Der Tod eines widersprüchlichen Märtyrers – „Ein Mensch brennt“ von Nicol Ljubić

Im Sommer 1975 steht Hartmut Gründler vor der Tür der in Tübingen lebenden Familie Kelsterberg. Er interessiert sich für die günstige Wohnung, die von der Familie im Untergeschoss des Hauses vermietet wird. Zwei Jahre später zündet er sich aus Protest gegen die Nutzung von Atomenergie an und stirbt an seinen schweren Verletzungen. In den beiden Jahren die dazwischen liegen, stellt er das Leben der Kelsterbergs völlig auf den Kopf. Knappe vierzig Jahre später entscheidet sich Hanno, der Sohn der Familie, die Geschichte zu erzählen.

„das Problem mit diesem Hartmut ist ganz banal: Keiner kennt ihn.“

Damit bringt er das Lebensprojekt seiner Mutter zu Ende. Marta Kelsterberg wurde nach Hartmuts Einzug schnell eine glühende Anhängerin seines Kampfs gegen die Nutzung von Atomenergie. Gründler war (übrigens auch ganz real) ein engagierter Kämpfer gegen den Einsatz von Atomenergie. Die Politik der damaligen Bundesregierung sah er als gezielte Desinformation der Öffentlichkeit und warf den Verantwortlichen Massenmord vor. Er glaubte weder an die Sicherheit der AKWs noch an das Konzept der Endlagerung. Gründler verfasste zahlreiche Flugblätter und offene Briefe und tat sich als Organisator von Protest- und Informationsveranstaltungen hervor. Im Roman hilft ihm dabei Marta Kelsterberg, die darin eine Betätigung außerhalb des als wenig befriedigend empfundenen Wirkungskreises von Heim und Familie findet. Ihr Mann bringt kein Verständnis auf für Gründlers Anliegen an sich und für das Engagement seiner Frau schon gar nicht. Die Ehe fängt schnell an, zu kriseln.

Ljubic_EinMenschBrennt

Hanno versteht das meiste von dem, was passiert, nicht. Er ist gerade acht Jahre alt als Hartmut einzieht und vor allem damit befasst, alle Bilder für sein Fußball Bundesliga-Album zu bekommen. Zum verschrobenen Untermieter, der im Keller ein asketisches Leben führt, findet er so recht keinen Zugang. Hin und her gerissen zwischen den Positionen der Eltern begleitet er seine Mutter meist klaglos aber desinteressiert zu Protestveranstaltungen. Wohl fühlt er sich dabei nicht immer. Besonders negativ ist ihm ein Tag in Erinnerung geblieben, an dem er ein an Hautkrebs erkranktes Kind darstellte und Stunden auf einer Liege vor dem Infostand ausharren musste. Auch das Ende der Familie kann der mittlerweile Zehnjährige kaum erfassen. Es bleiben viele Fragen offen, die er über Jahre mit sich herumträgt und erst kurz vor dem Tod Mutter zu stellen wagt. Ein Anlass für neue Gespräche und auch für das Aufschreiben der Erinnerungen ist die Nuklearkatastrophe in Fukushima, in dessen Nachklang die Presse auch Gründler, den frühen und radikalen Mahner, wieder entdeckt. Die Mutter sieht darin eine späte Genugtuung und einen Beweis, dass Hartmuts Tod nicht umsonst war und sein Engagement viel bewirkt hat.

Tatsächlich besteht der von Gründler ins Leben gerufene Arbeitskreis Lebensschutz noch immer. Auch ein Archiv über sein Leben und Wirken wird bis heute verwaltet und erweitert. Dennoch dürfte der Name den wenigsten ein Begriff sein und der Sinn seiner Selbstverbrennung, die man als Tat eines Märtyrers begreifen kann, erschließt sich sicher auch nicht allen. Ljubićs Erzähler selbst scheint es auch nicht nachvollziehen zu können. Es schwingt auch immer ein Vorwurf mit in seinen Erzählungen von Hartmut. Er sieht in ihm nicht (nur) den selbstlosen Lebensschützer und Weltretter sondern auch einen Mann, der andere mit in seinen Kampf hineingezogen hat und sich am Ende durch die Selbsttötung aus der Verantwortung gestohlen hat. Verständlicher und nachvollziehbarer ist der familiäre Konflikt, der sich unter Hartmuts Einfluss entwickelt. Ein Mensch brennt ist ein Bericht über die letzten beiden Jahre des Lebens und Wirkens von Hartmut Gründler, es ist aber bei weitem kein Denkmal. Vielmehr liest es sich wie eine kritische Auseinandersetzung mit einem Mann, der sich als Kämpfer für die Massen sah und sein eigenes Leben, seine eigenen Bedürfnisse hintenan stellte. Für Mitstreiter*innen, die weniger Opferbereitschaft mitbringen, hat er im Roman nicht viel Verständnis. Die Familiengeschichte, besonders die Emanzipation der Mutter, gerät an einigen Stellen recht plakativ. Der Vater wird als Patriarch porträtiert, der mit seiner Liebe zu Schweinebraten und schicken, schnellen Autos das Gegenteil des asketischen Hartmuts ist. Dass dahinter mehr Gefühl steckt als gedacht, zeigt sich erst spät.

Ein Mensch brennt liest sich als widersprüchliches Porträt eines Mannes, einer Familie und einer Zeit, in der zwischen konservativem Familienleben und radikalem Protest nur eine Zwischendecke liegt. Die daraus notwendigerweise entstehenden Konflikte löst der Autor nicht alle auf und einige scheinen auch nicht lösbar zu sein. Diese Frage muss man sich dann aber selbst stellen.


Nicol Ljubić: Ein Mensch brennt. dtv 2017. 333 Seiten.

Das Zitat stammt von S. 23.

Suzanne Berne: Ein Mord in der Nachbarschaft

Marsha wächst auf in der ungetrübten Idylle eines Vororts von Washington. 1972, als sie gerade zehn Jahre alt ist, geschieht dort das ungeheuerliche: Ein etwa gleichaltriger Junge aus der Nachbarschaft wird vergewaltigt und ermordet. Seine Leiche findet man in einem Wäldchen hinter dem Einkaufszentrum. Panik breitet sich aus und immer neue Schauergeschichten führen dazu, dass auf einmal alle Leute ihre Türen abschließen und die Väter des Viertels nachts auf den Straßen patrouillieren. Marshas Vater ist nicht mehr dabei, er ist nach dem Bekanntwerden einer Affäre vor die Tür gesetzt worden und lebt jetzt in einem trostlosen Appartement voller Kartons. Zu allem Überfluss bricht Marsha sich einen Knöchel und hat nun die ganzen langen Sommerferien nichts anderes zu tun, als von der Veranda aus die Nachbarn zu beobachten und jedes Detail akribisch in ihrem Notizbuch festzuhalten.

Es war ein ruhige Nachbarschaft, auf eine Art, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Marshas liebstes Beobachtungsobjekt ist der neue Nachbar Mr. Green, der sich an verschiedenen Punkten verdächtig macht, unter anderem, weil er eben neu ist. Außerdem ist er alleinstehend, und da muss ja irgendwas faul sein. In Washingtons Suburbia ist man nicht einfach so alleinstehend. Demonstrativ besonnen und unaufgeregt bleibt Marshas Mutter in der um sich greifenden Hysterie. Sie beharrt darauf, die Haustür auch weiterhin nicht abzuschließen und geht auf die wilden Spekulationen der Nachbarinnen einfach nicht ein.

Weiterlesen

Meg Wolitzer: Die Stellung

wolitzerstellungDie Mellows sind eine Bilderbuchfamilie, inklusive Eigentumshaus, Volvo-Kombi und eigenem Familienlied, „oh, wir sind die Mellows, ein paar Girls und ein paar Fellows“. Die Eltern Roz und Paul lieben sich noch immer, finden sich noch immer attraktiv. So attraktiv, dass sie in den prüden 70er-Jahren einen Sex-Ratgeber veröffentlichen, Pleasuring. Die Reise eines Paares zur Erfüllung, für den sie sogar eine eigene Stellung erfunden haben, die „elektrisierende Versöhnung“. Und als wäre das alles nicht schon peinlich genug, ist das Buch voll mit Illustrationen des Paares in allen erdenklichen Stellungen.

Für Sohn Michael, der das Buch eines Tages vom Regal holt, wo es unauffällig neben einem Hunde-Bildband steht, ist das der Gipfel der Peinlichkeit. Eine Peinlichkeit, die er mit seinen Geschwistern Holly, Dashiell und Claudia teilen muss. Zu allem Überfluss schlägt das Buch ein wie ein Blitz, das Ehepaar Mellow tingelt von Talkshow zu Vortrag zu Signierstunde und scheinbar hat jeder, wirklich jeder in der ganzen Nation Paul und Roz beim Sex gesehen.

Weiterlesen

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

rafIch weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Lobeshymne. Ich habe Wochen gebraucht für dieses Buch. Das liegt daran, dass es sehr dick, anstrengend und gut ist. So gut, dass ich für manche Seiten sehr lange gebraucht habe, weil jeder einzelne Absatz so gut war, dass ich ihn nochmal und nochmal und vielleicht nochmal lesen musste. Und daran, dass es kein Buch für zwischendrin ist, das würde ihm einfach nicht gerecht werden.

Es ist lange her, dass ich ein so brillant konstruiertes Buch gelesen habe. Der Erzähler ist der titelgebende manisch-depressive Teenager, der in der jungen BRD aufwächst. Zusammen mit Claudia und Bernd gründet er die Rote Armee Fraktion als er gerade dreizehn Jahre alt ist. Alles andere muss man sich irgendwie zusammenreimen aus den Bruchstücken, die der Autor einem gibt. Dialoge, Monologe, ein Verhör, in dem man dem Erzähler Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft, ein Theaterstück, aufgeführt von der Schauspielgrupe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf, Erinnerungen an Spaziergänge mit seiner Geliebten Gernika, Beatles-Exegese, Rolling Stones-Negation, Gespräche mit dem Therapeuten Dr. Märklin.

Weiterlesen

Rachel Kushner: Flammenwerfer

flammenwerferFlammenwerfer ist das von mir am meisten unterschätzte Buch des Jahres. Die Verlagsvorschau sagte mir, dass es um das Mädchen Reno ginge, ein Spitzname nach ihrem Geburtsort. Ich dachte an Jersey von Coyote Ugly und hatte schon keine Lust mehr. Außerdem sei sie Motorrad-Rennfahrerin, die im „kreativ explodierenden“ SoHo lebt und mit einem stinkreichen Konzeptkünstler liiert ist. Aha. Alles langweilig, kauf ich nicht, nächstes Buch.

Dann kam ein Kunde und sagte ich müsse es lesen. Unbedingt. Weil ich wusste, dass er fragen würde, bis ich irgendwas dazu sagen könnte, hab ich mal reingeguckt. Und es ist ein unglaublich gutes Buch. Obwohl es um Motorräder und Land Art geht. Natürlich nicht nur darum.

Weiterlesen