Nadifa Mohamed: Black Mamba Boy

In Black Mamba Boy erzählt Nadifa Mohamed die Geschichte ihres Vaters. Jama wächst in Somaliland auf, sein Vater verlässt die Familie früh um im Sudan als Fahrer Geld zu verdienen. Als er nicht zurückkehrt, geht seine Mutter mit Jama nach Aden, um dort Arbeit zu finden.

„the place where you are born is not always the best place for you, boy.“

Sie stirbt jung und Jama, nun völlig auf sich allein gestellt, macht sich auf den beschwerlichen Weg in den Sudan, von dem er nicht genau weiß, wo er überhaupt ist, um seinen Vater zu finden. Das alles passiert in den 1930ern, als Abessinien gerade von italienischen Truppen angegriffen wurde. Jamas Weg in den Sudan führt mitten durch das umkämpfte Gebiet. Auch er arbeitet für die italienischen Besatzer und wird Teil ihrer Armee. Der Umgang der Europäer mit den Afrikanern, die für sie und an ihrer Seite kämpfen, widert ihn zunehmend an. Auch er selbst erfährt Erniedrigungen und Demütigungen durch Vorgesetzte, findet aber nicht den Mut, zu fliehen. Erst als er mit eigenen Augen das Opfer eines sinnlosen Gewaltexzesses sieht, desertiert er und gelangt nach Eritrea, wo er sesshaft zu werden scheint. Doch getreu seinem Motto „Das einzige, was ein ruhender Mann findet, ist der Tod“, findet er auch dort auf Dauer keine Ruhe und setzt seinen Weg fort.

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Virginia Woolf: Orlando

Am Cover meiner Ausgabe lässt der Titel sich nicht mehr erkennen. Es war ein großer rosa Aufkleber drauf, den musste ich natürlich abknibbeln und sehen, was drunter ist. Eine sehr suggestive Blume, aber kein Titel mehr.

„she was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each.“

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Orlando wird als Sohn eines reichen englischen Adeligen geboren, als noch Elizabeth I regiert. Er ist ein außergewöhnlich schöner, eleganter und talentierter Junge und weckt so das Interesse der Königin. Sie ruft ihn an den Hof, verleiht ihm Titel und Ämter und liebt ihn, doch als er ein junges Mädchen küsst, ist es vorbei mit der guten Beziehung.

Im Winter des Großen Frosts lebt er wieder am Hof, nun unter James I, und lernt dort Sasha kennen, eine junge Russin, von der er sofort verzaubert ist und mit der in Russland leben will. Doch sie bricht sein Herz. Noch dazu macht sich ein anerkannter und von ihm bewunderter Dichter über seine Lyrik lustig und als ihm eine gänzlich unattraktive Erzherzogin nachstellt, reicht es ihm endgültig und er lässt sich, mittlerweile von Charles II, als Botschafter in die Türkei senden.

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John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Wenn ihr erwartet, dass Menschen verantwortlich sind für ihre Kinder, dann müsst ihr ihnen das Recht geben zu entscheiden, ob sie Kinder bekommen wollen oder nicht.“

Homer Wells bekommt seinen Namen von Schwester Angela, als er im Waisenhaus St. Cloud’s geboren wird. Seine Mutter ist eine von vielen Frauen, die das Haus aufsuchen, um Kinder zu bekommen, die sie nie wollten. Andere kommen früher und bitten um eine Abtreibung, die ihnen gewährt wird, auch wenn es, der Roman spielt in den 1930ern – 50ern, illegal ist. Das Waisenhaus liegt irgendwo in Maine, in einer Kleinstadt in der es außer dem Bahnhof und einem verlassenen Sägewerk fast nichts gibt.

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Donna Tartt: Der Distelfink

distelfink„Aber ich denke, vielleicht ist es mehr wie eine Spalte mit Zahlen: Wenn du am Anfang zwei falsche Zahlen einträgst, ist am Ende die Summe anders. Wenn du es zurückverfolgst, findest du den Fehler – die Stelle, an der sich das Ergebnis verändert.“

Theo Decker hat einen Menschen getötet. Das erfährt man gleich auf der ersten Seite. Er sitzt in einem Amsterdamer Hotelzimmer, es ist Winter, es ist kalt und er hat panische Angst, entdeckt zu werden, doch sein Niederländisch reicht nicht aus um zu erfahren, wie die Ermittlungen laufen. Man erfährt nicht, wen er getötet hat und warum, die nächsten 890 Seiten nicht.

Stattdessen erfährt man, dass Theo im Alter von dreizehn seine Mutter bei einem Terroranschlag auf ein Museum verloren hat. Sie wollte ihm ein besonderes Gemälde zeigen, den Distelfink. Doch Theo ist viel interessierter an einem Mädchen mit feuerroten Haaren, das mit einem älteren Verwandten die Ausstellung besucht. Als er den Mut findet, sich ihr zu nähern, explodiert eine Bombe und beendet sein bisheriges Leben. Impulsiv rettet er den Distelfink aus den Trümmern des Gebäudes und behält ihn. Schnell realisiert er, dass er ein bedeutendes Kunstwerk entwendet hat und weiß, dass er es zurückgeben muss. Doch er findet nicht den Mut, mit jemandem darüber zu sprechen und je länger er es behält, umso unmöglicher wird es. Langsam wird deutlich, dass dieses Gemälde sein ganzes Leben bestimmen wird, ebenso wie Pippa, das Mädchen, in das er sich Minuten vor der Explosion verliebt hat.

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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Seit Jahren versucwpid-20150930_110210-1.jpghe ich in regelmäßigen Abständen Haruki Murakami zu lesen und scheitere meistens. Mit Von Männern die keine Frauen haben bin ich noch einigermaßen warm geworden, was sicher auch daran liegt, dass es einzelne Erzählungen sind, alle Romane habe ich früher oder später abgebrochen. Die Pilgerjahre habe ich wenigstens zu Ende gelesen.

Der Roman handelt von Tsukuru Tazaki, Eisenbahningenieur in Tokio. Zu Schulzeiten war er Teil eines engen Freundeskreises, bestehend aus zwei weiteren Jungen und zwei Mädchen, deren Namen alle Farben enthielten. Aka, Ao, Shiro und Kuro, rot, blau, weiß, schwarz. Nur Tsukuru fällt aus der Reihe, er ist „farblos“, und so nimmt er sich auch im Erwachsenenalter noch wahr. Ohne besondere Merkmale, fast gänzlich ohne Eigenschaften, ein leeres Gefäß, das nur dazu da ist, von anderen befüllt zu werden. Seine neue Liebe Sara sieht das anders, sie hält ihn für etwas besonderes. Sie glaubt aber auch, dass er erst seine Vergangenheit bewältigen muss, um eine neue Beziehung eingehen zu können. Denn das enge Band aus Schulzeiten wurde plötzlich zerstört – die Freunde ließen sich verleugnen, wenn Tsukuru anrief und teilten ihm schließlich mit, er möge sich bitte nicht mehr melden, man habe, nach dem was vorgefallen sei, kein Interesse mehr an weiterem Kontakt. Zwar weiß Tsukuru nicht, was vorgefallen sein soll, akzeptiert den Entschluss aber und zieht sich verzweifelt zurück.

Viele Jahre später versucht er nun, gedrängt von Sara, den Kontakt wieder aufzunehmen und herauszufinden, was der Grund für das jähe Ende der Freundschaft war.

Die Geschichte fängt vielversprechend an. Da man auch als Leser nicht weiß, was der Grund für den Kontaktabbruch war, wächst die Spannung zusehends. Die Auflösung fand ich dann allerdings, nachdem der Spannungsbogen so gespannt wurde, eher unspektakulär. Tsukuru hat das ganze Buch über sehr reale Träume, die eine Auswirkung auf die Realität zu haben scheinen. Zeitweise ist er selbst sich nicht sicher, ob er in seinem Unterbewusstsein Dinge tut, an die er sich in wachem Zustand nicht erinnern kann. Doch aus diesem magischen Realismus, den es bei Murakami ja irgendwie immer geben muss, wird erstaunlich wenig gemacht. Dafür geht es viel ums Essen. Leichtes Frühstück, zu süßes Croissant, Zitronensoufflé zum Dessert, wie kann Sara so dünn bleiben, wenn sie immer den Nachtisch komplett isst? Möglicherweise gibt es eine Symbolik dahinter, die ich nicht verstanden habe, ich empfand es als eine Auflistung irrelevanter Details, die nichts beitragen (und dabei ist Essen ein ganz zentrales Interesse von mir!).

Seinen Titel hat das Buch mit einem Klavierstück gemeinsam, das im Roman eine zentrale Rolle spielt, „Années de pèlerinage“ (Pilgerjahre) von Franz Liszt. Dieses Stück bringt natürlich auch nochmal eine ganze Menge Symbolik mit, es hilft, es sich wenigstens einmal anzuhören. Dass ich die Symbolik trotzdem nicht völlig verstanden habe, liegt an meinem miserablen Musik-Verständnis und ist keinesfalls Herr Murakami anzulasten.

Trotz aller Kritikpunkte ist das Buch sehr gut lesbar und unterhaltsam, wenn auch am Ende durch die losen Enden der Erzählstränge unbefriedigend. Aber auch damit muss man als Leser mal leben, wenn der Autor einem nicht alles ordentlich auflöst. Wie gesagt eines der wenigen Bücher von Murakami, die ich zu Ende gelesen habe, aber definitiv kein must-read, außer natürlich für Murakami-Fans.


Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. btb 2015. Übersetzt von Ursula Gräfe. 317 Seiten, € 10,99. Deutsche Erstausgabe: Dumont 2014. Originalausgabe: Shikisaki wo motanai Tazaki Tsukuru to kare no junrei no toshi. Bungeishunju 2013.