Anne Tyler: Ladder of Years

Delia hat die Schnauze voll von ihrer Familie. Ihr Mann und ihre drei fast erwachsenen Kinder bringen ihr keine Wertschätzung entgegen und ihre gerade aufkeimende Affäre mit Adrian findet ein jähes Ende, nachdem er sich dann doch mit seiner Frau versöhnt. Während des gemeinsamen Sommerurlaubs, der jedes Jahr am gleichen Ort stattfindet, steht sie auf und geht, bekleidet nur mit Badeanzug und -mantel. Eine glückliche Fügung bringt es, dass auch die 500$-Dollar Urlaubskasse in ihrer Badetasche ist, was ihr zumindest eine kleine Starthilfe ist im nahen Städtchen Bay Borough, wohin sie ein Lastwagenfahrer mitnimmt.

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Sie findet Unterkunft bei einer Frau, die Zimmer vermietet und Arbeit bei einem Rechtsanwalt, der Mindestlohn zahlt. Nach ein paar Tagen erscheint eine Vermisstenanzeige der Polizei, in der nach ihr gesucht wird. Die vermissenden Familienmitglieder sind sich weder mit ihrer Haar- noch mit ihrer Augenfarbe sicher, was Delia in ihrem Entschluss bestärkt – sie bleibt in Bay Borough. Ihre Schwester taucht auf und fragt, ob ihr Mann sie schlage. Die Polizei taucht auf und fragt, ob der Aufenthalt in Bay Borough ihrem freien Willen entspreche. Delia wartet, dass auch ihr Mann Sam auftaucht, sie in die Arme und mit nach Hause nimmt. Es kommt nur ein Brief mit vorwurfsvollem Unterton. Also bleibt sie wo sie ist.

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Ann Patchett: The Magician’s Assistant

 Sabine ist die Assistentin und Ehefrau des berühmten Magiers Parsifal. Und sie liebt ihn von ganzem Herzen. Obwohl Parsifal nur Männer liebt, bleibt sie ihm über lange Jahre treu ergeben, lebt mit ihm und seinem Lebensgefährten Phan in einer luxuriösen Villa in Los Angeles. Als Phan stirbt und Parsifal kurz darauf schwer erkrankt, heiratet er Sabine endlich, vor allem, um ihr die Erbschaftssteuer zu ersparen. Nach seinem dann doch unerwartet schnellen Tod hat Parsifals Anwalt eine überraschende Neuigkeit für Sabine. Im Testament des Magiers wird nicht nur sie selbst großzügig bedacht, sondern auch eine Familie Fetters aus Alliance, Nebraska – Parsifals Familie. Die ist nämlich nicht, wie Parsifal immer erzählte, bei einem tragischen Unfall komplett ausgelöscht worden. Seine Mutter Dot und die beiden Schwestern Bertie und Kitty erfreuen sich bester Gesundheit und kündigen nun ihren Besuch in LA an.

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Der Start ist holprig. Sabine hält wenig von den Hinterwäldlern aus dem Fly-over State mitten im nirgendwo, die darauf bestehen, dass Parsifal Guy Fetters heißt. Als Dot dann noch erzählt, dass der Sohn gebrochenen Herzens den Kontakt abgebrochen habe, weil sie seine Homosexualität nicht akzeptieren konnte, scheint es endgültig vorbei zu sein mit den gerade geknüpften Familienbanden. Doch über ein paar Drinks in der Hotelbar kommt man sich dann doch näher und auf einmal scheint ein Besuch Sabines in Nebraska kein abwegiger Gedanke mehr zu sein.

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Barbara Kingsolver: The Poisonwood Bible

In den späten 1950ern verpflichtet sich der Baptisten-Prediger Nathan Price als Missionar nach Belgisch Kongo zu gehen. Die Missionsleitung rät ab, zu unsicher ist die politische Situation im Kolonialstaat. Doch unbeirrt packt Reverend Price seine Frau Orleanna und die Töchter Rachel, Leah, Adah und Ruth May in ein Flugzeug gen Afrika. Ziel der Reise ist Kilanga, ein kleines Dorf mitten im Dschungel. Und dort ist alles ganz anders als erwartet.

kingsolver_poisonwoodbibleDie einheimische Bevölkerung ist nämlich gar nicht so begeistert von der versprochenen Erlösung und die absurde Idee, sich im Fluss taufen zu lassen, stößt auf blankes Entsetzen. Der mühsam angepflanzte Garten, der ein Schaustück für Gottes Schöpfung werden sollte, geht jämmerlich ein. Und am Ende stellt sich heraus, dass die wenigen Gemeindemitglieder, die jeden Sonntag kommen, nicht etwa bekehrt sind, sondern schlicht keine andere Wahl mehr sehen. Es sind die Aussätzigen, die Mörder und alle anderen Verdammten, von denen die richtigen Götter und auch das Dorf nichts mehr wissen wollen. Doch all das kann Nathan Price nicht aufhalten, der nun einmal den Ruf des Herrn vernommen hat. Seine Familie verzweifelt derweil an den Umständen und wünscht sich nichts sehnlicher als den Heimflug.

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Thomas Mann: Buddenbrooks

Ach ja, die Buddenbrooks. Sie waren vor guten zehn Jahren das erste Buch, das ich von Thomas Mann gelesen habe und damit der Grundstein einer großen Liebe. Ich hatte damals gehörigen Respekt vor diesem Großmeister der deuschen Literatur mit seinen legendären Bandwurmsätzen. Ich weiß nicht, warum das so oft das erste ist, was Menschen zu Thomas Mann einfällt, so lang sind seine Sätze nun wirklich nicht, da gibt es weitaus schlimmere (ich meine dich, Augusto Roa Bastos!).

Ich hatte das Buch dabei, als ich in einem Sommer mit drei Freundinnen nach Fehmarn gefahren bin, darunter zwei weitere Mann-Fans. Natürlich mussten wir nach Lübeck ins Thomas Mann-Haus und natürlich mussten wir in Travemünde die Vorderreihe entlang spazieren. In den Fotos dieses Urlaubs habe ich noch ein Bild von einem Haus gefunden, das wir als Residenz des Lotsenkommandeurs Schwarzkopf auserkoren hatten. Ohne jede Grundlage, versteht sich. Mortons „auf den Steinen sitzen“ schaffte es sogar für einige Zeit in unseren aktiven Wortschatz.

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Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus

Eugene ist ein angesehenes Mitglied seiner Kirchengemeinde. Er ist streng gläubig, engagiert und unterstützt als reicher Unternehmer viele Stiftungen und Familien. In seinem nigerianischen Heimatdorf können viele Kinder nur dank seiner großzügigen Hilfe in die Schule gehen. Auch seine Tochter Kambili sieht zu ihm auf und bewundert ihn. Sie platzt vor Stolz, wenn andere positiv von ihrem Vater sprechen.

Obwohl sie weiß, wie er wirklich ist. Obwohl sie die dumpfen Schläge hinter verschlossenen Türen hört und das geschwollene, verfärbte Gesicht ihrer Mutter sieht. Obwohl ihr Vater ihre Füße mit kochendem Wasser übergießt, damit sie sieht, was passiert, wenn sie in Sünde geht. Eugene ist seiner Familie gegenüber ein grausamer Despot, der niemals daran zweifelt, im Recht zu sein.

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Margaret Atwood: Lady Oracle

Joans Mutter wünscht sich eine hübsche, grazile Tochter, die zum Ballett geht, bei den Pfadfinderinnen beliebt ist und reizende Kleider tragen kann. Joan ist dick, hat keine Freundinnen und ihr Part bei der Ballettaufführung wird in letzter Minute gestrichen. Ihr Körper ist der Hauptschauplatz der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die es nicht schafft, wirkungsvoll einzugreifen, weder mit Bestechungen noch mit untergeschummelten Abführmitteln. Ihr Gewicht ist Joans Weg der Mutter zu zeigen, dass sie sie hasst und die wirkliche Machtposition innehat indem sie sich schlicht weigert, das repräsentable Töchterchen zu sein.

atwood_ladyoracleIhre einzige Freundin und Verbündete ist ihre Tante Louise, mit der sie eine Vorliebe für Liebesschnulzen und Essen teilt. Als Louise stirbt, hinterlässt sie Joan einen Großteil ihres Vermögens und eine zweite Identität – Joan unterschlägt die Geburtsurkunde und hat bald einen Pass, ein Konto und einen Autorenvertrag unter dem Namen Louise K. Delacourt. Zufällig hat Joan nämlich entdeckt, dass sie ein schriftstellerisches Talent für Kostümromanzen hat und davon ganz gut leben kann. Eher zufällig produziert sie dabei auch einen Gedichtband mit dem Namen Lady Oracle, das einzige Buch, das jemals unter ihrem richtigen Namen erscheint.

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Richard Yates: Revolutionary Road

revolutionaryroad„What the hell kind of a life was this? What in God’s name was the point or the meaning or the purpose of a life like this?“

Die Revolutionary Road ist eine Straße, die nicht hält, was der Name im ersten Moment zu versprechen scheint. Das Leben in dem New Yorker Vorort durch den diese Straße läuft, ist so gar nicht revolutionär. Das mag an der Zeit, den 50ern, liegen oder an den Menschen die dort wohnen, vor allem solide situierte Kleinfamilien, die mit Revolutionen wenig am Hut haben.

In diesem Vorort wohnen seit einigen Jahren auch April und Frank Wheeler mit ihren beiden Kindern. Davor führten sie ein freigeistiges und ungebundendes Leben, oder zumindest glaubten sie das, in New York. Doch als April schwanger wurde, gaben die beiden diesen Lebensstil auf und zogen in einen Vorort. Frank beendete sein Leben als Bonvivant und nahm einen Job an in der Firma, in der auch sein Vater schon sein Geld verdient hatte. Langweilig und eintönig aber sicher, von irgendwas müssen die Rechnungen ja bezahlt werden. April, die einmal davon geträumt hatte, Schauspielerin zu werden, ist nun Hausfrau und Mutter.

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Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet

ortandemdiereiseendet„Der einzige… Krieg, den du kämpfst… ist der für das, was dir gehört. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen.“

Eine der zentralen Figuren des Romans, Odidi, wird in den Straßen Nairobis erschossen, so beginnt der Roman. Seine Schwester Ajany kehrt aus Brasilien zurück um den Leichnam zusammen mit ihrem Vater Nyipir in ihre Heimat im Norden Kenias zu überführen. Ihre Mutter Akai kann den Schmerz nicht ertragen und verschwindet in der Wüste noch bevor das Grab für Odidi ausgehoben werden kann.

In diesem emotionalen Chaos taucht auch noch Isaiah Bolton auf, der mit Odidi im Haus der Familie verabredet war. Er ist auf der Suche nach Spuren seines Vaters Hugh, dem das Haus gehört haben soll. Ajany kennt den Namen nur zu gut – er steht auf der ersten Seite aller Bücher in der Bibliothek und ihre Fragen nach ihm, dem unbekannten Besitzer der Bücher, wurden nie beantwortet. Auch jetzt will Nyipir den britischen Störenfried am liebsten sofort vom Hof jagen, doch Ajany begrüßt ihn als Gast ihres Bruders.

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Jonathan Franzen: The Corrections

thecorrections„Your parents are not supposed to be your best friends. There’s supposed to be some element of rebellion. That’s how you define yourself as a person.“

Ich habe sehr lange überlegt, was ich über The Corrections noch sagen soll. Denn ich habe das Gefühl, dass in den 15 Jahren seit Erscheinen alles schon gesagt wurde und zwar mehrfach.

Aber nochmal ganz knapp für alle, die das Buch noch nicht kennen: Enid Lambert wünscht sich, dass noch ein letztes mal alle ihre Kinder und Enkelkinder nach St. Jude im Mittleren Westen der USA kommen, wo sie mit ihrem an Parkinson erkrankten Mann Alfred lebt. Die Kinder Chip, Denise und Gary leben mittlerweile an der Ostküste, Gary ist verheiratet und hat drei Söhne, die beiden anderen Kinder sind derzeit partner- und kinderlos. Nach diesem letzten Weihnachtsfest, so hat Enid es Gary versprochen, verkaufen sie das verwahrlosende Haus und suchen eine Wohnung, die besser für Alfred geeignet ist. Garys Frau Caroline ist aber unter gar keinen Umständen bereit, mitsamt Kindern nach St. Jude zu reisen, weil sie die ganze Familie Lambert für eine Zumutung hält.

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Carlos Fuentes: Happy Families

„Loving means not talking about love“ happyfamilies

Die an Tarotkarten erinnernden Bilder auf dem Cover scheinen schon daraufhin zu deuten – Familie ist Schicksal. Sie ist die Vorsehung, der man nicht entkommen kann, ob man nun will oder nicht. Und sie ist die kleinste Scherbe des Spiegels der Gesellschaft, ein Mikrokosmos, in dem man jedes Detail des Gesamtbilds wiederfinden kann.

Fuentes erzählt in seinen Kurzgeschichten von sechzehn Familien, die vor allem ihr Unglück gemeinsam haben. An irgendeinem Punkt scheitern in diesem Buch alle Familien. Söhne, die sich gegen ihre Väter auflehnen, Töchter, die durch ihre despotischen Väter in lebenslanges Unglück gestürzt werden, ein Mann, der sich in die falsche Frau verliebt.

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