Douglas Coupland: All Families are Psychotic

psychotic„You should see my family. Every single one of us is psychotic.“

Alle Familien sind psychotisch – diese These stellt Douglas Coupland in seinem Roman am Beispiel der kanadischen Familie Drummond auf. Die Drummonds bestehen aus Mutter Janet, Ex-Ehemann Ted, der sich inzwischen mit Trophy Wife Nickie tröstet, und den drei erwachsenen Kindern Wade, Bryan und Sarah.

Sohn Wade ist früh von zu Hause ausgezogen und hat seitdem eine kleinkriminelle Karriere hingelegt, Bryan glänzt vor allem durch Durchschnittlichkeit und seinen unterirdischen Frauengeschmack. Als Mutter seines ersten Kindes hat er die esoterische Shw erwählt – ihren vokalfreien Namen durfte sie als Vierzehnjährige selbst wählen. Einzig Sarah scheint es zu etwas gebracht zu haben. Weil Janet während der Schwangerschaft Contergan genommen hat, fehlt ihr eine Hand, dennoch hat sie es als Humangenetikerin ins Team der nächsten NASA-Raummission geschafft. Um den Start der Raumfähre mitzuerleben, reisen nun alle Drummonds nach Florida und erwartbar nimmt das Chaos seinen Lauf.

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Jami Attenberg: The Middlesteins

themiddlesteins„food was a wonderful place to hide“

Nach dreißig Jahren Ehe verlässt Richard Middlestein seine Frau Edie. Er kann nicht mehr mitansehen, wie sie sich langsam umbringt, wie sie immer mehr und mehr isst, immer dicker wird und eine Operation nach der anderen über sich ergehen lässt und trotzdem nichts an ihrem Lebensstil ändert. Von klein auf hat sie gelernt, dass Essen Halt gibt, Liebe und Trost bedeutet und daran hat sich nie etwas geändert. Es ist ihr Schutzschild in einem Leben, das sie selbst, nach einem vielversprechenden Start, vor allem als mittelmäßig bis vergeudet wahrnimmt. Ihre Ehe läuft schon seit Jahren nicht mehr rund, was ihren Mann aber weitaus mehr zu stören scheint. Klammheimlich mietet er sich eine eigene Wohnung, richtet sie ein und freut sich auf ein Leben, in dem er glaubt, noch einmal auf Liebe hoffen zu dürfen.

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Neel Mukherjee: In anderen Herzen

inanderenherzenFreundlich zu denen sein, die einem nah und lieb sind – ist das nicht etwas Größeres, als für die unbekannte Masse Gutes tun?

In anderen Herzen, ein Roman über die bengalische Familie Ghosh, 2014 auf der Shortlist für den Man Booker Prize, wird häufig als „die indischen Buddenbrooks“ bezeichnet. Das ist es natürlich nicht und es ist auch nicht besonders sinnvoll, eine Lübecker Familie im 19. Jahrhundert mit einer indischen Familie in den 1960ern zu vergleichen, allein daran muss es schon scheitern. Es sind beides Familiengeschichten, in beiden geht es um ein Familienimperium, das der Stolz der ganzen Sippschaft ist und nun unaufhaltsam zugrunde geht. Und beide Familien, die Buddenbrooks wie die Ghoshs, sind Geiseln der Gesellschaft, in der sie leben, in der kein noch so kleiner Grenzübertritt verziehen wird und in der die Meinung der Nachbarn wichtiger ist als das eigene Glück.

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Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten

wpid-20150920_105243-1.jpg„Am Ende ist jede Zelle unterwandert“

Rose Zimmer, geborene Angrush, ist stolze Herrscherin über die Sunnyside Gardens, ein kleines Viertel in New York, ein linkes Vorzeigeprojekt mit gemeinsam genutzten Gärten hinter den Häusern und gut organisierter Kinderbetreuung. Zumindest ist es das, als Rose und ihr Mann Albert ihre Wohnung 1939 beziehen. Nur wenige Jahre später wird der deutschstämmige Albert als Spion in die DDR beordert und Rose bleibt mit Tochter Miriam zurück. Mit zahlreichen Liebschaften tröstet sie sich über den Verlust hinweg und erzieht Miriam im Geiste ihrer kommunistischen Überzeugung. Politisch aktiv wird auch Miriam als Erwachsene, wendet sich allerdings eher der Hippie-  und New-Age-Bewegung zu.

Und so folgt man der Geschichte der Familie Angrush/Zimmer/Gogan über drei Generationen, von der engagierten, rekrutierenden, diskutierenden, starrköpfigen Rose über die protestierende, in Kommunen lebende, provozierende Miriam bis zu deren Sohn Sergius, der ein wenig verloren ist in dieser Welt, an der er gerne einiges ändern würde, wenn er denn wüsste, wie. Am Ende umfasst diese Familiensaga achtzig Jahre in denen viel passiert, in der Familie und außerhalb.

Man folgt dabei nicht nur den Biographien und Kämpfen der Familienmitglieder sondern auch der Entwicklung der linken Bewegungen Amerikas. Rose kämpft nicht nur für die Arbeiterbewegung, sondern auch für die Rechte von Schwarzen und Homosexuellen, eine Offenheit, die ihr eine Affäre und den Rausschmiss aus der kommunistischen Partei einbringt – „fick keine schwarzen Cops mehr“ ist der drastische Einstieg in den Roman. Tochter Miriam, ausgestattet mit allem Wissen über Geschichte und politische Theorie, das Rose ihr mitgeben konnte, findet ihre Bestimmung in den Studentenprotesten und der Frauenrechtsbewegung der 1970er. Sergius, Sohn aus der Ehe mit Protestsänger Tommy Gogan, strandet hingegen ein wenig zwischen Occupy, Tea Party und 99%.

Es erleichtert das Lesen ungemein, wenn man von all diesen Thematiken zumindest eine grobe Idee hat. Es hilft auch, wenn man sich ein Personendiagramm malt, diesen hilfreichen Hinweis hat mir eine Kollegin gegeben, die das Buch vor mir gelesen hat. Es kommen viele Personen vor, manche nur für kurze Zeit, manche 50 Seiten lang nicht. Das liegt auch an der Konstruktion des Romans – die Handlung springt zwischen allen Zeitebenen und allen Orten, von den 40ern in die 70er in die 00er-Jahre und wieder zurück, von der DDR nach New England, nach Manhattan. Es gibt Rückblenden und Vorausdeutungen, Briefe, Erzählungen und Protokolle und in alldem kann man leicht verloren gehen.

Aber es lohnt sich, einen Weg durch das Dickicht zu finden. Der Roman ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite, wird trotz aller politischen Theorie nicht trocken und hat vor allem fantastische Charaktere, die keine Schablonen sind und glaubhafte Konflikte mit sich selbst, der übrigen Menschheit und nicht zuletzt ihren Idealen austragen. Trotz aller Komplexität der Thematik und Handlung ist der Roman extrem gut lesbar und zieht einen mühelos von Seite zu Seite und das auch noch mit ziemlich viel Humor.


Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten. Fischer 2015. 476 Seiten, € 11,99. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Deutsche Erstausgabe Tropen 2014. Originalausgabe: Dissident Garden. Doubleday 2013.

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag

guenassiapragJosef Kaplan wird 1910 in Prag als Mitglied einer jüdischen Familie geboren. Seine geliebte Mutter stirbt früh an einer Lungenentzündung, das Leben mit dem hilflosen Vater Eduard, einem Arzt, der aber auch den Tod seiner Frau nicht verhindern konnte, gestaltet sich recht kühl und schwierig. Wie es von ihm erwartet wird, schreibt Josef sich an der medizinischen Fakultät ein. Seine wahre Liebe gilt aber nicht der Wissenschaft sondern dem Sozialismus. Schnell gerät er durch seine Forderungen nach einer besseren, gerechteren Gesellschaft in Konflikt mit seinen Professoren und der Vater fürchtet Ärger in der jüdischen Gemeinde. Unter dem Vorwand, dass dort eine bessere Ausbildung möglich sei, schickt er seinen Sohn nach Paris.

Dort geht sein Leben erst richtig los. Er entdeckt den Tango für sich, besonders Gardel hat es ihm angetan. Josef entpuppt sich als begnadeter Tänzer und die Mädchen in den Tanzlokalen liegen ihm zu Füßen. Dauerhaft interessiert ist er nicht an ihnen und noch dazu kann er sich Gesichter furchtbar schlecht merken, so dass er eine Spur gebrochener Herzen durchs Pariser Nachtleben zieht. Als der Zweite Weltkrieg drohend seine Schatten vorauswirft, erhält er das Angebot, in Algier am Institut Pasteur zu forschen. Er will lieber zurück zu seinem Vater reisen, um den er sich in diesen gefährlichen Zeiten sorgt. Doch Eduard rät ihm zur Reise nach Nordafrika, die Situation in Europa sei letzlich halb so wild und werde sich schnell wieder beruhigen.

Dort lernt er Maurice kennen und seine es-ist-kompliziert-Freundin Christine, eine Schauspielerin, sowie deren Kollegin Nelly, mit der er bald ebenfalls eine Beziehung eingeht. Anfang der 40er wird es für ihn als Juden auch in Algerien gefährlich und sein Vorgesetzter schickt ihn in die tiefste Provinz, wo er gegen die Ausbreitung der Malaria kämpfen soll. Zeit zum Abschied nehmen ist nicht mehr, von jetzt auf gleich muss er die Stadt verlassen.

Als er Jahre später nach Algier zurückkehrt, erfährt er ohne jeden Groll, dass Nelly nicht auf ihn gewartet hat. Er ist nun ohnehin viel mehr an Christine interessiert, mit der nach Kriegsende nach Europa zurückkehren will. Die beiden gehen nach Prag, wo das Glück perfekt scheint, leider aber nur von kurzer Dauer ist.

Nach etlichen turbulenten Jahren wird Josef leitender Arzt in einer abgelegenen Klinik, in der eines Tages ein mysteriöser Patient auftaucht, für den größte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Es ist Ernesto Guevara, der nicht nur Josef als Arzt auf Trab hält sondern auch seine mittlerweile erwachsene Tochter.

Und ab da wird das ganze echt merkwürdig. Bis zum Auftauchen des mysteriösen Fremden ist das eine sehr gute, sich schlüssig entwickelnde Geschichte, wenn auch ohne ganz große Höhepunkte, aber eine gute Geschichte von Freundschaft und Liebe vor dem Panorama eines halben Jahrhunderts. Doch dann kam Che und ich war raus – was macht der da? Braucht diese Geschichte ihn? Kann er nicht wieder gehen und wir machen weiter wo wir waren? Leider geht er nicht, nicht die letzten 160 Seiten. Und diese Che-Geschichte ist nicht mal per se schlecht, wenn auch ein bisschen konstruiert. Aber sie passt halt so gar nicht zum Rest, was leider den Gesamteindruck des Romans massiv stört.


Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag. Insel 2015. 509 Seiten, € 9,99. Deutsche Erstausgabe Insel 2014. Übersetzt von Eva Moldenhauer. Originalausgabe: La vie revee D’Ernesto G. Albin Michel 2012.

Anne Tyler: A Spool of Blue Thread

spoolklein„Maybe it was just a further proof that the Whitshanks were not remarkable in any way whatsoever.“

A Spool of Blue Thread war der Shortlist-Liebling des Jahres. Wo immer es einen Literaturpreis zu gewinnen gab, war Anne Tyler schon da. Dementsprechend hoch waren natürlich meine Erwartungen an den Roman.

Anne Tyler erzählt die Geschichte der Familie Whitshank, der Eltern Red und Abby und ihrer erwachsenen Kinder Stem, Denny, Amanda und Jeannie. Sie wirken wie die perfekte Familie, haben ihre Geschichten, die sie sich immer wieder erzählen, kümmern sich um einander und fahren noch immer jedes Jahr für eine Woche an „ihren“ Strand. Nur Problemkind Denny fällt immer wieder aus der Reihe. Über Monate ist er nicht erreichbar, taucht dann plötzlich wieder auf, verschwindet aber, sobald ihm unangenehme Fragen gestellt werden. Ist er überhaupt noch verheiratet? Wie geht es seiner Tochter? Hat er gerade einen Job? Niemand traut sich zu fragen, aus Angst vor einer patzigen Reaktion.

Als Abby in den siebzigern ist, bekommt sie das Alter zu spüren. Ihr Kurzzeitgedächtnis lässt sie im Stich und immer wieder fehlen ihr einzelne Episoden ihres Tages. Nach einem Sturm findet man sie im Nachthemd durch die Nachbarschaft irren. So geht es nicht weiter, beschließen die Kinder mit Ausnahme des abwesenden Denny. Stem und seine Frau Nora werden von nun an bei Abby und Red wohnen und ein bisschen aufpassen. Als Denny schließlich davon Wind bekommt, ist er gar nicht einverstanden. Auf einmal ganz aufopferungsvoller Sohn steht er ebenfalls mit Sack und Pack vor der Whitshankschen Tür und besteht darauf, zu helfen.

Mit dieser neuen Konstellation unter einem Dach werden alte Wunden wieder aufgerissen, schwelende Konflikte brechen sich endlich Bahn und einige Geheimnisse, die über Jahre vorsichtig gehütet wurden, kommen ans Tageslicht.

Der Roman erzählt von vier Generationen einer Familie, von Reds Eltern Linnie Mae und Junior bis zum jüngsten Enkel Petey. Davon, wie Junior das Haus mit seinen eigenen Händen gebaut hat, wie er sich in der Nachbarschaft Respekt verschafft hat und wie Abby sich in Red verliebt hat. Außerdem fehlt es nicht an einigen interessanten und für einen Familienroman durchaus ungewöhnlichen Wendepunkten in der Geschichte. Aber letztendlich fehlt doch etwas. Das Besondere, das diese sehr gute Familiengeschichte zu einer außergewöhnlichen macht, die man nie mehr vergisst. Wären nicht die Erwartungen so hochgeschraubt gewesen, wäre ich mit diesem Roman völlig zufrieden gewesen. Wenn man das mal ignoriert und unvoreingenommen an das Buch geht, hat man hier eine absolut solide, charmante, unterhaltsame Familiengeschichte mit schlüssigen Charakteren und ein großes Lesevergnügen.


Anne Tyler: A Spool of Blue Thread. Ballantine 2015. 387 Seiten, ca. €8,-. Originalausgabe Knopf 2015. Deutsche Ausgabe: Der leuchtend blaue Faden. Kein und Aber 2015. 448 Seiten, € 22,90. Übersetzt von Ursula-Marie Mössner.

Joseph Roth: Radetzkymarsch

Wer will, kann sich hier erstmal die passende musikalische Untermalung anmachen:

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„Ich verstehe nicht! Wie sollte die Monarchie nicht mehr dasein?“

Diesen Sommer habe ich es endlich geschafft den lange geschmiedeten Reiseplan umzusetzen, wenigstens drei Städte des ehemaligen Österreich-Ungarns in einer Tour zu besuchen und war in Prag, Budapest und Wien. Bei so einer Reise muss natürlich Joseph Roth mit, der ewige k.u.k.-Nostalgiker  und nach langem Abwägen wurde es Radetzkymarsch. Zum Glück, denn es ist ein ganz großartiges Buch!

Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie, die als bäuerliche Sippe aus dem äußersten Osten des Kaiserreiches beginnt und in höchsten militärischen Kreisen endet. Den Grundstein dafür legt Joseph Trotta, der in der Schlacht von Solferino dem Kaiser das Leben rettet und zum Dank in den Adelsstand erhoben wird. Stolz dient er Franz Joseph, bis er zu seinem Entsetzen entdecken muss, dass er, der Held von Solferino, in einem Schullesebuch als Angehöriger der Kavallerie dargestellt wird. Als nicht einmal der Kaiser persönlich gegen diese historische Ungenauigkeit vorgehen will, verlässt er enttäuscht die Armee und verbietet seinem Sohn Franz, etwas anderes als die Verwaltungslaufbahn einzuschlagen. Erst der Enkel Carl Joseph geht wieder zum Militär, erst zu den Ulanen, später, nach einem unschönen Zwischenfall, lässt er sich an die östliche Grenze versetzen, zu den Ursprüngen seiner Urväter, träumt von einem bäuerlichen Leben hinter dem Pflug.

Das Schicksal der Familie Trotta hängt von Anfang an am Kaiser. Durch die Güte des Monarchen wurde aus den armen Bauern eine respektable Familie, die es sich im Bürgertum gemütlich gemacht hat und der es, wenn sie auch nicht zu großem Reichtum gelangt, doch an nichts mangelt. Nur an Zuneigungsbezeugungen fehlt es in dieser Familie, in der Ehre, Anstand und Ehrgeiz zu den obersten Maximen gehören. Als der Stern des Kaisers zu sinken beginnt, die gegnerischen Kräfte im Reich und die Feinde im Ausland stärker und drohender werden, verlässt auch die Familie Trotta das Glück. Carl Jospeh fühlt sich im Militär zunehmend unwohl und gerät durch seine Unsicherheit immer wieder in unglückliche Situationen, sei es in der Liebe oder im Casino, aus denen am Ende sogar der Kaiser selbst ihn retten muss.

franzjosephAn einem frühen Punkt des Romans schon wird klar: die Familie Trotta kann das Kaiserreich nicht überleben. Durch diese Abhängigkeit der Familie vom Monarchen und dem häufigen Hinweis darauf, wie sehr Bezirkshauptmann Joseph Trotta seiner Majestät ähnelt, erinnert der Roman an Heinrich Manns Untertan, wenn auch die Liebe und Aufopferung für den Herrscher weitaus weniger lächerlich dargestellt wird. Vielmehr ist es eine Selbstverständlichkeit. Denn wie sollte eine Welt existieren, in der es kein Österreich-Ungarn gibt? Was sollte denn die Alternative sein? Dieser Gedanke ist, speziell für den alten Trotta (und Joseph Roth), schlicht unfassbar. Eisern erfüllt er seine Pflicht als Untertan des Kaisers, folgt seiner Routine, bekämpft die Sokoln in seinem Bezirk und verstößt niemals gegen eine seiner selbst auferlegten Regeln. Natürlich weiß man als Leser, dass am Ende all dessen nur der Erste Weltkrieg kommen kann.

Radetzkymarsch ist ein erfreulich unsperriger Klassiker. Joseph Roth schreibt präzise und packend, ist witzig, traurig, dramatisch und melancholisch, weil man schon weiß, dass alles auf den Untergang zusteuert. Die Figuren sind scharf gezeichnet, halten den Leser aber auf Distanz. Dennoch gibt es einige Szenen, die einem angesichts der Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit aller Beteiligten das Herz zerreißen. Uneingeschränkte Leseempfehlung!


Joseph Roth: Radetzkymarsch. Gelesen in der Ausgabe Fischer 2015. 385 Seiten, € 9.-. Erstausgabe Kiepenheuer 1932.

Sounddatei: Der Radetzky-Marsch wird gespielt von der United States Marine Band, dirigiert von Col. John R. Bourgeois. http://www.marineband.marines.mil/AudioResources/EducationalSeries/SoundOff.aspx

Jhumpa Lahiri: Das Tiefland

tiefland

„Sie hatte Subhash geheiratet, um so mit Udayan verbunden zu bleiben. Aber sie wusste von Anfang an, dass es nichts nützte, dass es genauso wenig nützte, wie einen einzelnen Ohrring aufzuheben, wenn der andere verloren gegangen war.“

Subhash und Udayan trennen nur fünfzehn Monate. Die beiden Brüder wachsen in Kalkutta auf, in einer Wohngegend am Rande einer Senke, dem namengebenden Tiefland, das zur Regenzeit unter Wasser steht. Udayan ist immer etwas mutiger und etwas hitzköpfiger als sein Bruder. Schon als Jugendlicher begeistert er sich für Politik und schließt sich Ende der 60er den Naxaliten an. Subhash hingegen distanziert sich von den gewalttätigen Aktionen der Bewegung und nutzt die Möglichkeit, in den USA Biologie zu studieren. Nachdem sie in ihrer Jugend fast keinen Tag getrennt waren, besteht der Kontakt der beiden Brüder jetzt nur noch aus Briefen. Es geht ihm gut, schreibt Udayan, er habe sich verliebt und wolle heiraten, allerdings seien die Eltern mit der Beziehung nicht einverstanden. Selbstverständlich setzt er sich darüber hinweg und heiratet seine große Liebe Gauri. Von politischen Aktivitäten steht nichts in seinen Briefen und Subhash nimmt an, dass sich die jugendliche Begeisterung seines Bruders gelegt hat.

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Liliana Corobca: Der erste Horizont meines Lebens

wpid-20151003_122729-1.jpg„Als wäre euer Weinen das wichtigste auf der Welt.“

Die zwölfjährige Christina lebt mit ihren Brüdern Dan und Marcel in einem kleinen Dorf in Moldawien. Sie geht zur Schule, die Brüder noch in den Kindergarten. Der Hof der Familie ist nicht mehr groß, nur noch ein Schwein und ein paar Hühner gilt es zu versorgen. Doch das alles muss Christina alleine machen, sie muss sich auch um die Wäsche und die Mahlzeiten der Brüder kümmern, denn beide Eltern arbeiten im Ausland, wo es das „lange Geld“ gibt. Die Mutter lebt in Italien wo sie auf Kinder aufpasst, deren abgelegte Kleider sie manchmal den eigenen Kindern mitbringt. Der Vater arbeitet in Russland, wo er wertvolle Steine abbaut, von denen seine Zähne ausfallen.

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Meg Wolitzer: Die Stellung

wolitzerstellungDie Mellows sind eine Bilderbuchfamilie, inklusive Eigentumshaus, Volvo-Kombi und eigenem Familienlied, „oh, wir sind die Mellows, ein paar Girls und ein paar Fellows“. Die Eltern Roz und Paul lieben sich noch immer, finden sich noch immer attraktiv. So attraktiv, dass sie in den prüden 70er-Jahren einen Sex-Ratgeber veröffentlichen, Pleasuring. Die Reise eines Paares zur Erfüllung, für den sie sogar eine eigene Stellung erfunden haben, die „elektrisierende Versöhnung“. Und als wäre das alles nicht schon peinlich genug, ist das Buch voll mit Illustrationen des Paares in allen erdenklichen Stellungen.

Für Sohn Michael, der das Buch eines Tages vom Regal holt, wo es unauffällig neben einem Hunde-Bildband steht, ist das der Gipfel der Peinlichkeit. Eine Peinlichkeit, die er mit seinen Geschwistern Holly, Dashiell und Claudia teilen muss. Zu allem Überfluss schlägt das Buch ein wie ein Blitz, das Ehepaar Mellow tingelt von Talkshow zu Vortrag zu Signierstunde und scheinbar hat jeder, wirklich jeder in der ganzen Nation Paul und Roz beim Sex gesehen.

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