Suzanne Berne: Ein Mord in der Nachbarschaft

Marsha wächst auf in der ungetrübten Idylle eines Vororts von Washington. 1972, als sie gerade zehn Jahre alt ist, geschieht dort das ungeheuerliche: Ein etwa gleichaltriger Junge aus der Nachbarschaft wird vergewaltigt und ermordet. Seine Leiche findet man in einem Wäldchen hinter dem Einkaufszentrum. Panik breitet sich aus und immer neue Schauergeschichten führen dazu, dass auf einmal alle Leute ihre Türen abschließen und die Väter des Viertels nachts auf den Straßen patrouillieren. Marshas Vater ist nicht mehr dabei, er ist nach dem Bekanntwerden einer Affäre vor die Tür gesetzt worden und lebt jetzt in einem trostlosen Appartement voller Kartons. Zu allem Überfluss bricht Marsha sich einen Knöchel und hat nun die ganzen langen Sommerferien nichts anderes zu tun, als von der Veranda aus die Nachbarn zu beobachten und jedes Detail akribisch in ihrem Notizbuch festzuhalten.

Es war ein ruhige Nachbarschaft, auf eine Art, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Marshas liebstes Beobachtungsobjekt ist der neue Nachbar Mr. Green, der sich an verschiedenen Punkten verdächtig macht, unter anderem, weil er eben neu ist. Außerdem ist er alleinstehend, und da muss ja irgendwas faul sein. In Washingtons Suburbia ist man nicht einfach so alleinstehend. Demonstrativ besonnen und unaufgeregt bleibt Marshas Mutter in der um sich greifenden Hysterie. Sie beharrt darauf, die Haustür auch weiterhin nicht abzuschließen und geht auf die wilden Spekulationen der Nachbarinnen einfach nicht ein.

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Meg Wolitzer: Die Stellung

wolitzerstellungDie Mellows sind eine Bilderbuchfamilie, inklusive Eigentumshaus, Volvo-Kombi und eigenem Familienlied, „oh, wir sind die Mellows, ein paar Girls und ein paar Fellows“. Die Eltern Roz und Paul lieben sich noch immer, finden sich noch immer attraktiv. So attraktiv, dass sie in den prüden 70er-Jahren einen Sex-Ratgeber veröffentlichen, Pleasuring. Die Reise eines Paares zur Erfüllung, für den sie sogar eine eigene Stellung erfunden haben, die „elektrisierende Versöhnung“. Und als wäre das alles nicht schon peinlich genug, ist das Buch voll mit Illustrationen des Paares in allen erdenklichen Stellungen.

Für Sohn Michael, der das Buch eines Tages vom Regal holt, wo es unauffällig neben einem Hunde-Bildband steht, ist das der Gipfel der Peinlichkeit. Eine Peinlichkeit, die er mit seinen Geschwistern Holly, Dashiell und Claudia teilen muss. Zu allem Überfluss schlägt das Buch ein wie ein Blitz, das Ehepaar Mellow tingelt von Talkshow zu Vortrag zu Signierstunde und scheinbar hat jeder, wirklich jeder in der ganzen Nation Paul und Roz beim Sex gesehen.

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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

rafIch weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll mit meiner Lobeshymne. Ich habe Wochen gebraucht für dieses Buch. Das liegt daran, dass es sehr dick, anstrengend und gut ist. So gut, dass ich für manche Seiten sehr lange gebraucht habe, weil jeder einzelne Absatz so gut war, dass ich ihn nochmal und nochmal und vielleicht nochmal lesen musste. Und daran, dass es kein Buch für zwischendrin ist, das würde ihm einfach nicht gerecht werden.

Es ist lange her, dass ich ein so brillant konstruiertes Buch gelesen habe. Der Erzähler ist der titelgebende manisch-depressive Teenager, der in der jungen BRD aufwächst. Zusammen mit Claudia und Bernd gründet er die Rote Armee Fraktion als er gerade dreizehn Jahre alt ist. Alles andere muss man sich irgendwie zusammenreimen aus den Bruchstücken, die der Autor einem gibt. Dialoge, Monologe, ein Verhör, in dem man dem Erzähler Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorwirft, ein Theaterstück, aufgeführt von der Schauspielgrupe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf, Erinnerungen an Spaziergänge mit seiner Geliebten Gernika, Beatles-Exegese, Rolling Stones-Negation, Gespräche mit dem Therapeuten Dr. Märklin.

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Rachel Kushner: Flammenwerfer

flammenwerferFlammenwerfer ist das von mir am meisten unterschätzte Buch des Jahres. Die Verlagsvorschau sagte mir, dass es um das Mädchen Reno ginge, ein Spitzname nach ihrem Geburtsort. Ich dachte an Jersey von Coyote Ugly und hatte schon keine Lust mehr. Außerdem sei sie Motorrad-Rennfahrerin, die im „kreativ explodierenden“ SoHo lebt und mit einem stinkreichen Konzeptkünstler liiert ist. Aha. Alles langweilig, kauf ich nicht, nächstes Buch.

Dann kam ein Kunde und sagte ich müsse es lesen. Unbedingt. Weil ich wusste, dass er fragen würde, bis ich irgendwas dazu sagen könnte, hab ich mal reingeguckt. Und es ist ein unglaublich gutes Buch. Obwohl es um Motorräder und Land Art geht. Natürlich nicht nur darum.

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