Essen aus Büchern: Brioche aus Jean-Paul Sartres „Der Ekel“

Es ist ein deprimierendes Café, in dem Antoine Roquentin, Erzähler von Sartres Der Ekel an einem nebligen Morgen landet. Der Kellner im Café Mably weist ihm missmutig einen Tisch in einer dunklen Ecke zu, die einzigen anderen Gäste sind ein merkwürdiges Paar, zwei Künstler, die ihr Engagement in der Stadt beendet haben. Die Künstlerin ist ausgesprochen nervös, ihr Begleiter so schweigsam, dass es dem Erzähler unangenehm ist, in der Stille auch nur ein Streichholz anzureißen:

„Sie war mit einem großen Blonden zusammen, der eine Brioche aß, ohne einen Ton von sich zu geben.“

Roquentin selbst hätte gerne ein Hörnchen zu seinem Kaffee gegessen, der Kellner stellt ihm aber nur schweigend den Korb mit den Resten der Künstler auf den Tisch. Bald darauf löscht er auch die Lampe im Gastraum, denn zwei Lampen für einen einzigen Gast, das sieht der Chef nicht gerne. Der Chef, Herr Fasquelle, ist um diese Zeit sonst schon im Café und Roquentin vertreibt sich die Zeit damit, sich vorzustellen, wie er tot in seiner Wohnung über dem Café liegt. Ein Herzschlag, mutmaßt er. Ob es so ist, erfährt man aber nicht mehr, der Erzähler verlässt das Café auf der Suche nach Licht.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Pasta Puttanesca aus Ellen Feldmans „Scottsboro“

In ihrem Roman Scottsboro beschreibt Feldman einen realen Fall, der sich in den 1930ern in Alabama zugetragen hat. Zwei Frauen hatten in „unmoralischer Absicht“ die Staatsgrenze nach Teneessee passiert, um dort der Prostitution nachzugehen. Auf der Rückfahrt wurden sie entdeckt und behaupteten zu ihrem eigenen Schutz, sie seien von einer Gruppe Schwarzer Mitreisender vergewaltigt worden. Obwohl eine der beiden Frauen ihr Geständnis bald widerrief, wurden neun Jungen und Männer im Alter von 13 bis 19 zum Tode verurteilt. Das Verfahren zog sich über Jahre und ging als Fall der „Scottsboro Boys“ in die Geschichte ein.

In Scottsboro arbeitet die New Yorker Journalistin Alice an diesem Fall und wird bald zur Vertrauten von Ruby, einer der beiden Frauen, die das Ganze ins Rollen gebracht haben. Schnell glaubt sie, dass Ruby lügt und die Anklage haltlos ist, findet damit im rassistischen Alabama aber kein Gehör. Ihre Kollegen im liberalen New York finden es derweil schwer, zwei Prostituierten Glauben zu schenken. Dabei ist ihre Einstellung vorgeblich eine ganz andere, viel solidarischere:

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Rock Cakes aus Tracy Chevaliers „Remarkable Creatures“

Tracy Chevaliers Roman Remarkable Creatures befasst sich mit bemerkenswerten Geschöpfen in mehrfacher Hinsicht. Zum einen sind da Mary Anning und Elizabeth Philpot, zwei Frauen aus dem englischen Lyme Regis, die so gar nicht in ihre Zeit zu passen scheinen. Zum anderen sind da die Geschöpfe, denen sie ihre gesamte Zeit widmen: Plesiosaurier, Ichthyosaurier, Ammoniten und andere Wesen, deren reine Existenz ganze Weltbilder auf den Kopf stellte. Insbesondere Mary Anning war eine außergewöhnliche Fossilien-Sammlerin und häufte erstaunliches Fachwissen an, das für viele Museen und Wissenschaftler von großer Bedeutung war. Die Paläontologie war für sie mehr als reine Liebhaberei. Mit den seltenen Funden verdiente sie Geld, um ihre Familie zu ernähren. Ihre Freundin und Sammel-Begleiterin Elizabeth Philpot stand da auf etwas sichereren Füßen. Für Londoner Verhältnisse war auch sie nicht wohlhabend, da sie und ihre beiden ebenfalls unverheirateten Schwestern von einer kleinen Rente leben mussten. Die aber reicht immerhin für ein Cottage in Lyme Regis und eine Haushälterin.

Und eben diese Haushälterin taucht dank ihrer Backkünste auch im Roman auf:

„Bessy made to many rock cakes and thought you might like some, Mrs Anning.“

Das ist natürlich eine Notlüge der Schenkerin – Elizabeth Philpot war immer bemüht, die Familie Anning mit Lebensmitteln zu unterstützen, was diese aber immer erstmal ablehnten.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Crumpets aus Daphne DuMauriers „Rebecca“

„Last night I dreamt I went to Manderley again“, so lautet der bekannte erste Satz des Schauerroman-Klassiker Rebecca. Als der Roman beginnt, existiert Manderley schon nicht mehr, ebenso wenig wie die titelgebende Rebecca. Ihr Nachfolgerin, die zweite, die neue Mrs de Winter hat es schwer, in ihre Fußstapfen zu treten. Jung, unerfahren und verschüchtert hat sie vor allem unter der gruseligen Haushälterin Mrs Danvers zu leiden, die keinen Hehl daraus macht, dass sie „die Neue“ für keine würdige Nachfolgerin hält. Wohl oder übel serviert sie aber auch der Erzählerin jeden Tag ihren Tee in der Bibliothek, bei dem Crumpets niemals fehlen dürfen. Auch als das Ehepaar de Winter fern der zerstörten Heimat leben müssen, kann die Erzählerin das tägliche Ritual dieser Mahlzeit nie vergessen:

„Here, on this clean balcony, white and impersonal with centuries of sun, I think of half-past four at Manderley, and the table drawn before the library fire. The door flung open, punctual to the minute, and the performance, never varying, of the laying of the tea, the silver tray, the kettle, the snowy cloth. While Jasper, his spaniel ears a-droop, feigns indifferene to the arrival of the cakes. That feast was laid before us always, and yet we ate so little.
Those dripping crumpets, I can see them now.“

Zu diesem Zeremoniell werden natürlich nicht nur Crumpets serviert, sondern auch Toast, Scones, Sandwiches, Angel Cake und eine Art Fruchtkuchen. Der Erzählerin behagt es nicht, dass tagtäglich so opulent aufgefahren wird und macht sich oft Gedanken, was wohl mit den vielen Resten passiert. Sie traut sich aber natürlich nicht, das gegenüber Mrs Danver zur Sprache zu bringen aus Sorge, von ihr böse angeguckt zu werden.

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Specksuppe aus Thomas Manns „Buddenbrooks“

Bei den Buddenbrooks wird fürstlich getafelt, erst recht, wenn man Gäste hat. Die Familie ist wohlhabend und zeigt es, das Tafeln dient nicht zuletzt der Repräsentation. Das spricht sich herum und so hat die im Alter immer mehr frömmelnde Konsulin ständig Besuch von Pastoren aus dem ganzen Land, die vorgeblich zur geistlichen Unterstützung anreisen, über Tage bleiben und sogar mehr verschlingen als die ewig hungrige Klothilde. Zu Ehren der Gäste lässt die Konsulin unbeirrt auffahren, was Küche und Speisekammer zu bieten haben. Tochter Tony, da noch Mme Grünlich, geht das gehörig auf die Nerven, vor allem da es nun auch noch Usus geworden ist, mit den Predigern auf Durchreise morgendliche Bibelstunden mit Anwesenheitspflicht durchzuführen. Als die Konsulin sich eines Tages mit Migräne von den Pflichten als Gastgeberin entschuldigen muss, sieht Tony ihre Stunde gekommen und weist die Köchin an, Specksuppe zu servieren,

„das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken, Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Rüben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die niemand auf der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran gewöhnt war.“

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Saziwi aus Lewan Berdsenischwili „Heiliges Dunkel“

In Heiliges Dunkel berichtet der georgische Autor Lewan Berdsenischwili aus seiner Zeit im Gulag. Wie er bereitwillig eingesteht, war sein Leben dort verhältnismäßig gut. Inhaftiert war er als Gründer einer verbotenen Partei, zusammen mit vielen anderen Intellektuellen. Die Arbeit war monoton aber verhältnismäßig leicht, das Essen war gerade so ausreichend, aber keine Freude.

Um die Sehnsucht nach der Außenwelt zu befriedigen und die Langeweile zu bekämpfen, sprachen die Inhaftierten viel über das Essen, das sie vermissten und auf das sie sich am meisten freuten, sollten sie jemals freigelassen werden. An einen sokratischen Dialog erinnert der Autor sich noch besonders gut. Er bringt den Mithäftling Wadim Jankow, ausgewiesener Experte der internationalen Küche, dazu zuzugeben, dass es auf der ganzen Welt kein besseres Gericht geben könne als Saziwi. Dabei handelt es sich um ein Gericht der georgischen Küche, in dem ein Truthahn in einer Walnuss-Sauce zubereitet wird. Nachdem die beiden im Dialog schon eine Menge weltbester Kandidaten für den Titel ausgeschlossen haben, bleiben nur noch Curry und Saziwi übrig:

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Pasteles de Carne aus Linda Grants „When I Lived in Modern Times“

In When I Lived in Modern Times erzählt Linda Grant von einem sehr jungen Staat und einem sehr jungen Mädchen, das dort einen Neuanfang wagen will. Die junge Evelyn Sert bekommt als Jüdin die Gelegenheit in das damals noch britische Mandat Palästina auszuwandern. Doch das erhoffte Paradies findet sie nicht in der neuen Heimat. Schließlich lässt sie sich in Tel Aviv nieder und versucht, Teil der vielversprechenden neuen Gesellschaft zu werden.

Dort trifft sie auch auf Frau Linz, die sehr jung „out of caprice“ einen älteren Mann geheiratet hat, der aus Thessaloniki stammte. Die dortige jüdische Gemeinde wurde 1492 von aus Spanien vertriebenen Sepharden gegründet und galt als orthodox und dem Mystizismus zugewandt. Das spanische Erbe beeinflusste die Kultur und Küche dieser Gemeinde sehr nachhaltig. Die Juden Thessalonikis sprachen eine eigene Sprache, Ladino, eine Mischung aus hebräischen und spanischen Wurzeln. Die Sprache ist heute beinahe ausgestorben – 1941 wurden fast alle der 60.000 Gemeindemitglieder nach Auschwitz und Treblinka deportiert. Nur rund 1.500 Menschen überlebten. Einer davon ist im Roman Herr Linz, der laut seiner Frau unerträglich ist. Frau Linz macht wenig Hehl daraus, dass sie wenig Sympathien für die letzten versprengten Reste der Saloniki-Juden und insbesondere für ihren Mann übrig hat:

Weiterlesen

Essen aus Büchern: Waldorf salad aus Margaret Atwoods „The Blind Assassin“

Waldorf Salad, ein Klassiker aus dem gleichnamigen Hotel, war über viele Jahre ein wahnsinnig schickes Essen – kein Wunder bei der Herkunft. Im Waldorf Astoria wird er noch immer serviert, heute mit Trüffel. Sellerie und Apfel sind nämlich nicht sehr schick.

In The Blind Assassin heiratet die Protagonistin Iris einen bedeutend älteren Mann und lernt zuvor ihre zukünftige Schwägerin kennen, stilecht beim Lunch im noblen Arcadian Court. Winifred, die baldige Schwägerin, segelt gerne, möchte Freddie genannt werden und trägt Lippenstift in der Farbe shrimp. Iris ist überfordert und unsicher und dankbar, dass Winifred ihr die Entscheidung abnimmt, was sie essen soll:

„She called me „dear“, and said that the Waldorf salad was marvellous. I said that would be fine.“

Marvellous! Das finde ich wirklich ein großes Wort für Waldorf Salad. Lecker ist er trotzdem, so unspektakulär er sein mag.

Ausgesucht habe ich dieses Essen aus Büchern offensichtlich weil das Zitat so schön ist und nicht, weil Waldorf Salad ein so komplexes Rezept wäre. Hier kommt trotzdem eins:

Weiterlesen

Weltliteratur auf dem Teller – „Frisch auf den Tisch“ von Hildegard Keller und Christof Burkhard

Über das Essen und einen Teil des schriftstellerischen Werks erfahrbar zu machen und das Leseerlebnis ins Hier und Jetzt zu transportieren, ist der nicht geringe Anspruch von Hildegard Keller und Christof Burkard. Das Schweizer Ehepaar veröffentlicht seine Kolumne regelmäßig in der Schweizer Zeitschrift „Literarischer Monat“ und gesammelt auch in Büchern, von denen Frisch auf den Tisch – Weltliteratur in Leckerbissen schon das zweite ist.

Hildegard Keller ist Literaturwissenschaftlerin und dürfte vielen unter anderem aus der Jury des Bachmannpreises bekannt sein. Ihre Aufgabe bei diesem Projekt ist es, im Werk von Autor*innen geeignete Stellen und kulinarische Assoziationen zu finden und zudem zu illustrieren. Christof Burkard, Jurist, Kulinariker und Rezepte-Erfinder, kümmert sich um die praktische Umsetzung der vielversprechenden Fundstellen.

FrischAufDenTisch.jpg

Das Ergebnis sind phantasie- und einfallsreiche Zusammenstellungen, die im aufwendig gestalteten Buch gut zur Geltung kommen. Etliche der elf vertreten Schreibenden, unter ihnen beispielsweise Herman Melville, Hannah Arendt oder Max Frisch sind sehr bekannt, andere wie Alfonsina Storni sind sicher in weniger Bücherregalen vertreten. Sie alle werden in einem kurzen Porträt ihrer selbst und ihres Werks vorgestellt und in freigestellten Zitaten und Illustrationen ausgeschmückt.

„Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

Keller und Burkard kochen nicht nur nach, was in Texten serviert wird, sondern betrachten ganze Werke und ihre Urheber*innen. So gibt es einen herzhaften Kuchen mit Schweizer Zutaten für Schweiz-Fan Rosa Luxemburg, die so sehr an der gerechten Verteilung desselben interessiert war und Ravioli, „Architektur für den Teller“ für Max Frisch.  Alle diese Gerichte machen Lust auf’s Ausprobieren (Malfatti! Warum habe ich die noch nie gemacht?), sind allerdings nicht in gewohnter Rezeptbuch-Manier geschrieben, so dass ein Nachkochen für Anfänger*innen mitunter schwer werden könnte. Eine gewisse Grundkenntnis und Erfahrung sollte man schon mitbringen. Doch auch bei fehlender Koch-Ambition liest sich der kleine Band sehr unterhaltsam und interessant.


Hildegard Keller und Christof Burkard: Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen. Edition Maulhelden 2020. 139 Seiten.

Einige der Texte sind auch auf der Website der Herausgeber zu finden: maulhelden.ch.

Das Zitat stammt von S. 37.

Ich danke der Autorin und Herausgeberin für das Leseexemplar.

Essen aus Büchern: Peach Cobbler aus Attica Lockes „Black Water Rising“

In Black Water Rising rettet Jay eine Frau aus einem Bayou in Texas. Dass er damit eine Menge Leute gegen sich aufbringt, kann er da noch nicht ahnen. Aber schon bald wird ihm klar, dass er sich mit den falschen Leuten angelegt hat und sein eigenes Leben und das seiner Familie auf dem Spiel steht. Hilfe hofft er in der Gemeinde von Reverend Boykins zu finden. Bei einem gemeinsamen Abendessen gibt es nicht nur wichtige Hinweise auf mögliche Hintermänner, sondern auch noch Dessert und Kaffee von Mrs. Boykins:

„Mrs. Boykins stands to collect their plates, carrying them into the kitchen. A few minutes later, she returns with a peach cobbler and a fresh pot of coffee.“

Cobblers sind vor allem im Süden der USA verbreitet, wo es sie seit der britischen Kolonialzeit gibt. Sie bestehen in der Regel aus einer Sorte Obst, die mit Teig überbacken wird. Gegessen werden sie lauwarm, gerne mit Vanilleeis oder -sauce. Und gemacht wird Peach Cobbler so:

Weiterlesen