Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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In einer völlig anderen Welt lebt Eugenes Schwester Ifeoma. Sie ist eine verwitwete Universitätsdozentin und hält sich und ihre Kinder gerade so über Wasser. Doch auch wenn es kein Gas zum Kochen gibt, ist ihr Haus voller Lachen und Freude. Ein paar Tage können Kambili und ihr Bruder Jaja dort leben und sehen, wie es auch sein kann, wenn nicht jeder Schritt strengsten Regeln unterworfen ist.

„That night, I dreamed that I was laughing, but it did not sound like my laughter, although I was not sure what my laughter sounded like.“

Mit 15 Jahren trägt Kambili dort das erste mal Hosen, hört nicht-christliche Musik, isst an einem Tisch mit Heiden und lacht, unglaublicherweise, das erste mal in ihrem Leben. Doch die Kontrolle durch den Vater ist übermächtig. Auch wenn viele Kilometer zwischen ihm und den Kindern liegen, können sie seinen Einfluss nicht abschütteln. Dennoch hilft die Zeit bei ihrer Tante den Kindern, sich in kleinen Schritten zu emanzipieren und die Entscheidungen des Vaters vorsichtig und langsam zu hinterfragen. Bei Jaja führt dies so weit, dass er an einem Palmsonntag nicht mehr mit in die Messe geht – dies führt zu einer Eskalation, die den Ausgangspunkt des Romans bildet.

Die Torturen, die Kambili und ihre gesamte Familie durchstehen müssen, sind enorm. Nicht nur wird der Vater regelmäßig gewalttätig gegen seine Familie, den Kindern ist es auch nicht möglich, normal aufzuwachsen. Die strenge Erziehung bewirkt, dass Kambili sich kaum etwas traut und vor Fremden kein Wort herausbringt. In der Schule gilt sie als eingebildeter Snob, der mit niemandem redet. Make-up, Hosen, Musik und Fernsehen sind verboten, was sie zu einer völligen Außenseiterin macht. Umso erstaunlicher und erschütternder ist es, wie ungebrochen Kambilis Liebe ist, wie sie immer zu ihrem Vater hält und darauf vertraut, dass er die richtigen Entscheidungen für sie treffen wird. Er wird entscheiden ob und was sie studiert und wen sie heiraten wird. Für Kambili ist das völlig klar. Die Geschichte ist aus ihrer Perspektive erzählt und in keinem Satz klagt sie über die Gewalttaten ihres Vaters. Nur manchmal fürchtet sie die Schmerzen, die sie in den nächsten Tagen zu erwarten hat. Aber wenn ihr Vater die Strafe für angemessen hält, dann wird es wohl so sein.

Während Eugene von seinen Kindern absoluten Gehorsam erwartet, weil er eben der Vater ist, verweigert er seinem eigenen Vater, Papa-Nnukwu, jeden Respekt. So lange er nicht von seinen heidnischen Göttern ablässt, darf er das Haus seines Sohnes nicht betreten und bekommt nur dann und wann ein paar Scheine von Eugenes Chauffeur zugesteckt. Auch Kambili und Jaja dürfen erst nach Intervention des Dorfes den Großvater für ein paar Minuten besuchen, dürfen ihn aber nicht berühren und in seinem heidnischen Haus nichts essen.

Diese grausame Familiengeschichte spielt sich ab vor dem Hintergrund der nigerianischen Militärdiktatur in den 90er Jahren. Nahezu jede Person im Roman ist von den Folgen des Regierungswechsels betroffen. Auch Kambilis Vater ist, trotz seiner beträchtlichen wirtschaftlichen Macht, Repressionen ausgesetzt, nachdem eine ihm gehörende Zeitung regierungskritische Texte veröffentlicht hat. Tante Ifeoma träumt davon, nach Amerika auszuwandern, wie so viele ihrer Kolleginnen es getan haben, nachdem die Universität sie schon seit Monaten nicht mehr bezahlt hat. Sie fürchtet, dass alle klugen Köpfe gehen werden und das Land denen überlassen, die die Militärdiktatur stützen.

Mit Purple Hibiscus hat Adichie einen beeindruckenden Roman geschaffen. Die Brutalität von Kambilis Situation findet ihren Ausdruck vor allem in der Subtilität, mit der sie geschildert wird. Ohne große Worte und ohne Pathos gelingt es der Autorin, einen kraftvollen und intensiven Text zu konstruieren, der unter die Haut geht. Es ist ein Roman über Fanatismus und über Nigeria und es ist auch ein Coming of Age-Roman inklusive ein bisschen erster Liebe. Und vor allem ist es ein sehr, sehr guter Roman.


Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus. Fourth Estate 2013. 307 Seiten, ca. € 11,-. Erstausgabe GB Fourth Estate 2004. Deutsche Übersetzung unter dem Titel Blauer Hibiskus lieferbar bei Fischer Taschenbuch. 334 Seiten, € 10,99.

Das Zitat stammt von S. 88

Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction„.

Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Als ich an meinem derzeitigen Arbeitsplatz anfing, kam ich als Ersatz für einen ca. 50jährigen Kollegen. Er erklärte mir alles. Alles alles. Wie die relevanten Computerprogramme funktionieren (nützlich, zugegeben), wie eine Rechnung aufgebaut ist, dass es nicht klug war, in eine Dachgschoss-Wohnung zu ziehen und wie der Wasserkocher funktioniert. Es war völlig egal, wie oft ich sagte, dass ich um die mitunter problematischen Isolierungen von Dachgeschossen weiß, dass ich Rechungen schreiben und zahlen kann und auch schon mal Tee gekocht habe. Er redete und redete und redete. Und hinterließ mir, als er ging, ein heilloses Durcheinander, weil er mir zum Beispiel nicht erklärt hatte, welche Bestellungen er für die nächsten Monate schon getätigt hatte oder wo in seinem Chaos ich diese Infos finden konnte. Aber hey, der Wasserkocher, danke nochmal. Mansplaining in Höchstform?

Der Begriff des Mansplaining wird oft Rebecca Solnit zugeschrieben. Sie selbst ist nicht dieser Ansicht, unbestreitbar aber war ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ausschlaggebend für die Diskussion um diese Thematik und führte letzlich mit zur Prägung des Begriffs. In diesem titelgebenden Essay berichtet sie von einer Party, bei der ihr Gastgeber ihr begeistert von einem neuen, ganz wichtigen Buch über den Fotografen Muybridge erzählte. Solnits Begleitung versuchte mehrfach, ihm zu sagen, dass Solnit selbst dieses Buch geschrieben hat. Vor lauter Selbstgefälligkeit hörte der Gastgeber diesen Hinweis aber erst beim dritten Mal und musste kleinlaut zugeben, dass er das Buch nicht mal gelesen hatte.

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