Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

Die Brüder Harold und George Silver waren sich noch nie grün. Verwandte erinnern sich an Schlägereien bei Familienfesten und Harold ist sich sicher, dass George ihn töten wollte. Als Erwachsene haben sie ein zivilisierteres, wenn auch nicht unbedingt besseres Verhältnis. Bis zu der Nacht, in der George in die Psychiatrie kommt, nachdem er einen Unfall mit mehreren Toten verursacht und vielleicht sogar provoziert hat. Harold und Georges Frau Jane beginnen eine Affäre, von der George trotz seiner Abwesenheit bald Wind bekommt. Er entkommt aus der Psychiatrie und tötet Jane.

„You grow up thinking your family is normal enough, and then, all of a sudden, something happens and it is so not normal, and you have no idea how it got that way, and there’s really nowhere to go from here – it will never be anywhere near normal again.“

Die gemeinsamen Kinder des Ehepaares sind nun Harolds Verantwortung, der völlig überfordert ist mit jedem Aspekt der Situation. Die Umstände sind ausgesprochen tragisch, Homes gelingt es aber überraschend gut, das Absurde daran hervorzuheben ohne jemals pietätlos zu sein. Harold gerät in eine völlig neue Welt. Als Historiker mit Spezialisierung auf Nixon kommt er eher schlecht als recht über die Runden, während George erfolgreich in der Unterhaltungsindustrie war und beide Kinder an teuren Privatschulen untergebracht hat. Harold weiß nicht, wie man mit Kindern umgeht, er weiß nicht, wie man mit viel Geld umgeht und er weiß auch noch nicht so richtig, wie man mit dem Internet umgeht. Das führt skurrilen Bekanntschaften auf Dating-Plattformen, die mehr oder wenig explizit geschildert werden. Homes Humor reicht von knochentrocken bis burlesk und ist manchmal fast ein bisschen überdreht.

Genau daran krankt der Roman dann auch: Homes hört einfach nicht auf. Den Humor hält sie beinahe durchgehend auf hohem Niveau, aber die Handlung gerät einfach außer Kontrolle. Harold bekommt nicht nur die beiden Kinder von George, sondern soll auch noch Ricardo adoptieren, dessen Eltern George beim Unfall getötet hat. Er bekommt auch noch den Hund und die Katze der Familie, die dann auch noch Junge bekommt und eine Frau, die er im Supermarkt kennenlernt, lädt andauernd ihre Eltern bei ihm ab. Außerdem findet seine eigene Mutter im Altersheim zu ungeahnten Kräften zurück und will noch einmal heiraten. Das Konstrukt wächst und wächst und mit ihm Harolds Verantwortung.

Endgültig kippt die Stimmung des Romans, als Georges Sohn Nathan seine Bar Mitzva hat, die er in einem Dorf in Südafrika feiern will, dessen Aufbau er mitfinanziert hat. Das passiert in etwa im letzten Viertel des Romans. Ab da wird der Ton so versöhnlich und zuckersüß-verständnisvoll, dass man sich wirklich fragt, was aus dem überdrehten Zirkus geworden ist, der den ersten Teil des Romans so unterhaltsam gemacht hat und ob er wohl nochmal wiederkommt. Leider nicht. Im letzten Viertel des Romans werden nur noch alle Menschen Brüder, auch über kontinentale Grenzen hinweg.

Vom ersten Teil des Romans war ich wirklich überzeugt. Obwohl teilweise ziemlich überdreht, ist die Geschichte unterhaltsam und klug konstruiert. Mit einer wie selbstverständlich wirkenden Brutalität schildert Homes eine Familie in einer unfassbar großen Krise. Es gelingt ihr, die Brüche und Kämpfe zu thematisieren, die Verletzlichkeit aller zu zeigen, und doch nicht auf die Tränendrüse zu drücken. Es ist mir völlig unklar, warum sie dann im letzten Teil des Romans so ungeheuer sentimental werden muss. Leider trübt das den Gesamteindruck des Romans doch sehr.


tl;dr: Homes erzählt von einer großen Familientragödie in einem Stil, der so schonungslos wie ungewöhnlich für das Thema ist. Manchmal überzeichnet aber mit großartigem Humor jagt sie durch die Monate nach der Katastrophe. Im letzten Viertel des Romans wechselt sie allerdings von völliger Überdrehtheit zu maximaler Sentimentalität, was der Geschichte wirklich nicht guttut.


A. M. Homes: May We Be Forgiven. Granta 2013. 496 Seiten. Erstausgabe Viking 2012. Eine deutsche Übersetzung von Ingo Herzke ist unter dem Titel Auf dass uns vergeben werde bei Kiepenheuer & Witsch und Heyne (TB) erschienen.

Das Zitat stammt von S. 147.

Homes wurde für diesen Roman 2013 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Beitrag ist Teil des Leseprojekt Women’s Prize for Fiction.

4 Gedanken zu “Familiäres Trauma – „May We Be Forgiven“ von A. M. Holmes

  1. Christoph 1. Juni 2021 / 16:16

    Vor fünfzehn Jahren hätte mich so ein Roman vermutlich komplett begeistert — heute dagegen eher nicht mehr. So ändert sich der Lesegeschmack im Lauf der Zeit…

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    • schiefgelesen 1. Juni 2021 / 21:43

      Ja, es ist manchmal wirklich unglaublich. Nicht nur, wie sich der Geschmack ändert, sondern auch, wie Themen und Trends sich totlaufen. Manche Romane, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens so aufregend waren, sind jetzt überhaupt nicht mehr spannend, auch, wenn das noch gar nicht so lange her ist. Franzens „The Corrections“ fällt mir da immer ein. Das würde heute niemand mehr als die Neuerfindung des Familienromans feiern. Aber das zieht sich ja so durch.

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  2. Leseseiten 1. Juni 2021 / 22:13

    Mir hat der Roman seinerzeit sehr gut gefallen, wie überhaupt das Werk von A.M.Homes. Die Veränderung zum Ende des Buches war mir persönlich auch nicht ganz schlüssig, aber die Autorin wollte wohl ihren Figuren etwas „Gutes“ tun 😉

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