Deirdre Madden: Molly Fox’s Birthday

Wie es sich für einen Dubliner Roman gehört, spielt Molly Fox’s Birthday an einem einzigen Tag, dem 21.06. Diesen einen Tag verbringt eine namenlose Erzählerin, Theaterautorin, in Molly Fox’s Haus und versucht, an ihrem neuen Stück zu arbeiten. Molly Fox selbst taucht in diesem Roman ebenso wenig auf wie ihr Geburtstag, den die Schauspielerin lieber nicht feiert und stattdessen alleine in New York verbringt. Die Erzählerin fühlt sich trotzdem ständig von ihr umgeben, denn Mollys Haus ist randvoll mit Erinnerungen an Theatererfolge, Reisen und Freundschaften. Ständig in Gedanken bei der alten Freundin kommt die Erzählerin nicht dazu, auch nur einen Satz zu Papier zu bringen. Stattdessen hängt sie Erinnerungen an die gemeinsame Zeit nach, an die erste gemeinsame Produktion und die gemeinsamen Freunde. Vor allem Andrew, den sie seit Studienzeiten kennt, spielt eine große Rolle in ihren Erinnerungen, ebenso wie ihr Bruder Tom, der Priester geworden ist.

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Anne Enright: Rosaleens Fest

Rosaleen Madigan hat ihr ganzes Leben in County Clare verbracht. Dort hat sie (unter ihrem Stand) geheiratet und ihre vier Kinder großgezogen. Hanna, Constance, Emmet und Dan. Die Kinder sind alle aus dem Haus, und bis auf die älteste Tochter Constance über die ganze Welt oder zumindest bis nach Dublin zerstreut. Rosaleen hat einige ihrer Kinder seit Jahren nicht gesehen und auch der Kontakt der Geschwister untereinander ist auf ein Minimum beschränkt. Vor einigen Jahren ist auch ihr Mann gestorben und das große Haus, in dem sie die Zimmer ihrer Kinder in einem musealen Zustand bewahrt, wird ihr langsam zu viel. Während Rosaleen in diesem Jahr die knappen Weihnachtskarten an ihren Nachwuchs formuliert, entscheidet sie sich für ein spontanes Postskriptum: sie verkauft das Haus, den alten Familiensitz, und wer noch einmal Weihnachten in Ardeevin feiern wolle, möge das dieses Jahr tun.

„Rosaleen hatte seit zwanzig Jahren keinen Pieps von sich gegeben. Sie hatte keine Gelegenheit gehabt. Sie führte ein Dasein größter Harmlosigkeit.“

Die Kinder folgen ihrem Ruf, wenn auch nicht mit großer Begeisterung. Der einst verstoßene Dan, der Priester werden wollte, Emmet, der als Entwicklungshelfer allen immer ein schlechtes Gewissen macht, die erfolglose Schauspielerin Hanna und Constance, die sich als einzige Madigan für ein gesetztes Leben mit Mann und Kindern entschieden hat. Dass das Weihnachtsfest unter diesen Voraussetzungen keine harmonische Familienfeier werden kann, steht außer Frage.

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Deirdre Purcell: Love Like Hate Adore

Angela Devine lebt in Dublin unter nicht ganz leichten Umständen. Ihre Mutter ist sehr früh an den Folgen ihrer Drogensucht gestorben und hat die achtzehnjährige Angela mit ihrem damals zwei Monate alten Halbbruder James zurückgelassen. Das ist mittlerweile 19 Jahre her. James hat, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, als Kurierfahrer ins Berufsleben gefunden, und Angela jongliert mit vier Jobs um die laufenden Kosten decken zu können. Aber die beiden kommen schon irgendwie über die Runden.

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Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht und James sprechen will. Eine Frau hat Anzeige gegen ihn erstattet, weil er sie vergewaltigt haben soll. Angelas Welt bricht zusammen. Denn wie viele Fehler ihr Bruder auch haben mag, die Faulheit, die Trinkerei, die Verschlossenheit – ein Vergewaltiger könnte er nicht sein. Aber was, wenn doch?

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Margaret Atwood: Alias Grace

In diesem Roman erzählt Atwood die Geschichte von Grace Marks. Grace war ein fünfzehnjähriges Dienstmädchen, das 1843 beschuldigt wurde, gemeinsam mit James McDermott, Angestellter im gleichen Haushalt, ihren Arbeitgeber Thomas Kinnear und dessen Haushälterin Nancy Montgomery ermordet zu haben. Anschließend sollen die beiden als Liebespaar in die USA geflohen sein, wo sie festgenommen wurden.

atwood_aliasgraceJames McDermott wurde zum Tode verurteilt, Grace Marks zu lebenslanger Haft, die sie zumindest zeitweise in der Psychiatrie verbrachte. Ein Kommitee zu ihren Gunsten versuchte über Jahre, ihre Freilassung zu erreichen. Die zeitgenössischen Quellen zu diesem Fall übertreffen sich gegenseitig in Sensationsgier und widersprechen sich zum Teil erheblich.

Aus den vorhandenen Quellen hat Atwood so gut es ging die Fakten destilliert und mit viel Fiktion einen Romanstoff daraus gemacht. Dazu hat sie Dr. Simon Jordan erfunden, einen jungen Arzt und Spezialisten auf dem noch jungen Gebiet der Psychologie. Im Auftrag von Graces Gönnern soll er herausfinden, was wirklich an den fraglichen Tagen geschah. Abwechselnd wird aus der Perspektive von Simon Jordan und Grace Marks erzählt. Der Einstieg in den Roman ist etwas zäh, denn Grace tut sich erst schwer damit, Vertrauen zu dem jungen Arzt zu fassen und ist zurückhaltend in ihren Berichten. Zudem benutzt sie zwar viel wörtliche Rede aber keinerlei Satzzeichen, die dies verdeutlichen würden, was das Lesen nicht leichter macht. Nach diesen Anfangsschwierigkeiten aber gerät die Geschichte in Fahrt und Grace berichtet von ihrem Schicksal, das sie aus ärmlichen Verhältnissen in Irland in noch schlimmere in Kanada gebracht hat. Im Alter von 13 beginnt sie schließlich als Dienstmädchen zu arbeiten und gerät so in den Haushalt von Thomas Kinnear,  der ihr ein sehr sympathischer Dienstherr ist. Nancy Montgomery, seine Haushälterin, hat Grace angeworben und sie hofft, in ihr eine Freundin zu finden. Doch schnell erkennt sie, dass Nancy eifersüchtig über Thomas wacht und sehr empfindlich reagiert, wenn er Grace gegenüber zu nett ist, was das Verhältnis der beiden Frauen schnell und nachhaltig stört.

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Lisa McInerney: The Glorious Heresies

 McInerney_TheGloriousHeresies„You’d have to ask yourself what’s wrong with this country at all that it can’t stop birthing virtuous ould bags.“

The Glorious Heresies, auf Deutsch sowas die „die glorreichen Ketzereien“, war der Gewinner des diesjährigen Baileys Women’s Prize for Fiction. Der Roman spielt in Irland, genauer gesagt in der Stadt Cork, die auf offiziellen Fotos immer einen sehr hübschen und pittoresken Eindruck macht. Die handelnden Personen in dieser Geschichte sind zum Teil hübsch aber auf keinen Fall pittoresk.

Angesiedelt ist der Roman im kriminellen Milieu der Hafenstadt. Wichtigster Strippenzieher ist Jimmy, der seinen Lebensunterhalt im wesentlichen mit Drogenhandel und Zuhälterei bestreitet. Als uneheliches Kind durfte er nicht bei seiner Mutter Maureen aufwachsen, die er aber Jahrzehnte später ausfindig gemacht hat und die er nun in einem seiner ehemaligen Bordelle wohnen lässt. Dort erschlägt sie den Einbrecher Robbie mit, der erste Akt von Ketzerei in diesem Roman, einem heiligen Stein. Jimmy hat keine Lust auf Ärger mit den Gardai und überredet seinen alten Kumpel Tony Cusack mit ihm die Leiche zu beseitigen. Cusack macht mit, er kann das gezahlte Geld gut gebrauchen um seinen Alkoholismus und den Unterhalt von sechs Kindern zu bestreiten. Sein ältester Sohn Ryan allerdings finanziert sich mit Drogenhandel weitestgehend selbst. Eine seiner Stammkundinnen ist Georgie, eine Prostituierte aus Jimmys Umfeld, die in diesen Tagen verzweifelt nach ihrem Freund Robbie sucht. Und so schließt sich der Kreis.

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Baileys Women’s Prize for Fiction für Lisa McInerney

Der Baileys Women’s Prize for Fiction geht in diesem Jahr an die irische Schriftstellerin Lisa McInerney für ihren Roman The Glorious Heresies, dessen Titel man vielleicht mit „die glorreichen Ketzer“ übersetzen könnte.

Die Autorin wurde 1981 geboren und startete 2006 den Blog „Arse End of Ireland“, also sowas wie „am Arsch von Irland“. Damit meint sie Galway, vor allem Cork, die Stadt, aus der sie stammt. Ihre Erzählungen und Romane handeln von der dortigen Gesellschaft, insbesondere der Arbeiterschicht und ihren täglichen Kämpfen und Problemen. Auch The Glorious Heresies bildet da keine Ausnahme. Die Inhaltsangabe lautet wie folgt:

One messy murder affects the lives of five misfits who exist on the fringes of Ireland’s post-crash society. Ryan is a fifteen-year-old drug dealer desperate not to turn out like his alcoholic father Tony, whose obsession with his unhinged next-door neighbour threatens to ruin him and his family. Georgie is a prostitute whose willingness to feign a religious conversion has dangerous repercussions, while Maureen, the accidental murderer, has returned to Cork after forty years in exile to discover that Jimmy, the son she was forced to give up years before, has grown into the most fearsome gangster in the city. In seeking atonement for the murder and a multitude of other perceived sins, Maureen threatens to destroy everything her son has worked so hard for, while her actions risk bringing the intertwined lives of the Irish underworld into the spotlight

Eine deutsche Übersetzung ist bisher weder verfügbar noch angekündigt, aber möglicherweise ändert sich das ja jetzt. McInerney twittert auch als @SwearyLady und zwar sehr sympathisch und nicht sehr sweary. Aber ich bin selbst so sweary, dass ich es vielleicht einfach nicht bemerke*.

Auf jeden Fall klingt das Buch großartig und ich muss es offenbar lesen. Ihr erfahrt als erste, wenn es soweit ist. Eine fundiertere Review-Übersicht gibt es bis dahin auf der Seite der Autorin.

Congrats, sweary Lady!

* Ich streite seit drei Tagen mit einer Freundin, weil sie behauptet, Menschen hätten eine von uns besuchte Kinovorstellung (Angry Indian Goddesses) verlassen, weil dort so viel geflucht wurde. Ich habe nicht ein Schimpfwort wahrgenommen. Aber es sind Menschen gegangen, das stimmt. Idioten.