Der nebulöse Gast – „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch

Die junge Erzählerin in Ariane Kochs Roman-Debüt Die Aufdrängung lebt ganz alleine in einem riesigen Haus in einer Kleinstadt am Fuße eines Berges. Schon vor langem wollte sie die Kleinstadt verlassen, hat sogar schon Kisten dafür gepackt, die nun aber in ungenutzten Räumen des Hauses verstauben. Sie schafft es einfach nicht, sich selbst zum Aufbruch zu bringen.

„Ich habe den Gast aufgenommen, weil Staubfäden von den Wänden hingen, weil irgendjemand diese Staubfäden wegmachen musste und weil das Gemüse im Kühlschrank zu verfaulen drohte.“

In diese Trägheit hinein stolpert eines Tages ein Gast. Wie er aussieht und wer er ist, bleibt den ganzen Roman über unklar. Er hat Finger wie Pinsel, scheint sehr behaart zu sein und dabei so fein, dass ein Windstoß ihn auseinanderwehen könnte. Die Erzählerin nimmt ihn mit nach Hause. Das ist alles andere als selbstverständlich und der Bürgermeister schreibt ihr dafür gar einen Dankesbrief. Es steht dem Ort gut zu Gesicht, dass in ihm so gastfreundliche Menschen leben. Doch schnell kippt die Stimmung. Der Gast nimmt immer mehr Raum ein, wird lästig und isst sogar alle Vorräte der Erzählerin auf. Das macht sie so wütend, dass sie gar nicht mehr einkaufen geht. Der Kontakt mit ihren Freunden und Bekannten wird seltener, so sehr ist sie mit ihm und seinen Forderungen beschäftigt. Eine gemeinsame Sprache scheinen die beiden nur zeitweise zu haben. Die Muttersprache der Erzählerin beherrscht der Gast nur unzureichend. Trotz alldem scheint sich zwischen den beiden durchaus eine gewisse Intimität einzustellen. Der Gast liegt vor dem Sofa, wenn die Erzählerin darauf sitzt, er liest ihr vor und zuweilen teilen sie die Matratze. Doch irgendwann macht selbst der Bürgermeister klar, dass es mit der Gastfreundschaft langsam mal ein Ende haben muss. Ein Gast ist eben ein Gast und dazu gehört, dass er irgendwann auch wieder abreist. Also muss er weg, aber wie sie ihn loswerden soll und ob sie ihn überhaupt loswerden will, ist der Erzählerin auch nicht klar.

Koch erzählt diese Geschichte in einem sehr schwebenden Stil, in dem nichts konkret und vieles denkbar ist. Der Gast bleibt bis zuletzt kaum greifbar, ist manchmal eher animalisch, manchmal eher menschlich und manchmal so entrückt, dass man sich fragt, ob andere ihn auch sehen können. Der Ort, in dem sich das alles zuträgt, ist ebenfalls wenig konkret. Bis auf den Berg, der das Geschehen optisch dominiert, und einer Bar, die von der Erzählerin häufig besucht wird, werden kaum Orte beschrieben. Die anderen Menschen in der Stadt werden bis auf sehr wenige Ausnahmen nur über ihre Funktionen benannt, selbst die engsten Familienmitglieder. Der Kellner, die Geschwister, die Eltern und natürlich auch: der Gast. Bis zuletzt bleibt er namenlos. So bleibt das gesamte Geschehen sehr nebulös und damit auch die Frage, wer er eigentlich ist, dieser Gast. Ein Mensch, ein Tier, ein Geflohener, ein Ausgedachter?

Wer oder was immer er ist – er gibt der Erzählerin die Chance, an ihm und der Herausforderung die er darstellt, zu wachsen. Es scheint dringend nötig zu sein, dass sie das tut, statt immer nur in dem großen Haus zu verharren und darauf zu warten, dass ihre Geschwister endlich die unliebsame Aufgabe übernehmen, sie hinauszuwerfen und damit in die Welt zu zwingen. Stilistisch merkt man dem Roman an, dass die Texte seiner Autorin sonst auf Bühnen zu Hause sind. Dialoge gibt es keine, aber viele Passagen leben von einem Rhythmus, der an gesprochene Texte und Performances erinnert und den inneren Monolog der Erzählerin in eine greifbare Form bringen.

Bei all der nebulösen Düsternis fehlt es dem Roman aber auch nicht an Humor und skurrilen Ideen, die ihre eigene Komik mitbringen. Die Aufdrängung ist sicher kein leichter Roman und man muss bereit sein, sich auf dieses Spiel mit Sprache und Deutungsmöglichkeiten einzulassen. Stringente Handlung sucht man vergebens, Eindeutigkeiten ebenfalls. Entgegen seines Titels entzieht sich dieser Roman eher, als er sich aufdrängt. Immerhin aber lässt er es zu, dass man ihm trotzdem auf die Pelle rückt. Wer diese Mühe nicht scheut und sprachliche Besonderheit schätzt, findet hier eine lohnende Herausforderung.


Ariane Koch: Die Aufdrängung. Suhrkamp 2021. 176 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 42.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar, das mir im Rahmen von Das Debüt 2021 zur Verfügung gestellt worden ist.

Der Wald hat Klauen – „Mama“ von Jessica Lind

Amira und Josef fahren raus aus Wien und rein in den Wald um einige Tage in einer abgelegenen Hütte zu verbringen, die schon lange Josefs Familie gehört. Er ist im nahen Dorf aufgewachsen und hat im Wald viele glückliche Tage mit seinem Vater verbracht. Amira ist angespannt. Sie versucht seit langem, schwanger zu werden und hofft, dass es bald endlich klappt. Der Zykluscomputer hat gute Chancen errechnet, doch ausgerechnet jetzt kommen Josef Zweifel, ob er wirklich Vater sein will.

Doch nicht nur das: Statt der erhofften Idylle erscheint der Wald Amira plötzlich gruselig und voller Geheimnisse. Eine herrenlose Hündin schleicht um die Hütte und am Waldrand taucht ein einsamer Wanderer auf, der zu ihr herüberstarrt. Wenn sie sich ihm nähert, verschwindet er spurlos. Und auch Josefs Tage in der Hütte waren offenbar nicht so schön, wie er immer erzählt hat. Bei einem der Ausflüge in den Wald ist sein Vater ums Leben gekommen. Oder stimmt die Geschichte gar nicht?

„Nach und nach hat dieses Wesen in ihrem Bauch ihr Leben verändert. Es breitet sich aus, lässt kaum noch Platz für Amira, die immer geglaubt hat, dass sie sich genau das wünscht.“

Jessica Lind verknüpft in ihrem Roman gekonnt verschiedene Zeit- und Bedeutungsebenen. Schon bald kann man nicht mehr darauf vertrauen, dass man Albtraum, Phantasie und Realität erkennen und unterscheiden kann. Auch Amira scheitert daran. Sie verzweifelt an ihren eigenen Zweifeln und ebenso an ihrer Rolle als Mutter, die sie sich immer erträumt hat, aber von der sie plötzlich nicht mehr weiß, ob sie sie wirklich noch will. Ob sie zu dieser Selbstaufgabe wirklich bereit ist und ob sie überhaupt notwendig ist. Hoffte sie eigentlich, im Wald zu sich und zu Klarheit, zu Ruhe zu kommen, merkt sie bald, das sie dafür am ganz falschen Ort ist. Aber wen der Wald erst einmal aufgenommen hat den lässt er so schnell nicht gehen.

Mama bewegt sich zwischen Märchen und Thriller, stellt die Realität auf den Kopf und die eigene Wahrnehmung in Frage. Zugleich befasst der Roman sich damit, was es bedeutet, unbedingt Mutter sein zu wollen und wie es ist, eine zu sein, was es mit dem Ich und dem Uns macht. Zwar sind diese Fragen in der Literatur zur Genüge behandelt worden, Lind findet dafür aber eine ganz neuen Rahmen und neuen Ausdruck. Ein vielschichtiges, mindestens doppeldeutiges, forderndes und gelungenes Debüt.


Jessica Lind: Mama. Kremayr & Scheriau 2021. 192 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 70/175 der eBook-Ausgabe.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar, das mir im Rahmen von Das Debüt 2021 zur Verfügung gestellt wurde.

Der Quell der Hoffnung – „Vom Versuch, einen silbernen Aal zu fangen“ von Janine Adomeit

Der mondäne Kurort Villrath mit seinem schicken Kurhaus, dem gepflegten Park und dem weitläufigen Boulevard war über Jahrzehnte ein gefragter Urlaubs- und Erholungsort. Eine sprudelnde Heilquelle spülte Touristen in den Ort, versprach den Gästen Linderung diverser Leiden und Villrath volle Kassen. Davon ist nichts mehr übrig geblieben. Ein Erdbeben hat vor fast zwanzig Jahren die wertvolle Quelle zum Versiegen gebracht und mit dem Wasser blieben bald auch die Besucher aus. Nun dämmert der Ort trostlos vor sich hin, die Schaufenster ehemals exklusiver Boutiquen sind vernagelt und mit Graffiti besprüht. Auch Vera leidet unter der Situation. Früher hat sie eleganten Damen die Haare frisiert, nun betreibt sie das „Stübchen“ wo sie Mittagstisch und Feierabend-Bier verkauft, das eigene Elend in Jägermeister ertränkt und ihrem Traum vom eigenen Friseur-Salon nachtrauert.

Doch unerwartet gibt es Hoffnung: Als im nahen Wald eine neue Bahntrasse gebaut werden soll, fängt die Quelle nach einer Sprengung plötzlich wieder an, zu sprudeln. Wie ein fetter, silberner Aal ergießt sich ein neuer Quell der Hoffnung in Richtung Villrath. Alle sind ganz aus dem Häuschen und machen große Zukunftspläne, als die Realität ihnen einen harten Dämpfer verpasst. Die Bahn ist gerne bereit, woanders zu bauen, aber nur, wenn die Stadt Villrath die Mehrkosten trägt. Und das ist ganz unmöglich, leer wie die Gemeindekasse mittlerweile ist. Aber so schnell gibt Vera nicht auf. Damit sie endlich dem verhassten Stübchen Lebewohl sagen kann, legt Vera sich richtig ins Zeug.

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Ein düsteres Märchen – „Junge mit schwarzem Hahn“ von Stefanie vor Schulte

Der junge Martin hatte es schwer im Leben. Sein Vater hat die ganze Familie erschlagen, bis auf ihn, der damals noch ganz klein war. Seitdem ist er auf sich allein gestellt. Er besitzt nichts, kein Bett, keinen Topf, meistens nicht einmal genug zu Essen. Einzig einen Hahn hat er, einen schwarzen Hahn, dem die Dorfbewohner dunkle Mächte zusprechen. Doch obwohl ihm in seinem ganzen Leben noch nie jemand geholfen hat, ist er herzensgut. Im Dorf verursacht das Argwohn. Was ist falsch mit diesem Jungen, der scheinbar keinen Hass, keinen Neid und keine Missgunst kennt?

Martin ist aber nicht nur gut, er ist auch sehr schön, so schön, dass er gleich das Interesse eins Malers weckt, der im Dorf das Altarbild erneuern soll. Mit ihm zieht er wenig später los, durch karge Landschaften, in denen ein schrecklicher Krieg tobt. Er lässt Franzi zurück, die einzige Person, die er je geliebt hat, und nimmt nur seinen Hahn mit auf seine große Mission: Er will den unbekannten Reiter finden, der kleine Kinder raubt und mit sich nimmt. Schon von Kindesbeinen kennt Martin die Schauergeschichten von den Männern im schwarzen Mantel, die immer einen Jungen und ein Mädchen entführen. Geglaubt hat er nie daran. Doch seit er selbst Zeuge einer solchen Entführung geworden ist, weiß er, dass er keine Ruhe finden wird, ehe dem Unbekannten nicht das Handwerk gelegt ist.

„Die Aufgabe ist mit dir in die Welt gekommen und jetzt passt sie dir wie angegossen“

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Das Debüt 2021

Zum mittlerweile sechsten Mal wird der Blogger*innenpreis „Das Debüt“ vergeben und zum dritten Mal bin ich Teil der Jury. Bei diesem Preis haben Verlage die Möglichkeit, die Erstlingswerke ihrer Debütant*innen einzureichen. Nachdem eine Jury über eine fünf Titel umfassende Shortlist entschieden hat, ist es in der Hand der teilnehmenden Blogger*innen, daraus den Siegertitel zu küren. In diesem Jahr wurden immerhin 93 Romane eingereicht, aus denen die Jury die sicher nicht leichte Wahl treffen musste.

Wie auch die anderen teilnehmenden Blogger*innen werde ich nun bis Ende Januar die fünf Titel lesen und darüber entscheiden, welcher mein persönlicher Favorit ist. Die Besprechungen werde ich auf dieser Seite sowie im Widget in der rechten Seitenleiste verlinken. Wie immer freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit der restlichen Jury und natürlich auch auf die fünf Titel, die wir lesen dürfen. Und so sieht sie in diesem Jahr aus, die Shortlist:

Ariane Koch: Die Aufdrängung (Suhrkamp): Eine Frau nimmt einen Fremden bei sich auf, und wird ihn nicht mehr los. Oder kommt er von ihr nicht mehr los? Mit Humor und Brutalität lotet Koch aus, was das Fremde mit uns macht, wenn man es einmal ins Leben gelassen hat.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum (Fischer): Otoo, im Literaturbetrieb schon lange keine Unbekannte mehr, hat mit Adas Raum in diesem Jahr ihren ersten Roman veröffentlicht. Sie folgt darin verschiedenen Versionen von Ada, die ganz unterschiedlich sind, und sich doch ähneln, in den Erfahrungen von Unterdrückung und Ausgrenzung, die sie erfahren.


Thomas Arzt: Die Gegenstimme (Residenz): Im April 1938 wir in Österreich über den „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland abgestimmt. Nur einer traut sich, dagegen zu sein. Er soll seinen Widerstand teuer bezahlen.


Jessica Lind: Mama (Kremayr & Scheriau): Erst versucht Amira verzweifelt, schwanger zu werden, dann droht si an der Mutterrolle zu scheitern. Eine einsame Hütte im Wald soll ihr in dieser schweren Zeit ein Zufluchtsort sein, droht aber zur Falle zu werden. Schon bald kann sie die Realität kaum noch von der grausamen Phantasie unterscheiden.


Stefanie vor Schulte: Junge mit schwarzem Hahn (Diogenes): Ein ganz klassisches Märchen erzählt Stefanie vor Schulte mit diesem Roman. Der junge Martin, ein unerschütterlicher und durch und durch aufrechter Held, macht sich auf den Weg in die Welt, um schreckliches Unheil zu bekämpfen. Immer an seiner Seite ist dabei ein stattlicher schwarzer Hahn.

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon einen der Romane gelesen?

Die Kindheit in Protokollen – „Ein Spalt Luft“ von Mischa Mangel

21 Monate verbrachte der namenlose Erzähler in Mischa Mangels Debüt Ein Spalt Luft allein mit seiner Mutter. Fast zwei Jahre, von seinem zweiten bis zu seinem vierten Lebensjahr, zu denen ihm niemand etwas sagen kann.

Kurz nach seiner Geburt entwickelte seine Mutter eine endogene Psychose, wie er aus Gutachten später rekonstruieren wird. Sie bricht alle Kontakte ab und verkriecht sich mit ihrem Sohn in ihrer Wohnung. Derweil kämpft der Vater um das alleinige Sorgerecht. Er ist besorgt um den Sohn, nicht nur um seine Sicherheit, sondern auch um seine Entwicklung. Er soll bei ihm und seiner neuen Partnerin aufwachsen.

Es gelingt und der Erzähler wächst, von gelegentlichen Wochenendbesuchen abgesehen, komplett beim Vater auf. Später bricht er den Kontakt zur Mutter ganz ab, sieht sie über Jahre nicht mehr. Dass sie Kontakt gesucht hat, um Bilder von ihm gebeten hat, das alles erfährt er erst, als er fast zwanzig Jahre alt ist. Als er volljährig wird, bietet sein Vater ihm an, ihm die Unterlagen von damals zu zeigen. Medizinische Gutachten, Gerichtsurteile, Protokolle des Jugendamts. Zwischen den amtlichen Schriftstücken finden sich aber auch die Bänder eines Anrufbeantworters, auf denen die Mutter den Vater wüst und wirr beschimpft.

„Frau ______ hält sich für gesund, ihr Verhalten für normal und wird ihr Leben weiterhin in dieser Form gestalten.“

Daraus setzt die Spurensuche des Erzählers sich zusammen. Nüchterne Feststellungen über den Zustand seiner Mutter, Protokolle darüber, wie ungeschickt sie mit ihm umgeht. Dazwischen immer wieder fragmentarische Erinnerungen an die Kindheit und Äußerungen des Vaters, der versucht, von der Entwicklung der Situation zu berichten, ohne seinen Sohn zu verletzen. Der Versuch, von anderen Familienmitgliedern mehr zu erfahren, erweist sich als ebenso schwer, wie den Kontakt zur Mutter zu stabilisieren. Die Gespräche zwischen den beiden scheinen sich in BAföG-Angelegenheiten zu erschöpfen.

Mangel bietet keine Lösung, keine einfache Rekonstruktion des Geschehen. Er nimmt einen mit auf eine vorsichtige Spurensuche, die so aufschlussreich wie frustrierend sein kann. Man folgt dem Erzähler, wie er sich langsam vortastet, Bruchstücke zusammensetzt, eigene Gedanken zu den Fakten findet, alte Erinnerungen ausgräbt und plötzliche Erkenntnisse gewinnt. Dabei ist der Stil durchaus experimentell und sehr fragmentarisch. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, wer spricht, wovon eine Szene handelt und ob sie überhaupt real ist. Wer hofft, in den Gerichtsakten eine definitive Antwort zu finden, wird enttäuscht werden. Den Erzähler allerdings scheint das nicht im Geringsten zu stören.


tl;dr: Mangel schickt seinen Erzähler auf eine so sensible wie harte Spurensuche nach fast zwei Jahren in seiner frühsten Kindheit, die möglicherweise für immer verloren sind. Ein experimentelles und sehr überzeugendes Debüt.


Mischa Mangel: Ein Spalt Luft. Suhrkamp 2021, 271 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 128.

Dem Vater auf der Spur – „In diesen Sommern“ von Janina Hecht

Blumen pflanzen auf dem Balkon, Urlaub auf dem Bauernhof, ein Sommer in Italien: In solchen Schlaglichtern beleuchtet Teresa die Tage ihrer Kindheit. Das Glück ist dabei höchst fragil. Teresas Vater ist Alkoholiker, seine Launen unberechenbar und die nächste Eskalation nie weit. Auf Zehenspitzen schleichen Teresa, ihr Bruder und ihre Mutter umher, immer darauf bedacht, den Patriarchen nicht zu verärgern. Dabei kann er auch anders sein, bemüht und interessiert. Dann bringt er Teresa das Fahrradfahren bei und kümmert sich um einen Surfkurs für sie. Doch gerade im Urlaub, wenn die Familie den ganzen Tag gemeinsam verbringt, ist die Stimmung fast durchweg angespannt. Selten lässt der Vater seine Wut an den Kindern aus, zumindest, solange sie noch klein sind. Es ist vor allem seine Frau, die seinen ungezügelten Zorn zu spüren bekommt. Doch auch das entgeht den Kindern natürlich nicht. Je älter sie wird, umso mehr geht das Verhalten Teresa gegen den Strich. Sie beginnt, den Vater absichtlich zu provozieren, die Situation auf die Spitze zu treiben.

Teresas Erinnerungen sind sehr knapp und skizzenhaft, dabei aber stark genug, um das äußerst schwierige Verhältnis zum Vater mit aller Wucht zu schildern. Ihre Hilflosigkeit, ihre Wut und ihre Angst stechen in all den kurzen Sequenzen scharf hervor. Im Rückblick versucht die Erzählerin, ihre Erinnerungen zu sortieren, aus lauter Bruchstücken ein komplettes Bild des Vaters zusammenzusetzen, zu dem sie nie Nähe aufbauen konnte. Denn so sehr sie in fürchtet, hassen kann sie ihn nicht, aufgeben will sie ihn nicht. Auch als erwachsene Frau hält sie den Kontakt aufrecht, stellt ihm ihre Freunde vor, sorgt sich um ihn, dessen Alkoholproblem immer schlimmer wird. Die Mutter ist da schon längst gegangen, der alternde Patriarch allein im Familienheim zurückgeblieben.

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Aus dem Leben eines Kindskopfs – „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta

Aus einer ganz einfachen Familie kommt er, der Protagonist in Kaleytas Debüt-Roman. Er wächst auf in Nordrhein-Westfalen, die Eltern arbeiten in der Fabrik, er kann das Gymnasium besuchen, das Abitur machen, etwas werden im Leben. Und das hat er auch verdient, so ist seine Überzeugung. Womit, das ist nicht klar. Alles in seinem Leben ist bequem eingerichtet. Darum ist er auch ganz fassungslos, als Kohl 1998 plötzlich nicht mehr Kanzler ist. Es war doch alles gut! Wer will denn an solchen Umständen etwas ändern? Und weil das alles so gut ist, macht er sich auch wenig Gedanken über die Zukunft. Spontan entscheidet er sich nach der Schule für ein Studium, das aber auch nur, weil er sich in der Rolle des Studenten gefällt. Medizin soll es sein, kann es aber aufgrund des NCs nicht werden, also schreibt er sich für die zulassungsfreien Fächer Germanistik und Soziologie ein. Was er damit mal machen will, ist ja völlig egal.

Und so geht es weiter in seinem Leben. Er schummelt sich mal hier durch und mal da, landet mit viel Glück und keinerlei Verstand einen musikalischen Hit, kommt per Studienkredit nach Madrid und schnorrt sich ansonsten erfolgreich bei seinem reichen Freund, dem Kieferorthopäden-Sohn Sebastian durch. Nebenbei absolviert er zwei Studiengänge mit sehr guten Ergebnissen, das aber eben leider in den Geisteswissenschaften. Eine Sackgasse für jemanden, dem die guten Dinge sonst nur so in den Schoß fallen. In der freien Wirtschaft sieht er keine Chancen und das Leben als wissenschaftlicher Mitarbeiter erscheint ihm unerträglich langweilig. Vielleicht muss er doch dem guten Rat eines ehemaligen Professors folgen und reich heiraten?

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Die Revolution am Ende der Welt – „Der Himmel vor hundert Jahren“ von Yulia Marfutova

In einem abgelegenen russischen Dorf, in etwa zur Zeit der Revolution, hat der alte Ilja sich einen Ruf als mächtiger Seher erworben. Mit Hilfe eines mysteriösen Röhrchens kann er das Wetter voraussagen. In einem Dorf, das ausschließlich von der Landwirtschaft lebt, und in dem deshalb wirklich alles vom Wetter abhängt, ist das eine wertvolle Gabe. Doch nicht alle wollen dem fortschrittlichen Röhrchen glauben. Die Traditionsbewussteren hören lieber auf Pjotr, der mit den Flussgeistern reden kann und ihnen alle Geheimnisse entlockt.

Doch das sind nicht die einzigen Wege, in die Zukunft zu blicken: Als Iljas Frau Inna beim Kochen ein Messer herunterfällt, weiß sie, dass bald ein Mann zu Besuch kommen wird. Nun ist bald relativ und es dauert noch eine ganze Weile, aber dann bewahrheitet sich ihre weise Voraussicht, als Wadik im Dorf auftaucht. Er ist ein Fremder, abgemagert, ohne Schuhe und in einer abgewetzten Offiziersuniform. Auch er redet von der Zukunft und einer neuen Zeit und verlangt, dass in Iljas Haus die Ikonen abgehängt werden. Trotz seiner rätselhaften Herkunft hält Ilja viel von ihm. Lesen kann Wadik zwar auch nicht, aber trotzdem er kennt die Bücher der großen Männer und weiß, was darin steht.

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Ein uralter Kampf – „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo

Ada, Protagonistin in Sharon Dodua Otoos Debüt-Roman Adas Raum erfährt so viele Repressionen auf so vielen Ebenen, dass dafür ein Leben gar nicht reicht. Deshalb muss sie gleich vier mal leben: 1459 in Totope an der Westküste Afrikas, wo sie und ihre Familie erste Begegnungen mit portugiesischen Seefahren haben. 1848 als Ada Lovelace, damals verlachte Vorreiterin heute unverzichtbarer Rechenwege. 1945 als Inhaftierte im KZ Buchenwald, wo sie zum Einsatz im Lagerbordell gezwungen wird. Und schließlich als junge Britin ghanaischer Herkunft, die hochschwanger und zunehmend verzweifelt in Berlin eine Wohnung sucht, während ihr der Brexit im Nacken sitzt und ihre Aufenthaltserlaubnis wanken lässt.

Zusammengehalten werden diese vier Leben nicht nur durch einen Vornamen, sondern auch durch niemand geringeren als Gott, die manchmal auch ein er ist, eine behütende, aber zurückhaltende Instanz, die sich eines weiteren guten Geistes bedient, um Adas Leben im Blick zu behalten. Dieser gute Geist begleitet Ada in Form von Gegenständen auf ihren Wegen durch die Geschichte, stets hoffend, das nächste mal als Mensch inkarniert zu werden und nicht mehr als Türklopfer oder Frühstücksei. Er ist es, der die Erzählung übernimmt, immer ganz nah an Ada und bemüht, Schaden von ihr abzuwenden. Gar nicht leicht, wenn man nur ein alter Besen ist.

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