Bernhard Kegel: Ausgestorben um zu bleiben. Dinosaurier und ihre Nachfahren.

Es ist fast zehn Jahre her, da habe ich für ein paar Wochen bei einer Familie mit einem sechsjährigen Sohn gewohnt, der Dinos mochte. Ich sagte, dass ich auch Dinos mag und hatte verloren. Als Zeichen seiner besonderen Wertschätzung für unser gemeinsames Interesse gab es ab da jeden Abend Dino-Quiz und zwar die verschärfte Variante, der Sechsjährige war nämlich Asperger-Autist und mit „ungefähr“ nicht zufrieden.

Der erste Stegosaurus lebte vor etwa

a) 157 Millionen Jahren
b) 167 Millionen Jahren
c) 177 Millionen Jahren

Na? Wer hätte es gewusst?*

Einem Sechsjährigen eine Antwort schuldig zu bleiben ist schwer genug, einem sechsjährigen Asperger-Autisten eine Antwort schuldig zu bleiben ist schlicht unmöglich und die einzig richtige Antwort die ich hatte war „Ich habe keine scheiß Ahnung. Null. Ich mag Dinos, ich weiß aber nichts über sie. Außer, dass sie irgendwie groß sind. Und wenn ich noch einen Abend dieses dämliche Quiz machen muss – obwohl ich es schätze, dass du dir die Fragen offenbar selbst ausdenkst – schieße ich mir in den Kopf.“ Das konnte ich nicht sagen weil es unhöflich gewesen wäre und es hätte mir auch nichts gebracht, weil der Sechsjährige nur Niederländisch sprach und so konnte ich nur sagen „Ik weet het niet. Sorry.“ und mir vornehmen, ein Buch zum Thema zu lesen.

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Leichter gesagt als getan. Ich musste nämlich feststellen, dass alle Bücher, die es auf dem deutschen Markt zu dieser Zeit gab, Kinder- oder (sehr teure) Fachbücher waren oder hoffnungslos veraltet. Sachbücher aus den 80ern muss man ja nicht mehr lesen, wenn man sich schon von mindestens einem Lieblings-Dino verabschieden musste, der leider doch keine eigene Art war (der Brontosaurus – wir erinnern uns. Er ist jetzt aber doch wieder gültig, wollen wir Pluto das gleiche wünschen). Diese bedauerliche Lücke in der Sachbuch-Landschaft hat der Dumont-Verlag jetzt dankenswerterweise und noch dazu sehr hübsch geschlossen. 85% der Dinosaurier, berichtet der Autor gleich auf der ersten Seite, haben ihren Namen nach 1990 erhalten – höchste Zeit also, mein Klappenbuch-Wissen auf den neusten Stand zu bringen.

„Der Löwe ist Löwe und ist immer Löwe geblieben, und das Gleiche gilt für Elefanten, Nashörner, Mammuts, Höhlenbären, Säbelzahnkatzen und all die anderen Großtiere, die bis in unsere Zeit überlebt haben oder sie nur um ein paar Tausend Jahre verfehlt haben. Für Dinosaurier gilt das nicht.“

In seinem Buch berichtet Kegel vom langen Weg der Paläontologie, von den ersten Schritten der Fossiliensammler und ihren abenteuerlichen Fantasien über die ersten ernsthaften wissenschaftlichen Bemühungen bis hin zu den neusten Technologien, die mittlerweile einen ganz anderen Blick auf die Urzeittiere erlauben. Während Fernsehdokumentationen sich häufig auf die Superlative und die spektakulärsten, größten, gefährlichsten Arten  stürzen, gibt es in diesem Buch vieles zu entdecken, was weniger bekannt und augenfällig ist. Gerade die wenig medienwirksamen Details sind es aber, die besonders interessant sind und einen neuen Blickwinkel eröffnen. In den letzten Jahren hat sich in der Forschung viel getan, was neue Rückschlüsse auf Aussehen und Verhalten der Dinosaurier erlaubt und einiges, was über Jahre gesichert galt, musste verworfen werden.

Der Popularität der „schrecklichen Echsen“ hat das nie einen Abbruch getan, zumindest im Kinderzimmer. Filme, Bücher, Kuscheltiere, T-Shirts, Vergnügungsparks, Chicken Nuggets – es gibt nahezu nichts, was es nicht auch in einer Dino-Variante gibt. Während die Evolutionsverlierer bei Erwachsenen nach einem kurzen Hype deutlich an Popularität verloren, verliebte der Nachwuchs sich in Millionen Jahre alte Knochen. Dass Paläontologen den Dino-Hype in der Populärkultur durchaus kritisch sehen, überrascht nicht. Allerdings bleibt ihnen oft kaum eine Wahl. Das Geld für Forschung ist eben oft nicht an den Unis sondern bei privaten Initiativen und wirkungsmächtigen Ausstellungen, die mit T. Rex-Skeletten sicher mehr zahlende Besucher locken als mit Infos über medulläres Gewebe, auch wenn letzteres ein sensationeller Fund war. Zum einen, weil es eine Möglichkeit der Geschlechtsbestimmung anhand von Knochen ist, zum anderen weil es eine sehr deutliche Verbindung zu heutigen Vögeln ist. Tatsächlich haben die verblüffend viel mit den ausgestorbenen Urzeit-Riesen (und -Zwergen) gemeinsam.

Über all diese Aspekte schreibt Kegel in einem sehr eingängigen und unterhaltsamen Stil, bleibt dabei aber immer präzise im Ausdruck. Ausgestorben um zu bleiben ist ein sehr lesenswerter Einblick in ein Forschungsgebiet, das in jedem Jahr mit neuen Funden aufwarten kann, die Bekanntes in Frage stellen und neue Fragen aufwerfen, wo vorher nur alte Knochen waren. Für Ex-Dino-Kinder sowieso ein Muss, für alle anderen auch sehr interessant. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Dino-Buch nicht das Letzte seiner Art sein wird.


*die hinreichend korrekte Antwort lautet a)

Bernhard Kegel: Ausgestorben um zu bleiben. Dinosaurier und ihre Nachfahren. DuMont 2018. 269 Seiten, € 22,-.

Das Zitat stammt von S. 11.

John Marzluff und Tony Angell: Gifts of the Crow

Manchmal, wenn man so nebeneinander sitzt und schweigt, sagt jemand ‚erzähl doch mal was‘. Ich erzähle dann oft folgende Geschichte: Eine Krähenpopulation in England weiß, dass in Kälberausscheidungen ein Enzym ist, das sie gut gebrauchen können. Kälbermägen können dieses Enzym nicht aufspalten und scheiden es einfach aus. Die Krähen haben gelernt, dass Kälber fast immer kacken müssen, wenn sie aufstehen. Das wusste ich zum Beispiel nicht. Deshalb fliegen die Krähen auf die Weide und nerven die Kälber bis sie aufstehen. Krähen sind sehr kluge Vögel.

Ich weiß überhaupt nicht, warum ich immer diese Sache erzähle, ich habe nun wirklich Spannenderes erlebt. Diese Krähengeschichte möchte ich aber gerne mit vielen Leuten teilen, weil sie so klug sind. Wenn meine Gesprächspartner nicht hinreichend beeindruckt sind, erzähle ich auch noch folgende Geschichte: An der Universität von Washington gibt es einen Mann namens Marzluff, der ist Krähenforscher. Der hat sich eine Maske aufgesetzt und hat die Krähen auf dem Campus geärgert. Die Kinder der Krähen hat er dann nicht mehr geärgert. Trotzdem hat auch die nächste Krähengeneration die Maske gehasst, weil die Eltern ihnen das beigebracht haben. Auch neu auf dem Campus zugezogene Krähen haben sehr schnell gelernt, die Maske zu hassen, obwohl sie nichts mehr gemacht hat. Krähen lernen über soziale Netzwerke, was für Tiere sehr selten ist. Wenn mein Gesprächspartner dann immer noch nicht beeindruckt ist, leere ich mein Glas und gehe. Manche Leute!

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