Was man alles überleben kann – „Ruby“ von Cynthia Bond

Ruby Bell wächst Ende der 1940er Jahre in Ost-Texas auf. Ihre Mutter ist ohne sie nach New York gegangen und sobald sie alt genug ist, folgt Ruby ihr. Liberty, die Kleinstadt, aus der die Familie stammt, ist ein trostloses, abgelegenes Nest und Ruby hat allen Grund, von dort fortzugehen. Besonders die Tatsache, dass sie schwarz ist, macht das Leben dort schwer für sie. Erst ein Trauerfall bringt sie viele Jahre später wieder zurück. Die Stadtbewohner machen sich lustig über die feine Dame, die mit Handschuhen und Stöckelschuhen aus dem Greyhound-Bus steigt. Doch vielen ist sie auch unheimlich. Ruby bewohnt ein Haus draußen am See, von wo man nachts gruselige Schreie hört und sie scheint auch immer merkwürdiger und verwahrloster zu werden. Nur einer hält ihr seit Jahrzehnten die Treue: Ephram, Sohn eines fanatischen Predigers, der von seiner Schwester großgezogen wurde und Ruby nicht vergessen konnte, seit er sie als Achtjähriger das erste Mal gesehen hat.

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Liberty ist eine erzkonservative Kleinstadt in Texas. Ein sehr offen gelebter Rassismus bedeutet für die schwarzen EinwohnerInnen eine ständige Gefahr. In fast jeder Familie fällt mindestens ein Mensch dem Ku Klux Klan zum Opfer. Das strikt geregelte Sozialleben innerhalb der Gemeinschaft geht über alles und wer aus der Reihe tanzt, wird schnell zum gemiedenen Außenseiter. Umso mehr ist Ephrams Schwester Celia besorgt, als ihr Bruder sich plötzlich wieder so brennend für Ruby interessiert. Mit seinem Ruf steht natürlich auch ihrer auf der Kippe.

Soweit das Kleinstadtleben, das mit seiner abgeschiedenen Lage mitten im Wald schon genug unheimliche Kulisse bietet. Was aber in diesem Buch und insbesondere mit Ruby passiert, ist ein Albtraum für sich. Erst nach und nach kommt heraus, was vor Rubys Flucht nach New York alles passiert ist und es ist ein reines Horrorkabinett. Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Mord, archaische Rituale nebst plastisch geschilderten Tieropfern – Cynthia Bond erspart ihren LeserInnen absolut nichts. Je weiter man im Roman kommt, desto tiefer versinkt man in diesem Morast aus Grausamkeit. Als Ruby wieder nach Liberty zurückkehrt, ist ihr Körper ihr herzlich egal geworden. Sie hat schon lange aufgegeben, um körperliche Unversehrtheit zu kämpfen. Nur ihre Seele – auf die legt sie Wert. Und auf die Seelen „ihrer Kinder“. Nachts im Wald hört und sieht sie Geister ermordeter Kinder und sieht es als ihre Pflicht an, ihnen zu helfen. Denn dort ist auch der Dyboù unterwegs, ein böser Geist, der in Menschen fahren kann und so Ruby und den kleinen Geistern ohne Unterlass nachstellt. Und dies sind nur einige der phantastischen Elemente, die Cynthia Bond in ihrem Roman unterbringt. Die Erzählung ist durchwachsen von magischem Realismus, angefangen bei der Voodoo-Zauberin Ma Tante bis hin zu Haaren, die Erinnerungen festhalten und weitergeben können.

„Ain’t nobody ever gone answer your cries. You can fill a well with tears, and all you gonna get is drowned.“

Ruby ist der Debüt-Roman von Cynthia Bond und wurde ein schlagartiger Erfolg. Die Autorin scheint ihre Stil auf Anhieb gefunden zu haben. Es gelingt ihr, die düstere Atmosphäre in jeder Hinsicht einzufangen. Die Grausamkeiten, die geschildert werden, sind zum Teil an Blutrünstigkeit und Perversion nicht mehr zu überbieten, erwecken aber nicht den Eindruck, als reine Sensation in den Roman geschrieben worden zu sein. Das hat der Roman auch überhaupt nicht nötig. Und Bond selber auch nicht. Vieles, was sie beschreibt, kennt sie aus der eigenen Familiengeschichte oder aus ihrer Arbeit im sozialen Bereich. Das macht die Geschichte nun aber wirklich nicht leichter verdaulich. Ruby beschreibt den finsteren Sumpf aus Rassismus, Sexismus und Misogynie, der für viele Alltag war und ist und macht deutlich, mit welcher Kraftanstrengung es verbunden ist, dem zu entkommen. Bond hat einen sehr mutigen und ambitionierten Debüt-Roman geschrieben, der gut und stimmig komponiert ist, aber durchaus seine Ecken und Kanten hat. Angst vor der Dunkelheit, besonders der der menschlichen Seele, sollte man allerdings nicht haben.


Cynthia Bond: Ruby. Two Roads 2015. Originalausgabe Hogarth 2014. Eine deutsche Übersetzung konnte ich leider nicht finden.

Das Zitat stammt von S. 51.

Bond war mit diesem Roman auf der Shortlist des Baileys Women’s Prize for Fiction 2016. Dieser Beitrag ist Teil des wpf-Leseprojekts.

Erzwungene Männlichkeit – „Annabel“ von Kathleen Winter

Das erste Kind von Jacinta und Treadway, einem Ehepaar, das in einer abgeschiedenen Kleinstadt in Labrador lebt, wird ohne eindeutiges Geschlecht geboren. Treadway ist bei der Geburt nicht dabei, zunächst wissen nur Jacinta und ihre Freundin und Geburtshelferin Thomasina davon. Jacinta ist erst überfordert, dann träumt sie von ungeahnten Möglichkeiten: männliche und weibliche Qualitäten, Mut und Warmherzigkeit, Jagdgeschick und Instinkt vereint in einer Person. Doch sie weiß, dass die Realität auf den Schulhöfen des ländlichen Kanada anders aussehen wird. Diese Belastung will sie ihrem Kind ungern zumuten. Also wird es halt ein Mädchen, beschließen Jacinta und Thomasina. Ein Junge, entscheiden Treadway und Dr. Ho mit seinem Phallometer. Das Kind wird auf den Namen Wayne getauft und künftig als Junge großgezogen. Treadway, der als Trapper den Lebensunterhalt der Familie bestreitet, nimmt Wayne besonders früh mit auf die Jagd und hat ein scharfes Auge darauf, dass alle weiblichen Tendenzen möglichst früh unterbunden werden.

I mean we try to make the baby comfortable as a male in his own mind, and in the minds of other people who are in his life now or will be in the future.

Anders ist es bei Thomasina: Sie nennt Wayne Annabel, nach ihrer jung verstorbenen Tochter und bleibt dabei. Wayne versteht den Namen lange als „Ambel“ und hält es für einen unsinnigen Kosenamen. Die beiden haben eine innige Bindung und Thomasina, nach wie vor als einzige eingeweiht, unterstützt jede Entwicklung von Wayne, ob sie nun eher als männlich oder weiblich angesehen wird. Waynes Eltern erzählen ihrem Kind nicht, welche Entscheidung sie getroffen haben. Sie erklären nicht, wogegen oder wofür die verschiedenen Pillen sind, die Wayne jeden Tag nehmen muss. Mit fortschreitender Pubertät aber haben die beiden die ganzen Angelegenheit immer weniger im Griff. Die Hormone sind schwieriger einzustellen, Wayne hat deutlich weniger Bartwuchs als die anderen in der Klasse, ist zu schlank gebaut, die Gesichtszüge bleiben zu weich und ein kleiner, aber sichtbarer Brustansatz sorgt für blöde Kommentare. Aber erst als es zu einem medizinischen Zwischenfall kommt, setzt Thomasina den Eltern die Pistole auf die Brust: sie müssen Wayne die Wahrheit sagen, sonst macht sie das. Besonders für den Männlichkeitsverfechter Treadway wird das zu einer extrem belastenden Situation.

Kathleen Winter Annabel

Annabel spielt in den 1970er Jahren in Labrador. Die Lage der Kleinstadt ist weit ab vom Schuss und die Lebensweise der Menschen scheint sich über Jahrhunderte kaum verändert zu haben. Die Männer leben als Trapper, sind monatelang in den dichten Wäldern unterwegs und schlafen in einfachen Hütten. Zu ihren Häusern in der Stadt und zu ihren Familien kehren sie nur für wenige Monate im Sommer zurück. Für die daheimgebliebenen Frauen können die Winter lang und einsam werden. Die Rollen, die Frauen und Männern zugeschrieben und zugestanden werden, sind hier sehr klar definiert. Für Waynes Kampf und die eigene Identität bildet diese Gesellschaft den idealen Hintergrund. Wayne wächst damit auf, dass es nur „sie“ oder „er“ geben kann und dass die einmal angetretene Position dann auch mit Inbrunst ausgefüllt werden muss. Die Stimmen, die dem widersprechen, sind selten und leise.

Kathleen Winter hat einen überzeugenden Roman über Intersexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit geschrieben. An den Stellen, an denen es um medizinische Eingriffe oder sexuelle Erfahrungen geht, ist der Romane sehr, sehr zurückhaltend. Das schont das Schamgefühl der Leserschaft, ist aber nicht immer gut für den Text.  Manchmal siegt auch die symbolhafte Funktion eines Erzählstrangs über die Glaubhaftigkeit. Dass ein umherfliegender Glassplitter eine Stimmbandverletzung hervorruft, die fast zum Stimmverlust führt, fand ich beispielsweise nicht ganz plausibel. Andere Erzählstränge geraten über lange Zeit in Vergessenheit, bis sie an unerwarteter Stille wieder aufgenommen und dann sofort abgerissen werden. Nichts davon stört allerdings die zugrundeliegende Struktur des Romans. Annabel ist zurückhaltend, aber mit sicherem Stil erzählt und entwickelt dabei einen ruhigen und stetigen Fluss.


Kathleen Winter: Annabel. Jonathan Cape 2011. 461 Seiten. Eine Taschenbuch-Ausgabe ist derzeit bei Vintage lieferbar. Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht ausfindig machen.

Das Zitat stammt von S. 49

Kathleen Winter war mit diesem Roman 2011 für den Orange Prize for Fiction nominiert. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekts Women’s Prize for Fiction.

Brutalität, Fragilität und ein sehr eigenwilliger Stil – „A Girl is a Half-formed Thing“ von Eimear McBride

Eimear McBride macht in ihrem Debüt-Roman keine halben Sache. Der gesamte Roman ist in einem einzigen stream of consciousness geschrieben. Nachdem ich auf den ersten drei Seiten nichts verstanden hatte, außer dass es jemandem nicht sehr gut geht und jemand anders deswegen traurig ist, dachte ich noch, das sei nicht so wild. Niemand, also wirklich absolut niemand, schreibt einen 200 Seiten langen Bewusstseinsstrom und sagt dann „seht her, mein Roman“. An irgendeinem Punkt würde das aufhören. Würden. Ganze Sätze kommen. Und weniger. Die Sprünge weniger. Aber nein, das passiert nicht. Dennoch hat McBride es geschafft, mich ab Kapitel 2 völlig mitzunehmen. Da hatte ich aufgegeben. Wer in Kapitel 2 auch noch  stream of consciousness schreibt, wird bei Kapitel 3 nicht aufhören. Also Augen zu, noch einmal tief Luft holen und fallen lassen in das dahinströmende Bewusstsein der Protagonistin.

„We don’t know the world but want and want and on the very tip of the tongue I’d fly away if I could. With her. It is our love affair. How we’d be. Who we think we are beneath royal blue jerseys and pleated skirts. Icon in the making me someone new tell every single one at school to go to fuckung hell.“

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Alte Jungfern auf der Walz – „Spinsters“ von Pagan Kennedy

1968 ist ein ereignisreiches Jahr. Bobby Kennedy und Martin Luther King werden ermordet, in Memphis sorgt der „sanitation strike“ für Aufregung, überall in den USA formiert sich Widerstand gegen den Vietnam-Krieg und Frannies Vater stirbt. Letzteres ist der Nation herzlich egal, zieht Frannie aber den Boden unter den Füßen weg, denn ihr Vater nimmt ihre Identität mit ins Grab. Mit Mitte dreißig definiert Frannie sich ausschließlich als seine Tochter, die ihn nach dem frühen Tod der Mutter und durch eine langsame, grausame Krankheit hindurch gepflegt hat. Nach seinem Tod kann sie nur noch Frannie sein, hat aber keine Ahnung, wie man das macht, was man darf, was man trägt. Hilfe findet sie bei ihrer Schwester Doris, die, ebenfalls unverheiratet, auch noch im Haushalt des Vaters lebt. Gemeinsam folgen sie der Einladung einer Tante, einer weiteren „alten Jungfer“, die ohne Mann in Virginia lebt. Frannie freut sich. Von der Tante kann sie lernen, wie man so lebt als unverheiratete Frau, als „spinster“.

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Doch Doris hat andere Pläne. Sie will mehr sehen von diesem großen Land und hält es nicht lange aus im eintönigen Leben ihrer Tante. Wohl oder übel schließt Frannie sich ihr an und gemeinsam fahren sie im Plymouth Valiant quer durch die USA. Sie verbringen Stunde um Stunde auf dem Highway, kommen in Motels unter, essen in austauschbaren Diners, kaufen neue Kleider, reden, reden und streiten. Doris fängt an zu rauchen. Frannie lässt sich versehentlich eine neue Frisur verpassen. Vor allem für Frannie bedeutet die neue Freiheit aber auch Unsicherheit. Sie fürchtet ständig, dass Doris jemand anderen finden könnte, einen Mann, eine neue Freundin, irgendjemand, mit dem sie weiter zieht und Frannie alleine zurücklässt. Sie kann sich nicht vorstellen, ihr Leben mit irgendjemand anderem als ihrer Schwester zu verbringen. Für sie war immer klar, dass die Reise nur eine Unterbrechung ist und sie am Ende wieder nach New Hampshire fahren werden, wo sie weiter unverheiratet zusammenleben werden. Mit alten Kleidern und gewohnter Frisur. Doch die vielen Kilometer Asphalt, die die beiden Schwestern hinter sich lassen, werden langsam zum unsichtbaren Hindernis.

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Kindheit zwischen den Fronten – „No Bones“ von Anna Burns

Amelia Boyd Lovett wächst in Belfast auf. Als 1969 die bürgerkriegsähnlichen Unruhen beginnen, ist sie gerade fünf Jahre alt. In einer der ersten Szenen kauert sie unter einem Tisch, hinter vernagelten Fenstern, während draußen eine verfeindete Gruppe versucht, die Haustür aufzubrechen. Was passieren wird, wenn es ihnen gelingt, stellt Amelia sich gar nicht erst vor. Am nächsten Tag kratzt sie die Schrapnell-Reste aus der Haustür und legt sie zu ihrer Sammlung. Ihre Familie lebt in Ardoyne, einem Teil der Stadt, der traurige Berühmtheit für die besonders hohe Zahl tödlicher Zwischenfälle erlangte. Ihre gesamte Kindheit und Jugend über wird Gewalt für sie der Normalzustand sein. Die Angst, der gegnerischen Partei in die Arme zu laufen ist allgegenwärtig und in jeder Familie, in jeder Klasse gibt es jemanden, der bei einer Schießerei stirbt, plötzlich verschwindet oder von einer Autobombe getötet wird. Auch zu Hause kann Amelia nicht auf Ruhe und Frieden hoffen. In ihrer Familie werden Konflikte entweder gar nicht oder mit brutalen Auseinandersetzungen gelöst.

„It wasn’t that she’d anything against peace. It was just that she didn’t have anyting for it. What did she know? Who could she ask? Nobody. Nobody she knew knew anything about peace.“

Der Roman folgt Amelia weit über die Jugend hinaus, bis in den Sommer 1994. Sie schafft es, Nordirland und die alte Nachbarschaft hinter sich zu lassen. Doch die Erinnerungen ihrer Jugend verfolgen sie bis ins Erwachsenenalter hinein. In ihren Träumen tauchen Freundinnen von früher auf und fragen, wie sie tanzen gehen konnte, nachdem sie von ihrem Tod erfahren hat. Sie versucht, dagegen anzukommen, indem sie die Nahrung verweigert und zu viel trinkt. Dass das auf Dauer keine Lösung sein kann, versteht sich von selbst.

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Coming of Age auf Irisch – Éilís Ní Dhuibhnes „The Dancers Dancing“

Im Sommer 1972 fährt ein Bus von Dublin in den äußersten Norden Irlands, ans östliche Ende von Donegal. An Bord sind Schülerinnen und Schüler, die in den Sommerferien im „Irish College“ ihre eigene Kultur besser (kennen)lernen sollen. Morgens gibt es Irisch-Unterricht, am Nachmittag Ausflüge an den Strand und abends werden traditionelle irische Tänze unterrichtet. Mit dabei ist Orla, die mit ihren Freundinnen Aisling und Sandra reist. Was als unterhaltsamer Schulausflug beginnt, wird für Orla zu einer entscheidenden Entwicklungsphase.

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Ihren Mitschülerinnen gegenüber fühlt Orla sich oft benachteiligt oder sogar minderwertig. Ihr Vater ist Maurer und kein Journalist wie Aislings Vater. Er verdient so wenig, dass ihre Mutter angefangen hat, Zimmer im Haus an junge Männer zu vermieten, die eine billige Unterkunft in der Stadt brauchen. Wenn die Zimmervermietung gut läuft, müssen Orla und ihr Bruder bei den Eltern im Schlafzimmer übernachten und manchmal steht sogar im Treppenhaus noch ein zusätzliches Bett. Freundinnen kann man da natürlich nicht einladen. Außerdem ist ihre Mutter häufig müde und überanstrengt und leidet unter Kopfschmerzen. Orlas Aufgabe ist es dann, ihr im Haushalt zu helfen und die Einkäufe für sie zu tragen. Dass sie das in den nächsten Wochen nicht wird tun können, bereitet ihr ein schlechtes Gewissen. Überhaupt empfindet Orla ihre Familie als peinliche Belastung. Es bereitet ihr beinahe physische Schmerzen, dass sie einen Tag ihre Tante Annie besuchen soll. Was, wenn eine ihrer Freundinnen die schräge Tante sieht, die immer ein Bein nachzieht und in diesem peinlich heruntergekommenen Häuschen wohnt?

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Sheri Holman: The Mammoth Cheese

Margaret Prickett, Farmerin in Virginia, steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Seit Generationen hat ihre Familie eine Farm im kleinen Ort Three Chimneys, wo sie Jersey Kühe halten und ihren eigenen Käse herstellen. Der Tod ihres Vaters lässt sie mit einem Schuldenberg zurück und die Bank setzt die letzte Frist zur Begleichung ihres Kredits. Rettung sieht sie in Adam Brooke, der für das Amt des Präsidenten kandidiert und im Falle seines Sieges einen Schuldenschnitt für kleine Farmen verspricht. Seinem Wahlkampf widmet Margaret alle Zeit, die sie nicht in Kuhstall oder Käsekeller verbringt. Dabei verliert sie ihre Tochter Polly aus den Augen, die mit ihren 13 Jahren das erste mal verliebt ist, leider recht unglücklich in ihren Geschichtslehrer Mr. March. Und auch für August, der ihr auf der Farm hilft und seit Jahrzehnten in sie verliebt ist, hat sie keine Augen. Von Augusts Vater allerdings, Pfarrer Leland, kommt die Idee, einen gigantischen Käse zu produzieren, einen Mammut-Käse, der Adam Brooke als Geschenk präsentiert werden soll, als Dank der kleinen Farmer, für deren Rechte er sich einsetzt. 1.235 Pfund soll er wiegen, ganz wie sein Vorbild, der „Cheshire Mammoth Cheese“, der 1802 Thomas Jefferson zum (historisch verbrieften) Geschenk gemacht wurde.

„This homespun, heartfelt, mammoth gesture appealed to the populist spirit of most Americans.“

Der Riesenkäse ist aber nicht die einzige Sensation, die das sonst so triste Three Chimneys gerade aufweisen kann. Eine Frau aus dem Ort hat nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung elf Kinder auf die Welt gebracht – ein neuer Weltrekord und Grund für Kamerateams aus aller Welt, den Rasen vor dem Krankenhaus zu zertrampeln. Der ganze Ort ist voll gerührter Hilfsbereitschaft. Doch die Sensation wird schnell zum Drama, als nicht alle Kinder überleben. Von der ursprünglichen Hilfsbereitschaft bleiben nur noch aussortierte Sachspenden und Mutter Manda verzweifelt an ihrer neuen Mammut-Aufgabe.

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Olivia A. Cole: Panther in the Hive

Tasha, Anfang zwanzig und mit blödem Job, lebt um ca. 2080 in Chicago. Wer es sich in den USA leisten kann, ist Mitglied bei MINK, einer Art Elite-Krankenkasse. Tasha kann es sich nicht leisten. Denn aufgenommen wird dort nur, wer eine feste Anstellung und einen tadellosen Ruf hat. Wer MINK-feindliche Organisationen unterstützt oder abgetrieben hat, ist chancenlos. Ohne MINK wird man besser nicht ernsthaft krank, denn eine private Behandlung ist nicht finanzierbar. Und ohne MINK hat man kein Recht auf den Cybranu-Chip, den alle haben wollen. Einmal implantiert sorgt der Chip dafür, dass der Träger gegen alle Verletzungen und Infektionen immun ist. Auch das Körpergewicht wird mühelos im Idealbereich gehalten. Doch plötzlich gibt es ein Problem mit den Chips. Alle „Minker“ werden von heute auf morgen willenlose, zombieartige Kannibalen, die den Ungechippten an die Kehle wollen. Hoffnung zieht Tasha aus einem Brief ihrer Schwester. Die lebt in der unabhängigen Nation California, wo die Chips verboten waren, und rät ihr dringend, den verwahrlosten Süden Chicagos aufzusuchen. Dort soll es Hilfe für sie geben. Bewaffnet nur mit einem Prada-Rucksack und einem Küchenmesser ist das ein weiter Weg.

Them has changed irreversibly. Them will always mean them, now: Minkers. The rest have been transformed into ‚us‘.“

Eine bessere Alternative hat Tasha aber auch nicht, und so bricht sie auf, verzweifelt darüber, dass sie ihre Schuh-Sammlung zurücklassen muss. Unterwegs muss Tasha nicht nur gegen fiese Mutanten kämpfen, sondern auch gegen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten. Niemals verlässt sie das Haus ohne Schichten von Concealer und geglätteten Haaren, nun ist sie plötzlich froh, wenn sie sich mal die Zähne putzen kann. Ihr Ziel war es immer, sexy zu sein. In einer Welt, in der sexy überhaupt keine Relevanz mehr hat, steht sie plötzlich ohne Identität und Ziel da. Seit sie vor ein paar Jahren nach Chicago gekommen ist, war es ihr nicht möglich, echt Freundschaften zu schließen. Diese Sperre muss sie nun überwinden, denn schnell erkennt sie, dass sie ganz alleine nicht lange überleben wird und sich wohl oder übel auf andere verlassen muss. Panther in the Hive ist also nicht nur ein Mutanten-Metzel-Roman, sondern auch eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr nachvollziehbaren und authentischen Protagonistin. Ihre Entwicklung stützt den Plot, der aber auch durchaus und primär durch Spannung und Gruseleffekte besticht.

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Heather O’Neill: Lullabies for Little Criminals

Lullabies for Little Criminals ist die Geschichte der zwölfjährigen Baby, die bei ihrem Vater Jules in Montreal aufwächst. Baby ist ihr wirklicher Name – ihre Eltern waren gerade fünfzehn, als sie geboren wurde, und hielten das für einen guten Namen. Ihre Mutter starb so jung, dass Baby sich gar nicht mehr an sie erinnern kann. Ihr Vater ist gerade Ende zwanzig, mit der Situation völlig überfordert und schwer drogenabhängig. Zusammen mit seiner Tochter zieht er von heruntergekommener Wohnung zu dreckigem Hotel und hält sich mit halbseidenen Gelegenheitsjobs über Wasser. Doch Baby ist zufrieden damit. Sie kennt es nicht anderes, es ist ihr Leben, und ihr Vater liebt sie aufrichtig. Zweimal lebt sie bei Pflegefamilien, während ihr Vater versucht, einen Entzug durchzustehen.

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Chloe Hooper: A Child’s Book of True Crime

Die junge Kate Byrne hat es in das tasmanische Nest Endport verschlagen. Dort unterrichtet sie an einer Grundschule und hat eine Affäre mit Thomas, dem Vater eines Schülers. Thomas ist mit seiner Familie nach Endport gezogen, weil seine Frau Veronica dort für ihren Roman recherchieren wollte. Sie hat eine wahre Kriminalgeschichte geschrieben über einen Mordfall, der sich in dem Städtchen ereignet hat und nie vollständig aufgeklärt wurde. Die junge Ellie wurde vor zwölf Jahren von Margot, der eifersüchtigen Frau ihres Liebhabers, brutal niedergemetzelt. Margot wurde danach nie wieder gesehen, nur ihren Wagen fand man an den berüchtigten Selbstmörderklippen. Erst zu spät fiel den Ermittlern auf, dass nicht alle Spuren zueinander passten. In Endport selbst ist das Interesse an der neuen Aufwicklung eher gering, man wäre froh, ließe man dieses Kapitel einfach auf sich beruhen.

Doch nun scheint das Leben der nächsten Ehebrecherin in Gefahr zu sein. Als Kate eines Tages die Tür zum Klassenraum abschließt, hat jemand von außen „I KNOW“ in die Tür geritzt. Nachts klingelt ständig das Telefon. Nur wenig später versagen die Bremsen ihres betagten Autos. Hat die betrogene Ehefrau es auf sie abgesehen? Ist gar Margot wiedergekehrt und nimmt stellvertretend erneut Rache an einer jungen Frau, die eine Familie zerstören will? Oder steigert Kate sich, wie Thomas glaubt, in ihre unbegründeten Ängste einfach nur hinein?

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