Buchhändlerin? Das wäre ich auch gerne!

Obwohl ich seit einiger Zeit überhaupt nicht mehr als Buchhändlerin arbeite, führt mein Ausbildungsberuf immer wieder zu Begeisterungsstürmen. So ein schöner Beruf! Tatsächlich ist es ein schöner Beruf, das gebe ich unumwunden zu. Allerdings fällt mir in diesen Gesprächen auch immer wieder auf, dass viele Leute geradezu wildromantische Vorstellungen vom Beruf der Buchhändlerin haben. Und so viel Spaß der Job mir auch gemacht hat – reines Gold ist er halt nicht.

„Da würde ich den ganzen Tag lesen!“

Nein, würdest du nicht. Du würdest 8 Stunden arbeiten und nach Feierabend lesen. Wie in sehr vielen anderen Berufen auch. Wenn es gut läuft, hast du in diesen 8 Stunden eine Menge interessante Gespräche über Bücher geführt, wenn es schlecht läuft sagst du einfach nur 480 mal „9,99 €, wird es bei Ihnen als Geschenk eingepackt, ja der Preis ist abgeklebt, möchten Sie ein Lesezeichen dazu haben? Einen schönen Tag noch!“. Wenn es richtig schlecht läuft, musst du auch noch Schokoladentäfelchen oder irgendeinen anderen Quatsch up-sellen. Wenn es richtig super schlecht läuft sagen mehr als zehn Leute „Da steht ja gar kein Preis drauf, dann kostet es wohl nichts, hahahahaha!“ und man darf sie nicht boxen. Und wenn es super, super schlecht läuft, kotzt auch noch ein Hund auf den Teppichboden und der dicke Wels im Aquarium hinter der Kasse stirbt publikumswirksam. Alles schon dagewesen.

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Anne Tyler: Ladder of Years

Delia hat die Schnauze voll von ihrer Familie. Ihr Mann und ihre drei fast erwachsenen Kinder bringen ihr keine Wertschätzung entgegen und ihre gerade aufkeimende Affäre mit Adrian findet ein jähes Ende, nachdem er sich dann doch mit seiner Frau versöhnt. Während des gemeinsamen Sommerurlaubs, der jedes Jahr am gleichen Ort stattfindet, steht sie auf und geht, bekleidet nur mit Badeanzug und -mantel. Eine glückliche Fügung bringt es, dass auch die 500$-Dollar Urlaubskasse in ihrer Badetasche ist, was ihr zumindest eine kleine Starthilfe ist im nahen Städtchen Bay Borough, wohin sie ein Lastwagenfahrer mitnimmt.

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Sie findet Unterkunft bei einer Frau, die Zimmer vermietet und Arbeit bei einem Rechtsanwalt, der Mindestlohn zahlt. Nach ein paar Tagen erscheint eine Vermisstenanzeige der Polizei, in der nach ihr gesucht wird. Die vermissenden Familienmitglieder sind sich weder mit ihrer Haar- noch mit ihrer Augenfarbe sicher, was Delia in ihrem Entschluss bestärkt – sie bleibt in Bay Borough. Ihre Schwester taucht auf und fragt, ob ihr Mann sie schlage. Die Polizei taucht auf und fragt, ob der Aufenthalt in Bay Borough ihrem freien Willen entspreche. Delia wartet, dass auch ihr Mann Sam auftaucht, sie in die Arme und mit nach Hause nimmt. Es kommt nur ein Brief mit vorwurfsvollem Unterton. Also bleibt sie wo sie ist.

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