Zwei unglückliche Schwestern – „Easter Parade“ von Richard Yates

Die Schwestern Sarah und Emily Grimes haben keine Chance, glücklich zu werden, das stellt der Autor gleich im ersten Satz fest. Mit ihrer Mutter Pookie ziehen nach der Scheidung der Eltern von Randbezirk zu Vorstadt, immer um New York kreisend. Ihre Kindheit ist eine Abfolge neuer Häuser, neuer Schulen und neuer Freundinnen – wenn es denn gut läuft. Verzweifelt buhlen die beiden um die Gunst des Vaters, der in New York geblieben ist und bei einer wichtigen Zeitung arbeitet. Dass er da einen völlig öden und unglamourösen Job hat, blenden beide erfolgreich aus.

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Dabei sollen die beiden Töchter es eigentlich besser haben, so das erklärte Ziel von Pookie. Und zumindest bei Sarah scheint das auch ganz gut zu klappen. Sie heiratet den attraktiven Spross der aus England stammenden Familie Wilson. Sehr vornehm und sogar mit Landbesitz auf Long Island. Emily studiert immerhin, schafft es aber leider nicht, sich anständig zu verloben. Dafür legt sie in New York eine ganz anständige Karriere hin. Doch wie angekündigt ist das Glück den beiden Frauen nicht hold. Der Landsitz der Familie Wilson entpuppt sich als gammelige Bude und der vornehme Gatte als Tyrann. Sarah hält tapfer mit Alkohol dagegen. Emily leidet derweil unter einem wenig erfüllenden Job und immer wieder zerbrechenden Beziehungen. Der soziale Aufstieg, den Mutter Pookie so sehr erhofft hatte, hält nur kurz, was er verspricht.

„Eine Intellektuelle mochte eine Mutter haben, die ihre Unterhose entblößte, wenn sie betrunken war, aber sie würde sich deswegen nicht aufregen.“

Obwohl die Schwestern schon in ihrer Kindheit sehr unterschiedliche Charaktere waren, sind sie doch eng verbunden. Im Erwachsenenalter halten sie eine gewisse Distanz, stets darauf bedacht, der anderen nicht zu viel Nähe zu gewähren, halten im Ernstfall aber trotzdem zusammen. Außerdem sind sie für die jeweils andere ein willkommener Vergleich, wenn es zu beweisen gilt, dass der eigene Lebensentwurf verhältnismäßig okay ist. Über vier Jahrzehnte, von den 30er-Jahren an folgt Yates der Biographie der unglücklichen Schwestern, von den Vororten ins Herz der Stadt und wieder hinaus. Er schreibt über Cocktailparties New Yorker Intellektueller ebenso überzeugend wie über das langsam zerfallende Haus auf Long Island. Eine bedrückende Atmosphäre schleichenden Verfalls und großer Trostlosigkeit zieht sich durch den gesamten Roman, selbst durch die Kindheit der Schwestern. Das alles lässt sich aber ganz gut ertragen dank der Leichtigkeit und dem guten Fluss der Sprache. Easter Parade ist ein leichter, aber ganz und gar nicht oberflächlicher Roman, der das Unglück und das verzweifelte Streben nach Aufstieg in der amerikanischen Mittelschicht sichtbar macht.


Richard Yates: Easter Parade. Übersetzung von Anette Grube. DVA 2007. 296 Seiten. Als Taschenbuch lieferbar bei Penguin Deutschland. Originalausgabe: The Easter Parade. 1976.

Das Zitat stammt von S. 65.

Truman Capote: Summer Crossing

Als Truman Capote 1984 starb, gründete sein Ruhm weniger auf seinen Romanen als auf seiner spektakulären Selbstinszenierung. Sein großer Erfolg mit dem True Crime-Roman In Cold Blood war da schon fast zwanzig Jahre her und seinen letzten Roman Answered Prayers konnte er nicht mehr fertigstellen. Er wurde erst posthum veröffentlicht. Ebenfalls posthum veröffentlicht wurde sein eigentlich erster Roman Summer Crossing. Er schrieb ihn in den 40er-Jahren und vergrub das Manuskript in einer Schublade. Später behauptete er, er habe den Text zerstört, weil er ihm nicht mehr gefallen habe. In Wahrheit aber hatte er die Hefte einfach in seiner damaligen Wohnung in Brooklyn zurückgelassen und der mit der Entrümpelung beauftragte Hausmeister bewahrte sie, zusammen mit anderen Erinnerungsstücken, auf. So tauchte das Romanmanuskript 2004 beim Auktionshaus Sotheby’s auf und konnte 2005 veröffentlicht werden.

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