Matt Ruff: Lovecraft Country

H.P. Lovecraft ist heute vor allem als genreprägender Autor von Horroliteratur bekannt. Besonders sein Cthulhu-Mythos hat Kultstatus erlangt, aber auch die Erforschung geheimen Wissens ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Ebenso wie Rassismus – wenn Lovecrafts Verteidiger auch betonen, dass dieser eher kulturell als hardline biologisch determiniert gewesen sei, sind einige seiner Äußerungen halt schon hart. Der Begriff „Lovecraft Country“ bezeichnet ein Gebiet in Massachusetts, bestehend aus realen und fiktiven Orten, in denen Lovecraft seinen Cthulhu-Mythos ansiedelte und in dem auch die meisten darauf aufbauenden Werke anderer AutorInnen spielen.

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In dieses Gebiet verschlägt es nun Atticus, seinen Onkel George und seine Freundin Letitia. Die drei sind auf wichtiger Mission, denn sie suchen Atticus Vater Montrose, der auf der Suche nach familiären Verbindungen einem geheimnisvollen Fremden in diese Gegend gefolgt sein soll. Die Reise ist für die drei besonders gefährlich, denn sie sind schwarz und die Geschichte spielt in den 1950ern, als die Jim Crow Laws noch in voller Blüte standen. Schwarze dürfen nicht in allen Hotels übernachten, werden in kaum einem Restaurant bedient und eine simple Reifenpanne kann ein großes Problem werden, wenn weit und breit keine Werkstatt bereit ist zu helfen. Immerhin ist mit George eine gewisse Expertise an Bord. Er ist der Herausgeber eines Reiseführers mit sicheren Adressen für Schwarze, dem Safe Negro Travel Guide – erschreckenderweise musste es dieses Buch tatsächlich bis in 1960er geben, allerdings unter dem Titel The Negro Motorist Green Book. Doch trotz seines Wissens gerät die Reise zu einem höchst gefährlichen Roadtrip und nur mit Müh und Not schaffen sie es in das abgelegene Dorf, in dem sie Montrose vermuten. Doch das ist erst der Anfang. Denn kaum ausgestiegen finden sie sich in den Fängen eines rassistischen Geheimordens, der in Atticus den Hüter magischer Fähigkeiten vermutet. Plötzlich ist die ganze Familie verwickelt in eine uralte, hochkomplexe und noch dazu sehr riskante Logen-Fehde.

„Egal, was sie dir antun, hinterher ist es, als wäre nichts geschehen. Du sollst einfach bloß dankbar sein, dass du überhaupt noch am Leben bist.“

Die Idee, Lovecrafts Mythen mit dem Rassismus in den USA zur Zeit der Jim Crow Laws zu verbinden, fand ich großartig. Gerade zu Beginn des Romans wird auch oft thematisiert, wie sehr besonders Science Fiction, Horror und angrenzende Genres von rassistischen Stereotypen geprägt sind und wie sehr das Atticus als gerne lesenden schwarzen Jungen betroffen hat. Auch die Auswirkungen der Jim Crow Laws auf sehr alltägliche Situationen im Leben der schwarzen Bevölkerung ist enorm und erschreckend. Immer wieder erzählen Charaktere im Buch wahre Horrorstorys über Gewalt im Alltag bis hin zu organisierten Angriffen und Mord. Es steht zu befürchten, dass Ruff sich nichts davon ausdenken musste. Leider schafft er es nicht, dieses packende und solide Grundgerüst adäquat zu füllen. Möglicherweise ist alles in bester Lovecraft-Manier und ich kenne Lovecraft einfach nicht genug, um das zu würdigen. In jedem Fall auf Lovecrafts Konto aber gehen die Geheimlogen, die Spukgeschichten und die Tore in fremde Welten. Einige dieser Handlungsstränge fand ich aber insgesamt recht verworren, voll abrupter Brüche und nicht immer schlüssig.

Hinzu kommt, aber das kann man Ruff nicht anlasten, eine Übersetzung, die in weiten Teilen sperrig, oft unelegant und manchmal auch wirklich unpräzise ist. Wenn eine Schachtel Nudeln scheppernd zu Boden fällt, passt das Bild halt nicht. Was soll denn da scheppern, bitte? Und wenn jemand mit einem Rupfensack auf dem Kopf in ein Haus einsteigt, wird die Spannung dadurch ruiniert, dass ich erst 15 Minuten recherchieren muss, was ein Rupfensack ist und dann bei twitter fragen muss, wer das Wort kennt um auszuschließen, dass ich der einzige Depp bin, der nicht weiß, was ein Rupfensack ist. Für alle, die es auch nicht wussten: Rupfen bezeichnet ein leinwandbindiges Gewebe aus Jute oder Flachs und spielt im weiteren Verlauf der Handlung keine Rolle mehr. Der englische Begriff „burlap sack“ für diese Art Sack ist hingegen sehr verbreitet und bekannt und die Übersetzung ist also fachlich völlig korrekt, aber eben auch nicht sehr elegant. Das waren jetzt zwei Beispiele, die mir in Erinnerung geblieben sind, aber bis auf einige Szenen ist die Übersetzung den ganzen Text über schwerfällig, stolpert und holpert sich so hindurch. Das ist schade, weil ich glaube, dass der Roman dadurch einiges verliert. Ob die Action-Szenen ihre unfassbare Steifheit nun aber der Originalfassung oder der Übersetzung zu verdanken haben, weiß ich nicht, allerdings hab ich selten so wenig mitreißende Prügeleien gelesen.

Mein Gesamteindruck des Romans ist dann auch ein durchwachsener. Die Idee hatte viel Potenzial, die Handlung kommt aber nicht so richtig hoch. Auch Ruffs Darstellung rassistischer Diskriminierungen ist durchaus ambitioniert, wirkt manchmal aber auch etwas unstimmig. Das dürfte zumindest mit daran liegen, dass er diese Erfahrungen selbst nicht machen musste. Der Roman ist voll von guten Ansätzen und Ideen, die meisten davon schaffen es aber einfach nicht, dem dunklen Schatten zu entkommen, der sich bedrohlich durch die Wälder von Lovecraft Country wälzt. Was schade ist, sie haben am Ende sehr gefehlt.


Matt Ruff: Lovecraft Country. Hanser 2018. Derzeit lieferbar als Hardcover (432 S.) und eBook. Übersetzt von Anna und Wolf Heinrich Leube. Originalausgabe unter dem Titel Lovecraft Country erschienen 2016 bei Harper Collins.

Das Zitat stammt von S. 96/331 der eBook-Fassung.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen

Fünf Männer verbringen das Wochenende auf einem Berg. Sie kennen sich seit Kindertagen, heute sind sie erfolgreiche Architekten, Anlageberater, P1-VIPs. Einmal im Jahr fahren sie zusammen auf eine Hütte in den Bergen und versuchen, an die glorreichen alten Zeiten anzuknüpfen. Dass sie nicht mehr so eng sind wie früher, weniger trinkfest, verkrampfter im Umgang miteinander, ist ihnen allen klar, aber sie fahren halt doch. Am letzten Morgen brennt das Dorf unter ihnen im Tal. Als sie unten sind stellen sie fest: nicht nur das Dorf brennt, sondern die ganze Welt. Zumindest der Teil, den sie überblicken können. Während sie oben waren, hat unten etwas oder jemand schrecklich gewütet. Ausgebrannte Autos, verendete Tiere, aufgedunsene Leichen am Seeufer.

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Der Roman ist nicht lang, aber so dicht und atmosphärisch, dass es in Teilen an Horror grenzt. Ich habe Albträume bekommen von diesem Buch. Die Männer quälen sich durch das verschneite Alpenvorland, ohne zu wissen, was passiert ist, ob auch eine Gefahr für sie besteht, vor allem aber ohne irgendeine Ahnung, ob die Zerstörung irgendwo endet, ob am Ende nicht die ganze Welt in Schutt und Asche liegt. Ob es nicht besser ist, sich einfach gleich umzubringen.

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Christopher Ecker: Andere Häfen

Als vor einigen Monaten der Mitteldeutsche Verlag ankündigte, im Herbst einen Band mit Erzählungen von Christopher Ecker zu veröffentlichen, war ich zumindest skeptisch. 87 Kurzgeschichten auf guten 200 Seiten? Klingt hart. Ist auch hart. Mein Lieblingsbuch von Christopher Ecker (und eines meiner Lieblingsbücher überhaupt) ist der über 1000 Seiten dicke Fahlmann und Ecker wäre nicht der erste Autor, der fantastische Romane aber gnadenlos blöde Kurzgeschichten schreibt. Nicht selten hört man ja, die wahre Qualität eines Autors ließe sich an den „Kleinen Formen“ messen.

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Ecker würde diese Qualitätsprüfung problemlos bestehen. Die Texte in diesem Buch unter einem Begriff zu subsumieren, ist eigentlich nicht möglich. Ich hatte gehofft, der Verlag würde „Kurzgeschichten“ unter den Titel schreiben oder „Erzählungen“. Hat er aber nicht. Kurze Texte sind es also. Einige dieser kurzen Texte sind wirklich klassische Kurzgeschichten, sowohl in Aufbau und Länge. Einige der Texte sind extrem kurz und bringen es kaum auf eine Seite, sind also eher Microfiction. In manchen Texten passiert auch so wenig, dass es eher Bilder als Erzählungen sind, vielleicht sogar Vignetten. Zum Glück kann Ecker so gut schreiben, dass die paar Sätze ausreichen, um Szenerien und Charaktere zu erschaffen, um Absurdität und Hoffnungslosigkeit auszudrücken. In vielen Texten ist es dann auch das Ausgelassene, das nicht Gesagte, was einen kalt erwischt und völlig umhaut.

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Kirsten Bakis: Lives of the Monster Dogs

2009, noch in weiter Zukunft, als Bakis über die Monsterhunde schrieb, tauchen in New York verstörende Kreaturen auf. Sie haben Hundeköpfe und Menschenhände, gehen auf zwei Beinen und können sprechen. Sie tragen wallende Kleider und Uniformen, wie man sie seit 100 Jahren nicht gesehen hat. Sie sind das endlich geglückte Experiment, das Augustus Rank Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hatte, als er eine absolut loyale Armee erschaffen wollte, deren Verluste leicht ausgleichbar wären. Nun sind sie ihren Erschaffern entkommen und ziehen im Rudel nach New York, sagenhaft reich und zumindest auf den ersten Blick deutlich friedlicher, als Rank sich das mal gedacht hatte.

„No human loyalty can equal the fanatic devotion of a dog.“

Durch einen Zufall wird Cleo ihre Vertraute und Pressefrau. Die Hunde gewähren ihr Einblicke in ihre Welt, laden sie zum Essen ein und einige werden sogar ihre Freunde. Cleo ist es auch, die jetzt über die unvergessliche Zeit berichtet, die sie mit den Monsterhunden verbracht hat.

Der Rahmen des Romans ist schon ein recht absurder und man muss das natürlich einfach als Science Fiction akzeptieren. Der übrige SciFi-Anteil hält sich allerdings in Grenzen, bis auf Hüte aus Metall und Laserpistolen im Handtaschenformat, welche die meisten Frauen stets bei sich tragen. Und es gibt keine Handys. New York 2009 und Cleo muss von öffentlichen Münzfernsprechern aus telefonieren, wenn sie unterwegs ist. Ich finde das immer spannend, dass alle AutorInnen sich vor 20 Jahren vorstellen konnten, dass wir mit einem dicken Waffenarsenal durch die Gegend laufen, aber nicht, dass wir Mobiltelefone besitzen.

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