Essen aus Büchern: Lamb Dawn Sock aus Zadie Smiths „White Teeth“

Das Personal von Zadie Smiths Roman White Teeth hat einen recht multi-ethnischen Hintergrund. Nun aber sind sie alle in London gestrandet und einer der Charaktere, Samad, verdient sein Geld im Restaurant eines entfernten Verwandten. Er hasst diesen Job mit Hingabe. In seiner Heimat Bangladesh hat er einen Studienabschluss erworben, der ihm in London nichts bringt. Die Gäste interessieren sich nicht einen Hauch für das Essen und die Kultur seiner Heimat, wollen zu allem immer nur Pommes und dann muss er auch noch ergeben dankbar sein für 15 Pence Trinkgeld.

„Lamb Dawn Sock and rice. With Chips. Thank you.
And fifteen pence clinked on China. Thank you, sir. Thank you so very much.“

Die Gerichte, die in diesem Restaurant serviert werden, sind maximal anglisiert und haben mit den Originalen nicht mehr viel zu tun. Lamb Dawn Sock ist natürlich nicht der richtige Name, sondern eine ebenfalls anglisierte Aussprache von Lamb Dhansak, einem Gericht der Parsi-Küche. Es handelt sich um geschmortes Lamm mit Linsen, in der Regel kommt auch noch Gemüse rein und eine ganze Menge Gewürze.

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Arundhati Roy: The Ministry of Utmost Happiness

20 Jahre liegen zwischen dem ersten Roman von Roy und diesem, ihrem zweiten. The God of Small Things war 1997 ein großer Erfolg und mit entsprechender Spannung wurde dieser Roman erwartet. In der Zwischenzeit war Roy allerdings nicht untätig. Sie ist politisch in Indien sehr aktiv und hat darüber mehrere Bücher geschrieben. Sie kämpft gegen den hinduistischen Nationalismus und setzt sich für die Rechte der Adivasis ein, Angehörige indigener Volksgruppen, die als Nicht-Hindus an vielen Stellen massiv benachteiligt werden. Für einige Zeit war sie mit maoistischen Guerilla-Truppen unterwegs und berichtete von ihrem Kampf gegen die Enteignung in ländlichen Gebieten. Außerdem spricht sie sich für die Unabhängigkeit Kaschmirs aus, was in The Ministry of Utmost Happiness sowohl deutlich durchklingt als auch eine große Rolle spielt. Trotz allen politischen Kämpfen hat sie aber doch noch Zeit fürs kreative Schreiben gefunden.

Roy_MinistryOfHappiness

Die Geschichte beginnt mit Anjum, einer Hijra, die in Delhi lebt. Ihre Eltern geben sich alle Mühe, sie als ihren Sohn Aftab aufzuziehen, doch als Aftab das erste mal eine Hijra sieht, die über den Markt stolziert, ist dieses Vorhaben endgültig gescheitert. Sobald es geht verlässt Anjum ihre Familie um mit den Hijras zu leben und wird eine gefragte und oft interviewte Aktivistin für die Rechte inter- und transsexueller Menschen. Eines Tages hat sie aber auch von den Hijras genug, verlässt die Gemeinschaft und geht zurück zu ihrer Familie, die mittlerweile allerdings geschlossen auf dem Friedhof liegt. Und dort lebt nun auch Anjum. Man lässt sie gewähren, als sie sich einen kleinen Verschlag baut und lässt sie weiter gewähren, als dieser Verschlag wächst und wächst und schließlich zu einem „Gasthaus“ wird, das alle aufnimmt, die sonst gerade keinen Platz finden.

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Karan Mahajan: The Association of Small Bombs

1996 explodiert eine Bombe auf einem Marktplatz in Delhi. Es ist eine kleine Bombe, es werden nur 13 Personen getötet und 30 weitere verletzt. Verantwortlich zeigt sich eine islamische Organisation, die vor dem Hintergrund des Kaschmir-Konflikts handelt. Der Konflikt zwischen Hindus und der muslimischen Minderheit in Delhi ist für die Bewohner der Stadt nichts Ungewöhnliches, auch Sprengstoffattentate sind keine Seltenheit.

„And you know what happens when a bomb goes off? The truth about people comes out.“

Aber für das Ehepaar Khurana ändert sich mit dieser Explosion alles. Sie verlieren ihre beiden Teenager-Söhne Tushar und Nakul. Mansoor, ein enger Freund der beiden Jungen, wird schwer verletzt. Der Vorfall stellt das Verhältnis der Khuranas und den Eltern Mansoors auf eine harte Probe, denn Mansoor ist Moslem.

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Essen aus Büchern: Sandesh aus Neel Mukherjees „In anderen Herzen“

Idee der Reihe „Essen aus Büchern“ ist es ja, möglichst mir unbekannte Gerichte nachzukochen bzw. -backen. Und davon ist In anderen Herzen nun wirklich randvoll. Vieles davon ist nun leider gar nicht so leicht rekonstruierbar, da der Roman in Kalkutta spielt und einige der verwendeten Zutaten, vor allem Früchte, Gemüse und einige Meerestiere in Deutschland praktisch nicht zu bekommen sind.

Deshalb habe ich mich für Sandesh entschieden, was die bengalische Süßigkeit schlechtin zu sein scheint. Sogar die ungeliebte Purba bekommt was davon ab, als die Geburt eines Sohnes gefeiert wird:

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Neel Mukherjee: In anderen Herzen

inanderenherzenFreundlich zu denen sein, die einem nah und lieb sind – ist das nicht etwas Größeres, als für die unbekannte Masse Gutes tun?

In anderen Herzen, ein Roman über die bengalische Familie Ghosh, 2014 auf der Shortlist für den Man Booker Prize, wird häufig als „die indischen Buddenbrooks“ bezeichnet. Das ist es natürlich nicht und es ist auch nicht besonders sinnvoll, eine Lübecker Familie im 19. Jahrhundert mit einer indischen Familie in den 1960ern zu vergleichen, allein daran muss es schon scheitern. Es sind beides Familiengeschichten, in beiden geht es um ein Familienimperium, das der Stolz der ganzen Sippschaft ist und nun unaufhaltsam zugrunde geht. Und beide Familien, die Buddenbrooks wie die Ghoshs, sind Geiseln der Gesellschaft, in der sie leben, in der kein noch so kleiner Grenzübertritt verziehen wird und in der die Meinung der Nachbarn wichtiger ist als das eigene Glück.

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Sunjeev Sahota: The Year of the Runaways

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„This life. It makes everything a competition. A fight. For work, for money. There’s no peace. Ever. Just fighting for the next job. Fight, fight, fight.“

Mit seiner (bisher nicht übersetzten) Geschichte von drei indischen Migranten in England war Sahota ein heißer Kandidat für den diesjährigen Man Booker Prize, den er dann aber knapp verpasst hat.

Der Roman handelt von drei indischen jungen Männern, die außer ihrer geografischen Herkunft fast nichts gemeinsam haben. Randeep stammt aus einer soliden Mittelschicht-Familie, Avtars Vater hält die Familie mühsam mit einem Geschäft über Wasser und Tochi hat als Unberührbarer das Wenige, das er jemals besessen hat, verloren. So unterschiedlich wie ihre Hintergründe sind auch ihre Wege nach England, wo sie hoffen, ein besseres Leben zu finden.

Stattdessen finden sie sich in einem heruntergekommenen Haus in Sheffield wieder, in dem sie mit anderen Männern zusammenleben, die illegal auf einer Baustelle arbeiten. Das Geld reicht gerade so zum Überleben, die erträumten Ersparnisse lassen sich so nicht anhäufen und ob es nächste Woche noch Arbeit geben wird, weiß auch niemand. Von Zusammenhalt ist in dieser Konkurrenzsituation natürlich nichts zu spüren. Randeep hofft, bei seiner Ehefrau Narinder leben zu können, einer tief religiösen jungen Frau, die als Tochter indischer Eltern in England geboren wurde und aufgewachsen ist, und ihm mit einer Hochzeit zum Visum verholfen hat. Doch die macht ihm schnell und unmissverständlich klar, dass sie exakt ein Jahr lang auf dem Papier verheiratet sein werden und sonst nichts.

Der Roman springt besonders zu Beginn zwischen verschiedenen Zeitebenen. Zwischen den aktuellen Kämpfen um Arbeit und einen Schlafplatz werden die Geschichten und Hintergründe der Charaktere erläutert, die verschiedener nicht sein könnten. Konflikte sind vorprogrammiert, vor allem für Tochi, dessen Status als Unberührbarer ihn auch nach England verfolgt. Doch trotz der ausführlichen Einführung der Charaktere bleiben diese blass und nicht greifbar. Ihr Handeln scheint nur in ihrer Herkunft und gesellschaftlichen Rolle begründet zu sein, eine darüberhinausgehende Motivation ist selten erkennbar, was sie oft schablonenhaft und stereotyp erscheinen lässt. Bei mir hat das leider dazu geführt, dass ich überhaupt kein Interesse an den Charakteren und ihrem Schicksal entwickelt habe.

Das, was ihnen in England widerfährt, liest sich dann auch wie ein Katalog dessen, was Einwanderern Schlechtes passieren kann. Obdachlosigkeit, skrupellose Arbeitgeber, noch skrupellosere Arbeitgeber die Pässe einkassieren, von den eigenen Landsleuten abgewiesen oder ausgenutzt werden, ständige Angst vor der Polizei, mangelnde medizinische Versorgung, miserable Ernährung, furchtbare Jobs mit furchtbarer Bezahlung. Mir ist klar, dass der Autor das macht um auf die prekäre Situation von Einwanderern hinzuweisen. Aber so wie hier Zufall auf Schicksalsschlag auf Glücksgriff folgt, hat das alles etwas klischeehaftes. Zu guter Letzt schüttet der „zehn Jahre später“-Epilog nochmal eine ordentliche Wolke Puderzucker auf alles.

Der Text ist eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Migrations-Realität in England und vielen anderen europäischen Staaten. Er will alles zum Ausdruck bringen, alle Hoffnungen, alle Schwierigkeiten, alle Not. Als Reportage hätte das sicher super funktioniert. Als Roman wirkt es leider ziemlich hölzern und konstruiert.


Sunjeev Sahota: The Year of the Runaways. Alfred A. Knopf 2015. 484 Seiten, ca. € 12. Originalausgabe: Pan Macmillan 2015.

Zitat von S. 229

Jhumpa Lahiri: Das Tiefland

tiefland

„Sie hatte Subhash geheiratet, um so mit Udayan verbunden zu bleiben. Aber sie wusste von Anfang an, dass es nichts nützte, dass es genauso wenig nützte, wie einen einzelnen Ohrring aufzuheben, wenn der andere verloren gegangen war.“

Subhash und Udayan trennen nur fünfzehn Monate. Die beiden Brüder wachsen in Kalkutta auf, in einer Wohngegend am Rande einer Senke, dem namengebenden Tiefland, das zur Regenzeit unter Wasser steht. Udayan ist immer etwas mutiger und etwas hitzköpfiger als sein Bruder. Schon als Jugendlicher begeistert er sich für Politik und schließt sich Ende der 60er den Naxaliten an. Subhash hingegen distanziert sich von den gewalttätigen Aktionen der Bewegung und nutzt die Möglichkeit, in den USA Biologie zu studieren. Nachdem sie in ihrer Jugend fast keinen Tag getrennt waren, besteht der Kontakt der beiden Brüder jetzt nur noch aus Briefen. Es geht ihm gut, schreibt Udayan, er habe sich verliebt und wolle heiraten, allerdings seien die Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden. Selbstverständlich setzt er sich darüber hinweg und heiratet seine große Liebe Gauri. Von politischen Aktivitäten steht nichts in seinen Briefen und Subhash nimmt an, dass sich die jugendliche Begeisterung seines Bruders gelegt hat.

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