomas Mann-Haus und natürlich mussten wir in Travemünde die Vorderreihe entlang spazieren. In den Fotos dieses Urlaubs habe ich noch ein Bild von einem Haus gefunden, das wir als Residenz des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf auserkoren hatten. Ohne jede Grundlage, versteht sich. Mortons „auf den Steinen sitzen“ schaffte es sogar für einige Zeit in unseren aktiven Wortschatz.

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Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

Shylock Is My Name ist der zweite Teil der Hogarth Shakespeare-Reihe und zugleich ein Zitat Shylocks aus dem Stück „The Merchant of Venice“, auf deutsch „Der Kaufmann von Venedig“. Das Stück wird oft für seinen ziemlich unverhohlenen Antisemitismus kritisiert und sehr unterschiedlich interpretiert. Einige Interpreten unterstreichen, dass auch der Jude im Stück ein gleichberechtigter Mensch sei, andere sind der Ansicht, Shylock habe einfach die Rolle des Bösewichts, des „Vice“, seine Boshaftigkeit habe also gar nichts mit dem Judentum zu tun. Wieder andere finden, Shylock sei nicht grausamer Täter sondern vielmehr das Opfer in der ganzen Angelegenheit. Aber worum geht es denn eigentlich? Grob zusammengefasst ist das hier die Story:

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Émile Zola: Das Paradies der Damen

Zola_DasParadiesDerDamen„wenn das, was man heute Handel nennt, ein solches Herumgestoße ist, dann verstehe ich nichts mehr davon und will lieber meiner Wege gehen.“

Als Denise Baudu, Heldin des Romans, nach Paris kommt, ist ihre Lage verzweifelt. Vor mehr als einem Jahr sind die Eltern gestorben, sie muss als Verkäuferin für sich und ihre kleinen Brüder Jean und Pépé sorgen. Zum Glück hat ihr beim Tod des Vaters ein Onkel, der in Paris einen Stoffladen betreibt, Unterkunft und Arbeit angeboten. Jetzt endlich reisen die drei in die Hauptstadt, doch noch bevor sie den Laden erreichen, werden sie gefesselt von den protzigen Schaufenstern des „Paradies der Damen“, einem gigantischen Modehaus, das alle anderen Geschäfte in der Nachbarschaft überstrahlt. Onkel Baudu ist sehr überrascht vom unangekündigten Besuch und peinlich berührt – die Geschäfte laufen, vor allem wegen der übermächtigen Konkurrenz, ziemlich schlecht, er kann den Geschwistern weder Einkommen noch Unterkunft bieten. In der Nachbarschaft sieht es nicht besser aus, alle klagen über rückläufige Umsätze. Seit das Paradies mit seinen lichtdurchfluteten Hallen und den niedrigen Preisen lockt, verirren sich nur noch wenige treue Kundinnen in die stickigen Geschäftsräume der alteingesessenen Händler. Am Ende bleibt Denise nichts anderes übrig, als beim Paradies selbst vorstellig zu werden, wo sie auch tatsächlich für die Konfektionsabteilung engagiert wird.

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Arthur Schnitzler: Therese

ArthurSchnitzler_Therese„Sie fragte sich wohl, ob es anders wäre, wenn sie ihr Frauenleben in einer anderen, schöneren Weise hätte erleben dürfen, als es ihr nun beschieden war […].“

In seinem (zweiten und letzten) Roman Therese beschreibt Schnitzler das Leben einer jungen Frau und ihren schleichenden sozialen Abstieg.
Geboren wird Therese Fabiani als Tochter eines Leutnants, der sich nach Ende seiner militärischen Laufbahn samt Familie in Salzburg niederlässt. Er verkraftet das Ende seiner Karriere schlecht und wird nach einigen öffentlichen Ausfällen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Zu Hause wird das Geld knapp und nachdem der Bruder zum Studium nach Wien gegangen ist, versucht Thereses Mutter sie mit einem deutlich älteren Bekannten zu verkuppeln, auf dessen Geld und Titel sie hofft.

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Mark Twain: Meine geheime Autobiographie

„In dieser Autobiographie ist es meine Absicht, abzuschweifen, wann immer mir danach zumute ist, und wieder zurückzukehren, wenn ich so weit bin.“

Abschweifen kann Mark Twain tatsächlich wie fast kein Zweiter. Mehr als einmal musste ich beim Lesen seiner Biographie an Abe Simpson denken.

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Heinrich Mann: Die kleine Stadt

H. MANN betritt von rechts kommend das nach der neuesten Mode eingerichtete Bureau seines VERLEGERS. VERLEGER an seinem Schreibtisch erhebt sich leicht.

H. MANN (überschwänglich): Sehen Sie, Herr Verleger, hier ist mein neues Werk!“
VERLEGER greift nach Manuskript und blättert darin. Legt Manuskript mit resigniertem Gesichtsausdruck auf Schreibtisch.
VERLEGER: Aber Herr Mann, das ist ja ein Drama! Das geht so nicht. Das Publikum wünscht keine Dramen zu lesen sondern Romane!
H. MANN (kleinlaut): Ja, aber nun hab ich..
VERLEGER (großspurig): Mein lieber Herr Mann, das ist doch gar kein Problem. Hier haben Sie einen Stift (gibt ihm einen Stift) und immer wenn da steht… zum Beispiel „DON TADDEO:“ machen sie daraus „Don Taddeo sagte“. Oder „alle ab“, da machen Sie einfach draus „Alle verlassen den Marktplatz“ oder so. Das kriegen sie schon hin. Ist ja nicht ihr erster Roman.

H. MANN und VERLEGER verharren im Hintergrund. BLOGGERIN betritt Bureau vom rechten Bühnenrand. Sie trägt ein Heißgetränk in der Hand.

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Joseph Roth: Hiob

hiob„Und was willst du mit dem Beispiel Hiobs? Habt ihr schon wirkliche Wunder gesehen mit euren Augen? Wunder, wie sie am Schluss von Hiob berichtet werden?“

 Mendel Singer ist gläubiger Jude, zu Beginn der Erzählung in den 1910ern gerade dreißig Jahre alt und lebt in Russland. Seinen Lebensunterhalt verdient er mehr schlecht als recht als Lehrer. Von dem Gehalt müssen seine Frau Deborah leben sowie die Kinder Jonas, Schemarjah, Mirjam und Menuchim.

Deborah ist ständig unzufrieden mit dem wenigen, was die Familie hat, doch eigentlich ist es ganz gut um sie bestellt. Bis zur Geburt Menuchims, der schwer krank ist. Seine Gliedmaßen sind nicht vollständig entwickelt, er kann nicht laufen und lernt das sprechen fast gar nicht. Nur das Wort „Mama“ lernt er spät und wiederholt es von da an unablässig. Eine Strafe Gottes, vermuten die Eltern, auch wenn sie nicht wissen wofür. Der konsultierte Rabbi verspricht eine Genesung des Jungen, wenn die Eltern nur Geduld haben und ihn nicht verlassen. Die älteren Geschwistern ärgern und quälen Menuchim, weil sie seinetwegen Nachteile haben und gehänselt werden.

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