Das Debüt 2021 – Meine (extrem schwere) Entscheidung

2021 war die dritte Runde, die ich als Jury-Mitglied an der Entscheidung von „Das Debüt“ beteiligt war. Es war für mich das bisher stärkste Jahr und das mit der schwersten Entscheidung. Während in den vergangenen beiden Jahren immer recht schnell ein Roman ganz vorne und ein anderer schon weit abgeschlagen war, war das in dieser Runde gar nicht der Fall. Alle fünf Romane auf der Shortlist waren sehr stark und bei allen kann ich mir vorstellen, dass sie gewinnen könnten und bei allen fände ich es gerechtfertigt. Aber es hilft nichts, die Punkte müssen eben vergeben werden. Machen wir es kurz, nachdem ich lange mit mir gerungen habe – meine 3 Favoriten sind:

Platz 1 und 5 Punkte an Thomas Arzt: Die Gegenstimme.

Thomas Arzt erzählt auf beeindruckende Art von der Abstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und von einem, der den Mut hat, dagegen zu sein. Atmosphärisch dicht und sprachlich überzeugend berichtet er von einem einzigen Tag in einem kleinen Dorf, an dem die einen feiern und ein anderer durch den Wald gehetzt wird. An diesem einen Tag keimt schon alles, was in den nächsten Jahren zur Katastrophe erblühen wird. Mit starken Dialogen zeichnet Arzt ein ganzes Panorama einer Gesellschaft, die sich von Hitlers Regierung eine goldene Zukunft versprochen hat und nachher eh schon immer dagegen gewesen sein wird.

Platz 2 und 3 Punkte an Ariane Koch: Die Aufdrängung.

Ein Gast der nicht mehr gehen will und eine Erzählerin, die nicht weiß, ob er überhaupt schon gehen soll – Ariane Koch nimmt diese Konstellation als Basis für ein sprachliches Wagnis, bei dem vieles in der Schwebe bleibt und wenig greifbar wird. Der Stil ist abwechslungsreich und fordernd, zwischen klassisch erzählten Episoden und solchen, die man eigentlich auf einer Bühne erwarten würde. Zwischen all dem Fordernden aber glänzt der Roman mit Humor und skurrilen Einfällen.

Platz 3 und 1 Punkt an Jessica Lind: Mama.

Mama bewegt sich zwischen Märchen und Thriller, stellt die Realität auf den Kopf und die eigene Wahrnehmung in Frage. Zugleich befasst der Roman sich damit, was es bedeutet, unbedingt Mutter sein zu wollen und wie es ist, eine zu sein, was es mit dem Ich und dem Uns macht. Zwar sind diese Fragen in der Literatur zur Genüge behandelt worden, Lind findet dafür aber eine ganz neuen Rahmen und neuen Ausdruck. Ein vielschichtiges, mindestens doppeldeutiges, forderndes und gelungenes Debüt.

Damit gehen Junge mit schwarzem Hahn und Adas Raum leer aus, obwohl sie es nicht verdient haben. Mindestens einen Punkt hätten diese beiden wirklich guten Romane auch kriegen müssen. Aber ich habe eben nur drei Plätze zu vergeben. Die Entscheidung hätte knapper gar nicht sein können.

Allerdings habe ich das Gefühl, dass sie trotz meiner Wertung sehr gute Aussichten auf einen der oberen drei Plätze haben, denn ich scheine nicht die einzige gewesen zu sein, die diese Romane sehr gerne gelesen hat. Heute Abend um 18.30 Uhr wird der endgültige Punktestand beim Instagram-Kanal von „Das Debüt“ bekanntgegeben und dann auch auf der Website veröffentlicht. Aus dem Austausch mit den anderen Jury-Mitgliedern weiß ich, dass nicht nur mir die Wahl außergewöhnlich schwer gefallen ist. Es bleibt also spannend und ich freue mich auf einen Siegertitel, der es auf jeden Fall verdient hat.

7 Gedanken zu “Das Debüt 2021 – Meine (extrem schwere) Entscheidung

  1. Alexander Carmele 1. Februar 2022 / 13:04

    Mein Favorit war Ariane Koch, weil sie frisch und neu ein eigenes Thema entwickelte. Aber ich fand alle anderen tatsächlich auch gut. Tolle Besprechungen!!

    Gefällt 2 Personen

    • schiefgelesen 1. Februar 2022 / 13:14

      Danke dir! Ich fand es wirklich richtig schwer dieses Jahr. Lauter tolle Debüts, wirklich beeindruckend! Und auch bemerkenswert, was die Klein- und Kleinstverlage da zu bieten haben.

      Gefällt 2 Personen

      • Marc 1. Februar 2022 / 15:46

        Die kleinen Verlage machen ja wirklich seit Jahren tolle Programme. Ich suche für mich zum Beispiel fast nur noch in diesen meine Lektüre aus und werde zu 90% nicht enttäuscht. Finde zum Beispiel auch, wie die sich im Thema Buchqualität, also die äußeren Merkmale, ebenfalls reinknien und das trotz geringen Budgets, hat alle Achtung verdient. Deshalb wünsche ich mir auch, dass Mama gewinnt, damit wieder ein wenig das Schlaglicht auf einen Indieverlag fallen darf.

        Gefällt 2 Personen

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