Karan Mahajan: The Association of Small Bombs

1996 explodiert eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi. Es ist eine kleine Bombe, es werden nur 13 Personen getötet und 30 weitere verletzt. Verantwortlich zeigt sich eine islamische Organisation, die vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts handelt. Der Konflikt zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit in Delhi ist für die Bewohner der Stadt nichts Ungewöhnliches, auch Sprengstoffattentate sind keine Seltenheit.

„And you know what happens when a bomb goes off? The truth about people comes out.“

Aber für das Ehepaar Khurana ändert sich mit dieser Explosion alles. Sie verlieren ihre beiden Teenager-Söhne Tushar und Nakul. Mansoor, ein enger Freund der beiden Jungen, wird schwer verletzt. Der Vorfall stellt das Verhältnis der Khuranas und den Eltern Mansoors auf eine harte Probe, denn Mansoor ist Moslem.

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Essen aus Büchern: Sandesh aus Neel Mukherjees „In anderen Herzen“

Idee der Reihe „Essen aus Büchern“ ist es ja, möglichst mir unbekannte Gerichte nachzukochen bzw. -backen. Und davon ist In anderen Herzen nun wirklich randvoll. Vieles davon ist nun leider gar nicht so leicht rekonstruierbar, da der Roman in Kalkutta spielt und einige der verwendeten Zutaten, vor allem Früchte, Gemüse und einige Meerestiere in Deutschland praktisch nicht zu bekommen sind.

Deshalb habe ich mich für Sandesh entschieden, was die bengalische Süßigkeit schlechtin zu sein scheint. Sogar die ungeliebte Purba bekommt was davon ab, als die Geburt eines Sohnes gefeiert wird:

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Neel Mukherjee: In anderen Herzen

inanderenherzenFreundlich zu denen sein, die einem nah und lieb sind – ist das nicht etwas Größeres, als für die unbekannte Masse Gutes tun?

In anderen Herzen, ein Roman über die bengalische Familie Ghosh, 2014 auf der Shortlist für den Man Booker Prize, wird häufig als „die indischen Buddenbrooks“ bezeichnet. Das ist es natürlich nicht und es ist auch nicht besonders sinnvoll, eine Lübecker Familie im 19. Jahrhundert mit einer indischen Familie in den 1960ern zu vergleichen, allein daran muss es schon scheitern. Es sind beides Familiengeschichten, in beiden geht es um ein Familienimperium, das der Stolz der ganzen Sippschaft ist und nun unaufhaltsam zugrunde geht. Und beide Familien, die Buddenbrooks wie die Ghoshs, sind Geiseln der Gesellschaft, in der sie leben, in der kein noch so kleiner Grenzübertritt verziehen wird und in der die Meinung der Nachbarn wichtiger ist als das eigene Glück.

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Sunjeev Sahota: The Year of the Runaways

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„This life. It makes everything a competition. A fight. For work, for money. There’s no peace. Ever. Just fighting for the next job. Fight, fight, fight.“

Mit seiner (bisher nicht übersetzten) Geschichte von drei indischen Migranten in England war Sahota ein heißer Kandidat für den diesjährigen Man Booker Prize, den er dann aber knapp verpasst hat.

Der Roman handelt von drei indischen jungen Männern, die außer ihrer geografischen Herkunft fast nichts gemeinsam haben. Randeep stammt aus einer soliden Mittelschicht-Familie, Avtars Vater hält die Familie mühsam mit einem Geschäft über Wasser und Tochi hat als Unberührbarer das Wenige, das er jemals besessen hat, verloren. So unterschiedlich wie ihre Hintergründe sind auch ihre Wege nach England, wo sie hoffen, ein besseres Leben zu finden.

Stattdessen finden sie sich in einem heruntergekommenen Haus in Sheffield wieder, in dem sie mit anderen Männern zusammenleben, die illegal auf einer Baustelle arbeiten. Das Geld reicht gerade so zum Überleben, die erträumten Ersparnisse lassen sich so nicht anhäufen und ob es nächste Woche noch Arbeit geben wird, weiß auch niemand. Von Zusammenhalt ist in dieser Konkurrenzsituation natürlich nichts zu spüren. Randeep hofft, bei seiner Ehefrau Narinder leben zu können, einer tief religiösen jungen Frau, die als Tochter indischer Eltern in England geboren wurde und aufgewachsen ist, und ihm mit einer Hochzeit zum Visum verholfen hat. Doch die macht ihm schnell und unmissverständlich klar, dass sie exakt ein Jahr lang auf dem Papier verheiratet sein werden und sonst nichts.

Der Roman springt besonders zu Beginn zwischen verschiedenen Zeitebenen. Zwischen den aktuellen Kämpfen um Arbeit und einen Schlafplatz werden die Geschichten und Hintergründe der Charaktere erläutert, die verschiedener nicht sein könnten. Konflikte sind vorprogrammiert, vor allem für Tochi, dessen Status als Unberührbarer ihn auch nach England verfolgt. Doch trotz der ausführlichen Einführung der Charaktere bleiben diese blass und nicht greifbar. Ihr Handeln scheint nur in ihrer Herkunft und gesellschaftlichen Rolle begründet zu sein, eine darüberhinausgehende Motivation ist selten erkennbar, was sie oft schablonenhaft und stereotyp erscheinen lässt. Bei mir hat das leider dazu geführt, dass ich überhaupt kein Interesse an den Charakteren und ihrem Schicksal entwickelt habe.

Das, was ihnen in England widerfährt, liest sich dann auch wie ein Katalog dessen, was Einwanderern Schlechtes passieren kann. Obdachlosigkeit, skrupellose Arbeitgeber, noch skrupellosere Arbeitgeber die Pässe einkassieren, von den eigenen Landsleuten abgewiesen oder ausgenutzt werden, ständige Angst vor der Polizei, mangelnde medizinische Versorgung, miserable Ernährung, furchtbare Jobs mit furchtbarer Bezahlung. Mir ist klar, dass der Autor das macht um auf die prekäre Situation von Einwanderern hinzuweisen. Aber so wie hier Zufall auf Schicksalsschlag auf Glücksgriff folgt, hat das alles etwas klischeehaftes. Zu guter Letzt schüttet der „zehn Jahre später“-Epilog nochmal eine ordentliche Wolke Puderzucker auf alles.

Der Text ist eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Migrations-Realität in England und vielen anderen europäischen Staaten. Er will alles zum Ausdruck bringen, alle Hoffnungen, alle Schwierigkeiten, alle Not. Als Reportage hätte das sicher super funktioniert. Als Roman wirkt es leider ziemlich hölzern und konstruiert.


Sunjeev Sahota: The Year of the Runaways. Alfred A. Knopf 2015. 484 Seiten, ca. € 12. Originalausgabe: Pan Macmillan 2015.

Zitat von S. 229

Jhumpa Lahiri: Das Tiefland

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„Sie hatte Subhash geheiratet, um so mit Udayan verbunden zu bleiben. Aber sie wusste von Anfang an, dass es nichts nützte, dass es genauso wenig nützte, wie einen einzelnen Ohrring aufzuheben, wenn der andere verloren gegangen war.“

Subhash und Udayan trennen nur fünfzehn Monate. Die beiden Brüder wachsen in Kalkutta auf, in einer Wohngegend am Rande einer Senke, dem namengebenden Tiefland, das zur Regenzeit unter Wasser steht. Udayan ist immer etwas mutiger und etwas hitzköpfiger als sein Bruder. Schon als Jugendlicher begeistert er sich für Politik und schließt sich Ende der 60er den Naxaliten an. Subhash hingegen distanziert sich von den gewalttätigen Aktionen der Bewegung und nutzt die Möglichkeit, in den USA Biologie zu studieren. Nachdem sie in ihrer Jugend fast keinen Tag getrennt waren, besteht der Kontakt der beiden Brüder jetzt nur noch aus Briefen. Es geht ihm gut, schreibt Udayan, er habe sich verliebt und wolle heiraten, allerdings seien die Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden. Selbstverständlich setzt er sich darüber hinweg und heiratet seine große Liebe Gauri. Von politischen Aktivitäten steht nichts in seinen Briefen und Subhash nimmt an, dass sich die jugendliche Begeisterung seines Bruders gelegt hat.

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