Sarah Waters: Fingersmith

Susan Trinder wächst in den 1860ern in London auf. Sie lebt südlich der Themse, in der Lant Street, einer der düstersten und fiesesten Ecken der Stadt. Ihre Mutter ist als Mörderin gehängt worden, von ihrer Ziehmutter lernt sie vor allem Stehlen und Betteln.

SarahWaters_FingersmithEines Tages taucht Mr Rivers in der dunklen Behausung auf und macht Susan ein verlockendes Angebot. Er hat ein Auge auf Maud Lilly geworfen, eine junge Dame aus gutem Haus, die eine Menge Geld erbt, wenn sie heiratet. Susan soll nun Zofe und Vertraute von Maud werden, letztere von einer Heirat mit Mr Rivers überzeugen und anschließend helfen, sie schnellstmöglich ins Irrenhaus zu bringen. Für sie selbst springt dabei ein ganz ordentlicher Anteil am Erbe raus, ordentlicher auf jeden Fall als alles, was sie sich in ihrem Leben erträumt hätte.

Ohne große Gewissensbisse macht Susan sich also auf nach Buckinghamshire, wo die naive und ahnungslose Maud Lilly zusammen mit ihrem wunderlichen Onkel im trostlosen, abgelegenen Haus Briar lebt, das seinen ehemaligen Glanz schon lange verloren hat. Das schüchterne Mädchen in Mr Rivers Arme zu treiben, verspricht ein leichtes Unterfangen zu werden.

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Margaret Atwood: Alias Grace

In diesem Roman erzählt Atwood die Geschichte von Grace Marks. Grace war ein fünfzehnjähriges Dienstmädchen, das 1843 beschuldigt wurde, gemeinsam mit James McDermott, Angestelltem im gleichen Haushalt, ihren Arbeitgeber Thomas Kinnear und dessen Haushälterin Nancy Montgomery ermordet zu haben. Anschließend sollen die beiden als Liebespaar in die USA geflohen zu sein, wo sie festgenommen wurden.

atwood_aliasgraceJames McDermott wurde zum Tode verurteilt, Grace Marks zu lebenslanger Haft, die sie zumindest zeitweise in der Psychiatrie verbrachte. Ein Kommitee zu ihren Gunsten versuchte über Jahre, ihre Freilassung zu erreichen. Die zeitgenössischen Quellen zu diesem Fall übertreffen sich gegenseitig in Sensationsgier und widersprechen sich zum Teil erheblich.

Aus den vorhandenen Quellen hat Atwood so gut es ging die Fakten destilliert und mit viel Fiktion einen Romanstoff daraus gemacht. Dazu hat sie Dr. Simon Jordan erfunden, einen jungen Arzt und Spezialisten auf dem noch jungen Gebiet der Psychologie. Im Auftrag von Graces Gönnern soll er herausfinden, was wirklich an den fraglichen Tagen geschah. Abwechselnd wird aus der Perspektive von Simon Jordan und Grace Marks erzählt. Der Einstieg in den Roman ist etwas zäh, denn Grace tut sich erst schwer damit, Vertrauen zu dem jungen Arzt zu fassen und ist zurückhaltend in ihren Berichten. Zudem benutzt sie zwar viel wörtliche Rede aber keinerlei Satzzeichen, die dies verdeutlichen würden, was das Lesen nicht leichter macht. Nach diesen Anfangsschwierigkeiten aber gerät die Geschichte in Fahrt und Grace berichtet von ihrem Schicksal, das sie aus ärmlichen Verhältnissen in Irland in noch schlimmere in Kanada gebracht hat. Im Alter von 13 beginnt sie schließlich als Dienstmädchen zu arbeiten und gerät so in den Haushalt von Thomas Kinnear,  der ihr ein sehr sympathischer Dienstherr ist. Nancy Montgomery, seine Haushälterin, hat Grace angeworben und sie hofft, in ihr eine Freundin zu finden. Doch schnell erkennt sie, dass Nancy eifersüchtig über Thomas wacht und sehr empfindlich reagiert, wenn er Grace gegenüber zu nett ist, was das Verhältnis der beiden Frauen schnell und nachhaltig stört.

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Christopher Ecker: Fahlmann

Ein Werk ohne Widersprüche hat keinerlei Erkenntniswert. Nur im Paradoxon liegt Gewinnn.

ecker_fahlmannGeorg Fahlmann ist ein Mann um die dreißig, Student mit schriftstellerischen Ambitionen und Aushilfe im familieneigenen Bestattungsunternehmen. Er lebt im Saarland, was sich sehr zu meiner Freude durch gelegentliche dialektale Passagen bemerkbar macht, zusammen mit seiner Frau Susanne und seinem Sohn Jens. Die meiste Zeit verbringt er auf dem Dachboden, wo er nicht an seiner Hausarbeit über Personennamen bei Thomas Mann arbeitet und an seinem Roman Vom Herausgehen am Tage verzweifelt. Dieser handelt von Carl Bahlow, einem Entomologen, der als Außenagent einer ominösen Firma in die Tendaguru-Expedition eingeschleußt wird. Diese fand um 1910 in Deutsch-Ostafrika statt mit dem Ziel, die Fossilien von „Schreckensechsen“ zu finden und nach Deutschland zu verschiffen. Wer mal im Berliner Naturkundemuseum war, hat zumindest ein Fossil dieser Expedition, den Brachiosaurus in der Eingangshalle gesehen.

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Jami Attenberg: Saint Mazie

Attenberg_SaintMazie„Wenn ihr die Schönheit im Dreck nicht sehen könnt, dann tut ihr mir leid. Und wenn ihr nicht sehen könnt, warum die Straßen hier was Besonderes sind, dann geht doch nach Hause.“

Saint Mazie ist das Porträt von Mazie Phillips, der „Königin der Bowery“. In New York machte sie sich einen Namen, indem sie über Jahrzehnte den Obdachlosen der Lower East Side half, ihnen Geld gab, zu einem Schlafplatz verhalf oder, wenn nötig, den Krankenwagen rief.

Viel bekannt ist nicht über diese ungewöhnliche Heilige, die ihre Taten nicht als etwas sah, das außergewöhnlich gewesen wäre oder gar für die Nachwelt festgehalten werden müsste. Viel mehr als einen New Yorker-Artikel aus dem Jahr 1940 und einen Nachruf von 1964 findet man online nicht. Selbst ohne Kinder oder andere Familienmitglieder, die sie zu versorgen gehabt hätte, konnte sie das Geld ebenso gut denen geben, die es brauchten, so ihre Meinung.

Aus den wenigen bekannten und vielen fiktiven Fragmenten konstruiert Attenberg einen Roman, zusammengesetzt aus Tagebucheinträgen, die von 1907-1939 reichen, Bruchstücken einer Biographie und Gesprächen mit Menschen, die eine Erinnerung an Mazie oder die Familie Phillips haben.

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Émile Zola: Das Paradies der Damen

Zola_DasParadiesDerDamen„wenn das, was man heute Handel nennt, ein solches Herumgestoße ist, dann verstehe ich nichts mehr davon und will lieber meiner Wege gehen.“

Als Denise Baudu, Heldin des Romans, nach Paris kommt, ist ihre Lage verzweifelt. Vor mehr als einem Jahr sind die Eltern gestorben, sie muss als Verkäuferin für sich und ihre kleinen Brüder Jean und Pépé sorgen. Zum Glück hat ihr beim Tod des Vaters ein Onkel, der in Paris einen Stoffladen betreibt, Unterkunft und Arbeit angeboten. Jetzt endlich reisen die drei in die Hauptstadt, doch noch bevor sie den Laden erreichen, werden sie gefesselt von den protzigen Schaufenstern des „Paradies der Damen“, einem gigantischen Modehaus, das alle anderen Geschäfte in der Nachbarschaft überstrahlt. Onkel Baudu ist sehr überrascht vom unangekündigten Besuch und peinlich berührt – die Geschäfte laufen, vor allem wegen der übermächtigen Konkurrenz, ziemlich schlecht, er kann den Geschwistern weder Einkommen noch Unterkunft bieten. In der Nachbarschaft sieht es nicht besser aus, alle klagen über rückläufige Umsätze. Seit das Paradies mit seinen lichtdurchfluteten Hallen und den niedrigen Preisen lockt, verirren sich nur noch wenige treue Kundinnen in die stickigen Geschäftsräume der alteingesessenen Händler. Am Ende bleibt Denise nichts anderes übrig, als beim Paradies selbst vorstellig zu werden, wo sie auch tatsächlich für die Konfektionsabteilung engagiert wird.

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Arthur Schnitzler: Therese

ArthurSchnitzler_Therese„Sie fragte sich wohl, ob es anders wäre, wenn sie ihr Frauenleben in einer anderen, schöneren Weise hätte erleben dürfen, als es ihr nun beschieden war […].“

In seinem (zweiten und letzten) Roman Therese beschreibt Schnitzler das Leben einer jungen Frau und ihren schleichenden sozialen Abstieg.
Geboren wird Therese Fabiani als Tochter eines Leutnants, der sich nach Ende seiner militärischen Laufbahn samt Familie in Salzburg niederlässt. Er verkraftet das Ende seiner Karriere schlecht und wird nach einigen öffentlichen Ausfällen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Zu Hause wird das Geld knapp und nachdem der Bruder zum Studium nach Wien gegangen ist, versucht Thereses Mutter sie mit einem deutlich älteren Bekannten zu verkuppeln, auf dessen Geld und Titel sie hofft.

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Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet

schutzgebiet„Die Eingeborenen seien weitestgehend friedfertig gegenüber den Weißen eingestellt und kooperativ. So hieß es. Die Schutzherrschaft der Deutschen lasse sie in jeder Hinsicht profitieren, sei es in den Sachen der Hygiene, der Wirtschaft oder der Bildung.“

Schutzgebiet spielt kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der fiktiven deutschen Kolonie Tola, genauer gesagt in der winzigen Festung Benēsi, wo die Bremer Kolonialgesellschaft versucht, einen Wald, natürlich einen deutschen, anzulegen. Irgendwann einmal soll hier ein wichtiges Handelszentrum entstehen. Verantwortlich dafür ist Ludwig Gerber, der zuvor bereits in seiner Heimat in Zwiesel und bei einem ersten kolonialen Versuch in Belgisch-Kongo gescheitert ist. Seine Unsicherheit aufgrund mangelnder Fremdsprachenkenntnisse versucht er durch besonders harsches Auftreten gegenüber den Arbeitern zu kaschieren. Auch seine Schwester Käthe lebt in Benēsi, nachdem sie in Deutschland nach einer Scheidung jede gesellschaftliche Anerkennung eingebüßt hat. Hinter den Kulissen ist sie die eigentliche Verwalterin des Projekts, überlässt das Rampenlicht aber ihrem Bruder. Ertragen kann sie das Leben in der Kolonie nur mit regelmäßigem, improvisiertem Drogenkonsum, eine Leidenschaft, die sie mit dem Arzt Brückner teilt. Auch er lebt nur in Tola, weil er in Deutschland endgültig gescheitert ist.

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T. C. Boyle: Wassermusik

Wassermusik„Ich höre es in meinen Träumen. Ich höre es am Morgen, wenn ich erwache und die Vögel in den Bäumen singen. Es ist ein Wispern, ein Klingeln, es ist der Klang von Musik. Und weißt Du, was es ist? Es ist der Niger.“

Wassermusik war vor mehr als 30 Jahren Boyles erster Roman und begründete seinen bis heute andauernden Erfolg. Er erzählt darin in sich abwechselnden Episoden vom Leben zweier Männer, von Mungo Park, einem Afrikaforscher, der tatsächlich gelebt hat und von Ned Rise, der frei erfunden ist. Die beiden wachsen unter sehr verschiedenen Bedingungen auf.

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Lafcadio Hearn: Youma

youma„Die da gehört bereits der Vergangenheit an. Ihr besonderer Schlag war ein Produkt der Sklaverei, größtenteils durch Selektion erzeugt: die einzige Schöpfung der Sklaverei, deren Verlust man vielleicht bedauern könnte“

Irgendwann während meines Studiums habe ich ein Seminar zu Kolonialliteratur gemacht, ich glaube, es war Indien. Seitdem lese ich manisch alles, was irgendwas mit Kolonien zu tun. Ich kann nicht mal sagen warum, aber wenn ich einen Roman finde, der irgendwas mit Kolonien zu tun hat, werde ich ihn früher oder später lesen. Also auch Youma.

Der Roman spielt Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Karibikinsel Martinique. Youma, Tochter einer Sklavin, wächst als Ziehtochter einer weißen Kreolin auf. Ihr fehlt es an nichts, sie wird reich mit Kleidern und Schmuck beschenkt, und Aimée, die Tochter des Hauses, ist ihr wie eine Schwester. Allerdings wird Youma, trotz aller Privilegien, jede Bildung verweigert, da man fürchtet, das könne sie unzufrieden mit ihrer gesellschaftlichen Position machen. Als Aimée das elterliche Haus verlässt, heiratet und Tochter Mayotte auf die Welt bringt, bleiben die beiden unzertrennlich. Aimée erkrankt kurz darauf tödlich und Youma verspricht, immer an Mayottes Seite zu bleiben und wird, wie auch ihre eigene Mutter, eine da, eine Amme, zu der viele Kinder in der kreolischen Gesellschaft ein so enges Verhältnis haben, dass sie ihr näher sind als der eigenen Mutter.

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Irmgard Keun: Kind aller Länder

kindallerländer„Wir sind in die allgemeine Freiheit gewandert. Nach Deutschland gehen wir nie mehr zurück. Das brauchen wir nicht, denn die Welt ist sehr groß.“

Irmgard Keun ist wieder da! Mich freut das sehr und ich weiß, dass es einige von euch auch sehr freuen wird. Kind aller Länder ist (unverständlicherweise) eines der wenigen von Keuns Büchern, das überhaupt mehrfach neu aufgelegt wurde, die letzte Ausgabe ist aber auch schon wieder 10 Jahre alt und inzwischen vergriffen.

Es ist die Geschichte von Kully, Tochter eines Schriftstellers, der sehr an Keuns Sommerliebe Joseph Roth erinnert, den sie 1936 im Ostender Exil kennengelernt hatte. Wegen seiner regimekritischen Äußerungen muss der Schriftsteller samt Frau und Kind Deutschland verlassen und findet Exil in Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Überall hofft er, Unterstützung zu finden, Verleger, die etwas für ihn tun können, Geldgeber für Zeitschriftenprojekte. Doch immer wieder werden seine Hoffnungen zerschlagen, niemand weiß, wie die Hotelzimmer bezahlt werden sollen oder die Rechnungen im Restaurant und das Visum ist auch nicht mehr lange gültig.

Erzählt wird die Geschichte von Kully, die dem Roman mit ihrer kindlichen Erzählweise den Charme verleiht. Ihr Alter wird, soweit ich weiß, nie genannt, sie müsste aber irgendwas zwischen sieben und zehn sein. Anders als ihre Eltern erlebt sie das Exil nicht als stressige und existenzbedrohende Außnahmesituation, sondern als ein großes Abenteuer. Sie freut sich, so viele Kinder zu treffen und verschiedene Sprachen zu lernen. Die Fehltritte ihres Vaters, die ständige Unzuverlässigkeit und die Affären, nimmt sie nicht als Fehler wahr oder verzeiht sie schnell. Nur die Traurigkeit und Wut ihrer Mutter, die aus deren Hilflosigkeit und ständiger Sorge erwächst, bedrücken sie manchmal. Sie sorgt sich um sie, wenn sie vor lauter Sorgen wieder einmal nicht schlafen kann. In ihrem jungen Alter hat Kully schon in Deutschland, Polen,  Österreich, Frankreich, Belgien und den Niederlanden gelebt, hat Italien gesehen und soll sogar noch nach Amerika. Als sie gefragt wird, ob sie manchmal Heimweh habe, weiß sie nicht, was dieses Gefühl ist. Nur manchmal sehnt sie sich nach einem besonders schönen Strand oder einer Wiese, an deren Blumen sie sich erinnert. Als Heimat begreift sie ihre Familie, nicht einen bestimmten Ort.

Mit der Stimme von Kully führt Keun eine interessante Perspektive in die Exilliteratur ein. Sonst sind vor allem Erchwachsene die Protagonisten, die das Exil primär als Notsituation erleben. Das Leben im Ausland ist kein Wunsch sondern eine Notwendigkeit und ein Zustand, der mit vielen Entbehrungen und großer Unsicherheit verbunden ist. Das Kind, das diesen Roman erzählt, ist hingegen fasziniert von den Möglichkeiten die sich ihm bieten, wenn es eben nicht immer an einen Ort gebunden ist. Die kindliche Erzählperspektive ist keine einfache und in vielen Romanen schlägt sie ins süßlich-kitschige oder unerträglich naive um. Keun aber gelingt es, den Ton glaubwürdig zu halten und hat einen sehr lesenswerten, liebenswerten Exilroman geschrieben, dessen Traurigkeit und Melancholie gerade über die Unwissenheit der Erzählerin transportiert wird.


Irmgard Keun: Kind aller Länder. Kiepenheuer & Witsch 2016. 214 Seiten, € 17,99. Erstauflage: Querido 1938.