Die unerträgliche Banalität des Seins – „Die Idiotin“ von Elif Batuman

Als Selin das erste Mal die heiligen Hallen von Harvard betritt, ist sie völlig überfordert. Hier anstellen, da anstellen, hier eine Mail-Adresse zugeteilt bekommen, dort für Kurse einschreiben. Beistand findet sie bei ihren Mitbewohnerinnen Hannah, die sie mehr mag und Angela, die sie weniger mag. Sie belegt Kurse in Linguistik, darstellender Kunst und Russisch, wo sich alle russische Namen aussuchen müssen, außer Svetlana und Ivan, dem ungarischen Mathematik-Studenten, in den Selin sich sofort und unglücklich verliebt. Sie schreibt Mails im Computer-Labor, findet spannende Ähnlichkeiten zwischen Ungarisch und Türkisch, isst in der Cafeteria und grübelt über der Sapir-Whorf-Hypothese. Und daraus besteht der gesamte erste Teil des Romans.

„Ich wusste nicht, wie man in eine andere Stadt zog oder Sex hatte oder einen richtigen Job oder wie ich jemanden dazu bringen sollte, sich in mich zu verlieben, oder wie ich etwas lernen sollte, das nicht nur meiner persönlichen Weiterentwicklung diente.“

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Im zweiten Teil reist sie immerhin mit Svetlana aus dem Russisch-Kurs nach Paris, wo sie in der Wohnung einer offenbar reichen Tante Svetlanas direkt gegenüber dem Musée d’Orsay wohnen und an der Seine joggen gehen. Montmartre ist ihr zu aufregend. Im weiteren Verlauf des Sommers reist Selin nach Ungarn, weil Ivan es auch tut. Damit das weniger auffällt, nimmt sie an einem Programm teil, im Rahmen dessen sie Englischunterricht für die Landbevölkerung geben soll. Dieser Teil des Romans, in dem Selin viele und sehr unterschiedliche Kontakte knüpft, und skurrile Situationen erlebt, ist alles, was den Roman aus der völligen Bedeutungslosigkeit rettet. 

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Essen aus Büchern: Brioche aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

Es ist ein deprimierendes Café, in dem Antoine Roquentin, Erzähler von Sartres Der Ekel an einem nebligen Morgen landet. Der Kellner im Café Mably weist ihm missmutig einen Tisch in einer dunklen Ecke zu, die einzigen anderen Gäste sind ein merkwürdiges Paar, zwei Künstler, die ihr Engagement in der Stadt beendet haben. Die Künstlerin ist ausgesprochen nervös, ihr Begleiter so schweigsam, dass es dem Erzähler unangenehm ist, in der Stille auch nur ein Streichholz anzureißen:

„Sie war mit einem großen Blonden zusammen, der eine Brioche aß, ohne einen Ton von sich zu geben.“

Roquentin selbst hätte gerne ein Hörnchen zu seinem Kaffee gegessen, der Kellner stellt ihm aber nur schweigend den Korb mit den Resten der Künstler auf den Tisch. Bald darauf löscht er auch die Lampe im Gastraum, denn zwei Lampen für einen einzigen Gast, das sieht der Chef nicht gerne. Der Chef, Herr Fasquelle, ist um diese Zeit sonst schon im Café und Roquentin vertreibt sich die Zeit damit, sich vorzustellen, wie er tot in seiner Wohnung über dem Café liegt. Ein Herzschlag, mutmaßt er. Ob es so ist, erfährt man aber nicht mehr, der Erzähler verlässt das Café auf der Suche nach Licht.

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Von ihren Taten zu singen – „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber

Mit Annette, ein Heldinnenepos hat Anne Weber eine außergewöhnliche Hommage geschrieben, für die sie in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Anne Weber lernte Anne Beaumanoir, genannt Annette, vor wenigen Jahren bei einer Podiumsdiskussion kennen. Im Anschluss hatten die beiden Gelegenheit, sich näher kennenzulernen und Weber war beeindruckt von dem, was die inzwischen über 90jährige zu berichten hatte. So beeindruckt, dass sie beschloss, ein Buch darüber zu schreiben und nicht nur ein Buch, sondern gleich ein Heldinnenepos. Denn Weber sah in Beaumanoir nicht weniger als eine der ganz seltenen Gelegenheiten, eine echte Heldin kennenzulernen.

Annette Beaumanoir wurde 1923 in der Bretagne geboren, wo sie in recht einfachen aber glücklichen Verhältnissen aufwuchs. Nach der Schule begann sie eine Medizinstudium, zugleich aber ihre politische Karriere. In dieser Zeit wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei und mehr oder weniger zufällig Teil der Résistance. Den Widerstand stellte sie nie in Frage und betrachtete ihn als ihre Pflicht, auch später, als die Nazi-Okkupation beendet war. Im Auftrag der kommunistischen Partei, aber auch in eigener Mission half sie anderen Menschen im Untergrund, organisierte Fluchtwege und Unterkünfte und rettete jüdische Menschen vor dem sicheren Tod. Für letzteres wurde sie, gemeinsam mit ihren Eltern, in späteren Jahren als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien ihr Leben etwas ruhiger zu werden. Sie beendete ihr Studium, wurde Neurologin, heiratete und bekam drei Kinder. Doch das Unrecht nagte weiter an ihr und so engagierte sie sich für die Front de Libération, die für eine Unabhängigkeit Algeriens von der französischen Kolonialherrschaft kämpfte. Eine Verurteilung zu zehn Jahren Haft war die eine Folge, eine Flucht nach Algerien und jahrelange Trennung von ihren Kindern eine andere. Mittlerweile fast hundert Jahre alt, ist Beaumanoir noch immer als Rednerin und Zeitzeugin unterwegs und bemüht, ihre Überzeugungen weiterzutragen.

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Ja wo laufen sie denn? – Jane Smileys „Horse Heaven“

Um es vorweg zu nehmen – bei Horse Heaven habe ich getan, was ich für das gesamte „Women’s Prize„-Projekt ausgeschlossen hatte: Ich habe es abgebrochen. Nach 274 von 699 Seiten habe ich es schlicht nicht mehr ausgehalten. Ich weiß nicht, was in die Jury gefahren ist, diesen Roman auf eine Shortlist zu setzen, auf der auch Margaret Atwood und Ali Smith standen.

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Horse Heaven ist ein Roman über Rennpferde und Pferderennen. Die ersten hundert Seiten hatte ich noch die Hoffnung, es könnte eigentlich um komplexe zwischenmenschliche Beziehungen gehen von Leuten, die eben auch Pferde besitzen oder mit ihnen arbeiten. Aber es geht um die Pferde. Wie sie gestriegelt, massiert, geritten, gemustert, geschätzt, verletzt, verkauft und gekauft werden. Sie heißen Residual, Epic Steam und Limitless, sind Englische Vollblüter und Rennpferde. Ihre Herkunft wird peinlich genau benannt.

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Essen aus Büchern: Boeuf Bourguignon aus Kate Atkinsons „Life After Life“

Kate Atkinsons Life After Life ist nicht nur ein sehr guter Roman, sondern auch eine Goldgrube für Essen aus Büchern. Besonders die Dichte britischer Klassiker ist enorm, doch auch für ein oder zwei Ausflüge in die französische Küche findet sich Zeit. Ein Gericht, das dabei eine besondere Rolle spielt, ist Boeuf Bourguignon. Anlässlich der Zubereitung des französischen Klassikers kauft die Protagonistin Ursula eine gute Flasche Wein, kann abends nicht widerstehen und trinkt das erste mal in ihrem Leben allein. Und trinkt und trinkt und trinkt.

Ursula knew how the drinking had started. Nothing dramatic, just something as small and domestic as a boeuf burguignon she had planned for Pamela when she came to stay for the weekend a few months ago.

Sie wechselt den Weinladen, als sie nicht mehr erklären kann, wie oft sie eigentlich Boeuf Bourguignon macht und kauft im Pub Bier mit der Behauptung, es sei für ihren Bruder. In den 50ern kann sie es sich als Dame natürlich nicht erlauben, allein im Pub zu trinken. Zum Glück ist dieses nur eines von vielen Leben das sie hat, da kommt es auf das ein oder andere Glas nicht an.

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Auf Rückholmission in Paris – „Foreign Bodies“ von Cynthia Ozick

Bea Nightingale, Tochter europäischer Einwanderer mit dem Namen Nachtigal, lebt in den 50er-Jahren in bescheidenen Verhältnissen in New York. Sie ist Ende vierzig, hat jung geheiratet und wurde jung geschieden. Nun arbeitet sie als Lehrerin und wohnt noch immer in dem kleinen Appartement, das sie einst mit ihrem Mann bezog. Ihre wenig erfolgreichen Versuche, an einer Jungenschule die Liebe zu Literatur zu lehren, kann ihr Bruder Marvin nicht ernst nehmen. Deshalb ist es für ihn völlig klar, dass Bea Zeit hat, nach Frankreich zu reisen, um seinen Sohn Julian ausfindig zu machen und zur Heimkehr zu bewegen. Julian vertrödelt, zumindest nach den Ansichten seines Vaters, Zeit und Geld in Paris, wo er vom Leben als Schriftsteller träumt und in Cafés kellnert. Die Geschichte erinnert nicht zufällig an Die Gesandten von Henry James – Ozick gibt James als ihr großes literarisches Vorbild an, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Das Cover von Cynthia Ozicks Foreign Bodies. Zu sehen ist eine Frau in einem eleganten Kleid, die aus dem Fenster auf eine Straße schaut.

Als Bea Nightingale in Paris ankommt, muss sie erkennen, dass ihre Mission ziemlich aussichtslos ist. Julian ist zwar so plan- wie mittellos, aber auch jung verheiratet und hat nicht das geringste Interesse, in den väterlichen Haushalt zurückzukehren. Seine große Liebe ist die deutlich ältere Lili, die aus Bulgarien geflohen und wie so viele in Paris gestrandet ist. Zu allem Überfluss gerät auch Marvins Tochter Iris in die romantischen Klauen von Paris. Für ihren Vater ist sie das Musterkind, eine erfolgreiche Studentin und sicher bald bekannte Wissenschaftlerin. Doch beim Versuch, ihren Bruder zurück zu holen, kann auch sie sich dem Zauber der Freiheit nicht entziehen. Bea fühlt sich für all das verantwortlich. Ihr Bruder erwartet regelmäßige Berichte, doch immer öfter sieht Bea sich genötigt, ihm Dinge zu verschweigen oder ihn sogar anzulügen. Bald wagt sie es gar nicht mehr, in anzurufen, da sie einen Wutausbruch fürchtet. Nur in knappen Briefen unterrichtet sie ihn noch über die für ihn wenig erfreulichen Geschehnisse im fernen Europa.

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Esi Edugyan: Half Blood Blues

Hieronimus Falk, genannt Hiero, ein Musiker deutsch-sengalesischer Herkunft, ist gerade zwanzig, als er 1940 in Paris ohne Papiere aufgegriffen und verhaftet wird. Sein Ruf als bester Jazz-Trompeter seiner Zeit ist da aber schon legendär. Seine Freunde Sid und Chip, die mit ihm in einer Band waren, erfahren nur, dass er in Mauthausen inhaftiert gewesen sein soll und kurz nach seiner Entlassung verstorben ist. Viele Jahre nach seinem Tod stehen seine wenigen Aufnahmen wieder hoch im Kurs und 1992 wird ein Festival zu seinen Ehren veranstaltet. Dazu sind auch Sid und Chip, beide mittlerweile jenseits der 80, eingeladen. Kurz vor der Abreise erhält Chip einen Brief aus Stettin, dessen Absender niemand geringerer sein soll als Hiero Falk. Er bittet um einen Besuch.

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Also reisen die beiden nach Europa, erst nach Berlin zum Festival, und dann nach Polen. Und hier hängt es leider gewaltig. Erstmal fliegen die beiden von Berlin nach Stettin. Das sind so runde 150 km. Jetzt spielt das 1992 und ich bin mit den damaligen Reisemodalitäten nur bedingt vertraut, aber ein Direktflug von Berlin nach Stettin erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Vor allem schlagen die beiden spontan am Flughafen auf und nehmen dann den nächsten Flug, den es halt gibt. In der Zeit hätte man wahrscheinlich nach Stettin radeln können. In Stettin müssen sie einen Bus nehmen, der sie in 12 Stunden ans Ziel bringen wird. 12 Stunden! Freunde, wo wollt ihr hin? So groß ist doch ganz Polen nicht! Und wenn euer Ziel so maximal weit von Stettin entfernt ist, sagen wir, ihr wolltet eigentlich an die slowakische Grenze, warum fliegt ihr dann ausgerechnet nach Stettin, um alles in der Welt? Ja okay, die Busreise wird für ein Gespräch gebraucht, aber so viel quatschen die beiden auch nicht, dass es die sinnloseste Reiseverbindung aller Zeiten rechtfertigen würde. Sie sind auch alt und schlafen viel. Ich fürchte, da hat die Kanadierin Edugyan unterschätzt, wie klein Europa ist.

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Essen aus Büchern: Pear Belle Hélène aus Ali Smiths „The Accidental“

„Ich esse es ja! Aber nicht unter falschem Namen.“ Birne Helene ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das berüchtigste Dessert deutscher Popkultur. Und da Pappa ante Portas nun wirklich einer meiner ganz großen Lieblinge ist, ist es mir eine besondere Freude, euch heute Birne Helene zeigen zu können. Das Gericht stammt dieses mal aus The Accidental, einem Roman von Ali Smith. In diesem Roman verlebt die Familie Smart einen grauenhaften Urlaub, der von der Ankunft Ambers durcheinander gebracht wird. Amber, die niemand kennt, die aber trotzdem bleibt.

„Unsere Birne Helene ist mit Vanillesoße und wird immer gerne genommen.“ Birne Helene wurde um 1870 von niemand geringerem als Auguste Escoffier entwickelt, anlässlich der Aufführung von „Die schöne Helena“, einer Oper von Offenbach. Damals wurden die Birnen in Läuterzucker pochiert, mit kandierten Veilchen bestreut und mit Vanilleeis und Schokoladensauce serviert. Heute nimmt man, zumindest zu Hause, wahrscheinlich eher Birnen aus der Dose und Schokoladensauce aus der Flasche, vermutlich auch im Haushalt der Familie Smart:

„I thought Pears Belle Hélène, he told Eve. I just need to heat it. I’ll do it in a minute.“

Vater Michael schlägt diesen ungeplanten Impro-Nachtisch vor. Ich glaube nicht, dass er zufällig gerade Birnen pochiert hat, aber wir machen das jetzt mal richtig. Und zwar so:

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Essen aus Büchern: Huhn nach Jägerart aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

„Ach Herr Roquentin: ich stürze mich ins Wasser. Würden Sie mir die Ehre erweisen, am Mittwoch mit mir zu essen?“ Wer könnte eine solche Einladung ausschlagen? Roquentin, Hauptfigur in Sartres Der Ekel kann es nicht. Obwohl er, wie er nur wenige Zeilen später sagt, größere Lust hätte, sich aufzuhängen. Die Einladung spricht der Autodidakt aus, den Roquentin beinahe täglich in der Bibliothek trifft, wo er sich von A-Z durch die Regale liest.

Am Mittwoch sitzen die beiden dann beim Essen in einem einfachen Lokal, für dessen Mittagstisch der Autodidakt Coupons erworben hat, die eine Auswahl aus einer begrenzten Auswahl von Speisen erlauben. Roquentin wählt Wurst als Vorspeise, bekommt sie aber nicht, der Autodidakt besteht darauf, ihm Austern zu bestellen, die einen ordentlichen Aufpreis kosten. Roquentin hätte lieber Radieschen gegessen. Für den Hauptgang liebäugelt er mit einem Braten

„Aber ich weiß im voraus, daß ich Huhn nach Jägerart bekommen werde, das ist das einzige Fleischgericht, das extra berechnet wird.“

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Sarah Bakewell: At the Existentialist Café

Existentialisten sind blasse, magere Gestalten, die den Tag in Cafés verbringen und kettenrauchend über das Dasein philosophieren. So zumindest die popkulturelle Darstellung. Tatsächlich haben viele der heute bekannten PhilosophInnen, die im Allgemeinen dieser Strömung zugerechnet werden, größere Teile ihrer Zeit in Cafés verbracht, darunter auch Sartre, Beauvoir und der weit weniger bekannte Raymond Aron, die Bakewell zusammen an einen Tisch setzt und Aprikosencocktails trinken lässt. Das dürfte in dieser Konstellation auch wirklich häufiger passiert sein, auch noch bevor der Begriff des Existentialismus geprägt wurde und alle noch von der Phänomenologie sprachen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland für akademisches Aufsehen sorgte.

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