Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant

Als kleines Kind hatte Juri einen schweren Verkehrsunfall. Erst wurde er vom Milchwagen erwischt, direkt danach von einer Straßenbahn. Auch vom Blitz wurde getroffen. Er ist wieder ganz gut hergestellt, aber sein Hirn ist immer noch ein bisschen kaputt. Manchmal fehlen ihm die richtigen Wörter, dann kommen zu viele. Dafür hat er ein offenes Gesicht das dazu führt, dass wildfremde Menschen ihm ihre Geheimnisse und Gefühle anvertrauen. Er lebt in der Hauptstadt mit seinem Vater, dem Zoo-Veterinär. Seine Mutter ist in einem Arbeitslager in Kolyma, kommt aber sicher bald zurück. Im Flur stehen immer zwei gepackte Koffer. Einer für seinen Vater, einer für ihn. Sie stehen nicht nebeneinander, denn eine gemeinsame Abreise ist unwahrscheinlich. Wenn der Vater abgeholt wird, soll Juri schnell seinen kleinen Koffer schnappen und bei einer Tante unterkommen.

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Doch dann werden tatsächlich beide zusammen abgeholt. Eines Tages stehen Männer vor der Tür und sagen dem Vater, er müsse mitkommen zu einem wichtigen Patienten. Ob Maus oder Elefant erfährt er nicht. Wenig später stehen die beiden vorm größten Elefanten überhaupt: Der Stählerne, der geliebte Onkel, der Architekt der Freude, Genosse Generalsekretär Josef Petrowitsch. Er sieht nicht gut aus und viel älter, als auf den Bildern, die man von ihm kennt. Die Diagnose des Vaters gefällt ihm dann auch gar nicht, er lässt ihn abführen, doch Juris freundliches Gesicht erfreut auch das Herz des Stählernen. Er darf bleiben und wird sein Vorkoster und Hüter allergrößter Geheimnisse. Dass ihn das selbst ihn Gefahr bringt, steht außer Frage.

„Was fangen wir nur mit dir an? Du siehst alles, aber du verstehst nichts.“

Juri wird gemeinhin als Trottel angesehen und akzeptiert. Selbst die Feinde des Stählernen sehen ihn nicht als ernste Bedrohung und versuchen, ihn mit kleinen Geschenken auf ihre Seite zu ziehen. Dadurch gewinnt er Einblicke in Intrigen und Machtstrukturen, die vor anderen verheimlicht werden. Der Blick des „nützlichen Vollidioten“ ist ebenso unvollständig wie entlarvend, zumindest für die Leser, denn Juri selbst versteht nicht viel von den Dingen, die um ihn herum passieren. Noch dazu ist er auch extrem gutgläubig und nimmt alles für bare Münze, was andere ihm versprechen. Beinahe schlafwandlerisch torkelt er durch die Zentrale der sowjetischen Macht, nimmt Dinge wahr und mit und merkt kaum, dass er mitten in den allerschönsten Putsch-Versuch geraten ist. Die Intriganten wiederum bemerken kaum, dass er weitaus mehr versteht, als er zugibt.

In der Schilderung der Ereignisse bleibt Wilson sehr nah an dem, was in den letzten Wochen in Stalins Leben geschehen ist. Alle Namen sind mehr oder weniger verändert, einige Orte bleiben zumindest vage, aber im Grunde folgt er den historischen Ereignissen. Auch die „Ärzteverschwörung“ wird thematisiert sowie etliche der Grausamkeiten, die Stalins Widersacher erfahren mussten. Auch einige Verschwörungstheorien baut er dabei ein, wie etwa die, dass nicht Stalins Leiche bei der öffentlichen Aufbahrung zu sehen war sondern eigens ein besser aussehender Doppelgänger umgebracht wurde. In einigen Rezensionen wurde Wilson deshalb für seine gute Recherche gelobt, aber seien wir ehrlich – das steht alles im wikipedia-Artikel. Und wo wir gerade schon ehrlich sind, so richtig umgehauen hat das Buch mich nicht. Es ist sehr unterhaltsam zu lesen, ich habe mich nicht gelangweilt, aber der Roman schwankt auch sehr in seiner Art der Erzählung. Mal ist es eine total harmlose  bis witzige Geschichte, dann gibt es wieder sehr brutale Folterszenen. Beeindruckend ist allerdings, mit welchem Gleichmut zumindest der Protagonist eben diese Folter zur Kenntnis nimmt.

Guten Morgen, Genosse Elefant ist ein unterhaltsamer Roman, der zumindest dann Spaß macht, wenn man wenigstens ein bisschen was über Stalins Leben und Sterben weiß. Ich bin nicht sicher, wie viel Sinn und Spaß dieser Roman macht, wenn das nicht gegeben ist. Besonderen Tiefgang oder ein Leseerlebnis das einen tiefen und bleibenden Endruck hinterlässt, sollte man so oder so aber nicht erwarten.


Christopher Wilson: Guten Morgen, Genosse Elefant. Übersetzt von Bernhard Robben. Kiepenheuer & Witsch 2018. Titel der Originalausgabe: The Zoo.

Das Zitat stammt von S. 192

Das Buch habe ich vom Verlag unverlangt und ohne Bedingungen vom Verlag erhalten. Danke dafür.

Reso Tscheischwili: Die himmelblauen Berge

Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist oft eine gute Gelegenheit, Literatur aus Ländern zu entdecken, von denen man exakt nichts weiß. In diesem Jahr ist es Georgien, ein Land, bei dem mir als einzige Autorin Nino Haratischwili einfällt. Dank Förderprogrammen ändert sich das ja in den Gastland-Jahren immer und so kommt mit Die himmelblauen Berge jetzt auch ein georgischer Klassiker auf den Markt, der in seiner Heimat aufgrund einer sehr populären Verfilmung den meisten ein Begriff ist.

Die Himmelblauen Berge

In diesem Roman versucht ein Autor, sein Manuskript bei einem Verlag unterzubringen. Das erweist sich als sehr komplizierte Angelegenheit, denn auch, wenn der Verlag dem Autor positiv gesonnen ist, gilt es doch, in dem staatseigenen Betrieb alle Regeln zu befolgen. Um über das Erscheinen des Romans zu entscheiden, muss eine Versammlung einberufen werden, bei der über die Qualität beraten werden soll, dazu aber müssen erst alle das Manuskript gelesen haben. Im Verlag verteilt existiert der Text in mindestens drei Fassungen, wenigstens eine davon noch unter dem alten Titel Die himmelblauen Brücken, zum Teil handschriftlich und kaum leserlich, zum Teil maschinengeschrieben. Da es weniger Manuskripte als Mitarbeiter gibt, wird der Text aufgeteilt, einige kennen nur den Anfang, andere nur die letzten zehn Seiten, Bruchstücke finden sich in Schubladen, in der Kantine und auf einem Müllhaufen im Hof. Die zuständigen Mitarbeiter sind in Urlaub, beim Militär, auf einer siebenmonatigen Dienstreise, auf einer Fortbildung unbekannter Dauer oder stecken im Aufzug fest. Statt sich mit dem Manuskript zu befassen, treibt sie die Frage um, ob es in diesem Jahr wohl Prämien gebe.

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