Kulinarisches zwischen den Seiten – was das Essen in Büchern macht

Im Mai 2016, vor fünf Jahren, habe ich das erste Mal einen Beitrag über Essen in Büchern verfasst. Seitdem lese ich kein Buch, ohne darauf zu achten, wer wann was isst. Längst nicht alles davon findet Eingang in die Reihe. Auch einige Freund*innen schicken mir mittlerweile Beobachtungen aus ihrer Lektüre zu. Viele sagen mir, dass sie vorher nie darauf geachtet hätten. Dabei ist es eigentlich fast nicht zu übersehen.

Kaum ein Roman kommt ohne eine Szene aus, in der gegessen wird. Das kann opulent ausgestaltet oder beiläufig erwähnt sein. Aber das Essen an sich ist ein so fundamentaler Bestandteil des menschlichen Seins, dass man es nicht unterschlagen kann. Und es schreibt sich netter darüber als über Toilettengänge, die ähnlich fundamental sind und eine unvermeidbare Folge des Essens. Zudem hat die Nahrungsaufnahme einen sozialen Aspekt, der Toilettengängen oft fehlt. Eine Ausnahme ist vielleicht Milkman von Anna Burns, da finden zentrale Szenen in Clubtoiletten statt und gegessen wird kaum.

Die große Tischgesellschaft

Die Binsenweisheit „Du bist, was du isst“ hat auch in der Literatur ihre Gültigkeit. Über Mahlzeiten, besonders solche mit Gästen, wird repräsentiert und identifiziert. Eines der prominentesten Beispiele sind sicher die Festmahle, die von der Familie Buddenbrook aufgetischt werden. Also Familie Buddenbrook zahlt und ihre Dienstboten tischen auf. Kräutersuppe, Fischgang, Schinken mit Schalottensauce, Plettenpudding, Käse nebst begleitenden Weinen – für diese Speisenfolge braucht es im Haus in der Mengstraße keinen besonderen Anlass. Fürstlich sind natürlich nicht nur die Speisen, sondern auch das Geschirr. Man isst vom guten Meißener mit Goldrand und trinkt aus schweren Gläsern. Wer da nicht mithalten kann, ist kein echter Buddenbrook. Mit seinen ständigen Magenverstimmungen outet sich Christian schon früh als das schwächste Glied der Familie. Er kann nicht Teil der Tafelrunde sein, nicht Teil der bürgerlich-dekadenten Gesellschaft, in der seine Familie sich bewegt. Später, als er noch versucht, Teil des Geschäfts zu werden, wird seine Unfähigkeit noch größer. Nicht nur seine Verdauung leidet, er klagt über generelle Schluckbeschwerden, was seine Familie ungeheuer albern findet: „Du wagst nicht, schlucken zu wollen… Nein, du machst dich ja lächerlich!“ wirft Schwester Antonie ihm vor.

Nicht kleckern, sondern klotzen: Das bürgerliche Interieur des Buddenbrookhauses verlangt vom Koch gehobenes Niveau. Bild: Holger Ellgaard.

Zugleich zeigt die Familie über das Essen auch stolz ihre Lübecker Herkunft. Dazu gehört auch die unrühmliche Specksuppe, die Toni Buddenbrook auftischt, um unliebsamen Besuch zu vergraulen. Im Roman wird sie als eine Suppe geschildert, die man nur essen kann, wenn man von Klein auf an ihren Geschmack gewöhnt ist. Ich bestätige das gerne – es ist wirklich keine Übertreibung, wenn ich sage, dass ich mich fast übergeben hätte. Während der Gast verstimmt auf einen Hauptgang hofft, den es nach dieser Suppe nicht geben wird, gibt die hinterhältige Toni sich enttäuscht, dass dem teuren Gast das Mittagsmahl nicht schmeckt.

Der Geschmack der Heimat

Natürlich hat man nicht nur in Norddeutschland eigene Vorlieben und Spezialitäten. Über Nahrungsmimttel und Essensriten definiert man Herkunft, familiäre wie religiöse, regionale wie nationale. E. Annie Proulx benutzt in ihrem Migrations-Roman Accordion Crimes ganze Listen von Gerichten, um zu erzählen, was ihre Figuren ausmacht, was für sie, die fern ihres Geburtsortes und oft in ihnen nicht freundlich gegenüberstehenden Gesellschaften leben, Heimat bedeutet:

„But that deep past was caught unconciously in her cooking, in the food she prepared and the smoky, sweet dishes she relished: pasilla chiles, Oaxacan mole coloradito, the spicy pork picadillo, the seven moles, the black and the deep and the green – dark in flavor, slightly charred, faintly sweet. Ancient flavors and tastes. Not forgotten.“

S. 121
Tamale-Pie, Versöhnungsversuch zweier Kulturen.

Das ist nur eines der vielen, vielen Beispiele, die sich in der Literatur finden lassen. Ein in New York inhaftierter, illegalisierter Migrant aus Liberia klagt in Coles Open City über das geschmacklose Essen und sagt, was ihm wirklich fehle, sei Groundnut Stew. Der Erzähler des Thrillers Der Sympathisant findet seine vietnamesische Heimat in Tellern voll Phở wieder. Und Jahre nach der Zerstörung von Manderley hat seine ehemalige Bewohnerin in Rebecca noch lebhafte Erinnerungen an die dort zur Teezeit servierten Crumpets. Kaum ein nigerianischer Roman kommt ohne Jollof Rice aus und für die US-Amerikanerin Anne Tyler scheint Chicken Pot Pie von besonderer Bedeutung zu sein. Gleich in mehreren Romanen lässt sie besonders fürsorgliche Charaktere dieses Gericht als Rettungsanker in schwierigen Situationen servieren.

Allein der Gedanke an ein gutes Essen kann schon tröstlich sein, so unerreichbar es auch sein mag. So schwärmen die Inhaftierten in Lewan Berdsenischwilis Gulag-Roman Heiliges Dunkel stundenlang von den Speisen, die sie noch in bester Erinnerung haben und auf die sie sich freuen, sollten sie jemals wieder in Freiheit sein.

Tradition und Ablehnung

Jede Familie, jede Gesellschaft hat ihre eigenen Vorschriften, Vorlieben und Riten, wenn es ums Essen geht. Der Budenbrooksche Weihnachtsabend beispielsweise ist legendär, auch wenn das Essen gar nicht so viel aufregender ist als sonst bei den Festen der Familie. Außerdem fehlt Christian, ihm ist schlecht und er ist in den Club gegangen. In jüdischen Familien ist es oft das Sedermahl, das eine besondere Rolle einnimmt. In When We Were Bad findet sich eine ausführliche Darstellung einer solchen Zusammenkunft, inklusive einer detaillierten Speisenfolge. Eine Einladung zu einem solchen Fest ist immer eine Auszeichnung. Wer mit am Tisch sitzen darf, gehört zur Familie oder zumindest zu einem engen Kreis auserwählter Freund*innen. Über die Mühe, die dann in die Speisen investiert wird, wird die Besonderheit des Festes ausgedrückt, aber auch eine Wertschätzung gegenüber den Geladenen. Es ist vielfach auch eine Verneigung vor den Traditionen, ein Versprechen, diese weiterzutragen und für die nächste Generationen zu bewahren.

Aber so, wie es „uns“ und „unsere Traditionen“ gibt, gibt es natürlich auch die anderen, deren Verständnis von Essen zumindest fragwürdig erscheinen. Es zieht sich durch die gesamte Literatur: das Essen fern der Heimat schmeckt halt nicht so gut. Zugleich gilt es, das eigene Essen und den eigene Geschmack gegen die Angriffe fremder Gaumen zu verteidigen. Sehr schön ist das beispielsweise in Zadie Smiths Roman White Teeth umgesetzt. Samad, einer der Charaktere, arbeitet in einem indischen Restaurant, das seine Speisenauswahl sehr an den Geschmack des englischen Publikums angepasst hat. Seine Gäste bestellen Pommes zu allem und sprechen auch noch alle falsch aus. Samad, der übrigens gar nicht aus Indien kommt, verachtet die ignoranten Gäste mit jeder Faser seines Körpers. Seinen Frust redet er sich abends im Pub von der Seele, der von Abdul-Mickey betrieben wird. Abdul-Mickey macht seit Jahren das gleiche Essen aus den gleichen fünf Zutaten. Als plötzlich Bubble and Squeak auf der Karte auftaucht, sind die Gäste völlig überfordert. So viel Offenheit gegenüber der englischen Küche hätten sie dem Wirt nicht zugetraut.

Nicht immer gelingt die kulinarische Integration. In Das Tiefland verzweifelt die junge Gauri aus Kalkutta, als sie plötzlich in den USA zurecht kommen soll. Sie versteht die Kultur nicht, und vor allem versteht sie ihre Lebensmittel nicht. Einst selbstbewusst und kompetent, wird sie innerhalb weniger Wochen zu einer verunsicherten, zurückgezogenen Hausfrau, die kaum die eigenen vier Wände verlässt, weil schon der Gang in den Supermarkt überfordernd ist. Das Essen, das ihr früher einmal Trost war, kann sie in den USA nicht zubereiten. Es fehlen schlicht die Zutaten und ihr bald auch der Mut, noch danach zu suchen.

Mehr als nur Lebensmittel

Kaum ein Themenbereich ist in der Literatur so prominent und so vielseitig wie das Essen und die Umstände, in denen es gegessen wird. Es ist Hoffnungsträger und Enttäuschung, sozialer Emulgator und Trennmittel, Friedensangebot und Streitaxt, Anker in der Heimat und Grund für Fernweh. Über Essen und essende Menschen in der Literatur lässt sich so viel sagen, dass man ganze Bücher damit füllen könnte und Menschen haben das auch getan.

Die Vielzahl der Projekte und Kochbücher, die Rezepte aus Romanen sammeln zeigt, dass es offenbar ein Verlangen danach gibt, diesen Teil der Fiktion in die Realität zu übertragen und das kulinarische Erleben mit den Romanfiguren zu teilen. Wer mehr darüber lesen möchte, findet u. a. auf schiefgegessen eine Liste weiterer Blogs zum Thema.

Wie geht es euch mit Essen in Büchern? Habt ihr irgendeine literarische Mahlzeit besonders in Erinnerung behalten? Oder vielleicht sogar mal was ausprobiert?


Liste der Romane:

15 Gedanken zu “Kulinarisches zwischen den Seiten – was das Essen in Büchern macht

  1. Scherbensammlerin 24. Mai 2021 / 11:32

    Mir kommt „Das Buch vom Salz“ von Monique Troung in den Sinn. Da geht es um den Koch von Alice B. Toklas und Gertrude Stein. Ich habe daraus zwar nichts nachgekocht, aber ich habe total Lust bekommen richtiges vietnamesisches Essen zu probieren. Nicht nur asian fusion. Das war aber zu Beginn des ersten Lockdowns und ich muss mich noch gedulden.
    Vor vielen Jahren hat mir jemand einen literarischen Kochkalender geschenkt, jede Woche ein anderes Rezept aus einem Buch oder eins, das eine Autorin oder ein Autor gern hatten. Daraus habe ich mir ein Essen „geliehen“, ein schwedisches Arme-Leute-Essen mit Möhren und Kartoffeln. Das ist in unserem Repertoire gelandet.

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    • schiefgelesen 24. Mai 2021 / 13:25

      Hier hat auch vor ein paar Wochen ein vietnamesisches Restaurant aufgemacht, das ich bisher nur vom Liefern kenne, aber sehr mag. Ich hoffe, ich kann da bald mal so hin. Nach ein paar ziemlich missglückten Versuchen traue ich mich da selber nicht mehr ran 🙂 Man muss auch mal akzeptieren, dass es Sachen gibt, die andere einfach besser können.
      Den Kalender kenne ich, hatte ihn selber aber noch nie. Dabei ist er ganz gut gemacht, finde ich. Weißt du noch, aus welchem Buch das Rezept war?

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      • Scherbensammlerin 24. Mai 2021 / 14:32

        Habs gefunden, Selma Lagerlöf, Schwedensuppe. Das Buch steht das nicht, aber:
        Warum die Angst? Weil sie, was streng verboten war, in ein Loch im Treibeis gesprungen war, um ein Kätzchen zu retten. Doch Selma Lagerlöf lässt die Erwachsenen am tische liebevoll und vernünftig reagieren. Keiner schimpft, alles geht gut aus, zumindest an diesem Sonntag im Winter in Göteborg im 19. Jahrhundert.
        Hilft das weiter?

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        • schiefgelesen 24. Mai 2021 / 14:46

          Vielen Dank fürs Nachgucken!! Ich mache mich auf die Suche. Wenn ich mich recht erinnere, war der Kalender glaub ich nicht 100% an literarischen Vorlagen orientiert, sondern eher thematisch passend.
          Aber ich hab noch nie Lagerlöf gelesen! Kaum zu glauben. Ein guter Grund, das nachzuholen!

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  2. nettebuecherkiste 24. Mai 2021 / 14:34

    Ein sehr von mir geliebtes Buch, Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Café enthält einen Rezeptteil, ich muss aber gestehen, die grünen Tomaten noch nie ausprobiert zu haben. Gelobe Besserung. Ein anderes Buch, das mir einfällt, indem Essen eine sehr gewichtige Rolle hat, ist Chocolat von Joanne Harris. Hat auch einen Rezeptteil. 🙂

    P.S. Ich fand die Rolle der Mahlzeiten in den Buddenbrooks auch sehr schön und hab mich köstlich über den sich ekelnden Herrn Permaneder amüsiert 🙂

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    • schiefgelesen 24. Mai 2021 / 14:48

      Diese Grünen Tomaten! Die will ich machen, seit ich den Film gesehen habe. Gelesen hab ich es nie… Aber die zu kriegen, ist gar nicht so leicht. Bei einer meiner Liblings-Gärtnereien kann man eine geeignete Sorte kaufen. Vielleicht ja ein Projekt fürs nächste Gartenjahr.
      Und ja, der Herr Permaneder.. Man fragt sich wirklich, was sie sich dabei gedacht hat.

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      • nettebuecherkiste 25. Mai 2021 / 15:01

        Das ist so ein Fall, wo mir der Film eigentlich sogar besser gefallen hat als das Buch. Hab ihn aber auch zuerst gesehen – und Fannie Flag hat das Drehbuch ja selbst geschrieben. Mein Biokistenanbieter hat manchmal interessante Tomatensorten, da muss ich mal aufpassen.

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        • schiefgelesen 27. Mai 2021 / 21:24

          Mittlerweile habe ich nochmal nachgeguckt – es gibt einige, die sagen, man müsse Tomaten verwenden, die eben auch im reifen Zustand noch grün sind, andere sagen, das einzig wahre seien nicht ganz reife Tomaten mit festem Fleisch wie z. B. Ochsenherz. Vielleicht trau ich mich dieses Jahr mal und pflücke ein paar, bevor sie rot werden.

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  3. Patrick Linke 25. Mai 2021 / 8:36

    Hallo, Marion, herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Mir fällt auf Anhieb die leicht angebrannte Niere und das Gorgonzola-Sandwich mit einem Glas Rotwein ein. Liebe Grüße, Patrick 😊

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    • schiefgelesen 25. Mai 2021 / 11:41

      Danke dir, Patrick! An die Nieren hatte ich auch noch gedacht, als besonders abschreckendes Beispiel, hab es dann aber völlig vergessen. Zum 10-jährigen gibt es dann vielleicht die unattraktivsten Mahlzeiten der Weltliteratur 🙂

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  4. Andreas Kück - .LESELUST 27. Mai 2021 / 12:39

    Moin Marion!

    Vielen Dank für diesen tollen, lesenswerten Beitrag…

    …aber es trifft auch auf mich zu: Dem Essen in Romanen habe ich bisher nur wenig Beachtung geschenkt, außer bei „Bruno, Chef de Police“ von Martin Walker. Da hatte ich immer den Eindruck, dass, wenn der Hauptprotagonist für seine momentane Angebetete kocht, dies als eine Art der Verführung und somit stellvertretend für den Liebesakt steht.

    Gruß
    Andreas

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    • schiefgelesen 27. Mai 2021 / 21:23

      Moin Andreas!
      Das mit Bruno ist auch eine interessante Beobachtung. Ich habe allerdings nie einen der Romane gelesen. Dabei gibt es mittlerweile glaube ich sogar zwei Kochbücher zu der Reihe!
      Generell eignet sich Essen ja auch als Symbol der Verführung ganz gut und es gibt ja auch genug Nahrungsmittel, Gerichte und Getränke, die mit entsprechender Bedeutung aufgeladen sind.
      Ich habe mich mit dem Thema aber auch nie groß befasst, bis ich zufällig auf die Reihe „The Little Library Café“ gestoßen bin, die damals noch als Kolumne im Guardian erschienen ist. Daraus sind mittlerweile auch mehrere – und sehr schöne – Kochbücher hervorgegangen. Und wenn man erstmal angefangen hat, darauf zu achten, hört man nie wieder auf.

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  5. senta 29. Mai 2021 / 13:22

    Huhu! Mein derzeitiges Lektorat passt perfekt zum Thema: Da wird auf einer Party die ganze Zeit wie wild in einem Autoklav gekocht, Petersilie fliegt durch die Gegend und Rohschinken wird mit dem Schwungradschneider geschnitten. „Die Party“ von Ulrike Haidacher (Leykam Verlag) erscheint im Herbst. Na, Appetit bekommen? alles Liebe, Senta

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