Annäherung im Outback – „The Idea of Perfection“ von Kate Grenville

Weniger als 1.500 Einwohhner hat Karakarook in New South Wales und doch ist es wichtig genug um gleich zwei Menschen aus Sydney in die Kleinstadt zu bringen: Der unter Höhenangst leidende Ingenieur Douglas Cheeseman soll den Abriss und Neubau einer historischen Holzbrücke leiten, Harley Savage soll mit der Einrichtung eines Heimatmuseums helfen. Beide haben nicht nur ihre Arbeit mit in die Kleinstadt gebracht, sondern auch ihre Vergangenheit. Unter den aufmerksamen Augen der Kleinstadtbevölkerung nähern sich beide an, ohne es zu wollen.

Harley hatte eigentlich vor, niemanden mehr in ihr Leben zu lassen, seit der letzte ihrer drei Ehemänner sich umgebracht hat und dass auf so brutale Weise, dass sie glaubt, es läge an ihr und in ihr. Doch als sie kaum zehn Minuten in der Stadt ist, drängt sich schon das erste Lebewesen in Form einer herrenlosen Hündin in ihr Leben. Sie hat überhaupt keine Lust, sich um sie zu kümmern, kauft aber nur dieses eine Mal eine Dose Hundefutter. Und von da an jeden Tag, immer ein letztes Mal. Den Rest ihrer Tage verbringt sie damit, den Leuten zu erklären, was wirklich interessante Ausstellungsstücke für das Karakarook Pioneer Heritage Museum sind und arbeitet an einem Quilt, den niemand versteht, weil er zu „zeitgenössisch“ ist.

Douglas traut sich sonst nicht, mit Frauen zu sprechen. Eigentlich traut er sich gar nicht, überhaupt mit irgendwem zu sprechen. Ein Ingenieur mit Höhenangst – peinlich genug. Kein Wunder, dass er nur die langweiligen Projekte in der Provinz bekommt. Die Brücke in Karakarook würde er eigentlich gerne erhalten und wüsste auch, wie. Aber natürlich traut er sich nicht, das mit seinem Vorgesetzten zu diskutieren. Seit seine Ex-Frau ihm mehrfach gesagt hat, wie sehr er alle mit seiner Begeisterung für Beton und Brücken langweilt, hält er sich mit dem Thema lieber zurück. Doch obwohl er so weit unter dem Radar bleibt, wie es irgend geht, gerät er zwischen die Fronten. Die Leute vom Heimatmuseum wollen die Brücke erhalten, um Touristen anzulocken, während andere die Schnauze voll haben von den verdammten Ökos und künftig über eine anständige Betonbrücke fahren wollen.

„There were times when the light in the country seemed bright enough to burn the flesh right off your bones.“

Den Hintergrund dieser beiden Geschichten bildet das verschlafene Karakarook, das insektenumschwirrt an der Biegung eines Flusses in der australischen Hitze vor sich hin staubt. Viel passiert hier nicht, umso interessanter ist das Treiben der anderen und insbesondere der beiden Fremden. Unter dem Licht der heißen Sonne werden die Unvollkommenheiten der Menschen gnadenlos ausgeleuchtet. Damit kommen die sie unterschiedlich gut zurecht, am schlechtesten unter ihnen wohl Bankdirektorengattin Felicity Porcelline, die signifikante Teile ihres Tages damit verbringt, sich so zu bewegen, dass ihre Haut nicht faltig wird. Aber auch das übrige Romanpersonal hat mit seinen Unzulänglichkeiten zu kämpfen: krumme Nähte im Quilt, langweilige Gesprächsthemen, abgetragene Klamotten, schlechte Haarschnitte – perfekt ist in ganz Karakarook überraschenderweise niemand.

Die Stärke von The Idea of Perfection liegt gar nicht so sehr im Plot, der zugegebenermaßen nicht so sehr einzigartig ist. Allerdings hat Grenville eine große Beobachtungsgabe und auch die Gabe, ihre Beobachtungen lebensecht aufs Papier zu bringen. Sie beschreibt misslungene Dates so schrecklich, dass man am liebsten selbst den Raum verlassen würde und Anfälle von Höhenangst so unmittelbar, dass man beim Lesen selbst schwitzige Hände kriegt. Das in Verbindung mit ein paar dann doch sehr originellen Ideen ergibt ein sehr gelungenes Gesamtbild.


tl;dr: Ein gut erzählter Roman über zwei Menschen, die ihre eigenen Unvollkommenheiten akzeptieren müssen. Der Plot ist solide gebaut aber nicht wahnsinnig originell, Grenville punktet allerdings mit einer extrem ausgeprägten Beobachtungsgabe.


Kate Grenville: The Idea of Perfection. Picador 2001, 401 Seiten. Erstausgabe Pan Macmillan Australia 1999. Eine Übersetzung von Anne Rademacher und Karina Of ist 2001 unter dem Titel Eine Ahnung von Vollkommenheit erschienen. Beide Versionen sind derzeit nur antiquarisch erhältlich. (Die englische Ausgabe habe ich versehentlich doppelt gekauft, also wenn es jemand lesen möchte, meldet euch gerne.)

Das Zitat stammt von S. 339.

Mit diesem Roman gewann Grenville 2001 den Orange Prize for Fiction. Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Women’s Prize for Fiction.

Navigation in einer zerstörten Welt – „The Great Fire“ von Shirley Hazzard

Der Zweite Weltkrieg ist seit zwei Jahren vorbei, als Alfred Leith als Gast das Haus des Australiers Driscoll im japanischen Kure betritt. Leith hat auf britischer Seite gekämpft, hat Freunde sterben sehen und wurde selbst schwer verwundet. Davon allerdings hat er sich beinahe komplett erholt, als er nun, mit Orden behangen und mit Ehrerbietungen bedacht, seine Reise durch Asien antritt, wo er ein Buch beenden will. In Kure lernt er Helen und Ben kennen, die Kinder seiner Gastgeber. In ihrer Isolation sind die beiden stark aufeinander fixiert. Ben ist an Friedreich-Ataxie erkrankt, seine elfengleiche Schwester ist seine größte Stütze in seinem stetigen Niedergang. Auch das Herz von Leith erobert sie im Sturm, obwohl sie gerade erst 17 ist, 15 Jahre jünger als der ehemalige Soldat. Die Zuneigung besteht allerdings auf beiden Seiten. Helen vermutet nicht weniger als einen kosmischen Plan hinter der Reise ihrer Familie um den halben Planeten, die nun in Kure endet, wo sie Aldred kennenlernen muss.

Ergänzend zu Aldreds Geschichte wird die von Peter Exley erzählt, einem jungen Mann, der mit ihm im Krieg war. Auch er bereist nun Asien, allerdings ist er mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen befasst. Die beiden Männer treffen sich in Hongkong, beide in der Überzeugung, dass China bald für die Welt verloren sein wird und die ihre letzte Chance auf eine Reise durch das Land wahrnehmen wollen. Exley ist der etwas gröbere Gegenpart von Aldred, nicht weniger tapfer, aber weniger feinfühlig und musisch, weniger agil.

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Essen aus Büchern: Lamington-Kuchenwürfel aus Carrie Tiffanys „Fortschrittlich leben für jedermann“

In Fortschrittlich leben für jedermann geht es um ein Ehepaar, beide Angestellte des australischen Landwirtschaftsministeriums. Die beiden sind so beflügelt von der Idee des technischen Fortschritts, dass sie unter streng wissenschaftlichen Kriterien eine prosperierende Farm im unwirtlichen Outback aufbauen wollen. Bald müssen sie erkennen, dass Theorie und Praxis weit auseinander liegen und führen ein äußerst entbehrungsreiches Leben. Umso größer die Freude wenn es anlässlich einer Feier doch mal was besonderes gibt:

„Es gibt Vanilleteilchen mit so dicker Puddingfüllung, dass der Deckel fast abrutscht und Lamington-Kuchenwürfel mächtig wie Backsteine.“

Um die Lamington-Würfel rankt sich übrigens eine Legende, die garantiert falsch ist und besagt, dass die Haushälterin von Lord Lamington, Governor of Queensland, einen Kuchenwürfel versehentlich in Schokoladensoße hat fallen lassen und ihn daraufhin, damit man ihn wenigstens anfassen konnte, in ebenfalls herumstehende Kokosraspeln geworfen hat. Der just in diesem Moment eintretende Lord Lamington war entzückt von der Idee. Und so sind der Legende nach die Lamingtons entstanden. Möglich ist es allerdings, dass der Kuchen tatsächlich aus seinem Umfeld stammt. Europäische Gäste waren zu dieser Zeit noch sehr leicht mit Kokos zu begeistern.

Wer den angeblichen Küchenunfall nachbauen will, so geht’s:

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Garry Disher: Bitter Wash Road

Es ist einsam im australischen Tiverton. Ein Kaff, so klein, dass die Polizeidienststelle von nur einem Beamten besetzt ist, der im angrenzenden Haus auch gleich wohnt. Im Moment ist es Constable Hirsch, der dort seinen Dienst versieht. Freiwillig kommt niemand an diesen Ort, auch Hirsch hat den Aufenthalt einer Strafversetzung zu verdanken. In seiner Heimatstadt Adelaide hat er korrupte Kollegen ans Messer geliefert, während man ihm selbst nichts hat nachweisen können. Dass er sich wirklich nichts hat zu Schulden kommen lassen, können nicht mal seine Eltern glauben.

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Chloe Hooper: A Child’s Book of True Crime

Die junge Kate Byrne hat es in das tasmanische Nest Endport verschlagen. Dort unterrichtet sie an einer Grundschule und hat eine Affäre mit Thomas, dem Vater eines Schülers. Thomas ist mit seiner Familie nach Endport gezogen, weil seine Frau Veronica dort für ihren Roman recherchieren wollte. Sie hat eine wahre Kriminalgeschichte geschrieben über einen Mordfall, der sich in dem Städtchen ereignet hat und nie vollständig aufgeklärt wurde. Die junge Ellie wurde vor zwölf Jahren von Margot, der eifersüchtigen Frau ihres Liebhabers, brutal niedergemetzelt. Margot wurde danach nie wieder gesehen, nur ihren Wagen fand man an den berüchtigten Selbstmörderklippen. Erst zu spät fiel den Ermittlern auf, dass nicht alle Spuren zueinander passten. In Endport selbst ist das Interesse an der neuen Aufwicklung eher gering, man wäre froh, ließe man dieses Kapitel einfach auf sich beruhen.

Doch nun scheint das Leben der nächsten Ehebrecherin in Gefahr zu sein. Als Kate eines Tages die Tür zum Klassenraum abschließt, hat jemand von außen „I KNOW“ in die Tür geritzt. Nachts klingelt ständig das Telefon. Nur wenig später versagen die Bremsen ihres betagten Autos. Hat die betrogene Ehefrau es auf sie abgesehen? Ist gar Margot wiedergekehrt und nimmt stellvertretend erneut Rache an einer jungen Frau, die eine Familie zerstören will? Oder steigert Kate sich, wie Thomas glaubt, in ihre unbegründeten Ängste einfach nur hinein?

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Carrie Tiffany: Fortschrittlich leben für jedermann

1934 dampft der Landwirtschaftliche Schulungszug im Auftrag der australischen Regierung durchs Outback. An Bord sind Spezialisten für Getreideanbau, Nutztierzucht, Hauswirtschaft und Säuglingspflege. In wirtschaftlich schweren Zeiten wird die optimale Nutzung des kargen Lands zur patriotischen Pflicht. Mit von der Partie sind auch Robert und Jean. Sie bringt den Farmersfrauen bei, wie sie selbst Kleidung nähen und flicken können, er schwärmt von explodierenden Ernteerträgen dank des neuartigen Phosphatdüngers. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf und wollen ihre wissenschaftlichen Kenntnisse auf einer eigenen kleinen Farm auch in der Praxis unter Beweis stellen.

Tiffany_FortschrittlichLeben

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