Margaret Atwood: Payback

Seitdem ich vor ungefähr zwei Jahren Thomas Piketty gelesen habe, bilde ich mir ein, etwas von Wirtschaft zu verstehen. Das ist so nicht richtig. Ich verstehe nicht mehr nichts von Wirtschaft, aber nun ja… Ich dachte, wie so oft könnte Atwood helfen und habe mir Payback gekauft, in dem es, wie der Untertitel verspricht, um „Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands“ gehen soll. Geht es auch, aber Wirtschaft kommt halt quasi nicht vor. Viel mehr betrachtet Atwood das ganze Dilemma aus einer kulturhistorischen Perspektive, was es nicht weniger interessant macht. Wie man es erwartet, ist ihr Text natürlich sowohl sehr fundiert und informativ, aber auch sehr unterhaltsam.

Atwood_Payback

Sie beginnt ganz vorne. Aufzeichnungen über Schulden sind so alt wie die Schrift, Schulden offenbar noch viel älter. Es scheint keine Gesellschaft gegeben zu haben, in der niemals jemand Schulden gemacht hat, der Umgang damit war und ist aber sehr unterschiedlich. Vor allem in der Frage, was eigentlich passiert, wenn man seine Schulden wirklich nicht mehr in Geld zurückzahlen kann. Kann man sich selbst als Lohnsklave anbieten? Seine Frau, seine Kinder? Kann man, etwa wenn man bei einem Gott in der Schuld steht, etwas anderes opfern, einen Stier oder einen Menschen? Konnte man und kann man. Nicht immer kann man Schulden mit materiellen Mitteln ausgleichen. Atwood führt den „Paten“ als Beispiel an – ein Gefallen kann nur mit einem Gefallen ausgeglichen werden, so unschön das auch werden mag.

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Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären

Als ich an meinem derzeitigen Arbeitsplatz anfing, kam ich als Ersatz für einen ca. 50jährigen Kollegen. Er erklärte mir alles. Alles alles. Wie die relevanten Computerprogramme funktionieren (nützlich, zugegeben), wie eine Rechnung aufgebaut ist, dass es nicht klug war, in eine Dachgschoss-Wohnung zu ziehen und wie der Wasserkocher funktioniert. Es war völlig egal, wie oft ich sagte, dass ich um die mitunter problematischen Isolierungen von Dachgeschossen weiß, dass ich Rechungen schreiben und zahlen kann und auch schon mal Tee gekocht habe. Er redete und redete und redete. Und hinterließ mir, als er ging, ein heilloses Durcheinander, weil er mir zum Beispiel nicht erklärt hatte, welche Bestellungen er für die nächsten Monate schon getätigt hatte oder wo in seinem Chaos ich diese Infos finden konnte. Aber hey, der Wasserkocher, danke nochmal. Mansplaining in Höchstform?

Der Begriff des Mansplaining wird oft Rebecca Solnit zugeschrieben. Sie selbst ist nicht dieser Ansicht, unbestreitbar aber war ihr Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ausschlaggebend für die Diskussion um diese Thematik und führte letzlich mit zur Prägung des Begriffs. In diesem titelgebenden Essay berichtet sie von einer Party, bei der ihr Gastgeber ihr begeistert von einem neuen, ganz wichtigen Buch über den Fotografen Muybridge erzählte. Solnits Begleitung versuchte mehrfach, ihm zu sagen, dass Solnit selbst dieses Buch geschrieben hat. Vor lauter Selbstgefälligkeit hörte der Gastgeber diesen Hinweis aber erst beim dritten Mal und musste kleinlaut zugeben, dass er das Buch nicht mal gelesen hatte.

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