Margaret Atwood: Lady Oracle

Joans Mutter wünscht sich eine hübsche, grazile Tochter, die zum Ballett geht, bei den Pfadfinderinnen beliebt ist und reizende Kleider tragen kann. Joan ist dick, hat keine Freundinnen und ihr Part bei der Ballettaufführung wird in letzter Minute gestrichen. Ihr Körper ist der Hauptschauplatz der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die es nicht schafft, wirkungsvoll einzugreifen, weder mit Bestechungen noch mit untergeschummelten Abführmitteln. Ihr Gewicht ist Joans Weg der Mutter zu zeigen, dass sie sie hasst und die wirkliche Machtposition innehat indem sie sich schlicht weigert, das repräsentable Töchterchen zu sein.

atwood_ladyoracleIhre einzige Freundin und Verbündete ist ihre Tante Louise, mit der sie eine Vorliebe für Liebesschnulzen und Essen teilt. Als Louise stirbt, hinterlässt sie Joan einen Großteil ihres Vermögens und eine zweite Identität – Joan unterschlägt die Geburtsurkunde und hat bald einen Pass, ein Konto und einen Autorenvertrag unter dem Namen Louise K. Delacourt. Zufällig hat Joan nämlich entdeckt, dass sie ein schriftstellerisches Talent für Kostümromanzen hat und davon ganz gut leben kann. Eher zufällig produziert sie dabei auch einen Gedichtband mit dem Namen Lady Oracle, das einzige Buch, das jemals unter ihrem richtigen Namen erscheint.

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Richard Yates: Revolutionary Road

revolutionaryroad„What the hell kind of a life was this? What in God’s name was the point or the meaning or the purpose of a life like this?“

Die Revolutionary Road ist eine Straße, die nicht hält, was der Name im ersten Moment zu versprechen scheint. Das Leben in dem New Yorker Vorort durch den diese Straße läuft, ist so gar nicht revolutionär. Das mag an der Zeit, den 50ern, liegen oder an den Menschen die dort wohnen, vor allem solide situierte Kleinfamilien, die mit Revolutionen wenig am Hut haben.

In diesem Vorort wohnen seit einigen Jahren auch April und Frank Wheeler mit ihren beiden Kindern. Davor führten sie ein freigeistiges und ungebundendes Leben, oder zumindest glaubten sie das, in New York. Doch als April schwanger wurde, gaben die beiden diesen Lebensstil auf und zogen in einen Vorort. Frank beendete sein Leben als Bonvivant und nahm einen Job an in der Firma, in der auch sein Vater schon sein Geld verdient hatte. Langweilig und eintönig aber sicher, von irgendwas müssen die Rechnungen ja bezahlt werden. April, die einmal davon geträumt hatte, Schauspielerin zu werden, ist nun Hausfrau und Mutter.

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Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

ortandemdiereiseendet„Der einzige… Krieg, den du kämpfst… ist der für das, was dir gehört. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen.“

Eine der zentralen Figuren des Romans, Odidi, wird in den Straßen Nairobis erschossen, so beginnt der Roman. Seine Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück um den Leichnam zusammen mit ihrem Vater Nyipir in ihre Heimat im Norden Kenias zu überführen. Ihre Mutter Akai kann den Schmerz nicht ertragen und verschwindet in der Wüste noch bevor das Grab für Odidi ausgehoben werden kann.

In diesem emotionalen Chaos taucht auch noch Isaiah Bolton auf, der mit Odidi im Haus der Familie verabredet war. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters Hugh, dem das Haus gehört haben soll. Ajany kennt den Namen nur zu gut – er steht auf der ersten Seite aller Bücher in der Bibliothek und ihre Fragen nach ihm, dem unbekannten Besitzer der Bücher, wurden nie beantwortet. Auch jetzt will Nyipir den britischen Störenfried am liebsten sofort vom Hof jagen, doch Ajany begrüßt ihn als Gast ihres Bruders.

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Jonathan Franzen: The Corrections

thecorrections„Your parents are not supposed to be your best friends. There’s supposed to be some element of rebellion. That’s how you define yourself as a person.“

Ich habe sehr lange überlegt, was ich über The Corrections noch sagen soll. Denn ich habe das Gefühl, dass in den 15 Jahren seit Erscheinen alles schon gesagt wurde und zwar mehrfach.

Aber nochmal ganz knapp für alle, die das Buch noch nicht kennen: Enid Lambert wünscht sich, dass noch ein letztes mal alle ihre Kinder und Enkelkinder nach St. Jude im Mittleren Westen der USA kommen, wo sie mit ihrem an Parkinson erkrankten Mann Alfred lebt. Die Kinder Chip, Denise und Gary leben mittlerweile an der Ostküste, Gary ist verheiratet und hat drei Söhne, die beiden anderen Kinder sind derzeit partner- und kinderlos. Nach diesem letzten Weihnachtsfest, so hat Enid es Gary versprochen, verkaufen sie das verwahrlosende Haus und suchen eine Wohnung, die besser für Alfred geeignet ist. Garys Frau Caroline ist aber unter gar keinen Umständen bereit, mitsamt Kindern nach St. Jude zu reisen, weil sie die ganze Familie Lambert für eine Zumutung hält.

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Carlos Fuentes: Happy Families

„Loving means not talking about love“ happyfamilies

Die an Tarotkarten erinnernden Bilder auf dem Cover scheinen schon daraufhin zu deuten – Familie ist Schicksal. Sie ist die Vorsehung, der man nicht entkommen kann, ob man nun will oder nicht. Und sie ist die kleinste Scherbe des Spiegels der Gesellschaft, ein Mikrokosmos, in dem man jedes Detail des Gesamtbilds wiederfinden kann.

Fuentes erzählt in seinen Kurzgeschichten von sechzehn Familien, die vor allem ihr Unglück gemeinsam haben. An irgendeinem Punkt scheitern in diesem Buch alle Familien. Söhne, die sich gegen ihre Väter auflehnen, Töchter, die durch ihre despotischen Väter in lebenslanges Unglück gestürzt werden, ein Mann, der sich in die falsche Frau verliebt.

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Douglas Coupland: All Families are Psychotic

psychotic„You should see my family. Every single one of us is psychotic.“

Alle Familien sind psychotisch – diese These stellt Douglas Coupland in seinem Roman am Beispiel der kanadischen Familie Drummond auf. Die Drummonds bestehen aus Mutter Janet, Ex-Ehemann Ted, der sich inzwischen mit Trophy Wife Nickie tröstet, und den drei erwachsenen Kindern Wade, Bryan und Sarah.

Sohn Wade ist früh von zu Hause ausgezogen und hat seitdem eine kleinkriminelle Karriere hingelegt, Bryan glänzt vor allem durch Durchschnittlichkeit und seinen unterirdischen Frauengeschmack. Als Mutter seines ersten Kindes hat er die esoterische Shw erwählt – ihren vokalfreien Namen durfte sie als Vierzehnjährige selbst wählen. Einzig Sarah scheint es zu etwas gebracht zu haben. Weil Janet während der Schwangerschaft Contergan genommen hat, fehlt ihr eine Hand, dennoch hat sie es als Humangenetikerin ins Team der nächsten NASA-Raummission geschafft. Um den Start der Raumfähre mitzuerleben, reisen nun alle Drummonds nach Florida und erwartbar nimmt das Chaos seinen Lauf.

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Jami Attenberg: The Middlesteins

themiddlesteins„food was a wonderful place to hide“

Nach dreißig Jahren Ehe verlässt Richard Middlestein seine Frau Edie. Er kann nicht mehr mitansehen, wie sie sich langsam umbringt, wie sie immer mehr und mehr isst, immer dicker wird und eine Operation nach der anderen über sich ergehen lässt und trotzdem nichts an ihrem Lebensstil ändert. Von klein auf hat sie gelernt, dass Essen Halt gibt, Liebe und Trost bedeutet und daran hat sich nie etwas geändert. Es ist ihr Schutzschild in einem Leben, das sie selbst, nach einem vielversprechenden Start, vor allem als mittelmäßig bis vergeudet wahrnimmt. Ihre Ehe läuft schon seit Jahren nicht mehr rund, was ihren Mann aber weitaus mehr zu stören scheint. Klammheimlich mietet er sich eine eigene Wohnung, richtet sie ein und freut sich auf ein Leben, in dem er glaubt, noch einmal auf Liebe hoffen zu dürfen.

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Neel Mukherjee: In anderen Herzen

inanderenherzenFreundlich zu denen sein, die einem nah und lieb sind – ist das nicht etwas Größeres, als für die unbekannte Masse Gutes tun?

In anderen Herzen, ein Roman über die bengalische Familie Ghosh, 2014 auf der Shortlist für den Man Booker Prize, wird häufig als „die indischen Buddenbrooks“ bezeichnet. Das ist es natürlich nicht und es ist auch nicht besonders sinnvoll, eine Lübecker Familie im 19. Jahrhundert mit einer indischen Familie in den 1960ern zu vergleichen, allein daran muss es schon scheitern. Es sind beides Familiengeschichten, in beiden geht es um ein Familienimperium, das der Stolz der ganzen Sippschaft ist und nun unaufhaltsam zugrunde geht. Und beide Familien, die Buddenbrooks wie die Ghoshs, sind Geiseln der Gesellschaft, in der sie leben, in der kein noch so kleiner Grenzübertritt verziehen wird und in der die Meinung der Nachbarn wichtiger ist als das eigene Glück.

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Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten

wpid-20150920_105243-1.jpg„Am Ende ist jede Zelle unterwandert“

Rose Zimmer, geborene Angrush, ist stolze Herrscherin über die Sunnyside Gardens, ein kleines Viertel in New York, ein linkes Vorzeigeprojekt mit gemeinsam genutzten Gärten hinter den Häusern und gut organisierter Kinderbetreuung. Zumindest ist es das, als Rose und ihr Mann Albert ihre Wohnung 1939 beziehen. Nur wenige Jahre später wird der deutschstämmige Albert als Spion in die DDR beordert und Rose bleibt mit Tochter Miriam zurück. Mit zahlreichen Liebschaften tröstet sie sich über den Verlust hinweg und erzieht Miriam im Geiste ihrer kommunistischen Überzeugung. Politisch aktiv wird auch Miriam als Erwachsene, wendet sich allerdings eher der Hippie-  und New-Age-Bewegung zu.

Und so folgt man der Geschichte der Familie Angrush/Zimmer/Gogan über drei Generationen, von der engagierten, rekrutierenden, diskutierenden, starrköpfigen Rose über die protestierende, in Kommunen lebende, provozierende Miriam bis zu deren Sohn Sergius, der ein wenig verloren ist in dieser Welt, an der er gerne einiges ändern würde, wenn er denn wüsste, wie. Am Ende umfasst diese Familiensaga achtzig Jahre in denen viel passiert, in der Familie und außerhalb.

Man folgt dabei nicht nur den Biographien und Kämpfen der Familienmitglieder sondern auch der Entwicklung der linken Bewegungen Amerikas. Rose kämpft nicht nur für die Arbeiterbewegung, sondern auch für die Rechte von Schwarzen und Homosexuellen, eine Offenheit, die ihr eine Affäre und den Rausschmiss aus der kommunistischen Partei einbringt – „fick keine schwarzen Cops mehr“ ist der drastische Einstieg in den Roman. Tochter Miriam, ausgestattet mit allem Wissen über Geschichte und politische Theorie, das Rose ihr mitgeben konnte, findet ihre Bestimmung in den Studentenprotesten und der Frauenrechtsbewegung der 1970er. Sergius, Sohn aus der Ehe mit Protestsänger Tommy Gogan, strandet hingegen ein wenig zwischen Occupy, Tea Party und 99%.

Es erleichtert das Lesen ungemein, wenn man von all diesen Thematiken zumindest eine grobe Idee hat. Es hilft auch, wenn man sich ein Personendiagramm malt, diesen hilfreichen Hinweis hat mir eine Kollegin gegeben, die das Buch vor mir gelesen hat. Es kommen viele Personen vor, manche nur für kurze Zeit, manche 50 Seiten lang nicht. Das liegt auch an der Konstruktion des Romans – die Handlung springt zwischen allen Zeitebenen und allen Orten, von den 40ern in die 70er in die 00er-Jahre und wieder zurück, von der DDR nach New England, nach Manhattan. Es gibt Rückblenden und Vorausdeutungen, Briefe, Erzählungen und Protokolle und in alldem kann man leicht verloren gehen.

Aber es lohnt sich, einen Weg durch das Dickicht zu finden. Der Roman ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, wird trotz aller politischen Theorie nicht trocken und hat vor allem fantastische Charaktere, die keine Schablonen sind und glaubhafte Konflikte mit sich selbst, der übrigen Menschheit und nicht zuletzt ihren Idealen austragen. Trotz aller Komplexität der Thematik und Handlung ist der Roman extrem gut lesbar und zieht einen mühelos von Seite zu Seite und das auch noch mit ziemlich viel Humor.


Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Fischer 2015. 476 Seiten, € 11,99. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Deutsche Erstausgabe Tropen 2014. Originalausgabe: Dissident Garden. Doubleday 2013.

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag

guenassiapragJosef Kaplan wird 1910 in Prag als Mitglied einer jüdischen Familie geboren. Seine geliebte Mutter stirbt früh an einer Lungenentzündung, das Leben mit dem hilflosen Vater Eduard, einem Arzt, der aber auch den Tod seiner Frau nicht verhindern konnte, gestaltet sich recht kühl und schwierig. Wie es von ihm erwartet wird, schreibt Josef sich an der medizinischen Fakultät ein. Seine wahre Liebe gilt aber nicht der Wissenschaft sondern dem Sozialismus. Schnell gerät er durch seine Forderungen nach einer besseren, gerechteren Gesellschaft in Konflikt mit seinen Professoren und der Vater fürchtet Ärger in der jüdischen Gemeinde. Unter dem Vorwand, dass dort eine bessere Ausbildung möglich sei, schickt er seinen Sohn nach Paris.

Dort geht sein Leben erst richtig los. Er entdeckt den Tango für sich, besonders Gardel hat es ihm angetan. Josef entpuppt sich als begnadeter Tänzer und die Mädchen in den Tanzlokalen liegen ihm zu Füßen. Dauerhaft interessiert ist er nicht an ihnen und noch dazu kann er sich Gesichter furchtbar schlecht merken, so dass er eine Spur gebrochener Herzen durchs Pariser Nachtleben zieht. Als der Zweite Weltkrieg drohend seine Schatten vorauswirft, erhält er das Angebot, in Algier am Institut Pasteur zu forschen. Er will lieber zurück zu seinem Vater reisen, um den er sich in diesen gefährlichen Zeiten sorgt. Doch Eduard rät ihm zur Reise nach Nordafrika, die Situation in Europa sei letzlich halb so wild und werde sich schnell wieder beruhigen.

Dort lernt er Maurice kennen und seine es-ist-kompliziert-Freundin Christine, eine Schauspielerin, sowie deren Kollegin Nelly, mit der er bald ebenfalls eine Beziehung eingeht. Anfang der 40er wird es für ihn als Juden auch in Algerien gefährlich und sein Vorgesetzter schickt ihn in die tiefste Provinz, wo er gegen die Ausbreitung der Malaria kämpfen soll. Zeit zum Abschied nehmen ist nicht mehr, von jetzt auf gleich muss er die Stadt verlassen.

Als er Jahre später nach Algier zurückkehrt, erfährt er ohne jeden Groll, dass Nelly nicht auf ihn gewartet hat. Er ist nun ohnehin viel mehr an Christine interessiert, mit der nach Kriegsende nach Europa zurückkehren will. Die beiden gehen nach Prag, wo das Glück perfekt scheint, leider aber nur von kurzer Dauer ist.

Nach etlichen turbulenten Jahren wird Josef leitender Arzt in einer abgelegenen Klinik, in der eines Tages ein mysteriöser Patient auftaucht, für den größte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Es ist Ernesto Guevara, der nicht nur Josef als Arzt auf Trab hält sondern auch seine mittlerweile erwachsene Tochter.

Und ab da wird das ganze echt merkwürdig. Bis zum Auftauchen des mysteriösen Fremden ist das eine sehr gute, sich schlüssig entwickelnde Geschichte, wenn auch ohne ganz große Höhepunkte, aber eine gute Geschichte von Freundschaft und Liebe vor dem Panorama eines halben Jahrhunderts. Doch dann kam Che und ich war raus – was macht der da? Braucht diese Geschichte ihn? Kann er nicht wieder gehen und wir machen weiter wo wir waren? Leider geht er nicht, nicht die letzten 160 Seiten. Und diese Che-Geschichte ist nicht mal per se schlecht, wenn auch ein bisschen konstruiert. Aber sie passt halt so gar nicht zum Rest, was leider den Gesamteindruck des Romans massiv stört.


Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag. Insel 2015. 509 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe Insel 2014. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Originalausgabe: La vie revee D’Ernesto G. Albin Michel 2012.