Hilary Mantel: Jeder Tag ist Muttertag

Jeder Tag ist Muttertag ist nicht nur Mantels erster Roman, sondern auch, zumindest in meiner Wahrnehmung, einer der am häufigsten besprochenen. Obwohl er nun schon über 30 Jahre auf dem Buckel hat, geistert er immer wieder durch die Blogs, was auch daran liegen mag, dass die deutsche Übersetzung es erst 2016 auf den deutschen Markt geschafft hat. Geistern ist, das habe ich gar nicht beabsichtigt, auch eine fantastische Überleitung zum Inhalt, denn auch im Roman geistert so einiges herum.

Evelyn Axon wohnt mit ihrer erwachsenen Tochter Muriel in einer ganz netten Vorstadtsiedlung in England. Als ehemaliges Medium hat sie aber auch etliche Mitbewohner ungebetener Art, die Raum im Gästezimmer beanspruchen, kichern, wispern, an Ärmeln zupfen, Dinge verstecken, Milchgeld stehlen und Evelyn auf der Treppe ins Stolpern bringen. Mit Isabel Field kommt auch ein ganz realer Quälgeist ins Haus. Ms Field ist vom Sozialamt, soll sich um die als zurückgeblieben geltende Muriel kümmern und versucht recht vergeblich, Evelyn zur Zusammenarbeit zu bewegen. In Ms Fields eigenem Privatleben sieht es auch nicht sehr rosig aus. Sie lebt bei ihrem Vater und hat eine wenig aussichtsreiche Affäre mit einem verheirateten Mann.

Mantel_JederTagIstMuttertag

Evelyn vermeidet den Kontakt mit der Außenwelt so gut es geht. Die Nachbarin, die Kuchen vorbei bringen will, verscheucht sie mit ihrer garstigen Art und auch jede andere Art von Hilfe lehnt sie brüsk ab. Der Grund für ihr zurückgezogenes Dasein ist weit grausamer, als man erst vermuten würde, wird von Mantel aber erst spät und sehr zurückhaltend erzählt. Die übrigen Charaktere in diesem Roman führen ebenfalls trostlose Leben. Isabels Affäre Colin ist in seiner Ehe extrem unglücklich und sein Sozialleben beschränkt sich auf den Besuch von Abendkursen und eine Dinnerparty bei einem Kollegen, die von lauter Pseudo-Intellektuellen besucht wird und zum Desaster gerät. Auch seine Frau hatte sich das Familienleben deutlich anders vorgestellt.

Ich habe ziemlich lange gebraucht, um in diesen Roman zu finden. In meinem Kopf hatte sich festgesetzt, dass die Handlung sich vor allem um Evelyn und Muriel drehen würde, was sie schlicht nicht tut und lustig bis skurill sein würde, was sie ebenfalls nicht ist. Über längere Passagen geraten die beiden auch völlig in den Hintergrund. Das ist natürlich völlig okay, ich hatte nur ein anderes Buch erwartet, was man Ms Mantel nicht anlasten kann. Auch fand ich es am Anfang ein wenig schwierig, das Verhältnis zwischen Mutter, Tochter und diversen Geistern zu durchblicken. Ähnlich ging es mir auch schon bei Beyond Black, das ebenfalls von einem Medium handelt. Evelyn ist eine offenbar ziemlich unzuverlässige Reflektorfigur und es ist lange nicht klar, welche ihrer Erlebnisse einer für andere wahrnehmbaren Realität entsprechen. Mit Fortschreiten des Romans entwickelt man dafür ein Gespür, am Anfang aber braucht es langen Atem. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den aufgebracht hätte, hätte ich nicht an einem trostlosen Flughafen festgesessen, mit einer sich alle 20 Sekunden wiederholenden Schuhreklame als einziger Unterhaltungsalternative.

„Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Leben diese Frauen führen. Das Ganze könnte zu einer Art Allegorie werden, verstehst du, über den Zustand unserer Gesellschaft.“

Die Atmosphäre des Romans ist durchgehend von äußerster Trostlosigkeit geprägt. Die eigentlich schicken Häuschen der Vorstadt sind heruntergekommen und haben undichte Stellen im Dach, in Evelyns Wintergarten stapeln sich feuchte Zeitungen und Kartons voll stockfleckiger Kleidung. Niemand führt das Leben, das er sich einmal erhofft hat, die Freuden sind klein und selten. Am Weihnachtsfest, das ein Lichtblick sein könnte, streiten die Kinder und es wird das falsche Parfüm verschenkt. Das alles schildert Mantel mit einem bissigen Humor, der die deprimierend düstere Stimmung ein wenig aufhellen kann. Ein Großteil der Szenen ist gar nicht erschreckend und grausam, vieles spielt sich so in nahezu jeder Nachbarschaft ab. Umso erschreckender ist das das große Drama, das mitten in der Siedlung passiert ist, von den Nachbarn absichtlich übersehen und vom Sozialamt verschlampt. Jeder Tag ist Muttertag ist ein bissiger, tiefschwarzer Sozialkommentar, von einer Autorin, die zumindest die Perspektive der Sozialarbeiterin aus dem eigenen Lebenslauf kennt. Ihr Blick auf die tragische Situation ist ein selten ausgeglichener. Es gibt keine Schuldigen in diesem Roman, kein alleiniges Verschulden des Sozialamts, keine unaufmerksamen Nachbarn, die früher hätten intervenieren müssen. Der Aufbau aber hat mich nicht durchgehend überzeugt und es gibt einige Szenen, wie beispielsweise eine ausladende Dinnerparty, die viel Raum beanspruchen und nichts zur Handlung beitragen außer ein wenig Situationskomik. Das hat mir den Roman ein wenig verleidet, der aber viele gute Ansätze hat und durchaus lesenswert und unterhaltsam ist.


Hilary Mantel: Jeder Tag ist Muttertag. Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Dumont 2017. 256 Seiten, € 11,-. Deutsche Erstausgabe ebenfalls bei Dumont 2016. Originalausgabe unter dem Titel Every Day is Mother’s Day 1985 bei Chatto & Windus.

Das Zitat stammt von S. 190

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Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Die weite Sargassosee hat einen unmittelbaren Bezug zu Jane Eyre. Wie auch in der letzten Woche könnte dieser Text Spoiler enthalten. Nächste Woche wieder was spoilerfreies. Versprochen.

Über Jahrzehnte konnte die englischstämmige Familie Cosway das bequeme und feudale Leben angesehener Plantagenbesitzer auf Jamaika führen. Doch das Glück hat die Familie verlassen. Das aktuelle Familienoberhaupt Alexander ist als Trinker und Sklavenschinder verschrieen, sein „schwachsinniger“ Sohn Pierre macht den Bediensteten Angst und seine Frau Annette verliert über alldem den Verstand. Nur Tochter Antoinette scheint auf dem Familiensitz Coulibri eine einigermaßen glückliche Kindheit zu verleben. Als die Sklaverei auf Jamaika verboten wird, sind die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft endgültig vorbei. Der Vater lebt da schon nicht mehr, und die Mutter kann als Kreolin von Martinique weder von der weißen noch von der schwarzen Bevölkerung Hilfe erwarten. Eine Ehe mit Mr. Mason, der gerade erst auf die Insel gekommen ist und von all den Dramen nichts weiß, scheint ein vielversprechender Ausweg zu sein. Doch auch er kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten, bringt im Gegenteil noch die wenigen verbleibenden Angestellten gegen sich auf, und als Coulibri in Flammen aufgeht, angezündet von einem wütenden Mob, ist es mit Antoinettes Kindheit endgültig vorbei.

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Charlotte Brontë: Jane Eyre

Der folgende Text enthält ausnahmsweise Spoiler und verrät entscheidende Elemente der Handlung. Da Jane Eyre unbestreitbar ein Klassiker ist, werden viele den Inhalt so oder so schon kennen, zumindest in groben Zügen. Wer noch keine Ahnung hat und sich zu einem späteren Zeitpunkt überraschen lassen möchte, muss jetzt leider aussteigen. Zum Trost könnt ihr vielleicht das Quiz Welche Bronte-Schwester bist du? machen, oder auf andere Art eure Zeit vertrödeln. Ich danke für euer Verständnis.

Jane Eyre ist sicher eines der bekanntesten Waisenkinder der Literatur. Früh allein auf der Welt wächst sie bei einer Verwandten auf, die sie ohne jede Liebe behandelt, kommt von dort in ein unsinnig strenges Internat und schließlich als Gouvernante in den Haushalt von Mr. Edmund Fairfax Rochester. Dem Mr. Rochester, der bis heute als einer der romantischsten Charaktere der Literatur gilt. Klar, man kann da den unverstandenen, ungeliebten Mann sehen, der nur auf die richtige Frau wartet, die ihn versteht und liebt, wie er ist. So wie das Biest. Oder Norman Bates. Dass die kleine Adèle, die Jane erziehen soll, in ihrer Liebe zu Kleidern und Selbstinszenierung Honey Boo Boo Konkurrenz macht, ist da eigentlich schon Nebensache. Ob sie nun wirklich Rochesters Tochter ist, sei mal dahingestellt, immerhin kümmert er sich aber um ihre Erziehung.

Rochester wird oft als „unloveable“ charakterisiert, meistens weil er hässlich und aufbrausend ist. Jane Eyre kann natürlich, herzensgut wie sie ist, über diese Äußerlichkeiten hinweg und direkt in Rochesters großes Herz sehen, und will ihn heiraten. Sekunden vor dem entscheidenden „Ja“ aber erfährt sie, dass ihr Zukünftiger bereits verheiratet ist. Tja, naja, passiert wohl mal. Aber er ist eben nicht nur verheiratet, er hat die Dame auch auf dem Dachboden seines Anwesens versteckt, wo sie tobt und zündelt. Bertha heißt die Unglückliche übrigens. Affären mit verheirateten Männern sind die eine Sache, Männer die eine Ehe verschweigen, eine andere. Aber Jane, ich bitte dich, der Mann hat seine Ex nicht nur verschwiegen, sondern auf dem Dachboden eingesperrt! Das ist der Punkt, an dem man eigentlich sagt „okay, cool, danke für den Kaffee“ und rennt. Rennt, rennt, rennt, und dann die Polizei ruft.

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Kate Young: The Little Library Cookbook

Wir alle wissen, dass Essen aus Büchern meine erklärte Lieblings-Kategorie ist. Einige wissen auch, dass ich die Idee nur geklaut habe und zwar von der großartigen Kate Young. Kate Young ist eine Australierin, die seit fast einem Jahrzehnt in London lebt und unter anderem für den Guardian schreibt. Dort bin ich vor einigen Jahren auf ihre Kolumne „The Little Library Café“ gestoßen. Etwa alle vierzehn Tage erscheinen in dieser Reihe Rezepte aus und zu Romanen. Unter gleichem Namen betreibt Young einen Blog mit umwerfenden Fotos. Und nun ist endlich auch das Kochbuch zu dieser ganzen großartigen Geschichte erschienen.

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Auf 300 Seiten stellt Kate Young hundert Rezepte aus verschiedensten Romanen vor. Der Schwerpunkt liegt, wenig verwunderlich, sehr deutlich auf der angelsächsischen bzw. anglophonen Literatur. Die Ausnahmen kann man beinahe an einer Hand abzählen. Unterteilt sind die Rezepte nicht nach literarischen Gesichtspunkten (wie bei Yummy Books) sondern praxisbezogen nach den Tageszeiten before, around und after noon, dinner table, midnight feasts und celebrations, wobei bei letzteren Weihnachten nochmal ein ganz eigenes Kapitel bekommt. Wie auch in ihrem Blog sind die Bilder in diesem Buch wirklich toll, wenn auch nicht jedes Rezept eines bekommen hat. Sehr nützlich sind die Step-by-Step-Fotoanleitungen, welche die komplizierteren Rezepte bebildern.

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Joseph Conrad: Lord Jim

In Lord Jim erzählt der Kapitän Charles Marlow einem Kreis interessierter Zuhörer eine Geschichte, die er einst in Ostindien erlebt hat. Dort lernte er zufällig einen jungen Seefahrer namens Jim kennen, den er noch über lange Jahre begleiten würde. Jim war als Offizier an Bord der Patna. Dieses Schiff war auf der Reise von Indien nach Mekka und hatte weit über 800 Menschen an Bord, allesamt Pilger auf der Hadsch und ihre Familien. Aus nicht geklärter Ursache, möglicherweise durch das Wrack eines anderen Schiffes, wurde die Patna beschädigt und aufgrund der maroden Struktur schien der Untergang nur noch eine Frage von Minuten zu sein. Der Kapitän, die Maschinisten und die Offiziere taten das, was in der Seefahrt eigentlich undenkbar ist – sie verließen das Schiff. Jim war strikt dagegen und sah es als seine Pflicht, wenigstens mit den Passagieren zu sterben, wenn er sie schon nicht retten konnte. Doch auf einmal fand er sich an Bord des Rettungsbootes wieder. Zu seiner eigenen Verwunderung musste er im letzten Moment doch gesprungen sein. Obwohl ein Gericht ihn freispricht, wird Jim von seiner Schuld von einem Hafen zum nächsten gejagt und kann mit sich selbst nie ins Reine kommen.

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Aminatta Forna: The Memory of Love

Elias Cole liegt im Sterben. Nach einem langen und bewegten Leben lassen ihn nun seine Lungen im Stich. Doch vor seinem Tod muss er noch etwas loswerden. Die Geschichte seiner Liebe zu und Besessenheit von Saffia, die er in jungen Jahren als Frau seines Kollegen Julius kennengelernt hat. Da kommt ihm Adrian gerade recht. Adrian ist ein britischer Psychologe, der für eine Hilfsorganisation nach Sierra Leone gereist ist. Er soll Menschen helfen, die nach dem Bürgerkrieg teils schwer traumatisiert sind. Es gelingt ihm aber zunächst nicht, zu den Menschen durchzudringen und die meisten Therapieansätze enden nach der ersten Sitzung. So hat er eine Menge Zeit, Coles Beichte abzunehmen.

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Im Krankenhaus findet Adrian einen Freund in Kai. Der junge Chirurg stammt aus Sierra Leone und hat im Gegensatz zu vielen Kollegen das Land nicht verlassen, auch wenn er seit dem Krieg unter schweren Albträumen leidet und einige Teile der Stadt meidet, weil die Erinnerungen zu schrecklich sind. Die beiden werden Freunde, obwohl Kai Adrians Rolle immer kritisch sieht. Er ist, wie viele seiner Landsleute, genervt von den vielen Menschen, die über Hilfsorganisationen ins Land kommen, viel zu meckern haben, oft wenig helfen und doch ewigen Dank erwarten. Die internationale Gemeinschaft habe, findet er, so lange weggeschaut, dass man auch jetzt ohne sie zurechtkomme. Die obligatorische Vorstellungsfrage, mit welcher Agentur man im Land sei, wird im Laufe des Romans zum Running Gag. Die Menschen, die aus dem Ausland nach Sierra Leone kommen, wollen vor allem vor etwas fliehen, so Kais Beobachtung. Es dauert nicht lange, bis er herausfindet, dass dieses etwas in Adrians Fall eine völlig desolate Ehe ist.

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Xiaolu Guo: Kleines Wörterbuch für Liebende

Als Zhuang in London den Flieger verlässt, könnte der Kulturschock größer kaum sein. Sie ist die Tochter chinesischer Bauern, die nach jahrelanger harter Arbeit eine Schuhfabrik eröffnen konnten. Ihre Tochter soll bessere Chancen haben als sie und so schicken sie Zhuang nach England, wo sie ein Jahr lang einen Sprachkurs besuchen soll. China hat sie bis dahin nie verlassen, englische Sprachkenntnisse hat sie fast gar nicht. Mühsam tastet sie sich heran, liest sich durch ihr Wörterbuch, schreibt Wort für Wort in ihr Notizbuch, das sie am Ende des Jahres gefüllt haben will.

„Ich bin erbärmliche Mensch, spreche erbärmliche Englisch und komme aus erbärmliche kleine Stadt in Südchina. Wir kennen dort nicht edel.“

Sie traut sich kaum, das Hostel zu verlassen, hadert mit dem ungemütlichen Wetter und findet das Essen, vor allem das Frühstück, im Grunde ungenießbar. Rettung findet sie in Kinos, wo sie die unterrichtsfreie Zeit in Doppelvorstellungen von Hollywood-Klassikern totschlägt. Dort lernt sie eines Tages einen Mann kennen, der ihr schön und interessant erscheint. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, sie missversteht und glaubt, es sei für immer.

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Hannah Rothschild: Die Launenhaftigkeit der Liebe

Annie, eine junge Frau aus London, kauft für unvernünftige 75 £ ein Gemälde in einem Trödelladen. Es heißt, aber das weiß sie da noch nicht, „Die Launenhaftigkeit der Liebe“ und wird die Kunstwelt und ihr Leben auf den Kopf stellen. Ein halbes Jahr später wird es Gegenstand einer Sensations-Auktion sein, die den Auftakt zum Roman bildet. Denn hinter diesem Bild sind sie alle her: reiche Russen, die investieren wollen, ein Scheich, der ein Museum gründen will und nicht zuletzt Memling Winkleman, der ganz besonders und aus existenziellen Gründen an diesem Gemälde hängt.

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Hannah Rothschild kennt sich aus in der Welt der Kunst, denn das ist ihr Beruf, wenn sie nicht gerade Romane schreibt. In ihrem Buch bringt sie viel unter über Altersbestimmung, der schwierigen Suche nach Fälschungen und dem Irrsinn des Kunstmarkts, auf dem Gemälde nicht mehr als erhebende Kunst betrachtet werden sondern als eine schlichte Investition, mit der er sich zu spekulieren lohnt. Ich glaube Frau Rothschild unbesehen, dass sie sich auskennt in dieser Welt und sie grundsätzlich auch darstellen kann. Hier aber werden Klischees so derart in Reihe bemüht, dass das Lesen manchmal mühsam wird. Es gibt zahlreiche Nebenfiguren, die sehr unterschiedlich große Rollen spielen, aber jede von ihnen ist ein wandelndes Klischee. Reiche Russen ohne Geschmack, exaltierte Homosexuelle, Rapstars in Begleitung halbnackter Frauen. Wer halt so alles ein Bild kaufen will.

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Kate Atkinson: Life After Life

Ursula Todd wird 1910 geboren, die Nabelschnur um ihren Hals, und schafft es nicht mal zum ersten Atemzug.

Ursula Todd wird 1910 geboren, der gerade rechtzeitig eintreffende Arzt kann ihr Leben retten, sie ertrinkt beim Baden mit der Schwester.

Ursula Todd wird 1910 geboren, wird am Strand von einem zufällig anwesenden Maler gerettet und rutscht, als sie versucht, ihre Puppe zu retten, vom Dach.

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Und so geht es immer weiter, denn Ursula kann vieles, nur nicht liegen bleiben. Ihr Leben beginnt immer wieder von neuem, immer wieder bekommt sie die Chance, Dinge zu ändern und zu sehen, wie ihre Zukunft davon beeinflusst wird. Zumindest glaubt Ursula das, ihre Mutter Sylvie hingegen ist besorgt um ihre Tochter und ihre starken Déjà-vus, die sie manchmal sogar gewalttätig werden lassen. Auch ihr Psychiater glaubt eher nicht an Ursulas ständige Wiedergeburt. Allerdings lässt auch Atkinson da eine kleine Hintertür offen. Ursula beginnt in jungen Jahren, an starken und häufigen Kopfschmerzen zu leiden, die mit den Jahren immer schlimmer werden, deren Ursache aber niemals abschließend geklärt werden kann. Auch Atkinson klärt nicht darüber auf, was zumindest die Möglichkeit offen lässt, dass es für Ursula Todd tatsächlich nur ein einziges Leben gab, begleitet von einer sich langsam entwickelnden Gehirnerkrankung, die starke Déjà-vus auslöst. Wobei diese Erklärung neue Logikfehler mit sich bringen würde, die man sich genauer ansehen müsste. Hab ich nicht gemacht, dazu kam mir die Idee zu spät.

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By a lady – Anmerkungen zu Austens Romanen anlässlich ihres 200. Todestages

200 Jahre sind seit dem Tod Austens vergangen. Viele betrachten sie heute vor allem als Autorin von romantischen Liebesschnulzen, in denen viel getanzt wird und der Höhepunkt der Spannung erreicht ist, wenn eine Dame in einem plötzlich einsetzenden Platzregen nass wird.

„It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife“ – der erste Satz aus Pride and Prejudice ist wohl ihr bekanntestes Zitat und gibt scheinbar den Ton ihres gesamten Werkes vor. Mr. Darcy, dieses Sinnbild ritterlicher Brautwerbung und romantischer Liebe, ist ihr beliebtester Charakter. Bälle, Landpartien, Liebe, das ist der Stoff, aus dem ihre Romane gemacht sind, bei denen vor allem junge Frauen seufzend dahinschmelzen und deren Verfilmungen sich nur mit mehreren Packungen Taschentüchern ansehen lassen. Das stimmt so natürlich nicht ganz.

Besonders wer nur die Filme kennt, wird möglicherweise ein völlig falsches Bild von Austens Romanen haben, auch wenn ich Keira Knightley als Elizabeth Bennet ebenso mochte wie Gwyneth Paltrow als Emma. Von Clueless wollen wir hier gar nicht anfangen! In den Romanen wird zwar mindestens so viel geseufzt wie in den Filmen, es stehen aber weitaus seltener Frauen pittoresk in Landschaften herum und auch wenn Bälle gesellschaftliche Anlässe von großer Bedeutung sind, nehmen sie nicht so viel Raum ein, wie in vielen Verfilmungen.

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