Reso Tscheischwili: Die himmelblauen Berge

Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist oft eine gute Gelegenheit, Literatur aus Ländern zu entdecken, von denen man exakt nichts weiß. In diesem Jahr ist es Georgien, ein Land, bei dem mir als einzige Autorin Nino Haratischwili einfällt. Dank Förderprogrammen ändert sich das ja in den Gastland-Jahren immer und so kommt mit Die himmelblauen Berge jetzt auch ein georgischer Klassiker auf den Markt, der in seiner Heimat aufgrund einer sehr populären Verfilmung den meisten ein Begriff ist.

Die Himmelblauen Berge

In diesem Roman versucht ein Autor, sein Manuskript bei einem Verlag unterzubringen. Das erweist sich als sehr komplizierte Angelegenheit, denn auch, wenn der Verlag dem Autor positiv gesonnen ist, gilt es doch, in dem staatseigenen Betrieb alle Regeln zu befolgen. Um über das Erscheinen des Romans zu entscheiden, muss eine Versammlung einberufen werden, bei der über die Qualität beraten werden soll, dazu aber müssen erst alle das Manuskript gelesen haben. Im Verlag verteilt existiert der Text in mindestens drei Fassungen, wenigstens eine davon noch unter dem alten Titel Die himmelblauen Brücken, zum Teil handschriftlich und kaum leserlich, zum Teil maschinengeschrieben. Da es weniger Manuskripte als Mitarbeiter gibt, wird der Text aufgeteilt, einige kennen nur den Anfang, andere nur die letzten zehn Seiten, Bruchstücke finden sich in Schubladen, in der Kantine und auf einem Müllhaufen im Hof. Die zuständigen Mitarbeiter sind in Urlaub, beim Militär, auf einer siebenmonatigen Dienstreise, auf einer Fortbildung unbekannter Dauer oder stecken im Aufzug fest. Statt sich mit dem Manuskript zu befassen, treibt sie die Frage um, ob es in diesem Jahr wohl Prämien gebe.

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Christopher Ecker: Andere Häfen

Als vor einigen Monaten der Mitteldeutsche Verlag ankündigte, im Herbst einen Band mit Erzählungen von Christopher Ecker zu veröffentlichen, war ich zumindest skeptisch. 87 Kurzgeschichten auf guten 200 Seiten? Klingt hart. Ist auch hart. Mein Lieblingsbuch von Christopher Ecker (und eines meiner Lieblingsbücher überhaupt) ist der über 1000 Seiten dicke Fahlmann und Ecker wäre nicht der erste Autor, der fantastische Romane aber gnadenlos blöde Kurzgeschichten schreibt. Nicht selten hört man ja, die wahre Qualität eines Autors ließe sich an den „Kleinen Formen“ messen.

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Ecker würde diese Qualitätsprüfung problemlos bestehen. Die Texte in diesem Buch unter einem Begriff zu subsumieren, ist eigentlich nicht möglich. Ich hatte gehofft, der Verlag würde „Kurzgeschichten“ unter den Titel schreiben oder „Erzählungen“. Hat er aber nicht. Kurze Texte sind es also. Einige dieser kurzen Texte sind wirklich klassische Kurzgeschichten, sowohl in Aufbau und Länge. Einige der Texte sind extrem kurz und bringen es kaum auf eine Seite, sind also eher Microfiction. In manchen Texten passiert auch so wenig, dass es eher Bilder als Erzählungen sind, vielleicht sogar Vignetten. Zum Glück kann Ecker so gut schreiben, dass die paar Sätze ausreichen, um Szenerien und Charaktere zu erschaffen, um Absurdität und Hoffnungslosigkeit auszudrücken. In vielen Texten ist es dann auch das Ausgelassene, das nicht Gesagte, was einen kalt erwischt und völlig umhaut.

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David Sedaris: Let’s Explore Diabetes with Owls

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„Der Wein ist zu teuer und sie sprechen zu schnell!“

David Sedaris ist eine späte Liebe von mir. Vor mindestens zehn Jahren hat eine Freundin mir Naked geschenkt, ich fand die ersten drei Seiten blöd und das Buch verschwand auf lange Zeit in meinem Bücherregal, wo ich es erst fünf Umzüge später zufällig wiederentdeckte. Was für eine Verschwendung!

David Sedaris ist einer der lustigsten Menschen der Welt. Die Geschichten die er erzählt, sind eigentlich nur Alltags-Episoden. Bei einer Australien-Reise füttert er einen Kookaburra, er versucht verzweifelt, eine ausgestopfte Eule als Geburtstaggeschenk für seinen Freund aufzutreiben, er muss zum Zahnarzt. Insgesamt sind 26 Erzählungen in diesem Buch versammelt, von der ich am meisten die liebe, in der Sedaris erzählt, wie er mit einem Sprachlernprogramm immer versucht, wenigstens ein paar Brocken der Sprache des Landes zu lernen, in das er reist („Easy, Tiger“), am meisten beeindruckt ihn offenbar oben genannter Satz aus dem Kapitel über Restaurantbesuche.

Kurzgeschichten im klassischen Sinn sollte man besser nicht erwarten, die kommen in diesem Buch auch vor, sind aber nicht der Schwerpunkt. Es geht, wie schon erwähnt, einfach nur um Episoden aus Sedaris Leben, oft Situationen, die jeder kennt. Aber er kann davon eben besser erzählen als jeder. Wenn ich in einer unsinnig langen Schlange auf Kaffee warte und darüber nachdenken kann, was Sedaris über unnötig lange Kaffee-Schlangen geschrieben hat („Now Hiring Friendly People“), macht es das ein bisschen besser.

Das Buch ist übersetzt worden, allerdings habe ich es nicht in der Übersetzung gelesen und kann deswegen nichts darüber sagen, wieviel Humor möglicherweise auf dem Weg verloren gegangen ist. Ich bin mir aber relativ sicher, dass Sedaris in jedweder Sprache lesenswert ist.


David Sedaris: Let’s Explore Diabetes with Owls. Abacus 2014, ca. 13,-. Originalausgabe Abacus 2013. Deutsche Taschenbuch-Ausgabe: Sprechen wir über Eulen und Diabetes. Heyne 2014. 288 Seiten, € 9,99. Übersetzt von Georg Deggerich. Deutsche Erstausgabe Blessing 2013.