Costa Book of the Year: „The Lie Tree“ von Frances Hardinge

Die Literaturpreise melden sich langsam aus der Winterpause zurück und der erste große, der jedes Jahr verliehen wird, ist der Costa Book Award, formally known as Whitbread Literary Award, formally known as Whitbread Book Award.

Vergeben wird der Preis an AutorInnen, die in Großbritannien oder Irland leben, berücksichtigt werden Werke aus dem gesamten letzten Jahr. Es wird jeweils ein Preis in verschiedenen Kategorien vergeben, aus denen dann ein „Book of the Year“ ausgewählt wird. Die diesjährigen „Category Winners“ waren:

First Novel: The Loney von Michael Hurley (John Murray)

Novel: A God in Ruins von Kate Atkinson (Doubleday)

Biography: The Invention of Nature von Andrea Wulf (John Murray)

Poetry: 40 Sonnets von Don Paterson (Faber and Faber)

Children’s Book: The Lie Tree von Frances Hardinge (Macmillan Children’s Books)

Gewonnen hat, wie in der Überschrift schon gesagt, Frances Hardinge. Mehr zu allen Titeln gibt es auf der Seite des Costa Book Award, wo auch die Shortlist aller Kategorien zu finden ist.

Brian Conaghan: Jetzt spricht Dylan Mint und Mr Dog hält die Klappe

mrdogbitesDylan ist sechzehn Jahre alt, lebt allein mit seiner Mutter und besucht die Drumhill-Förderschule. Sein Vater ist bei der Armee und nur über Briefe erreichbar, auf die er aber nie antwortet. Natürlich nicht, denkt Dylan, er muss ja kämpfen und hat keine Zeit für Briefe in die Heimat. Dylan hat Tourette. Wenn er angespannt ist, überfordert ist, sich in die Enge getrieben fühlt, flucht er, bellt und heult er. Für sein Tourette hat er einen eigenen Namen: Mr Dog. Und den muss er unter Kontrolle halten, soweit es eben geht. Am besten geht das mit Denksportaufgaben: Welche Fußballmannschaft hat den kürzesten Namen? Und welche den längsten? Welche Mannschaften haben die Buchstaben F-O-T-B-A-L nicht in ihrem Namen?  Bis dahin erinnert das alles ziemlich an Supergute Tage.

Bei einer Routinekontrolle im Krankenhaus schnappt Dylan auf, „dass sich im März alles ändern wird“ und seine Mutter ihn „behutsam darauf vorbereiten muss“. Er hat nur noch bis März zu leben, schließt Dylan aus den kryptischen Andeutungen der Erwachsenen und macht eine Liste der Dinge, die er unbedingt noch erledigen muss, bevor es soweit ist:

  1. mit einem Mädchen, am besten Michelle Malloy, schlafen
  2. einen neuen besten Freund für seinen besten Freund Amir finden
  3. seinen Vater aus dem Krieg nach Hause holen

Dafür hat er nur noch etwas mehr als ein halbes Jahr Zeit und muss in der Zeit auch noch Tony aus dem Haus ekeln, den Taxifahrer, der ständig bei seiner Mutter in der Küche sitzt, ungefragt hereinplatzt, wenn gerade „Wer wird Millionär“ läuft und zu allem Überfluss sein dämliches Taxi auf dem Stellplatz von Dylans Vater parkt.

Die Geschichte ist ganz charmant, eben ein bisschen wie Supergute Tage. Aber ich hatte ein ernsthaftes Problem mit der Sprache. Auf der englischen Ausgabe steht als lobendes Zitat „Made me laugh out loud“ von Stephen Kelman, Autor von Pigeon English, das ich aus sprachlichen Gründen nach fünf Seiten abbrechen musste – das hätte mich misstrauisch machen müssen. Die englische Fassung ist voll von Rhyming Slang (that’s Ronan Keating = that’s cheating, Richard Gere = beer etc.) und eigenen Wortkreationen (a-mayonnais-ing), was auf Dauer wirklich, wirklich nervt. Dem verzweifelten „speak English, Dylan!“ seiner Mutter konnte ich mich aus ganzem Herzen anschließen. Die deutsche Übersetzung hab ich nur kurz durchgeblättert, aber es sieht aus, als wäre es dort weniger gehäuft, einige Sachen haben es eben nicht durch die Übersetzung geschafft. Was beide Fassungen gemeinsam haben: Es wird geflucht und das nicht zu knapp. Oft gewinnt nämlich Mr Dog die Oberhand – UGLY PIG FILTH FUCK. Wer da zart besaitet ist, sollte einfach die Finger von dem Buch lassen.

Insgesamt ist das Buch ganz nett. Dadurch, dass man alles aus Dylans Perspektive sieht, hat man nur einen eingeschränkten Blick auf die skurrile und oft unverständliche Welt der Erwachsenen und muss vieles erraten, was mir gut gefallen hat. Dennoch ist die Geschichte an einigen Punkten vorhersehbar und wenig überraschend. Und wie schon gesagt – sprachlich ist der Roman eine Nervenprobe.


Brian Conaghan: When Mr Dog Bites. Bloomsbury 2014. 371 Seiten. Deutsche Übersetzung: Jetzt spricht Dylan Mint und Mr Dog hält die Klappe. Übersetzt von Michael Kellner. Arche 2014. 320 Seiten, € 19,99.

Terry Pratchett: Dunkle Halunken

dunklehalunkenEs hat lange gedauert, bis ich endlich zu Dunkle Halunken kam, aber ich war mir ohnehin sicher, dass ich es mögen würde. Erstens ist es von Pratchett, den wirklich gerne lese. Und dann ist es ein klassischer Dickens-Plot mit einem armen, aber herzensguten Jungen, zu rettender Damsel in Distress und düsterem London, auch das mag ich. Allerdings bin ich mir unsicher, ob die Langatmigkeit des Ganzen auch eine Dickens-Reminiszenz ist oder einfach… naja, Langatmigkeit.

Protagonist ist Dodger, ein Junge, der in Londons Kanalisation unterwegs ist und von dem lebt, was er dort eben so auftreiben kann. Eines Nachts beobachtet er, wie zwei dunkle Gestalten versuchen, ein junges Mädchen in eine Kutsche zu zerren. Er kann dies verhindern und die beiden zur Hilfe eilenden Gentlemen Charlie Dickens und Henry Mayhew nehmen sich der verwundeten Schönheit an. Sie ist schwer misshandelt worden und ihre Identität ist völlig unklar. Ihre eigenen Angaben scheinen wenig glaubhaft. Dickens beauftragt Dodger, für ihn herauszufinden, wer hinter der grausamen Tat steckt und wer die junge Frau wirklich ist. Schnell hat Dodger eine ganze Meute von Verfolgern am Hals, die genau das verhindern wollen. Zum Glück hat er aber auch jede Menge Freunde in der Londoner Unterwelt, die ihm jederzeit zur Seite stehen.

Die Geschichte an sich ist gut, ich wollte sie gerne hören. Aber sie ist unendlich langatmig erzählt. Tischgespräche dieser Länge und Ereignislosigkeit habe ich zuletzt bei Fontane gesehen (Frau Jenny Treibel, quälend langes Gespräch über Flusskrebse) und auch etliche andere Teile des Plots hätten bei einer rabiaten Kürzung durchaus nicht verloren. Zwischendrin stolpert Dodger auch noch  rein zufällig dem Serienmörder Sweeney Todd über den Weg und muss ihm das Handwerk legen. Man fragt sich, wie viele Nebenhandlungen ein Buch verträgt, wenn schon der Hauptstrang schwerfällig auf der Stelle tritt. Zudem werden dauernd Besonderheiten der viktorianischen Lebenswelt und der Welt an sich erläutert und das in epischer Länge. Es ist natürlich ein Jugendbuch und da müssen ein paar Sachen ausführlicher erklärt werden, ja. Aber so ausführlich?

Ich habe das ganze nicht gelesen sondern mir angehört, was es schwieriger macht, unspannende Passagen zu überspringen. Das Hörbuch selbst trifft keine Schuld, Stefan Kaminski macht das sehr gut, aber unendlich viel kann auch er eben nicht aus einer Geschichte rausholen, die problemlos ein Drittel kürzer hätte sein dürfen.


Terry Pratchett: Dunkle Halunken. OSTERWOLDaudio 2013. ca. € 12,-, 11,5 Std. Sprecher: Stefan Kaminski. Regie: Benjamin Ritter. Deutsche Taschenbuch-Ausgabe: Piper 2015. € 9,99, 384 Seiten. Übersetzt von Andreas Brandhorst. Originalausgabe: Dodger. Doubleday 2012.

David Crystal: Das kleine Buch der Sprache

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David Crystal ist ein englischer Linguist, den ich sehr mag. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, als es dieses Jahr mal wieder eine deutsche Übersetzung gab, Das kleine Buch der Sprache. Wie alle Crystal-Texte ist auch dieses Buch sachlich sehr fundiert und noch dazu sehr unterhaltsam. Das Problem des Buchs ist, dass es eigentlich ein Jugendbuch ist – das sagt einem nur niemand. Auf der englischen Ausgabe findet man in der dritten Rezension hinten auf dem Klappentext den Nebensatz „may be for children“, in der deutschen Ausgabe fehlt dieser Hinweis komplett. Ich habe mich die erste Hälfte lang gefragt, ob mir die Infos alle so wahnsinnig banal vorkommen, weil ich das alles schon weiß oder ob der Stil wirklich sehr, sehr leicht gehalten ist. Soll das hier das Niveau sein, auf dem die interessierte Öffentlichkeit über Phoneme unterrichtet wird? Richtig stutzig wurde ich, als mir erklärt wurde, was ein Pseudonym ist und wie man es ausspricht (syoo-duh-nim; ich hab das Buch auf Englisch gelesen). Und der Groschen fiel endgültig, als mir gesagt wurde, ich solle mal auf dem Schulhof auf dieses oder jenes achten – ich lese hier gerade ein Jugendbuch!

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