Erzwungene Männlichkeit – „Annabel“ von Kathleen Winter

Das erste Kind von Jacinta und Treadway, einem Ehepaar, das in einer abgeschiedenen Kleinstadt in Labrador lebt, wird ohne eindeutiges Geschlecht geboren. Treadway ist bei der Geburt nicht dabei, zunächst wissen nur Jacinta und ihre Freundin und Geburtshelferin Thomasina davon. Jacinta ist erst überfordert, dann träumt sie von ungeahnten Möglichkeiten: männliche und weibliche Qualitäten, Mut und Warmherzigkeit, Jagdgeschick und Instinkt vereint in einer Person. Doch sie weiß, dass die Realität auf den Schulhöfen des ländlichen Kanada anders aussehen wird. Diese Belastung will sie ihrem Kind ungern zumuten. Also wird es halt ein Mädchen, beschließen Jacinta und Thomasina. Ein Junge, entscheiden Treadway und Dr. Ho mit seinem Phallometer. Das Kind wird auf den Namen Wayne getauft und künftig als Junge großgezogen. Treadway, der als Trapper den Lebensunterhalt der Familie bestreitet, nimmt Wayne besonders früh mit auf die Jagd und hat ein scharfes Auge darauf, dass alle weiblichen Tendenzen möglichst früh unterbunden werden.

I mean we try to make the baby comfortable as a male in his own mind, and in the minds of other people who are in his life now or will be in the future.

Anders ist es bei Thomasina: Sie nennt Wayne Annabel, nach ihrer jung verstorbenen Tochter und bleibt dabei. Wayne versteht den Namen lange als „Ambel“ und hält es für einen unsinnigen Kosenamen. Die beiden haben eine innige Bindung und Thomasina, nach wie vor als einzige eingeweiht, unterstützt jede Entwicklung von Wayne, ob sie nun eher als männlich oder weiblich angesehen wird. Waynes Eltern erzählen ihrem Kind nicht, welche Entscheidung sie getroffen haben. Sie erklären nicht, wogegen oder wofür die verschiedenen Pillen sind, die Wayne jeden Tag nehmen muss. Mit fortschreitender Pubertät aber haben die beiden die ganzen Angelegenheit immer weniger im Griff. Die Hormone sind schwieriger einzustellen, Wayne hat deutlich weniger Bartwuchs als die anderen in der Klasse, ist zu schlank gebaut, die Gesichtszüge bleiben zu weich und ein kleiner, aber sichtbarer Brustansatz sorgt für blöde Kommentare. Aber erst als es zu einem medizinischen Zwischenfall kommt, setzt Thomasina den Eltern die Pistole auf die Brust: sie müssen Wayne die Wahrheit sagen, sonst macht sie das. Besonders für den Männlichkeitsverfechter Treadway wird das zu einer extrem belastenden Situation.

Kathleen Winter Annabel

Annabel spielt in den 1970er Jahren in Labrador. Die Lage der Kleinstadt ist weit ab vom Schuss und die Lebensweise der Menschen scheint sich über Jahrhunderte kaum verändert zu haben. Die Männer leben als Trapper, sind monatelang in den dichten Wäldern unterwegs und schlafen in einfachen Hütten. Zu ihren Häusern in der Stadt und zu ihren Familien kehren sie nur für wenige Monate im Sommer zurück. Für die daheimgebliebenen Frauen können die Winter lang und einsam werden. Die Rollen, die Frauen und Männern zugeschrieben und zugestanden werden, sind hier sehr klar definiert. Für Waynes Kampf und die eigene Identität bildet diese Gesellschaft den idealen Hintergrund. Wayne wächst damit auf, dass es nur „sie“ oder „er“ geben kann und dass die einmal angetretene Position dann auch mit Inbrunst ausgefüllt werden muss. Die Stimmen, die dem widersprechen, sind selten und leise.

Kathleen Winter hat einen überzeugenden Roman über Intersexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit geschrieben. An den Stellen, an denen es um medizinische Eingriffe oder sexuelle Erfahrungen geht, ist der Romane sehr, sehr zurückhaltend. Das schont das Schamgefühl der Leserschaft, ist aber nicht immer gut für den Text.  Manchmal siegt auch die symbolhafte Funktion eines Erzählstrangs über die Glaubhaftigkeit. Dass ein umherfliegender Glassplitter eine Stimmbandverletzung hervorruft, die fast zum Stimmverlust führt, fand ich beispielsweise nicht ganz plausibel. Andere Erzählstränge geraten über lange Zeit in Vergessenheit, bis sie an unerwarteter Stille wieder aufgenommen und dann sofort abgerissen werden. Nichts davon stört allerdings die zugrundeliegende Struktur des Romans. Annabel ist zurückhaltend, aber mit sicherem Stil erzählt und entwickelt dabei einen ruhigen und stetigen Fluss.


Kathleen Winter: Annabel. Jonathan Cape 2011. 461 Seiten. Eine Taschenbuch-Ausgabe ist derzeit bei Vintage lieferbar. Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht ausfindig machen.

Das Zitat stammt von S. 49

Kathleen Winter war mit diesem Roman 2011 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Arundhati Roy: The Ministry of Utmost Happiness

20 Jahre liegen zwischen dem ersten Roman von Roy und diesem, ihrem zweiten. The God of Small Things war 1997 ein großer Erfolg und mit entsprechender Spannung wurde dieser Roman erwartet. In der Zwischenzeit war Roy allerdings nicht untätig. Sie ist politisch in Indien sehr aktiv und hat darüber mehrere Bücher geschrieben. Sie kämpft gegen den hinduistischen Nationalismus und setzt sich für die Rechte der Adivasis ein, Angehörige indigener Volksgruppen, die als Nicht-Hindus an vielen Stellen massiv benachteiligt werden. Für einige Zeit war sie mit maoistischen Guerilla-Truppen unterwegs und berichtete von ihrem Kampf gegen die Enteignung in ländlichen Gebieten. Außerdem spricht sie sich für die Unabhängigkeit Kaschmirs aus, was in The Ministry of Utmost Happiness sowohl deutlich durchklingt als auch eine große Rolle spielt. Trotz allen politischen Kämpfen hat sie aber doch noch Zeit fürs kreative Schreiben gefunden.

Roy_MinistryOfHappiness

Die Geschichte beginnt mit Anjum, einer Hijra, die in Delhi lebt. Ihre Eltern geben sich alle Mühe, sie als ihren Sohn Aftab aufzuziehen, doch als Aftab das erste mal eine Hijra sieht, die über den Markt stolziert, ist dieses Vorhaben endgültig gescheitert. Sobald es geht verlässt Anjum ihre Familie um mit den Hijras zu leben und wird eine gefragte und oft interviewte Aktivistin für die Rechte inter- und transsexueller Menschen. Eines Tages hat sie aber auch von den Hijras genug, verlässt die Gemeinschaft und geht zurück zu ihrer Familie, die mittlerweile allerdings geschlossen auf dem Friedhof liegt. Und dort lebt nun auch Anjum. Man lässt sie gewähren, als sie sich einen kleinen Verschlag baut und lässt sie weiter gewähren, als dieser Verschlag wächst und wächst und schließlich zu einem „Gasthaus“ wird, das alle aufnimmt, die sonst gerade keinen Platz finden.

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