Gute Katholiken – „Liars and Saints“ von Maile Meloy

Mitten im Krieg heiraten Yvette Grenier und Teddy Santerre in Santa Barbara. Yvettes Familie wird ihr nie verzeihen, dass sie Kanada verlässt, um einen Amerikaner zu heiraten. Beide stammen aus streng katholischen Familien, beide meinen es ernst mit Heim und Ehe. Als Teddy seine Karriere als Flieger bei der Armee endlich hinter sich gebracht hat, steht dem jungen Glück inklusive zweier Töchter nichts mehr im Weg.

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Außer vielleicht besagte Töchter. Obwohl ihre Eltern alles für das Seelenheil von Margot und Clarissa geben, werden die beiden doch von den wilden 60er-Jahren mitgerissen. Margot wird schwanger vom Tanzlehrer, Clarissa verliebt sich einen Hippie und hört auf, BHs zu tragen. Um zumindest größeren Schaden abzuwenden, zieht Yvette Margots Sohn Jamie als ihren auf und tut, als sei er eben ein Nachzügler. Dass Jamie nicht ihr Sohn ist, hält sie sogar vor ihrem Mann lange geheim. Natürlich stürzt das die Familie auf lange Sicht in größere Schwierigkeiten.

Die Geschichte der Familie Santerre kreist um die Bedeutung von Moral und Schuld. Der Katholizismus spielt für fast alle in der Familie eine Rolle, ob sie nun so ernsthafte Kirchgängerinnen sind wie Mutter Yvette oder nicht. Das Erbe lässt sie nicht los. Die Schuld, die viele auf sich laden oder auf sich zu laden meinen, die Fehler die sie machen, geschehen in aller Regel nicht aus Rücksichtslosigkeit und Eigennutz, sondern im verzweifelten Bemühen, den moralischen Ansprüchen von Familie und Kirche gerecht zu werden. Die Geheimnisse der Familie verkomplizieren das alles immens, denn im moralischen Koordinatensystem sind wesentliche Punkte vertauscht, vor allem, wenn es um Verwandtschaftsgrade geht.

„She talked to her Lord, and told Him everything, and He listened, as He always did, and kept her in His love.“

Liars and Saints folgt der Familie Santerre-Grenier über drei Generationen. Die Themen, die diese Generationen umtreiben, wiederholen sich mit Variationen. Verbotene Liebe, vermeintlich verbotene Liebe, Ärger mit der Familie. Die Figuren sind rund und treffend charakterisiert, ihre Begegnungen und Konflikte werden überzeugend erzählt. Auffallend ist allerdings die Fruchtbarkeit der Frauen der Familie. Wer Sex hat, wird unweigerlich schwanger. Außer die arme Margot, die muss ihre Jugendsünde mit Kinderlosigkeit in der Ehe zahlen. Über die Familie hinaus wird der Roman aber nur an wenigen Stellen bedeutsam. Es gibt Ansätze, die Schicksale in der Familie mit den strikten Moralvorstellungen der Kirche in Verbindung zu bringen, konsequent umgesetzt wird das aber nicht. An vielen Stellen wird allerdings deutlich, dass es besser wäre, die Familienmitglieder würden ihre Ängste und Fehler einander und nicht im beim Priester beichten. Liars and Saints ist ein solide erzählter Familienroman, der meistens aber da aufhört, wo die Familie endet und selten Ambitionen zeigt, das Geschehen in einen größeren Kontext zu bringen.


Maile Meloy: Liars and Saints. John Murray 2004. 260 Seiten. Originalausgabe Scribner 2003. Eine deutsche Übersetzung ist unter dem Titel Lügner und Heilige bei Kein & Aber erschienen.

Das Zitat stammt von S. 138.

2005 war Meloy mit diesem Roman auf der Shortlist des Orange Prize. Dieser Beirag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

 

Lisa McInerney: The Glorious Heresies

 McInerney_TheGloriousHeresies„You’d have to ask yourself what’s wrong with this country at all that it can’t stop birthing virtuous ould bags.“

The Glorious Heresies, auf Deutsch sowas die „die glorreichen Ketzereien“, war der Gewinner des diesjährigen Baileys Women’s Prize for Fiction. Der Roman spielt in Irland, genauer gesagt in der Stadt Cork, die auf offiziellen Fotos immer einen sehr hübschen und pittoresken Eindruck macht. Die handelnden Personen in dieser Geschichte sind zum Teil hübsch aber auf keinen Fall pittoresk.

Angesiedelt ist der Roman im kriminellen Milieu der Hafenstadt. Wichtigster Strippenzieher ist Jimmy, der seinen Lebensunterhalt im wesentlichen mit Drogenhandel und Zuhälterei bestreitet. Als uneheliches Kind durfte er nicht bei seiner Mutter Maureen aufwachsen, die er aber Jahrzehnte später ausfindig gemacht hat und die er nun in einem seiner ehemaligen Bordelle wohnen lässt. Dort erschlägt sie den Einbrecher Robbie mit, der erste Akt von Ketzerei in diesem Roman, einem heiligen Stein. Jimmy hat keine Lust auf Ärger mit den Gardai und überredet seinen alten Kumpel Tony Cusack mit ihm die Leiche zu beseitigen. Cusack macht mit, er kann das gezahlte Geld gut gebrauchen um seinen Alkoholismus und den Unterhalt von sechs Kindern zu bestreiten. Sein ältester Sohn Ryan allerdings finanziert sich mit Drogenhandel weitestgehend selbst. Eine seiner Stammkundinnen ist Georgie, eine Prostituierte aus Jimmys Umfeld, die in diesen Tagen verzweifelt nach ihrem Freund Robbie sucht. Und so schließt sich der Kreis.

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