Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße

Der namenlose Erzähler wächst auf als unglückliches Kind reicher Eltern in einer sehr ländlichen Gegend in England. Er ist in in etwa sieben Jahre alt, als die Geschichte beginnt. Eines abends taucht ein Opalschürfer aus Südafrika im Haus seiner Eltern auf, überfährt bei der Ankunft das geliebte Kätzchen des Erzählers und stiehlt im Verlauf der Nacht das Auto des Vaters um am Ende der Landstraße darin Selbstmord zu begehen.

Bei dieser Gelegenheit lernt der Erzähler die elfjährige Lettie kennen. Sie wohnt mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf einem Hof ganz am Ende dieser Straße. Dem Erzähler zeigt sie das größte Wunder auf ihrem Grundstück: einen ganzen Ozean, der auf den ersten Blick nur ein Ententeich zu sein scheint. Aber Lettie behauptet, über diesen Ozean erreiche man andere Welten und auch sie sei eines Tages über dieses Wasser gekommen. Die drei Frauen scheinen weit mehr zu sein als einfache Bäuerinnen. Sie haben ganz besondere Fähigkeiten und wissen von mysteriösen Dingen, die weit über das hinausgehen, was der Erzähler für möglich hält.

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Er wird hineingezogen in ein unglaubliches Abenteuer und schon bald muss er sich mit Letties Hilfe gegen die gruselige Haushälterin Ursula zur Wehr setzen, die seine ganze Familie bedroht. Und die merkt nicht einmal etwas davon und schwärmt stattdessen von den fantastischen Kochkünsten der Frau.

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Essen aus Büchern: Muffins aus Virginia Woolfs „Orlando“

Orlando erlebt im gleichnamigen Roman mehr als drei Jahrhunderte, darunter auch das 19., in dem Muffins besonders populär sind. Nicht die nette, fluffige Art Kuchen mit Blaubeeren und Schokolade,  sondern sehr vernünftiges, bodenständiges Brot, das aussieht wie das, was man hier als Toasties kaufen kann und vor allem zum Frühstück gegessen wird. Gegessen hab ich Muffins schon öfter und ich mag sie auch sehr gern, nur bin ich noch nie auf die Idee gekommen, selbst welche zu backen.

Der Name geht wohl auf das Französische „moufflet“, „weich“ zurück. Um Verwechslungen zu vermeiden wird die hier gebackene Variante außerhalb Großbritanniens oft auch als „English Muffin“ bezeichnet. Die deutlich süßeren und höheren Kuchen wurden in den USA entwickelt.

Zum Verzehr sei gesagt, dass man die Muffins offenbar nicht schneiden darf sondern mit einer Gabel oder mit den Fingern aufspaltet, was ich mein Leben lang falsch gemacht habe. Das Schneiden, so steht es im Oxford Companion to Food, macht die Muffins schwer, während die Gabel-Methode in Kombination mit Butter dazu führt, dass das Innere „wie eine Honigwabe“ wird, so zumindest versprach es Hannah Glasse 1747.

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Virginia Woolf: Orlando

Am Cover meiner Ausgabe lässt der Titel sich nicht mehr erkennen. Es war ein großer rosa Aufkleber drauf, den musste ich natürlich abknibbeln und sehen, was drunter ist. Eine sehr suggestive Blume, aber kein Titel mehr.

„she was man; she was woman; she knew the secrets, shared the weaknesses of each.“

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Orlando wird als Sohn eines reichen englischen Adeligen geboren, als noch Elizabeth I regiert. Er ist ein außergewöhnlich schöner, eleganter und talentierter Junge und weckt so das Interesse der Königin. Sie ruft ihn an den Hof, verleiht ihm Titel und Ämter und liebt ihn, doch als er ein junges Mädchen küsst, ist es vorbei mit der guten Beziehung.

Im Winter des Großen Frosts lebt er wieder am Hof, nun unter James I, und lernt dort Sasha kennen, eine junge Russin, von der er sofort verzaubert ist und mit der in Russland leben will. Doch sie bricht sein Herz. Noch dazu macht sich ein anerkannter und von ihm bewunderter Dichter über seine Lyrik lustig und als ihm eine gänzlich unattraktive Erzherzogin nachstellt, reicht es ihm endgültig und er lässt sich, mittlerweile von Charles II, als Botschafter in die Türkei senden.

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Jasper Fforde: First Among Sequels (Thursday Next V)

„Reading, I had learned, was as creative a process as writing, sometimes more so.“

Der hier besprochene Roman ist Teil V der Thursday Next-Reihe. Wer noch überhaupt nichts über die Reihe weiß, findet einen knappen Einstieg bei wikipedia oder eine absurde Menge Material auf der Homepage des Autors.

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Jetzt aber zum Buch: 14 Jahre sind seit Thursdays letztem Fall vergangen. Sie ist nun etwas gesetzter, verheiratet und hat drei Kinder und betreibt, statt in der Buchwelt für Recht und Ordnung zu sorgen, eine Teppichfirma. Natürlich nicht. Die Firma ist nur eine mehr oder weniger raffinierte Deckung dafür, dass sie, Ex-LitAgs-Partner Bowden und Dämonen-Experte Spike noch lange nicht mit ihrer SpecOp-Tätigkeit abgeschlossen haben. Um eine Firma zu finanzieren, die eigentlich nie Aufträge hat, verkauft Thursday illegal eingeführten walisischen Käse an englische „Cheeseheads“ , die bereit sind horrende Summen für stinkigen Käse zu zahlen.

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Shakespeare: The Merchant of Venice – Howard Jacobson: Shylock Is My Name

Shylock Is My Name ist der zweite Teil der Hogarth Shakespeare-Reihe und zugleich ein Zitat Shylocks aus dem Stück „The Merchant of Venice“, auf deutsch „Der Kaufmann von Venedig“. Das Stück wird oft für seinen ziemlich unverhohlenen Antisemitismus kritisiert und sehr unterschiedlich interpretiert. Einige Interpreten unterstreichen, dass auch der Jude im Stück ein gleichberechtigter Mensch sei, andere sind der Ansicht, Shylock habe einfach die Rolle des Bösewichts, des „Vice“, seine Boshaftigkeit habe also gar nichts mit dem Judentum zu tun. Wieder andere finden, Shylock sei nicht grausamer Täter sondern vielmehr das Opfer in der ganzen Angelegenheit. Aber worum geht es denn eigentlich? Grob zusammengefasst ist das hier die Story:

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Alan Bennett: The Lady in the Van

alanbennett_theladyinthevan.jpg„For the first few years of her sojourn in the garden I would try and explain to mystified callers how this situation had arisen, but after a while I ceased to care, and when I didn’t mention it nor did anyone else.“

Alan Bennetts Bücher sind so britisch, wie Bücher sein können. Die skurrile Erzählung um Miss Shepherd bildet da keine Ausnahme.

Es ist die wahre Geschichte einer Frau, die in einem Lieferwagen in Alan Bennetts Straße im Londoner Viertel Camden Town lebte. Als er sich 1969 das erste mal mit ihr unterhält, lebt sie schon fast fünf Jahre in ihrem Van, betrachtet es aber noch immer als eine vorübergehende Lösung. Bennett begegnet Miss Shepherd auch vor der Bank, wo sie katholische Traktate über den Heiligen Franziskus vertreibt, der das Geld von sich geworfen habe. Die Bewohner von Haus Nr. 63, vor dem Miss Shepherd nun schon seit einigen Monaten lebt, erwirken eine Verfügung, die das dauerhafte Campieren in dem Wohnviertel untersagt. Von nun an findet Miss Shepherd keine Ruhe mehr. Betrunkene klopfen nachts an ihren Wagen oder werfen Flaschen dagegen und obwohl sie selbst den bedauernswerten Geschöpfen, die versehentlich zu viel getrunken haben, gerne verzeiht, fürchtet Alan Bennett um ihre Sicherheit und seinen ruhigen Schlaf. Also bietet er ihr an, für ein paar Tage, bis sich ein besserer Stellplatz oder eine andere Lösung gefunden hat, den Van in seinem kleinen Garten abzustellen. Es wird bis 1989 dauern.

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Shakespeare: The Winter’s Tale – Jeanette Winterson: The Gap of Time

Bevor ich mit Wintersons A Gap of Time, dem ersten Teil des Hogarth-Projekts, angefangen habe, wollte ich erst nochmal die Vorlage, „The Winter’s Tale“ lesen. Es ist wirklich, wirklich lange her, dass ich zuletzt Shakespeare gelesen habe und gerade dieses Stück habe ich sogar nie zuvor gelesen. Es ist eines seiner unbekannteren und wird verhältnismäßig selten gespielt. Tatsächlich ist die Story auch etwas merkwürdig. Anscheinend war der Titel für ein zeitgenössisches Publikum Hinweis genug, dass es sich hier um eine etwas verschrobene Geschichte mit Happy End handelt. Das also passiert:

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Essen aus Büchern: Battenbergkuchen aus Jane Gardams „Eine treue Frau“

Wann immer es besonders britisch werden soll und Shortbread zu profan erscheint, gibt es in Büchern Battenbergkuchen. Der, den die zukünftige Mrs. Feathers in Eine treue Frau serviert bekommt, ist sicher schon mein dritter. Sie bekommt den Kuchen in einem schicken Hotel in Hongkong, dass vor allem von Briten bewohnt wird, während sie auf Edward wartet, mit dem sie erst seit wenigen Minuten verlobt ist.

„‚Was für eine sonderbare Verlobung‘, erzählte Betty dem seerosenförmigen Tablett, der flachen Tasse, dem winzigen Stückchen Battenbergkuchen und dem Kressesandwich, das so klein war, dass schon ein Lüftchen vom Springbrunnen her es hätte wegpusten können.“ (S. 37)

Sie wird nicht die Zeit haben, ihn zu essen. Und niemand kann jemals ernsthaft die Zeit haben, Battenbergkuchen zu backen. Er besteht klassisch aus zwei Biskuitteigen, einem hellen und einem rosa gefärbten, die abwechselnd neben- und übereinander gesetzt werden, so dass ein Schachbrettermuster entsteht. Dieses Konstrukt wird anschließend mit Marzipan umhüllt. Enstanden ist der Kuchen angeblich 1884 anlässlich einer Hochzeit im englischen Königshaus. Wie das Königshaus seine Bäcker gehasst haben muss. Die Frage, die sich mir dieses mal stellt, ist nicht, wie das wohl schmeckt, sondern an welchem Punkt der Herstellung ich die Nerven verlieren werde – mit Backen kann man mich jagen. Die Antwort ist: spätestens beim Marzipan. Ein zufällig anwesender Mensch mit chirurgischer Grundbildung und deutlich mehr Geduld musste einspringen.

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Essen aus Büchern: Pfirsich-Trifle aus TaraShea Nesbits „Was wir nicht wussten“

Vor einigen Jahren musste ich mal Eton Mess machen und dann noch zwei mal Tiramisu und dachte eigentlich, damit hätte ich genug Schichtdessert für’s Leben gemacht. Aber in TaraShea Nesbits Was wir nicht wussten gibt es Pfirsich-Trifle, als die kuriose Siedlung in Los Alamos sich langsam auflöst:

„Die Briten gaben ein großes Abschlussfest, auf dem wir Schweinefleischpasteten und Pfirsich-Trifle aßen, Rotwein tranken und kicherten, als alle auf das Wohl ihres Königs anstießen.“ (S. 210)

In seiner ursprünglichen Form ist Trifle ein Dessert aus Biskuit, der mit Alkohl getränkt wird, Früchten und Custard. Heute geht offenbar alles als Trifle durch, was irgendeinen Kuchen oder Kekse (ich habe auch Rezepte mit Prinzenrolle gefunden) enthält, irgendeine Creme, die häufig kein Custard ist, und Obst. Alkohol ist häufig aber optional, ich habe darauf verzichtet, weil ich es in Desserts nicht besonders mag.

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Jane Gardam: Eine treue Frau

treuefrau„Heirate mich, Elizabeth. Verlass mich nie. Ich werde dich nie wieder darum bitten. Aber verlass mich nicht. Nie.“

Elizabeth Feathers, genannt Betty, kennt man schon aus Der untadelige Mann, das im letzten Jahr erstmals auf Deutsch erschienen ist. Während der erste Band der Trilogie ihrem Mann gewidmet war, gehört der zweite nun ihr. Wer den ersten Teil gelesen hat, wird sich vielleicht erinnern, dass die Ehe von Edward und Betty sich nicht gerade durch überbordende Leidenschaft, wohl aber durch gegenseitige Achtung und aufrichtige Zuneigung auszeichnet.

Bettys Eltern stammen aus Schottland, sie selbst ist aber in Tianjin geboren und aufgewachsen, hat das Lager in Shanghai überlebt, ist jung verwaist und nahezu mittellos. Nun ist sie auf der Durchreise in Hongkong und erhält den Brief eines jungen Mannes, der um ihre Hand anhält. Sauber getippt auf dem Briefpapier seiner Kanzlei – Edward Feathers, genannt Filth, gesteht ihr seine Liebe. So reserviert wie diese Ehe beginnt, wird sie auch weitergehen. Edward ist, auch das ist aus dem ersten Teil bekannt, traumatisiert von einer Kindheit, in der er immer das Gefühl hatte, nicht erwünscht zu sein, weitergereicht und bestenfalls geduldet zu werden. Er erhofft sich nicht mehr, als nie mehr in seinem Leben verlassen zu werden und das verspricht ihm Betty, seine treue zukünftige Frau, am Abend ihrer Verlobung. Eine Stunde zu früh, denn nur wenig später lernt sie ihre große Liebe kennen – Terry Veneering, Vater eines missratenen Sohnes, Mann einer wunderschönen Chinesin und Edward Feathers Erzrivale.

Von ihren Gefühlen überwältigt verbringt sie eine wunderbare Nacht mit ihm, die erste überhaupt mit einem Mann. Und wird prompt von Edwards ältestem und treustem Freund Albert Ross ertappt, der ihr unmissverständlich klarmacht, dass er ihr das Leben zur Hölle machen wird, sollte sie Feathers Herz brechen. Also heiratet sie Edward und hält von da an ihr Versprechen.

Gardam ergänzt ihre Reihe nun um die Perspektive der Frau. Beim untadeligen Mann, dessen Handlung mit Bettys Tod erst richtig beginnt, wusste man die ganze Zeit, dass die Hälfte der Geschichte unerzählt bleibt, dass Edward offenbar Dinge nicht mitbekommen oder missverstanden hat. Einige davon werden nun erzählt, viele aber immer noch nicht. Die Darstellung von Betty, der ja nun der ganze Band gehört, bleibt immer noch recht löchrig. Gelegentlich wird erwähnt, dass sie im Lager war, dass sie beim Auswärtigen Amt gearbeitet und geheime Botschaften dechiffriert hat, dass sie viel gereist ist. Details dieser offenbar interessanten Lebensgeschichte werden aber nicht erzählt, während im ersten Teil Edwards Biographie durchaus ausgearbeitet wurde. Im Wesentlichen ist sie immer noch Mrs Feathers, Ehefrau und keine Mutter. Es geht um ihre Arbeit im Kirchenvorstand, den Garten, eine Schwangerschaft, doch alles, was vor der Eheschließung lag, wird höchstens erwähnt. Ihre selbstbewusste, zuweilen unkonventionelle Art und ihr sicheres Auftreten in der sich entwickelnden Metropole Hongkong lassen darauf schließen, dass es durchaus einiges zu sagen gäbe, dass sie nicht nur eine treue sondern auch eine sehr spannende Frau ist. Ihre „mittleren Jahre“ fallen fast komplett unter den Tisch. Sie heiratet, zieht mit Edward nach London, ist in etwa dreißig, erkrankt schwer, erholt sich, kehrt mit Edward nach Hongkong zurück und ist auf einmal schon fast sechzig und wieder auf dem Sprung nach England. Dazwischen? Hat sie sicher auch irgendwas gemacht.

Dafür wird im letzten Viertel des Buchs nochmal ein Teil der Geschichte erzählt, den man aus dem ersten Teil schon kennt, nämlich Edwards einsames Leben in Dorset nach Bettys Tod – am Ende verlässt sie ihn nämlich doch, wenn auch nicht freiwillig. Da Betty nun nicht mehr dabei ist und damit gänzlich jeder neue Input fehlt, ist dieser letzte Teil fast nur noch eine Zusammenfassung des untadeligen Manns mit ein paar wenigen neuen Aspekten. Was jetzt genau mit Veneering war, wird wohl erst im dritten und letzten Teil verraten.

Bei aller Kritik ist Eine treue Frau ein gut zu lesendes (mostly) Feel Good-Buch, das nostalgischen Nachkriegs-Charme versprüht und so britisch ist wie Yorkshire Pudding. Als Ergänzung zu Ein untadeliger Mann funktioniert es allerdings nur bedingt, zu oft ist es schlicht redundant, und es reicht meines Erachtens völlig aus, wenn man eins von beiden gelesen hat.


Jane Gardam: Eine treue Frau. Aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan. Hanser 2016. 270 Seiten, € 21,90. Originalausgabe: The Man in the Wooden Hat. Chatto & Windus 2009.

Das Zitat stammt von Seite 40 der Hanser-Ausgabe.